Schwangerschaftstest, Fehlgeburt, Schwanger

Da war doch noch gar kein Kind!

von Anja

Es ist fraglos für Schwangere immer schwieriger geworden, eine Hebamme zu bekommen. Bei mir und sicher auch insgesamt nehmen die Anfragen von Frauen zu, die sich ziemlich unmittelbar nach dem positiven Schwangerschaftstest für eine Hebammenbegleitung melden. Frauen also, die gerade erst erfahren haben, dass ein Kind unterwegs ist.

Sie pendeln zwischen guter Hoffnung und vielen kleinen oder großen Zweifeln hin und her. Sehr passend heißt das erste Schwangerschaftsdrittel ja auch „Phase der Anpassung“. In den meisten Fällen ist aber trotz aller Sorgen die Freude von Anfang an da. Und auch ich als Hebamme freue mich immer mit, wenn sich da ein neuer kleiner Mensch auf den Weg macht.

Allerdings kommt es in den ersten Wochen wesentlich häufiger vor, dass eine Schwangerschaft doch nicht wie erwartet läuft. Damit ist das Thema Fehlgeburt wesentlich häufiger präsent in meinem Hebammenalltag – und auch die ganz frühen Fehlgeburten in der 5. oder 6. Schwangerschaftswoche. Hätten die betroffenen Frauen keinen Schwangerschaftstest gemacht, einige hätten es vielleicht nur als verspätete Regelblutung wahrgenommen. Oft sind körperlich noch keine oder nur leichte Schwangerschaftssymptome spürbar. Auch die Abbruchblutung der Schwangerschaft wird vielleicht nur wie eine etwas stärkere Regelblutung verlaufen.

Manchmal wird an dieser Stelle auch von einer biochemischen Schwangerschaft gesprochen. Dies ist eine Schwangerschaft, die nur durch einen Schwangerschaftstest und noch nicht durch eine Ultraschalluntersuchung feststellbar ist. Der Embryo hat gerade erst begonnen, sich in der Gebärmutterschleimhaut einzunisten. Dieser Umstand ist nur durch das im Schwangerschaftstest nachweisbare HCG im Blut oder im Urin nachweisbar. Man könnte also sagen, dass es vielleicht rein körperlich keine allzu große Belastung ist. Wobei auch dies natürlich immer höchst individuell empfunden wird.

Der Anfang des Lebens mit diesem Kind

Diese Frauen melden sich dann meist auch bei mir, um die Betreuung abzusagen. Ich biete immer einen Gesprächstermin an, den aber viele Frauen nicht wahrnehmen. Ich glaube, häufig denken sie, dass ihnen das Trauern und Verarbeiten in diesen frühen Schwangerschaftswochen nicht zustehen würde. Schließlich „war da ja noch gar kein Kind“, sondern es waren „nur“ ein paar Zellen, die sich geteilt und differenziert haben.

Doch die Frauen, mit denen ich darüber ins Gespräch komme, sind traurig – gerade dann, wenn die Schwangerschaft ersehnt und erwünscht wurde. Getrauert wird um das Kind, das es nun nicht geben wird. Es geht nicht um mehr oder weniger häufig geteilte Zellen. Es geht um eine erhoffte und gewünschte Zukunft, die nun so nicht passieren wird. Diese Zukunft, die durch den positiven Schwangerschaftstest so real wurde und nun plötzlich nicht mehr da ist.

Und ja, darüber darf jede Frau und jeder Mann traurig sein. Es ist wahrscheinlich auch recht gesund, die Trauer an dieser Stelle nicht auszulassen, damit danach wieder Raum für neue Zukunftspläne entsteht. Paare, die ihr Kind mit reproduktionsmedizinischer Unterstützung empfangen, bekommen oft in der Klinik nach dem Transfer der befruchteten Eizellen ein Bild davon. Wenn das Baby dann später geboren ist, wird dieses erste Bild oft sehr emotional als allererste Erinnerung betrachtet. Es ist der Anfang des Lebens mit diesem Kind. So hat alles begonnen.

Abschiedsschmerz hat seine Berechtigung

Der erste positive Test oder auch dieses erste Bild der eingesetzten befruchteten Eizellen sind der Beginn aller guten Hoffnung. Wenn diese dann endet, sind Paare zurecht traurig, auch wenn „da doch noch gar kein Kind war“. Im Kopf und im Herzen gab es jedoch oft schon ein ganz konkretes Bild von diesem Kind. Und von einer Zukunft mit diesem Kind.

Ja, wahrscheinlich ist es für die meisten Menschen belastender, je später in der Schwangerschaft sie ein Kind verlieren. Das liegt einfach daran, dass die Bindung zu diesem kleinen Menschen Tag für Tag wächst. Doch generell ist es Unsinn, sich seinen eigenen momentan real gefühlten Schmerz klein zu reden, weil es anderen vermeintlich gerade noch schlechter geht. Nur weil etwas noch ganz klein und zart ist ist, ist das kein Grund, dass da kein Abschiedsschmerz da sein darf, wenn es wieder geht. Dieser Schmerz hat ebenso seine Berechtigung wie die gefühlte Vorfreude und die gute Hoffnung, wenn der Schwangerschaftstest zum ersten Mal „positiv“ anzeigt.

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11 Kommentare

Linda 11. September 2019 - 14:03

In der 6. SSW war ich bei meiner Frauenärztin ind dort sah ich das erste Mal mein Baby und war überglücklich. In der 8. SSW, etwa drei Stunden, bevor ich ein letztes Mal mit meiner Familie und ohne meinen Freund in den Urlaub gefahren bin, sah die Ärztin eine zweite, leere Fruchthöhle. Sie sagte, dass die Entwicklung dieser in der 6. SSW stehen geblieben sei. In der Praxis war ich geschockt, konnte kaum ein Wort sagen. Erst im Umkleidezimmer bin ich weinend zusammen gebrochen. Auch wenn ich erst zwei Wochen, nachdem es gegangen war, von dem Baby erfuhr, trauere ich – fast genau ein Jahr später – immer noch ab und zu.
So gern wüsste ich, welches Geschlecht das Baby hatte, um ihm einen Namen zu geben und richtig Abschied nehmen zu können. Und ich frage mich, ob mein Sohn spürt oder spüren wird, dass er seinen Zwilling verloren hat, oder ob es noch zu früh für die “Zwillingsbande” war.

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Anna 24. November 2017 - 21:22

Dieser Text drückt so gut aus, was ich selbst nicht in Worte fassen konnte. Vielen Dank dafür. Bei mir war es der Satz: “In der Schwangerschaftswoche wissen viele Frauen noch gar nicht, dass sie schwanger sind” (7. Woche). Auch von der Frauenärztin! Ja und? Ich wusste es. Für mich hat diese Zukunft existiert. Auch wenn solche Sätze tröstend gemeint sind, tun sie weh.

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Martina 22. November 2017 - 11:03

Danke für diesen Artikel. Ich kann zum Thema Fehlgeburt keine eigenen Erfahrungen einbringen. Im Freundeskreis gab es aber sowohl frühe Fehlgeburten als auch eine stille Geburt im 7. Monat – für mich waren die Nachrichten darüber jedes Mal furchtbar. Dass es bei der Trauer unter anderem um die Vorstellung von der nicht mehr vorhandenen gemeinsamen Zukunft geht, war mir gar nicht bewusst. Danke für diese Perspektive.

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Swantje 15. November 2017 - 19:56

Mein April 2017 Baby wird es auch nie geben. Es war sehr sehr früh ca Anfang 6 Woche. Hatte mit dem Test extra noch gewartet. Die Freude war riesig, aber sehr kurz. Eine Bekannte war gleichzeitig am testen wie ich gewesen und ihre Schwangerschaft hat sich leider auch nicht entwickelt, ging aber nicht ohne Eingriff weg. (ausschabung in der 11Woche) sie sagte aber zu mir diesen sehr verletzen Satz : “bei dir war ja noch nichts!” Bei ihr ja auch nicht nur über längere Zeit…. habe dadurch zwei Bekanntschaften verloren, da wir uns wohl alle verletzt fühlten.

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Lisa 15. November 2017 - 09:29

Sehr schöner Artikel! Ich habe mich in der 8. SSW bei einer Hebamme angemeldet. Eine Woche später erfuhr ich, dass ich eine missed abortion hatte. Ich sagte der Hebamme per Mail ab. Sie ruf mich an und begleitete mich die nächsten Wochen bei der Fehlgeburt. Ich habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt und konnte meinen Schmerz so sehr gut verarbeiten. Ich glaube ohne ihre Begleitung hätte ich vielleicht zur Ausschabung ins Krankenhaus gemusst und wäre deutlich verunsicherter gewesen! Ich bin ihr sehr dankbar.

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Lena 15. November 2017 - 09:15

Meine Perspektive: Überhaupt keine Freude zulassen bis zur 14. Woche, weil Abort in der 13. in der Vorgeschichte. Dann keine Beleghebamme mehr finden, weil alle, die so naiv sein konnten, sich früher zu freuen, vorher da waren…

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Trix 15. November 2017 - 02:54

Ja, ein wirklich sehr wichtiges Thema! Auch von mir vielen Dank! ❤️ Wenn ich jedoch noch die Perspektive einbringen dürfte, dass es nicht unbedingt weniger schmerzhaft ist sein Kind zu einem früheren Zeitpunkt der Schwangerschaft gehen lassen zu müssen im Vergleich zu einem späteren. Die Perspektive, das Baby, das Gefühl war und ist da. Real. Auch wenn die Zeit der Bindung kürzer war. Daher glaube ich, dass die Trauer, wenn wir sie denn zulassen, gleich ist. Manch einer meint, es sei weniger schlimm, wenn das Baby noch im Mutterleib stirbt, als wenn es geboren wird und kurzzeitig lebt. Vergleiche sind da sehr schwierig. Ich weiß nur, dass es im letzteren Fall heutzutage oftmals reale “Beweise”, Erinnerungen gibt wie Fotos, Fußabbdrücke, Grabstätte etc., während diese zu einem früheren Zeitpunkt oft nicht existieren. Das kann sehr schmerzen, daher ist oftmals der positive Test oder ein Ultraschallbild das Einzige, was eine Frau und Familie dann in den Händen hält, wenn sie das Baby nie sehen durfte. Auch ein spannendes Thema, die hebammenbegleitende Geburt (“Fehlgeburt”), wenn sich die Frau dazu entschließt das Kind ganz persönlich bekommen und verabschieden zu wollen. Und dann spürt man, dass es ganz real ist, das Baby, wenn man es selbst bekommt. Egal zu welchem Zeitpunkt der Schwangerschaft. ❤️

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Annika 14. November 2017 - 23:09

Vielen Dank, ich denke nicht mehr so oft an meine Fehlgeburten, aber ich habe damals sehr getrauert und hatte anfangs das Gefühl das mir das nicht zusteht. Ich musste nach der Geburt meines ersten Kindes zwei Mal ein Kind in der sechsten Schwangerschaftswoche gehen lassen. Das erste Mal hat es mich völlig umgeworfen weil ich davon ausgegangen bin das natürlich wieder alles gut geht. Wie du es schreibst, hatte ich mir schon das Leben mit diesem zweiten Kind vorgestellt und mich darauf gefreut. Jeden Tag in diesen wenigen Wochen habe ich sie geliebt und mich auf ein Leben mit Ihnen gefreut. Ich habe sehr getrauert und lange.
Bei uns gibt es mehrmals im Jahr Gottesdienste oder Andachten speziell für Eltern die Fehlgeburten erlebt haben. Wir waren bei einem und ich fand es schön da ganz offiziell trauern zu dürfen und konnte auch Abschied nehmen.
Inzwischen trauere ich nicht mehr, aber ich denke an sie, sie gehören zu mir und meinem Leben.

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Mizi 14. November 2017 - 19:19

Gerade heute so ein Artikel. Ich bin rechnerisch in der 7. Woche und auf dem US war genau das zu sehen: Nichts. Nur eine Fruchthöhle. Ein schwarzes, glückverschlingendes Loch. Und vorher sagte ich noch: Wenn alles gut aussieht, suche ich mir direkt eine Hebamme. Jetzt sieht es (in meinen Augen) nicht sehr gut aus. Und gerade jetzt bräuchte ich jemanden, dem ich von meinem erdachten Zukunftskind erzählen könnte. Danke für den Artikel, nächstes Mal bin ich schlauer!

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Swantje 15. November 2017 - 20:02

Suche dir trotzdem eine Hebamme. Im Artikel steht ja, das auch die Hebammen das wollen. Und 7 Woche ist wirklich früh für einen Ultraschall, das muss noch nichts heißen. Habe schon sooo viele positive Geschichten gehört.

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Svenja 14. November 2017 - 11:43

Danke für diese schönen Artikel.
Leider ist dieses Probem, die eigenen Gefühle klein zu reden, in allen Lebensbereichen zu finden.
Wie viele Menschen begeben sich nicht mit Depressionen oder Ängsten in psychologische Behandlung, weil es anderen “ja noch viel schlimmer geht”, weil man sich “anstellt”.

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