Was Beikost nicht kann

Was Beikost nicht kann

Gerade häufen sich in meinem Arbeitsleben mal wieder die Beratungsanfragen zum Thema Beikost und Stillen. Beim Hausbesuch begegne ich dann meist keinem bereits wirklich am Essen interessierten, rund sechs Monate alten Kind, das begeistert und neugierig seinen Eltern das Brot aus der Hand reißt. Nein, da erlebe ich bevorzugt gerade vier Monate alte Säuglinge, die sich mehr oder weniger willig belöffeln lassen. Genau da liegt dann auch meist das Problem der Eltern. Oft akzeptiert das Baby den Brei nicht oder nimmt lange Zeit nur homöopathische Dosen zu sich, was nun mal überhaupt nicht dem Breiplan entspricht, der ihnen vom Kinderarzt in die Hand gedrückt wurde.

Nach wie vor empfiehlt die WHO, Kinder sechs Monate voll zu stillen und dann mit geeigneter Beikost zu beginnen – eingeführt unter dem Schutz des Stillens. Erst im Juni 2013 wurde das noch einmal in den aktuellen Still-Empfehlungen der WHO so bestätigt. Doch noch immer klingt nach, was die S3-Allergieleitlinien, die 323 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Beikost auswerteten, von 2008 an für ein Chaos in der ganzen Beikostfrage veranstalteten. Dabei besagten diese ja nur, dass ein Beikostbeginn nach dem fünften Lebensmonat keine Vorteile in Bezug auf die Allergieprävention bietet. Das heißt also lediglich, dass wenn das Baby vor dem siebten Lebensmonat Beikost erhält, es dadurch nicht stärker allergiegfährdet ist. Sechs Monate Vollstillen hat derweil wesentlich mehr Vorteile, auf die aber plötzlich gar nicht mehr eingegangen wurde. Es reduziert zum Beispiel das Risiko für Atemwegserkrankungen, Magen-Darminfekte oder Mittelohrentzündungen beim Kind.

Ich fand diese neuen Leitlinien anfangs sogar ganz entspannend, denn wenn ein Kind mit 5,5 Monaten schon Interesse hatte, durfte es nun ganz ohne schlechtes Gewissen in Mamas Kartoffel beißen. Außerdem war der Speiseplan für kleine Essanfänger auf einmal auch wesentlich reichhaltiger. Vor dem Erscheinen dieser Allergieleitlinien wurde etwa von vielen exotischeren Obst- und Gemüsesorten, aber auch von Fisch und Ei abgeraten.

Ab dem fünften Lebensmonat produzieren Mütter nur noch Halbfettmilch, oder was?

Was aber nun passierte war, dass innerhalb weniger Tage nach Erscheinen dieser Leitlinien, die Presse überall verlauten ließ, dass Kinder nun mit vier Monaten mit der Beikost dringend beginnen sollten. Die Babynahrungsindustrie hat sich auch großzügig an der Verbreitung dieser Aussage beteiligt. Na klar, zwei Monate mehr Gläschenkost pro Babyzeit macht sich bemerkbar. Fast nirgendwo konnte man etwas von Beikostreifezeichen lesen, aber immer wieder von der nicht mehr ausreichenden Muttermilch oder davon, dass diese plötzlich nicht mehr alle Nährstoffe in genügender Menge beinhalten würde. Ab dem fünften Lebensmonat produzieren Mütter nur noch Halbfettmilch, oder was? Eisenmangel oder nicht gut entwickelte Geschmacksnerven “bedrohen” die Babys, wenn zu spät beigefüttert wird… Dass Muttermlich sich geschmacklich mit der Nahrung der Mutter verändert stand da nirgendwo. Auch die hohe Bioverfügbarkeit, also die besonders gute Aufnahme des Eisens in der Muttermilch, blieb meist unerwähnt…

Auch Kinderärzte und überhaupt das Gesundheitspersonal wurden hinreichend von der Babynahrungsindustrie fortgebildet und auf einmal hatte man überall erneut verunsicherte Eltern. Im Rückbildungsgymnastikkurs, beim Krabbeltreff oder in der Stillgruppe – das Beikostthema beschäftigte und beschäftigt die meisten Mütter, mehr als es das müsste. Denn dabei war ja eigentlich mit den neuen Allergieleitlinien der Weg für das entspannte Mitessen lassen am Familientisch frei geworden – in babygerechter Variante.

Ich habe hier zwar schon häufig zum Thema Beikost geschrieben, aber möchte jetzt doch noch mal die letzten Ammenmärchen ausräumen:

Beikost löst keine Gedeihprobleme
Gerade Stilkinder nehmen meist nicht geradlinig zu, sondern in den ersten Monaten meist recht zügig und dann etwas langsamer. Die Gewichtszunahme ausschließlich gestillter Kinder ist in den ersten Monaten also höher als die mit Formulanahrung ernährter Babys, etwa ab dem sechsten Monat ist sie meist niedriger. Das wird gerne mal bei der Beurteilung des Gewichtsverlaufes vergessen. Sollte aber tatsächlich ein Kind nicht ausreichend zunehmen, ist es nicht sinnvoll, Beikost zur Problembehebung zu empfehlen. Denn damit setzt man die Kinder erst mal unfreiwillig auf Diät. So ein Möhrenbreichen hat gerade mal die Hälfte der Kalorien, die die gleiche Menge Muttermilch liefert. Da der Bauch aber erst mal damit gefüllt ist, wird das Baby eventuell weniger nährstoffreiche Milch zu sich nehmen. Wenn es also wirklich ein Gedeihproblem gibt, ist es sinnvoll, die Milchmenge entsprechend zu steigern und wenn zugefüttert werden muss, dann mit entsprechender Prenahrung statt mit Beikost. Beratung durch Hebamme oder Stillberaterin statt Pastinakenbrei ist hier sicher sinnvoller. Wenn das Kind zum Beispiel noch gar keine Beikost akzeptiert, wird das Ganze sonst schnell in Riesenstress für Mutter, Vater und Kind ausarten.

Brei bringt nicht mehr Schlaf
Ja, diesen Tipp bekommen viele Eltern irgendwann, wenn sie über dauernde Müdigkeit klagen. Man muss dem Kind also nur mal einen ordentlichen Abendbrei servieren und es wird wie ein Stein schlafen. Funktioniert aber leider nicht. Ganz im Gegenteil kann das Baby vor lauter Beschäftigung mit der Verdauung vielleicht gar nicht gut schlafen. Muttermilch hingegen enthält sogar schlaffördernde Substanzen. Wie sich die Aminosäuren darin vom Serotonin zum schlaffördernden Melatonin umwandeln könnt ihr auf der wirklich informativen Seite Stillkinder genau nachlesen. Der berühmte „Abendbrei“ hingegen ist nur ein Marketingtrick, der müden Müttern im Drogeriemarkt die Kaufentscheidung erleichtern soll.

Beikost ist kein schneller Abstillweg
Nicht wenige Mütter haben die Idee, dass mit dem Beikostbeginn nun ein zügiges Abstillen beginnt, bei dem das Kind ganz von alleine zunehmend immer weniger stillen wird. Und irgendwie stimmt das ja auch, aber es verläuft meist nicht so geradlinig und vor allem nicht so zügig, wie das diverse Beikostpläne suggerieren. Die Kinder werden nicht pro Woche oder Monat eine Stillmahlzeit ausfallen lassen. Und überhaupt hat ein nach Bedarf gestilltes Kind meist auch keine „Mittagsbrust“, die es dann gegen das Gemüsebreichen eintauscht. Viele Kinder essen mal mehr oder weniger und stillen entsprechend. Tage, an denen allerlei Neues und dies sogar in größeren Mengen ausprobiert wird, wechseln sich ab mit Tagen, an denen das Kind wieder voll gestillt werden möchte. Zahnungsphasen, Entwicklungsschritte oder was auch immer durchkreuzen gradlinige Beikostwege immer wieder. Wenn also eine Mutter einen bestimmten Abstillplan in einem bestimmten Tempo wünscht (Kinder unter Eins stillen sich in der Regel nicht von alleine ab), sollte sie die Stillmahlzeiten durch Prenahrung ersetzen. Alles andere macht nur Druck und Frust bei Mutter und Kind. Auch hier kann eine Beratung helfen, einen individuellen Weg zu finden, der sich an den kindlichen, aber auch an den mütterlichen Bedürfnissen orientiert.

Der Löffel für die Oma lässt nicht die Sonne scheinen
Wer das doch noch glaubt, darf gerne noch mal in den anderen Beikostartikeln nachlesen.
Eltern im Beikostwahn- und das Kind ist satt
„Die beste Methode zum Beifüttern ist nicht bekannt!“
Wer braucht den Brei denn nun wirklich?

Und bei Hebamme oder Stillberaterin kann man natürlich auch immer gerne nachfragen.