Geburt, Hebamme, Hebammenhirn

Wenn Hebammen Kinder kriegen: Hannah

von Christian

Hannah ist 25 Jahre alt und hat vor der Geburt ihrer Tochter in einer Hebammenpraxis mit Vorsorgen, Wochenbetten, Kursen und Hausgeburtshilfe gearbeitet. Hier berichtet sie von der Geburt ihres ersten Babys. Nach der anstrengenden Hausgeburt folgte eine nicht ganz einfache Wochenbettzeit. Ehrlich schreibt sie über die vielen Gefühle während und nach der Geburt, die viele Mütter nur zu gut kennen.

Nach einer unkomplizierten, wunderschönen aber phasenweise ängstlichen Schwangerschaft (immer wieder kamen in meinem Hebammenhirn Gedanken auf was ich alles haben könnte) ist nun der 3. März 2017 gekommen, am Montag ist errechneter Termin. Ich bin so ungeduldig wie die meisten Erstgebärenden und will das kleine Wunder einfach endlich kennen lernen.

Es ist Freitag spät am Nachmittag, ich bin mit einer Freundin noch zum Kaffee trinken, als ich dort auf der Toilette merke, dass sich der Schleimpfropf gelöst hat. Typisch wie man es eigentlich nicht macht, rufe ich auf dem Nachhauseweg meine liebe Hebammenfreundin Caro an, die uns bei der Hausgeburt begleiten soll. Von Wehen gibt es bisher keine Spur. Mein Mann Philipp ist gerade auf dem Heimweg. Wir hatten uns endlich einen Traum erfüllt und uns einen VW Bulli gekauft. Was sollte also noch schief gehen?!

Spontan machen wir noch die erste Probefahrt mit dem Bus. Ich erzähle Philipp, dass sich der Schleimpfropf gelöst hat. Wir wissen beide, dass es trotzdem noch ein paar Tage dauern könnte. Wir entscheiden uns, noch bei meinen Schwiegereltern zu Abend zu essen. Dort spüre ich bereits die ersten Wehen. Doch nach zwei richtigen Fehlalarmen, gebe ich natürlich nichts mehr darauf. Ich bin mittlerweile bei dem Punkt angekommen: Das Baby kommt, wann es kommt. Zuhause merkt auch Philipp, dass ich leichte Wehen habe. Wir schauen nun einfach noch ein bisschen TV und gehen dann schlafen.

Wehenabstände sind deutlich regelmäßiger

Ich schreibe mit Caro in WhatsApp, da ich weiß, dass sie bereits bei einer anderen Geburt ist. Ich halte sie so auf dem Laufenden. Um circa 22 Uhr gehen wir ins Bett und kuscheln uns aneinander. Der Wehenabstand ist weiterhin unregelmäßig und sehr erträglich. Allerdings wird das Baby im Bauch ab dem Zeitpunkt, als wir uns ins Bett legen, richtig lebhaft. Egal wie ich mich positioniere, ich kann einfach nicht schlafen. Also stehe ich nach einer Stunde wieder auf und tigere durch unsere dunkle Wohnung. Ich genieße zunächst die Ruhe und einfach nochmal die Zeit mit meinem kleinen Baby im Bauch. Nach etwa eineinhalb Stunden wird auch Philipp wieder wach und legt sich zu mir ins Wohnzimmer. Er döst vor sich hin, was für mich vollkommen in Ordnung ist. Die Wehenabstände sind mittlerweile deutlich regelmäßiger und ich muss schon richtig anfangen, die Wehen zu schnaufen.

Mit Caro schreibe ich zwischendurch. Ich bin mir total unsicher, wann ich sie rufen soll. Ich will sie ja nicht zu früh rufen. Allerdings weiß ich auch, dass sie 40 Minuten Anfahrtsweg hat. Um 02:30 Uhr rufe ich sie an, um das so zu besprechen. Ich merke, dass es mich nämlich einfach nicht in Ruhe lässt. Caro beruhigt mich und erzählt, dass Michelle als Ersatz schon mit bei der anderen Frau und auch die zweite Hebamme bereits informiert sei. Kurz vor Drei schreibe ich wieder mit Caro. Sie entscheidet für mich, dass sie jetzt kommt, damit ich meinen Kopf ausschalten könne. Es beruhigt mich zu wissen, dass sie auf den Weg zu uns ist.

Die Wehen werden derweil intensiver mit einem Abstand alle drei bis vier Minuten, sind aber weiterhin gut auszuhalten. Ich probiere das erste Mal den Geburtspool aus, das Wasser ist mir allerdings zu warm. Ich fühle mich nicht wohl. Philipp unterstützt mich, wenn ich ihn brauche. Um 3.30 Uhr ist Caro da, sie packt in Ruhe alles aus. Sie beobachtet mich zunächst eine Zeit und fragt dann, ob sie nochmal die Leopold-Hangriffe machen und nach den kindlichen Herztönen hören darf. Alles ist wunderbar, so lässt sie mich weiter arbeiten und beobachtet alles in Ruhe.

Gebärmutterhals verstrichen

Ich bin mittlerweile auch müde und versuche, in den Wehenpausen etwas durchzuschnaufen und zu liegen. Doch das geht leider während der Wehen überhaupt nicht. Mittlerweile sind sie so intensiv, dass sich Philipp immer mit seinem ganzen Gewicht auf mein Kreuzbein stemmen muss. Caro kontrolliert zwischendurch die Herztöne, alles ist bestens. Um halb Sieben, es ist mittlerweile hell, bitte ich Caro, mich mal vaginal zu untersuchen. Ich wollte nun doch wissen, was sich am Muttermund tut. Der Befund ist ernüchternd: Der Gebärmutterhals ist restwulstig und der Muttermund nur zwei Zentimeter offen. Ich habe wohl eine ordentliche Latenzphase hinter mir.

Ich liebe Caro für ihre unendliche Geduld. Sie findet den Befund super und motiviert mich bzw. uns, so weiter zu machen. Es sei alles gut und es gäbe kein Grund zur Sorge. Philipp holt beim Bäcker Brötchen, damit wir was zum frühstücken haben. Die Wehenabstände werden etwas größer mit etwa alle vier bis fünf Minuten. Ich versuche mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass das hier noch etwas gehen wird. Ich steige nochmal in den Pool, um mich etwas entspannen zu können. Mittlerweile muss ich richtig tönen und Philipp Hände quetschen. Um 10 Uhr bitte ich um eine weitere Vaginaluntersuchung. Caro hätte von sich aus nicht untersucht, weil sie keinen medizinischen Grund sieht und an mir merkt, das es weiter geht. Der Befund: Gebärmutterhals verstrichen, Muttermund vier Zentimeter, Kopf schon sehr tief.

Puh, ich merke, ich habe es unterschätzt. Unser kleines Baby strampelt ordentlich im Bauch und die Herztöne sind weiter super gut. Auch hier bleibt Caro sehr entspannt und versucht immer wieder an mich zu appellieren, dass es ein erstes Kind ist und manchmal seine Zeit braucht. Ich vertöne die Wehen, mit Philipp auf meinem Rücken, im Vierfüßler. Ich würde keine Wehe ohne ihn schaffen. Es sind mittlerweile die Mittagsstunden oder sogar später, mein Zeitgefühl ist völligst dahin. Allerdings läuft unsere Geburtsplaylist schon zum dritten Mal.

Einen Kaiserschnitt jetzt super finden

Ich schimpfe vor mich hin und vertöne immer lauter die stärkeren Wehen. Mir zieht es bis in die Oberschenkel, mit einer Urgewalt, die ich so nicht erwartet hätte. Nächste Vaginaluntersuchung: acht Zentimeter, mit dünnem Saum. Ich bitte Caro, mir Buscopan zu spritzen und den Muttermund in der nächsten Wehe wegzuhalten. Ich bin mittlerweile ziemlich am Ende und will es einfach nur noch rum haben. Gesagt, getan. Caro schlägt vor, dass ich im Pool nochmal eine Runde entspannen soll, bevor es in den Endspurt geht. Ich klammere in den Wehen an Philipp. Ich bettele Caro an, dass sie Ulla anrufen solle, die zweite Hebamme, die erst zur Geburt kommt. Sie gibt meinem Wunsch nach, weil sie merkt, dass ich es brauche, um an mich zu glauben.

Wieder im Pool also, das warme Wasser tut gut, allerdings weiß ich nicht mehr wohin mit mir während der Wehen. Der Schmerz zieht vom Rücken über Po und Scheide bis hin zu den Oberschenkel. Es ist kaum noch zu ertragen. Im Nachhinein würde ich klar sagen, dass ich in der Übergangsphase war. Ich dachte, dass ich einen Kaiserschnitt super finde und es voll verstehen kann. Philipp ist weiter toll und tapfer an meiner Seite. Er ist meine wichtigste Stütze, aber auch für ihn wird es mittlerweile körperlich anstrengend.

Ich untersuche mich mittlerweile selbst und schimpfe, dass das Baby niemals um die Symphyse rumkommen wird. Da ist wirklich diese Angst, noch verlegt zu werden. Äußern kann ich sie aber nicht. Ich bin so erschöpft. Schlafe zwischen den Wehen ein und entscheide dann, dass ich aus der Wanne raus muss. Ich zittere mittlerweile am ganzen Körper. Alle motivieren mich ununterbrochen weiter. Zurück auf der Couch, mein Hebammenhirn schaltet sich an: Manchmal hilft es, zwei drei Wehen in Seitenlage zu verbringen. Gesagt, getan. Die Wehen sind so unaushaltsam. Philipp sagt nach der zweiten Wehe, dass ich sofort in eine andere Position soll. Er kann es nicht mehr aushalten, wie ich leide. Also wieder in den bewährten Vierfüßler.

Ich bin einfach zu erschöpft

Ich untersuche mich wieder selbst und habe einen kurzen Glücksmoment. Unser Baby hat Haare! Und: Die Fruchtblase ist gesprungen. Auch jetzt wieder Hebammenhirn an: Ob das Fruchtwasser grün ist, will ich wissen! Caro und Ulla schimpfen lachendend, dass ich endlich mein Hebammenhirn ausschalten solle, es sei alles top. Die nächste Wehe kommt, ich schreie bzw. brülle, ab jetzt habe ich endlich den Pressdrang, denn ich mir die ganze Zeit gewünscht hatte. Mittlerweile habe ich auch begriffen, dass wir im Endspurt sind.

Es tut unglaublich weh, wie das Baby sich durch das Becken bewegt, dagegen ist das Austreten des Kopfes vollkommen in Ordnung. Caro macht mir heiße Dammkompressen, die tun gut. Sie will mich stets motivieren, das Baby selbst zu empfangen. Ich bin aber einfach zu erschöpft, ich will es jetzt endlich rum haben. Ich spüre, wie der Kopf kommt und merke eine Hand. Na super, denke ich, dass war der Damm. Mit der nächsten Wehe ist das Baby geboren. 16.47 Uhr. Caro schiebt es mir durch die Beine durch und Philipp und ich können nur noch weinen.

Das kleine blau-rosafarbene Bündel beschwert sich lautstark, aus dem wohligen Nest geworfen zu sein. Ich muss erst mal durchschnaufen, brauche einige Minuten um zu begreifen, dass wir es geschafft haben. Erst dann kann ich das Baby hochnehmen. In der Zeit stellen Philipp und ich aber fest, dass wir ein kleines Mädchen, eine Lotte bekommen haben. Danach bonden wir und die Kleine beginnt direkt mit ordentlichem Zug zu trinken.

Körperlich und seelisch am Ende

Ich habe gefühlt ziemlich fiese Nachwehen und bin froh, als endlich die Plazenta geboren ist. Ich bin so kaputt, ich will nicht mal meine Plazenta sehen. Einfach nur noch schnell die Damminspektion und dann ab ins Bett. Ich habe eine kleine Verletzung, die nicht genäht werden muss. So ziehen wir drei ins Bett um und ja, ich muss ehrlich gestehen, ich habe ziemlich schnell geschlafen, während Philipp völlig im Rausch ist und Lotte die Welt erklärt.

Nächster Morgen, auch wenn ich rational weiß, dass ich sehr stolz sein kann auf Philipp und natürlich auf Lotte und mich, so stellte sich das Gefühl trotzdem nicht ein. Ich hadere sehr mit der Geburt. Warum hat es so lange gedauert? Ich bin auch traurig, dass ich nicht völlig im Rausch mit Lotte total verschmust die ganze Nacht verbracht hatte. Das ganze zieht sich weiter – mit einem krassen Milcheinschuss, schrecklich wunden Brustwarzen und ab dem siebten Tag einer bakteriellen Mastitis mit zehn Tagen Antibiose.

Ich bin körperlich und seelisch am Ende – ich hatte mir das so nicht vorgestellt. Meine Brustwarzen sind die Hölle, ich kann nur noch unter Tränen anlegen. Caro weist mich auf Lottes kurzes Zungenbändchen hin, aber irgendwie kann ich es gar nicht richtig hören. Nach viereinhalb Wochen entscheide ich mich, mit Hütchen zu stillen und das Zungenbändchen zu kappen – ab da wird es besser.

Wochenbett total beschissen

Rückblickend fand ich das Wochenbett trotz toller Unterstützung von allen Seiten und auch der liebevollen Betreuung durch Caro total beschissen. Neben den ganzen körperlichen Beschwerden, kämpfte ich wirklich mit meinen gefühlt wenigen Muttergefühlen. Das Baby im Bauch war mir so nah, ich hab es so sehr geliebt und trotzdem war mir Lotte zunächst so fremd. Sie weinte viel und gefühlt konnte ich sie so schlecht verstehen.

Das ganze führte auch noch zu einer völligen Sinnkrise was mich als Hebamme anging. Wie konnte ich so auflaufen, mit diesem süßen Zwerg. Ich wurde immer von meinen Familien als super und einfühlsam gelobt und kam jetzt so gar nicht in der Mutterrolle an. Ich musste viel weinen und habe auch viel mit Caro, Philipp und anderen Hebammenfreundinnen und vor allem mit meiner Mama geredet.

Mein Fazit: Ich schreibe diesen Bericht jetzt vier Monate nach der Geburt. Anfangs zweifelte ich, aber ja, ich möchte noch weitere Kinder und ja, ich würde wieder eine Hausgeburt machen. Ich hatte eine tolle, individuelle und interventionsfreie Geburt. Auch wenn es anders war, als ich es mir dachte. Ich liebe meine kleine Räuberin über alles, auch wenn es bestimmt dreieinhalb Monate auf und ab ging. Sie weinte viel, trotz Stillen nach Bedarf, Familienbett und Tragen rund um die Uhr. Ich dachte zwischenzeitlich schon, dass ich an einer postpartalen Depression leide – klärte das aber mit einer Hebamme, die auch Psychologin ist.

Ich wünschte, ich hätte mir vorher nicht so viele Vorstellungen und Gedanken gemacht. Es lief ganz anders als gedacht. Ich hab gelitten und trotzdem habe ich viel über mich lernen dürfen und bin wohl noch dabei. Als Mutter wird man nicht geboren, man wächst jeden Tag aufs Neue.

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11 Kommentare

Lea 28. Mai 2018 - 21:04

Ich finde es immer wieder so beruhigend zu lesen, dass auch andere Mütter nicht sofort in ihrer Rolle ankommen oder das überbordende Glücksempfinden haben, das sie sich vorher vorgestellt haben. Damit hatte ich auch echt eine ganze Weile zu kämpfen.

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Nadine 8. August 2017 - 13:43

Hallo Hannah,

Ich bin gerade über Dein Bericht gestolpert. Ich will jetzt gar nicht viel schreiben, aber er hat mir geholfen die Geburt meiner Tochter vor fast zwei Jahren ein Stück weit anders zu sehen. Bei mir was eine Geburtshausgeburt die ins Krankenhaus verlegt wurde und mit Saugglocke endete.
Besonders das Wochenbett, habe ich dank schrecklicher Nachsorgehebamme in unguter Erinnerung und es hat auch bei mir etwas länger gedauert, bis ich mich in die Mitterrolle einfinden konnte.
Ich denke, diese Geburt wird dich zu einer noch besseren Hebamme machen, denn es war eben nicht alles Sonnenschein und so wird es auch nicht immer bei deinen Müttern immer einfach sein.

Liebe Grüße und alles Gute
Nadine

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S. 27. Juli 2017 - 11:51

Liebe Hannah,
dein Bericht hat mich sehr berührt. Ich bin auch Hebamme und habe dieses Jahr mein erstes Kind geboren. Auch unsere Geburt verlief nicht so, wie ich sie mir gewünscht habe – nach einer 3 tägigen Latenzphase ohne Schlaf, einem frühen Blasensprung und daraufhin einem straffen Muttermund, der einfach ganze 6 Stunden bei 4 cm blieb trotz 3 minütiger, furchtbar schmerzhafter Wehen habe ich nach Verlegung die PDA genommen. Die ich NIE wollte. Ich hatte mich so gut vorbereitet, einen natürlichen Geburtsbeginn gehabt, keinerlei Interventionen bis zur PDA (und danach dauerte es nochmal 12 Stunden bis zur Geburt). Warum ging es nicht weiter? Warum hat mein Körper mich betrogen, nicht das gemacht was er soll? Warum hat es so lange gedauert? Warum habe ich es nicht geschafft, die Schmerzen weiter auszuhalten? Diese Fragen lassen auch mich, Monate nach der Geburt, nicht los. Ich verstehe dich so gut. Das Hebammenhirn ist es Doofes, wenn es einen selbst betrifft.

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Franziska 26. Juli 2017 - 21:11

Liebe Hannah, ich bin selbst auch Hebamme. Meine kleine Tochter ist nun etwas über 8 Monate alt und ich dachte auch, ich packe das mit links, ich weiss ja alles.
Ich wurde eines besseren belehrt. Nach Spontanversuch sie aus BEL zu gebären, musste bei vollständigem Muttermund noch ne Sectio gemacht werden. Ich hatte tagelang das Gefühl, das meine Maus nicht zu mir gehörte und wir haben lange gebraucht um anzukommen. Nach vielen, vielen Tränen beiderseits, vielem stillen und tragen kann ich sagen: wir sind zwar hebammen aber trotzdem das erste mal Mama. Wir müssen nicht perfekt sein und nicht alles wissen, sondern einfach mal wieder unserem Gefühl vertrauen.
Liebe Grüße Franziska

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Claudia 26. Juli 2017 - 15:46

Liebe Hannah,
Tränen des Mitgefühls, Tränen der Freude, Lachen und Schmunzeln – ich habe schon viele Geburtsgeschichten im Zuge meiner ersten Entbindung gelesen, deine gefällt mir ganz außergewöhnlich! Zudem heißt meine erste Tochter auch Lotte, entbunden von meiner Lieblingshebamme Hanna 😉
Du schreibst, du hast 4 Monate gebraucht, um dich in der Welt als Mutter zurecht zu finden, wieder aufrecht nach vorn zu schauen. So erging es mir auch nach meiner ersten 16Stunden-Wehen-Geburt, die aufgrund des längeren Stillstandes mit Sauerstoffrückgang im KS endete. Durch den Kontrollverlust empfand ich die erste Geburt als so existentiell, dass ich monatelang kaum ein anderes Thema hatte, als dieses Trauma zu überwinden. Mein Kind hingegen war relativ pflegeleicht, weinte gelegentlich, stillen klappte super. Die zweite Schwangerschaft war zwar deutlich beschwerlicher, jedoch mündete sie in einem 2. Kaiserschnitt (gedeckte Narbenruptur, erkannt durch einen Dauer-Wehen-Krampf), der „besser“ nicht hätte verlaufen können – er hat mich mit meiner ersten Geburt versöhnt und brachte mir für meine weitaus forderndere Tochter Hanna die ausreichende Energie, die ich für die ersten sehr anstrengenden 5,5 Monate brauchte. Ich genoss die wochenlang andauernde Oxytocin-Welle und vertraute auf meine Stillerfahrungen, so probierte ich zügig den Nuckel, die Brust fand sie aber besser. Meine wunden Brustwarzen schützte ich schon nach 10Tagen mit einem Stillhütchen und griff immer sofort wieder darauf zurück, sobald der Bedarf da war. Hanna machte geduldig bis gleichgültig mit, Hauptsache die Milch fließt. Mit meiner zweiten Tochter gab es fast ausschließlich Freudentränen, bis zur KS-Entscheidung waren die Wehen erträglich, also auch der Schmerz aushaltbar, der erste KS jedoch verlief unter starken Wehen im Dauertränenmeer. Ich glaube im Nachhinein, dass alles eine Frage der inneren Erwartung ist. So auch bei dir.
So unterschiedlich können 2 Kaiserschnitte bzw. Geburten sein, so unterschiedlich die Wochenbette. Mit meiner Geschichte möchte ich dir Mut machen, dass es bei jeder Geburt immer anders kommt, als man denkt – die vermutlich einzige Geburtsweisheit, die für alle Frauen gilt 🙂

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Charlotte 25. Juli 2017 - 19:20

Würde mich gern mit dir austauschen / erzählen.. gerne per Mail bei Interesse!

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Charlotte 25. Juli 2017 - 18:45

Du sprichst mir aus der Seele.

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Hannah 25. Juli 2017 - 13:41

Hallo Christine,
wie im Text beschrieben, hatte ich zur Abklärung Kontakt mit einer Psychologin. Sie meinte wenn ich in meinen Auszeiten noch entspannen kann, macht sie sich keine Sorgen !
viele Grüße

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Helena 25. Juli 2017 - 11:22

Ich habe beim Lesen viele Tränen vergossen. Zunächst die mitfiebernden und freudigen während deines Geburtsberichts. Dein Wochenbett ähnelt meinem nach der (Klinik-)Geburt meines ersten Kindes vor 4,5 Jahren. Dieses Gefühl, nicht DIE Bindung zu meiner Tochter zu haben, wie ich sie, vor allem auch nach all der Vorfreude auf sie, erwartet hatte. Ein trauriges Gefühl beim Gedanken an eine Geburt, die nicht so war, wie ich sie mir gewünscht und vorgestellt hatte. Ein Säugling mit starken Anpassungsstörungen, trotz aller AP-Bemühungen, Osteopathie und was man noch so macht. Wir fanden einfach nicht zueinander. All das zog sich durch das erste Jahr, inklusive postpartaler Depression. Mit dem 1. Geburtstag wurde es aber abrupt besser. Und allem Kummer zum Trotz habe ich 16 Monate nach meinem ersten Kind meine zweite Tochter geboren. So, wie ich es mir gewünscht habe. Auch das Wochenbett war holprig, aber besser. Und unser vor 3 Monaten geborener Sohn hat mich mit allem versöhnt.
Der Kummer über diese „verlorenen“ersten Monate bleibt, aber ich habe gelernt, ihn anzunehmen und wünsche dir das gleiche. Meine damalige Therapeutin empfahl das Buch „Emotionale Narben aus Schwangerschaft und Geburt auflösen“ von Brigitte Meissner, das hat zumindest mir wahnsinnig geholfen. Alles Gute!

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Conny 25. Juli 2017 - 09:02

Toller, ehrlichere Bericht. Den Schlusssatz finde Ich super und so wahr . Vielen Dank.

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Christine 25. Juli 2017 - 03:29

Hallo liebe Hannah,

vielen Dank, dass Du Dein Geburtserlebnis und die Zeit danach hier so ehrlich aufgeschrieben hast. Ich kann Deine Gefuehle gut nachempfinden, denn bei mir war es aehnlich: eine extrem schmerzhafte Hausgeburt (was ich so nicht erwartet hatte nach einer problemlosen, interventionsfreien und nahezu euphorischen Krankenhausgeburt beim ersten Kind), und danach die totale Ernuechterung als mein Sohn trotz Stillen, Tragen, Osteopath und pipapo, dem ganzen „attachment parenting“ Programm, was bei unserer Tochter so gut geklappt hatte, einfach nicht gut anzukommen schien.

Warum die Geburt und die Zeit danach so schwierig war, kann ich immernoch nicht ganz verstehen, werde es wohl auch nie. Man fragt sich, ob man irgendwas vielleicht doch irgendwie anders und besser haette machen koennen – war mein Sohn womoeglich traumatisiert durch meine extremen Schmerzen und auch die Wut, die ich dadurch waehrend der Geburt empfand? Nach einem halben Jahr war es dann schon deutlich besser, und als er mit 10 Monaten krabbeln konnte, war endgueltig der Durchbruch geschafft. Heute sage ich immer, er war halt einfach nicht gern ein hilfloses Neugeborenes.

Was mir sehr geholfen hat, ueber die Geburt und die zermuerbenden ersten Monate hinwegzukommen, war eine lange und ausgiebige Stillzeit, fast 3 Jahre lang.

Und was mich noch interssieren wuerde ist, woran Du letztendlich den Unterschied zu einer postpartalen Depression festmachen konntest?

Viele Gruesse
Christine

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