Du glückliches Drittkind

Du glückliches Drittkind

Ich weiß und sehe täglich, wie sehr du deine beiden großen Schwestern liebst und bewunderst. Aber wahrscheinlich wirst du erst in sehr vielen Jahren verstehen, was sie alles für dich tun und schon getan haben, lange bevor es dich gab. Denn diese beiden Mädchen haben uns zu den mittlerweile ganz guten und relativ entspannten Eltern gemacht, die dich heute auf deinem Weg begleiten. Die, die dich einfach machen lassen. Die sich bei deinen täglichen kleinen und großen Gefühlsausbrüchen nicht ängstlich fragen, was das zu bedeuten hat. Die, die dich überall drauf klettern lassen und sich mit dir über deinen Stolz darauf freuen, ohne dich gleich mit gebrochenem Bein in der Notaufnahme zu sehen. Die, die dich mal mehr und mal weniger essen lassen, ohne zu befürchten, dass es nicht ausreichend für dich ist. Die, die dich gestern Abend auch auf auf dem Boden haben essen lassen, weil du unbedingt ein Hund sein wolltest – ohne gleich um den Verfall sämtlicher Tischmanieren zu fürchten.

Die Eltern, die es einfach genießen, dass du nachts in ihrem Bett liegst und sich nicht fragen, sondern eher davor fürchten, dass auch diese Zeit eines Tages vorbei ist. Die, die auch mal deine Mütze vergessen, obwohl es vielleicht schon etwas kühler ist und feststellen, dass du trotzdem genauso gesund bleibst, wie deine wahrscheinlich eher viel zu oft viel zu warm angezogenen Schwestern.

Kleine und große Kinderwelten

Vor allem deiner großen Schwester verdankst du viel von unserer Gelassenheit, da wir wohl all unsere Elternängste an ihr „abgearbeitet“ haben. Ich hoffe ja insgeheim immer, dass die Exklusivzeit, die sie dafür mit uns als einziges Kind hatte, das irgendwie wieder etwas ausgeglichen hat. Während ich mir oft Gedanken machte, ob unser erstes Kind auch genug altersgerechten Input oder auch womöglich zuviel davon bekommt, bist du einfach immer irgendwie dabei, bei allem was hier so passiert.

Und als du heute im Auto begeistert „Nommal“ (noch mal) gekräht hast, habe ich die Drei-???-Kids-CD, die da irgendwie in Dauerschleife läuft, einfach noch mal angemacht. Einen kurzen Moment dachte ich darüber nach, dass Detektivgeschichten vielleicht nicht ganz so passend für Zweijährige sind. Aber dein hocherfreutes Gesicht sagte sowieso etwas anderes. Und so darfst und erlebst du viele Dinge, die ich beim ersten Kind wohl sehr in Frage gestellt hätte. Bügelperlen und Playmobilteilchen hätte ich wahrscheinlich als lebensgefährlich eingestuft und dich nicht allein im Kinderzimmer gelassen. Doch du entdeckst schon lange mit großer Freude die Welten deiner Schwestern. Und sie begleiten dich auch gerne in deine Kleinkindwelt. Sie bauen die größten Türme mit dir, um sie dann von deinem Lachen und Schreien begleitet umwerfen zu lassen.

Die Kinder einfach mal genießen

Und wir? Wir sitzen manchmal fast ein bisschen wie Statisten daneben. Wir schauen dir und deinen Schwestern zu und genießen es einfach. Das mit dem „Kinder einfach mal genießen“ klappt nämlich bei jedem Kind besser. Vielleicht weil wir wissen, wie schnell die Zeit vergeht. Schon zweite Kinder werden viel schneller groß als erste Kinder. Aber ab dem dritten Kind scheint die Zeit zu rasen.

Deshalb ist auch der „Druck“, endlich mal wieder als Paar was ohne Kind zu machen, längst nicht mehr so hoch wie beim ersten Kind. Denn im besten Fall haben wir noch ziemlich viele Jahre zu zweit vor uns, in denen du und deine Schwestern uns nicht mehr in dieser Intensität brauchen werden. Und uns nicht mal mehr nur noch als Statisten daneben sitzen haben wollt. Ich bin recht sicher, dass auch Schulzeiten und wahrscheinlich sogar die Pubertät mit dir um einiges entspannter ablaufen wird. Denn irgendwie müssen wohl primär die Großen sich an uns Eltern abarbeiten und uns zu den Eltern machen, die wir irgendwie auch gerne schon beim ersten Kind gewesen wären. Doch bis auf die bisweilen fehlende Gelassenheit und manchmal zu große Überängstlichkeit haben wir jetzt für unser Gefühl auch nicht zu viel falsch gemacht. Wir waren halt Anfänger. Und aller Anfang ist schwer…

Ein Schritt mehr zu elterlicher Gelassenheit

Doch auch deine „kleine große“ Schwester hat uns noch viel Neues gelehrt. Zum Beispiel, dass genug Liebe für zwei und mehr Kinder da ist, aber manchmal nicht genug Schlaf und Energie, um den hohen Ansprüchen, die man sich beim ersten Kind gesetzt hat, auch beim zweiten gerecht zu werden. Dem zweiten Kind hat es zwar weder an Liebe, Muttermilch noch an Kuscheleinheiten gemangelt, aber gebadet wurde sicher seltener und geschlafen wurde meist irgendwann unterwegs im Tragetuch – einfach weil der Alltag mit zwei Kindern ganz andere Bedingungen vorgibt. Schlimm ist aber auch das nicht: wieder ein Schritt mehr zu elterlicher Gelassenheit.

Den Umgang mit den unvermeidbaren Geschwisterstreitereien lassen uns deine beiden großen Schwestern auch immer wieder üben. Wir haben aus einer zu großen Harmoniesehnsucht heraus ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, dass Konflikte gerade unter Geschwistern unvermeidbar sind und es in vielen Fällen die bessere Option ist, die Kinder das selbst klären zu lassen. Zumindest dann, wenn es altersgemäß möglich ist. Ich bin ziemlich sicher, dass wir mit dir in diesen Situationen nicht so viele oft sinnlose Diskussionen führen werden, sondern einfach da sein, wenn ihr Geschwister wirklich unsere Hilfe dabei braucht. „Die Kinder einfach mal machen lassen“ haben wir also auch von deinen beiden Schwestern gelernt.

Überhaupt glaube ich ja tief daran, dass wir als Eltern von euch Kindern viel mehr lernen dürfen als ihr von uns. Also, liebstes Söhnchen, du hast es somit fast mit Profis zu tun, die trotzdem weiterhin immer viele Fehler machen werden. Alles andere wäre auch langweilig. Ich hoffe, du genießt deinen geborgenen Platz hier in unserer Mitte – genauso sehr, wie wir dich genießen. Und trotz des ganzen Selbstlobs heute freue ich mich schon auf alles, was wir von dir in Zukunft noch lernen werden.

Deine Mama