Alles Gute für die Hebammen?

von Anja

Mit jeder Absage für Hebammenbetreuung, die ich verteilen muss, gebe ich den Frauen noch ein paar Links mit auf den Weg. Zum einen jene, die noch mögliche Optionen aufzeigen, wo jemand noch nach einer Hebamme suchen könnte. Zum anderen Links, die Informationen zur Unterversorgung mit Hebammenhilfe enthalten.

Viele Frauen bedanken sich dafür und schreiben, dass sie hoffen, dass sich die Situation für uns Hebammen verbessert und sie wünschen mir alles Gute. Natürlich ist das sehr nett gemeint, aber es fühlt sich jedes Mal immer „etwas falsch“ an. Warum? Weil ich denke, dass ich als Hebamme weniger ein Problem habe, als es die Mutter hat, die wohl ihrem errechneten Geburtstermin nach wahrscheinlich keine Hebamme mehr finden wird.

Natürlich verdienen wir als Hebammen zu wenig, aber das war auch schon vor etlichen Jahren der Fall. Daran hat sich nichts verbessert, aber es ist momentan zumindest eine andere Aufmerksamkeit dafür da. Die Auflagen für das Qualitätsmanagement rauben zwar wertvolle Arbeitszeit, aber zumindest momentan ist das QM noch ohne allzu großen Aufwand umsetzbar, wobei sich das sicherlich zukünftig noch mal ändern wird. Die ewigen Abrechnungsprobleme gibt es zwar weiterhin, aber so „richtig lieb gehabt“ haben uns die Krankenkassen ohnehin noch nie. Auch für die Versicherungssituation gibt es derzeit zumindest eine „halbgare Lösung“.

Hebammen überall gesucht

Aber abgesehen von diesen Punkten geht es mir als Hebamme nicht unbedingt schlechter als vor fünfzehn Jahren. Zum Beispiel hatte ich damals alle Berliner Kliniken angeschrieben, um im Kreißsaal als Hebamme arbeiten zu können. Fast überall waren die Stellen komplett besetzt. So fuhr ich für meine erste Stelle zunächst jeden Tag eine gute Stunde bis ans andere Ende der Stadt. Heute wird fast überall in den Kliniken nach Hebammen gesucht und man bekommt nicht selten sofort einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Natürlich sorgt fehlendes Personal nicht gerade für gute Arbeitsbedingungen, doch wenn es zu schlimm wird, kann man ja auch immer kündigen. In dem Wissen, dass man relativ schnell eine neue Stelle finden wird oder zum Beispiel auch in der Schweiz willkommen ist, die Hebammen deutlich besser bezahlt. Die Seiten mit den Stellenanzeigen in den Fachzeitschriften für Hebammen nehmen derzeit gefühlt ein Drittel des jeweiligen Heftes ein.

Aber auch freiberuflich muss man sich keine Sorgen machen, genug Arbeit zu haben. Ich bin damals noch weite Wege durch ganz Berlin gefahren. Heute braucht sich hier in Berlin eine Berufsanfängerin nicht extra ein Auto anschaffen, weil sie mit relativer Sicherheit auch in dem Kiez, in dem sie wohnt, genug Arbeit finden wird. Große Werbemassnahmen sind meist auch nicht notwendig, weil jede absagende Hebamme froh ist, wenn sie noch jemanden weiterempfehlen kann. Außerdem kann man seine Arbeit mittlerweile gut langfristiger planen, weil die Frauen sich immer früher für die Hebammenbegleitung anmelden, oft schon in den allerersten Tagen und Wochen ihrer Schwangerschaft.

Was sich definitiv verschlechtert hat, ist eine Vertretung zu finden, zum Beispiel für Urlaubszeiten oder die temporäre Abwesenheit, um seiner Fortbildungspflicht nachzukommen. Doch auch wenn man keine Vertretung hat, haben die Frauen großes Verständnis und sind dankbar, wenn überhaupt jemand kommt. Trotzdem sollte das natürlich kein Weg sein, aber bevor überhaupt gar keiner kommt, ist es immerhin eine Option. Im Sinne der von den Krankenkassen geforderten Qualitätssicherung ist das sicherlich nicht, aber eine Alternative können sie auch nicht anbieten. Es sind mittlerweile nicht nur werdende Eltern, die nach Hebamemnbetreuung fragen, sondern auch Headhunter, die im Auftrag von Kliniken Hebammen suchen, um akut die Schließung geburtshilflicher Abteilungen zu verhindern. Und auch Mitarbeiter der Krankenkasse melden sich zunehmend, wenn sich die Versicherten – zu Recht – dort darüber beschweren, dass sie keine Hebamme finden.

Guter Start für alle Familien

Fakt ist also, dass man sich als Hebamme gerade sogar ein bisschen aussuchen kann, wo und wie man arbeiten möchte. Die nach wie vor meist schlechte Bezahlung dafür sind wir gewohnt. Das „Mitleid“ habe ich also primär mit den Frauen, die gerade mit den Auswirkungen konfrontiert sind und die am Ende womöglich ohne Hebammenbetreuung dastehen, ob nun im Kreißsaal oder zu Hause. Die Bundeselterninitiative Mother Hood weist ja schon lange darauf hin, dass es darum geht, dass alle Familien einen gut begleiteten Start haben können und nicht darum, eine Berufsgruppe vor dem Aussterben zu retten.

Es gibt in Deutschland aktuell immer weniger Hebammen und auch der Hebammennachwuchs fehlt, obwohl mehr als genug Arbeit da ist. Ich will die Probleme und Sorgen von uns Hebammen an dieser Stelle sicherlich nicht klein reden, aber die viel unmittelbareren Auswirkungen spüren diejenigen, die jetzt keine ausreichende Hebammenunterstützung mehr bekommen. Sei es vor, bei oder nach der Geburt. Darum wünsche ich mir selbst auch alles Gute. Als Hebamme, aber eigentlich noch viel mehr als Mutter, wünsche ich mir, dass sich die Situation endlich nachhaltig verbessert, damit jede Familie die Unterstützung in dieser besonderen Lebensphase bekommt, die ihr individuell gut tut.

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4 Kommentare

Gerlinde 3. Juni 2016 - 08:56

Liebe Anja, Ich verstehe, was Du sagen willst, aber der Artikel macht mir Bauchweh: es ist schlimm, dass wir Hebammen uns daran gewöhnt haben, dass wir schlecht bezahlt werden, dass wir mit Krankenkassen, Politik und Verbänden streiten müssen, dass ich als Hausgeburtshebamme mit der Option arbeiten muss, dass es nächstes Jahr noch ganz viel furchtbarer wird, dass ich insgesamt weniger verdiene mit dem Sicherstellungszuschlag, weil ich mehr als 10 Geburten im Jahr betreue, dass ich zu den Hausgeburten immernoch durch die ganze Stadt fahre, weil die Frauen niemanden finden, dass sich die Kolleginnen in den Kliniken mehr und mehr den A aufreissen und KEINE unter diesen Bedingungen mit zunehmenden Interventionen mit steigender Sectiorate gern arbeitet. Und natürlich ist das allerschlimmste daran, dass es um die Familien geht, die schlecht betreut werden oder gar keine Hebamme finden. Es gibt so viele Baustellen, aber nach über 25 Jahren geht es mir als Hausgeburtshebamme überhaupt nicht besser als damals. Es ist anders, aber nicht besser.

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Anja 2. Juni 2016 - 08:17

Liebe Anja,

Hebammen sind eigentlich da, sie wollen sich eben nicht zu den Konditionen der harten Arbeit aussetzen…z.B. Schmalkalden: die Hebammen bekamen m.W. nicht das Angebot, dass ihre Klinik die Haftpflicht übernommen hätte? Für 283€/Geburt sich die 7500€ zusammenarbeiten, das ist unmenschlich. Und Selbstfürsorge ist ja wichtig…wie im Flugzeug 🙂

Soweit ich das verfolgt habe, sieben die Hebammenschulen immer noch sehr aus. Und die, die sich in diesen Zeiten trotz allem für diesen Beruf entscheiden, machen es vielleicht noch bewusster? Manch Hebammenschule nimmt eben nun auch Mütter und nicht nur sechzehnjährige Bewerberinnen, die früher nur nach jahrelange Bewerbungen eine Chance hatten. Und die Erfahrungen sind mehr als gut! Schulen wie Bensberg wussten das schon länger.

Die Ausbildung wird ja akademisiert, bis 2020 müssen ja die EU-Vorgaben umgesetzt werden. Natürlich muss auch die Vergütung der Ausbildung und der Verantwortung angemessen sein. Und das zu fordern ist keine Schande!

Lieben Gruss, Anja

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Peggy 1. Juni 2016 - 22:12

Ich mach es genau wie Du und ich hab jetzt begonnen, die Gesundheitsbehörde mit in die Absagen zu setzen, in der Hoffnung, dass die Damen und Herren dort merken, wie groß das Problem ist.

Weiterer Ansprechpartner für Ihr Problem in Hamburg könnte die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz sein.
Billstraße 80
20539 Hamburg
• +49 40 42828-0
[email protected]

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A Bullerbü Life 1. Juni 2016 - 12:03

Ich wünsche sowohl euch als Hebammen als auch uns als Eltern alles Gute. Die Lage ist tatsächlich so ernst und so angespannt, dass wir jetzt schon nach Hebammen Ausschau halten, obwohl unser drittes Kind noch gar nicht unterwegs ist – und höchstwahrscheinlich auch noch einige Monate lang nicht unterwegs sein wird.

Dennoch halten wir bereits Ausschau und klären ab, mit wem wir uns wann in Verbindung setzen können, um die Betreuung zu bekommen, mit der wir so gute Erfahrung gesammelt haben.

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