Stillunfähigkeit

Angst vor der eigenen Stillunfähigkeit

von Anja

Dies ist der 35. Beitrag in unserer Reihe „Stillen ist bunt“ (alle weiteren findet ihr gesammelt hier), in dem Sandra Schindler ihre Stillgeschichte teilt. Die Kinderbuchautorin ist 37 Jahre alt, kommt aus Aschaffenburg, lebt aber seit etlichen Jahren bei Kaiserslautern mitten im Pfälzerwald. Sie hat zwei Töchter, sechs und acht Jahre alt (im Internet als Mini und Maxi bekannt).

„Das Schreiben nimmt den Großteil meiner Zeit in Anspruch. Neben der Familie. Auch in meiner spärlich gesäten Freizeit kann ich die Finger schlecht von Büchern lassen – ich lasse mich viel zu gerne von anderen inspirieren. Außerdem ist die geistige Welt mein Hobby geworden. Ich mache allerlei spannende spirituelle Experimente.“ Sandra liebt außerdem Musik. „Es geht nichts über einen Spontanauftritt mit einem guten Gitarristen.“

Ihre Stillgeschichte ist eine Mischung aus Einfachheit und Unsicherheit, aus Überzeugung und Verunsicherung. Verarbeitet hat sie das alles in einem Kinderbuch zum Thema Abstillen, das aktuell aber leider vergriffen ist. Wer Interesse an dem Buch hat, kann Sandra in der Sache einfach eine Nachricht schreiben. Wer ihr folgen mag, findet Sandra auf ihrer Website, auf Instagram und Facebook.

Was hast du vor deiner Schwangerschaft über das Stillen gedacht bzw. welche Erfahrungen mit dem Thema gemacht?
Ich hatte schreckliche Angst davor. Dass die Hausgeburt kein Problem sein würde, da war ich mir sicher. Darüber hatte ich sehr viel Positives gelesen. Und auch mit Hausgeburtsmüttern gesprochen, die meine Vorstellungen bestätigten. Wenn es aber ums Stillen ging, dann hörte ich, egal von welcher Mutter, immer nur, ach wie furchtbar das alles war. Dieses und jenes hat nicht geklappt und überhaupt: die Schmerzen, die Schmerzen. Brustentzündung, Milchstau und was es da nicht noch alles für Horrormärchen zu erzählen gab. Ich kannte sie alle und sie machten mich fast schon panisch.

Wie hast du dich vor der Geburt über das Thema informiert? Gab es Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf die vor euch liegende Stillzeit?
Ich lese eigentlich immer Ratgeber über alles und jedes. Nur im Fall des Stillens habe ich das nicht gemacht, weil ich viel zu viel mit Ratgebern über die Geburt beschäftigt war. Gut, abgesehen von Michel Odents Buch „Geburt und Stillen“, aber ich habe da kaum etwas über das Stillen in Erinnerung. Es muss da also vor allem um Geburt gegangen sein – oder Geburt war das Thema, das mir in dem Moment wichtiger war. Tolles Buch jedenfalls.

Horrorgeschichten aus dem Umfeld

Ich hatte also nur die Horrorgeschichten aus dem Umfeld als Informationsquellen. Vermutlich gab es auch ab und an mal eine Mutter, die sagte, das Stillen sei toll und erfüllend gewesen. Aber in so einem Fall ist das ja wie mit der Kritik: Sagen dir 100 Leute, das, was du machst, ist toll, dann kommt der 101. und findet alles, was du machst, total kacke. Dann ist der Verriss leider das, was hängen bleibt.

Wie verlief der Stillstart und wie ging es dir und Deinem Baby dabei? Welchen Einfluss hatte die Geburt auf eure ersten Stillmomente?
Bei Maxi klappte trotz meiner Angst, stillunfähig zu sein, alles hervorragend. Ich hatte eine großartige Hausgeburtshebamme, über die ich immer sagte: Mit ihrem ganzen Wissen wäre sie im Mittelalter sicherlich als Hexe verbrannt worden. Aus ihrem Wissensschatz hat sie mir ganz viel für das Stillen abgegeben. Die Geburt hat schon auch eine große Rolle gespielt. Kaum war das Kind da, kuschelte ich mich gemütlich aufs Sofa – und dann ging es los. Ganz entspannt.

Bei Mini war ich ja dann schon routiniert – und ging davon aus, dass das alles kein Problem sei. Wieder falsch gedacht: Mini hatte arge Probleme anzudocken. „Mei, stellt die sich an, wie ä Buhsche, wie ä Buhsche!“, sagte meine Hebamme kopfschüttelnd. Doch nachdem wir lang genug herumgeeiert (herumgemilcht) hatten, ging es dann doch tatsächlich los. Und wie sie zog, die Kleine. Wie ein Milchvampir. Vielleicht entstand in dem Moment schon in meinem Unterbewusstsein der Titel für mein erstes Buch (obwohl ich damals noch nicht wusste, dass ich jemals schreiben würde).

Wie lief das Stillen im Wochenbett? Hattest du in dieser Zeit Unterstützung?
Ja. Wegen der Hausgeburt stand mir beide Male eine Haushaltshilfe zu. Die habe ich natürlich sehr gerne in Anspruch genommen. Ansonsten kamen auch immer mal wieder Freunde oder Verwandte zum Helfen (das schönste Geschenk, das man frischgebackenen Eltern machen kann, ist eine leckere, warme Mahlzeit als Mitbringsel).

Stillen gab es nebenbei trotzdem noch

Das Stillen im Wochenbett war nicht so leicht. Gerade bei Maxi war ich innerhalb kürzester Zeit extrem wund. Und nichts wollte helfen. Trotzdem war ich entschlossen durchzuhalten. Dann empfahl mir eine Freundin eine spezielle Stillsalbe, die eine Hebamme selbst erfunden hatte. Die Apotheke in ihrem Ort hat die Salbe nach ihrem speziellen Rezept „zusammengebraut“ und das Resultat dann auch per Post verschickt. Damit waren die wunden Brustwarzen innerhalb kürzester Zeit Geschichte.

Wer war bei Fragen oder Problemen in der Stillzeit für Dich da? Wer oder was hat Dir besonders gut bei etwaigen Schwierigkeiten geholfen?
Meine Hebamme und immer wieder meine Hebamme. Tag und Nacht. Ich könnte sie heute sicher immer noch anrufen und würde Hilfe bekommen. Sie war neben meinen Kindern das größte Geschenk rund um die Geburt.

Wie verlief der Beikostbeginn? Welche Erwartungen gab es? Und wie hat sich das Stillen in dieser Zeit verändert?
Bei Maxi war das ein fließender Übergang: Als ich merkte, sie hat Interesse an dem, was wir essen, gab es Brei. Damals dachte ich noch, das machen alle so. Ich hatte ein uraltes Beikostbuch, das mich manches Mal die Stirn runzeln ließ. Deshalb hab ich dann irgendwann angefangen, das alles komplett nach Gefühl zu machen. Das Stillen gab es nebenbei trotzdem noch. Es war zur Selbstverständlichkeit geworden, weshalb ich mich kaum noch daran erinnere.

„Jetzt müsste sie aber mal weniger trinken!“

Mini hingegen hatte von Anfang an Interesse an fester Nahrung. Damals hatte ich schon von Baby-led weaning gehört – und das praktizierte ich auch mit größter Freude, weil es so viel unkomplizierter war. Mini bekam von Anfang an das, was wir auch aßen, nur eben nicht bzw. nicht so stark gewürzt. Gleichzeitig war ihr aber die Milch unglaublich wichtig. Das änderte sich auch nicht, als sie immer mehr feste Nahrung zu sich nahm. Eher im Gegenteil.

Wie verlief der Abstillprozess bzw. welche Wünsche oder Vorstellungen hast du in Bezug auf diese Zeit?
Der Abstillprozess hat mein Leben verändert. Wenn der nicht gewesen wäre, hätte ich heute vielleicht noch lange nicht meine Berufung gefunden. Bei Maxi lief alles easy. Nach einem Jahr war Schluss. In beiderseitigem Einvernehmen. Doch Mini brachte mich zur Verzweiflung: Je mehr ich dachte: „Jetzt müsste sie aber mal weniger trinken!“, desto mehr und öfter trank sie. Am Schluss zumindest nach meinem Empfinden bestimmt so häufig wie ein Neugeborenes.

Der Sommer machte es nicht leichter. Ständig war ich im Bikini unterwegs. „Hmmm, lecker Milch!“, sagte der Milchvampir – und zog mein Bikinioberteil zur Seite, um anzudocken. Dieses ständige Andocken störte mich immens, zumal ich mich mit jedem Tag ausgelaugter fühlte. Nach insgesamt drei Jahren Stillen war ich einfach müde und wollte meinen Körper wieder für mich. Wenigstens tagsüber. Aber nichts zu machen. Verzweifelt suchte ich nach einem Kinderbuch, das ich Mini vorlesen konnte und das ihr vielleicht Alternativen schmackhaft machen würde – oder ihr auf irgendeine Weise Trost spenden könnte, aber es gab keins. Mein Mann sah, wie ich litt, und versuchte ebenfalls, Mini von Alternativen zu überzeugen. Natürlich vergebens. Sie ließ sich nicht beirren.

Auf meine Intuition gehört

Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon jahrelang in der Verlagsbranche gearbeitet (erst als Übersetzerin, später als Lektorin). Da sagte ich mir eines Tages: „Wenn es noch kein Buch zum Abstillen gibt, schreib ich es eben selbst!“ – und das tat ich dann auch. Das Ende, die große Lösung, blieb allerdings ganz lange offen. Hebammen, Langzeitstillmamas, Stillberaterinnen, sie alle konnten mir nicht helfen. Eines Morgens wachte ich auf und wusste, wie es funktionieren könnte. Kaum hatte ich es aufgeschrieben, sagte Mini genau das, was der Milchvampir auch im Buch sagt. Es war fast schon spooky. Aber genauso wie im Buch, so kam es dann.

Was war oder ist das Schönste für dich am Stillen?
Zu sehen, dass ich etwas erreichen konnte, was ich mir vorher niemals zugetraut hätte. Einfach weil ich Vertrauen in mich und die Kinder hatte und auf meine Intuition gehört habe. Das war in einer Zeit, in der der Gedanke an Meditation für mich noch Brechreiz auslöste. Heute gehört es zu meinem Alltag, mich mit der Natur, meinem höheren Selbst oder der geistigen Welt zu verbinden. Meditation war der Schlüssel dazu.

Und heute weiß ich: Stillen ist nichts anderes als Meditation. Ein Energieaustausch zwischen zwei verbundenen Seelen, die die Nähe zueinander genießen. Diese Nähe, die habe ich geliebt. Und nebenbei natürlich noch das ganz Praktische: Dass ich nachts im Familienbett nicht aufstehen musste, sondern mein Kind sogar im Schlaf perfekt versorgen konnte.

Was war am schwersten oder belastendsten für dich in der Stillzeit?
Die Meinung der anderen. Oh, wie hat sie mir zu schaffen gemacht. Dieses ständige: „Willst du sie noch stillen, bis sie 18 ist?“ Die Vorwürfe in den Blicken, die als harmlos getarnten Nachfragen, hinter denen sich diese Riesenangst verbarg, dass ich das Kind verwöhnen oder ihm anderweitig schaden könnte.

„Ich mach hier mein Ding“

Heute würde ich ganz anders damit umgehen. Ich würde sagen: „Scheiß auf die Gesellschaft, ihre viel zu engen Rahmen und ihre Vorurteile. Ich mach hier mein Ding, weil mein Herz mir das sagt – und weil ich weiß, dass es für mich richtig ist. Ihr wollt mich verunsichern? Sorry, ist nicht!“

Was würdest du in einer weiteren Stillzeit anders machen? Was ist deine wichtigste Erkenntnis in Bezug auf das Stillen, die du anderen Müttern weitergeben würdest?
Ich würde vermutlich früher erkennen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, an dem es für mich kippte, an dem es mir zu viel wurde. Da würde ich dem Kind sagen: „Wenn du willst, dass das noch eine ganze Weile weitergeht, dann musst du mir auch ein bisschen Freiheit gönnen. Lass uns gemeinsam entscheiden, wann und wo Mama eine Auszeit haben darf – und wann nicht.“ Dann würde ich dem Kind die Nächte auf jeden Fall zugestehen, denn das habe ich in meinem Halbschlaf oft nicht mal richtig gemerkt. Aber tagsüber würde ich Limits setzen. Und in der Öffentlichkeit auch. Wenn ich schwimmen gehe, will ich schwimmen – und nicht ausgesaugt werden, nur weil ich gerade so prominent auf dem kindlichen Präsentierteller hocke.

Meine wichtigste Botschaft ist die, die auch schon durchklang: Lasst euch nicht von der Gesellschaft beirren oder gar unter Druck setzen. Ob und wie lange ihr stillt, das ist eine Angelegenheit zwischen euch und eurem Kind, aber nicht die der Nachbarin, des Onkels oder der Großmutter. Stillen ist Liebe, stillen ist ein Lauschen auf die eigene innere Stimme und ihr Verschmelzen mit der des Kindes. Und solange sich das richtig anfühlt, sollte euch auch der blödeste Kommentar der Welt nicht davon abhalten.

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