Stillgeborgenheit

Abstillen zum 4. Geburtstag

von Anja

Dies ist der 44. Beitrag in unserer Reihe „Stillen ist bunt“ (alle weiteren findet ihr gesammelt hier), in dem Anna ihre persönliche Stillgeschichte teilt. Die 38-Jährige wohnt in Norddeutschland und arbeitet als promovierte Molekularbiologin am Uniklinikum in einem Forschungslabor. Mit ihrem Mann ist sie seit 17 Jahren zusammen. Die beiden haben zwei Töchter, die fünf Jahre und fast 15 Monate Monate alt sind.

Anna erzählt von ihrem holprigen Stillstart, einem unerwarteten Beikostweg und vom Stillen und Abstillen in der Kleinkindzeit.

Was hast du vor deiner Schwangerschaft über das Stillen gedacht bzw. welche Erfahrungen mit dem Thema gemacht?
Ich bin sehr pragmatisch an die Schwangerschaft und somit auch ans Stillen rangegangen. Meine Vorstellung sah ungefähr so aus: Man stillt sechs Monate, dann gibt es Brei.

Wie hast du dich vor der Geburt über das Thema informiert? Gab es Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf die vor euch liegende Stillzeit?
Ich habe zwar etwas über die Schwangerschaft gelesen, aber mehr zu dem jeweiligen Entwicklungsstand des Babys. Über die Zeit nach der Geburt habe ich mir nicht allzu viele Gedanken gemacht. „Alles zu seiner Zeit“, dachte ich mir. Einen Geburtsvorbereitungskurs hatte ich nicht, da ich sieben Wochen im Krankenhaus lag während der Schwangerschaft. Dort habe ich von einer Hebamme innerhalb von 60 Minuten quasi einen Crashkurs bekommen. Sie hat unsere Fragen beantwortet und mir verschiedene Stillpositionen gezeigt.

Sie hatte einfach nur Hunger

Wie verlief der Stillstart und wie ging es dir und deinem Baby dabei? Welchen Einfluss hatte die Geburt auf eure ersten Stillmomente?
Die Kurzversion: Ich hatte einen vorzeitigen Blasensprung. Nach sechs Stunden bekam ich unregelmäßige Wehen, weitere 30 Stunden später wurde ein Kaiserschnitt gemacht. Ich bekam meine Tochter dick eingepackt in den Arm gelegt. An das erste Stillen kann ich mich leider nicht wirklich erinnern: Die lange Geburt und somit die Müdigkeit sowie die unpersönlichen Räume des Krankenhauses haben ihr übriges getan.

In einem Zimmer des Kreißsaals sollte ich sie dann zum ersten Mal anlegen. Sie hat dann etwas genuckelt. Das Stillen funktionierte nicht richtig. Meine Tochter konnte an der Brustwarze nicht richtig saugen, daher bekam ich auf der Wöchnerinnenstation Stillhütchen. Damit ging es besser. Außerdem suchte sie ständig nach der Brust. Somit bekam ich von der Krankenschwester einen Schnuller für die Kleine, um sie nicht ständig anlegen zu müssen. Im Nachhinein weiß ich: Sie hatte einfach nur Hunger.  

Wie lief das Stillen im Wochenbett? Hattest du in dieser Zeit Unterstützung?
Zuhause versuchte ich es mit Hilfe meiner Hebamme noch paar Mal ohne Hütchen, das funktionierte aber nicht. Sechs Tage nach der Geburt, also am zweiten Tag zuhause, war unsere Tochter auffällig schläfrig. Wir haben die Temperatur gemessen: 34,6°C!!! Ab ins Krankenhaus, dehydriert. Sie musste fünf Tage dableiben.

Das Baby wollte nicht essen

In der Zwischenzeit pumpte ich ab und dann kam die Milchproduktion endlich in Schwung. Es war also eine ungünstige Kombination aus noch keine Milch, keine Erfahrung und müdem Baby, das beim Stillen ständig einschlief. 30 Stunden Wehen muss ein kleines Wesen ja auch erstmal verkraften. Als unsere Tochter wieder zuhause war, verlief das Stillen (mit Hütchen) problemlos. Und als sie drei Monate alt war, fing sie plötzlich an ohne Hütchen zu trinken. 

Wer war bei Fragen oder Problemen in der Stillzeit für dich da? Wer oder was hat dir besonders gut bei etwaigen Schwierigkeiten geholfen?
Meine Hebamme war für mich immer da, wobei ich nach dem schweren Start eigentlich keine Probleme mehr hatte. Ich stillte mit Hütchen, hatte genug Milch und die Kleine großen Durst. 

Wie verlief der Beikostbeginn? Welche Erwartungen gab es? Und wie hat sich das Stillen in dieser Zeit verändert?
Es sollte ganz „klassisch“ ablaufen: Mit genau sechs Monaten haben wir angefangen. Vorsatz: selbstgekocht und bio. Was eine Aufregung. Lätzchen gekauft, Bio-Pastinake auf dem Markt besorgt, Öl durfte natürlich auch nicht fehlen. Aber das Baby wollte nicht essen. Möhrenbrei gekocht, verschiedene Hebammen und Google befragt. Gläschen gekauft, weil das angeblich jedes Baby verschlingt. Unseres nicht.

Fleißig weiter gestillt

Und dann was ganz Neues im Internet gefunden: Baby-led weaning. Also haben wir unserer Tochter halt das Essen quasi in die Hand gedrückt. Wassermelone, rote Pflaumen, gekochte Möhre, gebratene Hähnchenbrust am Stück… was für eine Sauerei 😉. Das gefiel ihr, aber satt wird man davon erstmal nicht. Also wurde fleißig weiter gestillt. Bis heute ist meine Tochter keine gute Esserin. Ab wann das Essen das Stillen ersetzt hat, kann ich leider nicht sagen. Aber es war weit nach dem ersten Geburtstag.

Wie verlief der Abstillprozess bzw. welche Wünsche oder Vorstellungen hast du in Bezug auf diese Zeit?
Ich habe meine große Tochter mit vier Jahren abgestillt. Als sie drei Jahre und neun Monate alt war, wurde unsere zweite Tochter geboren. Und ich habe Tandem gestillt. Auch etwas, das ich früher nicht kannte bzw. als ich es kannte, „befremdlich“ fand. 

Ich habe gehofft, dass meine Tochter von allein abstillt. Es wurde natürlich mit der Zeit weniger, gegen Ende nur noch morgens nach dem Aufwachen. Es störte mich dann allerdings schon, da nachts das Baby alle zwei bis drei Stunden trinken wollte. Und die Große immer um sechs Uhr wach wurde und dann auch an die Brust wollte und mich weckte. Als ihr 4. Geburtstag näher rückte, beschloss ich, dass dann Schluss sei und redete mit meiner Tochter drüber, dass wir aufhören, wenn sie vier Jahre alt ist. Sie war etwas traurig, aber es war ok. 

Geborgenheit, Ruhe und Liebe

Am liebsten würde sie heute noch stillen und versucht es manchmal, wenn die Kleine gerade abdockt. Gestern wurde sie fünf Jahre alt und meinte dann zu mir, jetzt wo sie nicht mehr Vier sei, dürfe sie ja wieder an die Brust und lächelte mich verschmitzt an. 

Was war oder ist das Schönste für Dich am Stillen?
Ich finde Stillen eine super praktische Sache: Immer dabei und sofort einsatzbereit. Außerdem ist es eine innige Beziehung zwischen Mutter und Kind, die Geborgenheit, Ruhe und Liebe vermittelt. Einem aufgebrachten Kleinkind oder auch noch fast vierjährigem Kind kann man dadurch einen innigen Moment schenken, um wieder zu sich zu kommen und sich zu beruhigen.

Was war am schwersten oder belastendsten für dich in der Stillzeit?
Das mein Kind so abhängig von mir ist/war und der Papa mich nicht „vertreten“ kann/konnte. 

Was würdest du in einer weiteren Stillzeit anders machen? Was ist deine wichtigste Erkenntnis in Bezug auf das Stillen, die du anderen Müttern weitergeben würdest?
Der Stillstart bei der zweiten Tochter verlief viel entspannter. Milch war eh noch da, es wurde halt wieder mehr. Wir stillen nach Bedarf und bisher handhabe ich es wie bei meiner ersten Tochter. Ich bin allerdings noch gelassener geworden, auch beim Stillen in der Öffentlichkeit. Das ich abends unabkömmlich bin, ist auch ok. Ist ja nicht für ewig. 

Anderen Mamas möchte ich sagen: Hört auf euer Herz, nicht auf Ratschläge von außen, die meinen, es wird Zeit abzustillen. Und vor allem macht euch nicht verrückt mit der Beikosteinführung. Irgendwann fangen sie alle an zu essen. 😉

1 Kommentar

Jana 28. November 2019 - 15:10

Hallo,
danke für diesen sehr persönlichen und intimen Einblick ins Stillen. Ich bin mittlerweile der Meinung, dass einfach so lange gestillt werden sollte, wie es beide (also Mutter und Kind) möchten.

Grüße
Jana

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