Die ewige Schlaflüge

Die ewige Schlaflüge

Vor ein paar Tagen verbrachte ich Babysöhnchens Mittagsschlaf lesend in einem Cafe. Neben mir saßen ein Paar mit einem circa vier oder fünf Wochen alten Baby sowie eine Schwangere mit ihrem Partner. Bei beiden Paaren handelte es sich scheinbar um Ersteltern. Es wurden Kreißsaalempfehlungen sowie Tipps zum Kinderwagen und zum Tragetuch ausgetauscht, welches dem frischgebackenen Vater zufolge rund 15 Meter lang sei. Eltern neigen ja manchmal zu Übertreibungen – und auch Schlafmangel macht gelegentlich wirre Gedanken…

Und irgendwann kam sie, DIE Frage: „Und, wie sind die Nächte?“. Da hörte ich doch bisschen genauer hin, was die Eltern mit schon etwas mehr Babyerfahrung da zu sagen hatten. Aber statt einem ehrlichen: „Babys sind häufig wach, weil sie stillen müssen und Nähe brauchen und deshalb legen wir uns auch am Tag so oft wie möglich mit dem Kind hin“ kam das üblich schwammige „Wir haben noch nicht ganz einen Rhythmus, aber es wird schon besser“. Klingt doch alles ganz entspannt, oder? Die Augenringe der beiden Neueltern sagten allerdings etwas anderes. Wenn dann das andere Pärchen nach den ersten sechs Babywochen gerädert abends um acht auf dem Sofa einschläft, wird es sich (oder hoffentlich auch die Hebamme) fragen, was es wohl falsch macht, denn alle anderen Kinder haben oder bekommen ja scheinbar kurz nach der Geburt einen Schlafrhythmus mit regelmäßigen langen Schlafphasen.

„Guter Schlaf“ als elterliches Verdienst

So ist das auch jedes mal im Rückbildungskurs, wenn ich in der Eingangsrunde die Mütter frage, wie es ihnen gerade geht. Wenn die erste von zehn Frauen erzählt, dass ihr nun zehn Wochen altes Baby fünf oder sechs Stunden am Stück schläft, äußern sich die restlichen neun gar nicht mehr zu dem Thema. Aber in ihrem Kopf bleibt hängen: „In meinem Rückbildungskurs sind nur Mütter mit durchschlafenden Kindern. Was mache ich bloß falsch?“.

Und genauso verunsichert über ihre mütterlichen Fähigkeiten in puncto „Schlafhygiene“ wenden sich sehr viele Mütter um den 6. Monat herum an uns Hebammen, weil sie glauben, die einzige zu sein, deren Kind nachts irgendwas zwischen drei und fünf mal oder sogar noch häufiger wach wird. Die Nachbarin hat ja schließlich mehrfach erzählt, wie „gut“ ihr Baby schlafen würde. Und ja, es gibt tatsächlich manchmal Babys, die schon früh mehrere Stunden am Stück schlafen, auch ohne, dass ihre Eltern nicht zu empfehlende Schlafprogramme wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ mit ihnen durchgezogen haben. Aber es gibt auch in seltenen Fällen Babys, die mit vier Monaten krabbeln oder mit vier Wochen den ersten Zahn bekommen.

Trotzdem nehmen Eltern solche Ausnahmen zur Kenntnis, ohne bei der Entwicklung des eigenen Sprösslings in Stress zu geraten. Beim Thema Schlafen werden dann aber gerne andere Maßstäbe gesetzt. Natürlich wären die Babyjahre für uns Eltern einfacher, wenn man mehr und verlässlicher schlafen könnte, aber es hat seine Gründe warum Babys das noch nicht können. Während die Zahnung und auch die motorische Entwicklung einfach so geschehen darf, scheint das „gute Schlafen“ ein elterliches Verdienst zu sein. Alle Eltern möchten gute Eltern sein und deshalb trauen sich die schlaflosen Eltern dann manchmal gar nichts mehr zu sagen, wenn sie glauben, in einer Welt voller durchschlafender Babys zu leben. Dabei wäre es gerade in anstrengenden Zeiten so entlastend zu hören, dass es anderen genauso geht.

Von Eulen und Lerchen

Also: Die Statistik sagt, dass Babys im Alter von drei Monaten durchschnittlich zwei bis drei mal nachts aufwachen, mit neun Monaten fünf mal und mit zwölf Monaten wieder zwei bis drei mal. Baby haben also weder ein zu therapierendes Problem oder gar einen Defekt, wenn sie nicht mit sechs Monaten durchschlafen. Gerade gestillte Kinder wachen etwas häufiger auf und schlafen erst in späterem Alter durch. Wobei man von Durchschlafen bereits spricht, wenn das Kind fünf oder mehr Stunden am Stück schläft. Wenn Kinder nah bei ihren Eltern schlafen, wird die Schlafunterbrechung aber gar nicht so massiv sein. Der Schlafrhythmus von Mutter und Kind synchronisiert sich und ein Kind im Nahbereich muss nicht laut kommunizieren, um gehört zu werden. Das Baby bewegt sich oder „grunzt“ etwas und die Mutter kann es durch Stillen oder Hand auflegen und streicheln – Körperkontakt gibt einfach Sicherheit – schnell wieder zum Weiterschlafen animieren.

Wenn Eltern nachts aufstehen zum Stillen oder Flaschennahrung zubereiten, fühlen sich die Schlafunterbrechungen wesentlich massiver an, als wenn man dabei liegen bleiben kann. Ich empfehle darum allen Müttern, sich in den ersten Tagen das entspannte Stillen in Seitenlage zeigen zu lassen, da sie so zu wesentlich mehr Schlaf und Ruhe kommen, ob am Tag oder in der Nacht. Aber auch wenn nicht gestillt werden kann oder möchte, sorgt das nahe Beinanderschlafen und die gute Vorbereitung des Fütterequipments für mehr nächtliche Erholung. Die Häufigkeit des Aufwachens gibt das Baby vor und das tut es niemals mit dem Hintergedanken, seine Eltern damit ärgern zu wollen. Es kann zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht anders.

Genauso haben wir immer neidisch auf unsere Freunde mit vier Kindern geguckt, die allesamt richtige Langschläfer sind, so genannte „Eulen“, während vor allem unsere erste Tochter die Nacht gerne mal um 5.30 Uhr für beendet erklärt hat. Ihr bis heute vergleichsweise minimales Schlafbedürfnis führt zumindest jetzt dazu, dass wir sie für die Schule nicht wecken müssen und sie auch morgens um Sieben fit und gut gelaunt ist. Doch die ersten Jahre mit einem Kind vom Schlaftypus „Lerche“ waren hart. Aber die Kinder bringen ihre individuellen Schlafgewohnheiten mit und deshalb ist Schlafen gerade im Baby- und Kleinkindalter wahrlich kein Erziehungsfeld.

Was heutige Babys und Steinzeitbabys verbindet

Natürlich gibt es schon ein paar babyfreundliche Tricks, die „schlaffördernd“ sind. Frische Luft und Sonnenlicht am Tage wirkt sich positiv auf den Schlaf aus. Auch sorgt der „gute Schlaf“ am Tag – also am besten den Mittagsschlaf mit dem Baby zusammen machen – meist auch für einen besseren Nachtschlaf. Ein übermüdetes Kind schläft meist wesentlich schlechter. Manche Kinder schlafen immer und überall, andere brauchen ähnliche Bedingungen und Rhythmen im Tages- und Nachtverlauf, denen man dann auch nachgehen sollte. Aber all das ist individuell, ebenso wie das generelle Schlafbedürfnis von Kindern. Auch da bringt der Vergleich mit dem Nachbarskind wenig, sondern ist eine individuelle Beratung empfehlenswert, wenn das Schlafthema für die Eltern zum wirklichen Problem wird.

Jedenfalls hat die Natur sich etwas dabei gedacht, dass Babys nun mal so schlafen, wie sie schlafen. Anfangs ist der Magen winzig und kann nur kleine Nahrungsmengen aufnehmen. Die häufige Nahrungsaufnahme auch nachts stabilisiert den Blutzucker, ist gut für die Hirnentwicklung, fördert den Bilirubinabbau und wirkt damit einer verstärkten Neugeborenengelbsucht entgegen. Das snd einige der harten Fakten. Aber selbst, wenn das Baby ab einem gewissen Alter nicht mehr nachts in eine gefährliche Unterzuckerung kommen würde, kann es Durst oder auch Hunger haben, weil viele Kinder zum Bespiel gerade um den sechsten Lebensnmonat herum tagsüber viel „zu beschäftigt“ sind und nur selten und kurz stillen. Die fehlenden Kalorien holen sie sich dann gerne nachts, wenn sie etwas mehr zur Ruhe kommen. Und ja, das ist eine echt anstrengende Zeit.

Aber nachts aufwachen und sich rückversichern, dass Mama noch da ist, heißt für Babys auch: nicht vom Säbelzahntiger gefressen zu werden oder zu erfrieren. Denn auch die Babys heutzutage verhalten sich nun mal wie Steinzeitbabys, die alleine in der Höhle ziemlich verloren gewesen wären. Also lieber mal aufwachen und schauen bzw. spüren, ob noch alles in Ordnung ist und die wichtigsten Bezugspersonen auch noch da sind.
Wie lange kleine Kinder das tun, ist sehr unterschiedlich, aber sicher ist – sie machen es nur so lange, wie sie es brauchen. Trotzdem ist es auch wichtig, auf die elterliche Kraft acht zu geben und ein Schlafarrangement zu finden, das für die jeweilige Familie gut passt und im Einklang mit den frühkindlichen Bedürfnissen steht.

So, nun höre ich auf zu schreiben, weil ich dringend ins Bett muss. Der Babysohn beginnt nämlich gerade sich an allem hochzuziehen, sich hinzustellen und wieder umzufallen. Wie das immer so ist in Phasen, in denen die Kinder eigentlich noch ein bisschen selbständiger werden – nachts wird das Ganze verarbeitet und noch mal kräftig Nähe für die täglichen neuen Herausforderungen getankt. Das tut er, in dem er ungefähr alle zwei bis drei Stunden stillen möchte. Das ist anstrengend und macht Augenringe – aber es ist normal in der großen Bandbreite des Babyschlafes. Das Baby macht nichts falsch, ich mache nichts falsch und irgendwann ist es wieder anders. Solange gibts dann halt Mittagschläfchen auch für mich – zumindest ab und zu. Und wer gerade gute Nächte mit seinen Kleinsten hat, genießt und schweigt…