Der Kraftakt Geburt

von Anja

Da ich wohl doch zu intensiv mit der Hebammenmisere beschäftigt war, habe ich die Aufregung um das Buchprojekt „Selbstgeboren“ erst am Rande mitbekommen, nachdem ich selbst hier die Artikel von Berlinmittemom und Susanne vom Blog „Geborgen wachsen“ geteilt habe, die sich darauf beziehen. Ich hatte sie aber vor allem geteilt, weil ich viele Sätze darin so unterstreichen kann.

Allerdings unterstelle ich der Kollegin und Initiatorin des Buchprojektes keinerlei böse Absicht, als sie sich medial auf die Suche begab nach Müttern, die eine komplett interventionefreie Geburt erlebt haben. Dass das Ganze mit dem Begriff „selbstgeboren“ verknüpft war, ist sicherlich ein bisschen unglücklich gelaufen. Denn natürlich möchte sich keine Mutter ihr Privileg der Geburt absprechen lassen, egal wie und wo diese auch immer statt gefunden hat.

Aber ich kann mir auch ansatzweise vorstellen, was in Müttern vorgeht, die vielleicht sehr interventionsreich geboren haben und das, ohne es gewollt zu haben. Frauen, die sich wirklich gut informiert und aufgeklärt aber dennoch aus freien Stücken zu einem Kaiserschnitt (der sicherlich interventionsreichsten Geburtsart) ohne medizinische Notwendigkeit entscheiden, sind in der Regel zufrieden mit ihrer Entscheidung. Aber ich behaupte mal, dass doch keine Frau plant, eine Geburt mit vielen medizinisch mehr oder weniger erforderlichen Eingriffen zu erleben.

Der Wunsch nach einer eventuellen Schmerzlinderung wird sicher häufiger im Vorfeld geäußert, aber keine Frau wünscht sich einen Wehentropf, viele Blutentnahmen unter der Geburt, häufige Untersuchungen, einen Dammschnnitt oder gar eine operative Beendigung der Geburt. Das sind immer Dinge, die sich gänzlich ungewollt ergeben, aber mal mehr oder weniger notwendig sind, was aber leider in der Regel nicht in der Entscheidungshoheit der Frau liegt. Und darum bleibt nach Geburten mit vielen Interventionen, wodurch auch immer diese verursacht wurden, oft ein Gefühl der Unzulänglichkeit zurück. Das Gefühl, an irgendeinem Punkt etwas falsch oder nicht gut genug gemacht zu haben, weshalb das ganze Drama überhaupt seinen Lauf nahm. Denn wir Mütter sind scheinbar bereits vor der Geburt bestens mit der Gabe ausgestattet, Schuld in sämtlichen Bereichen bei uns selbst zu suchen.

„Schlimmer geht immer“

Ich habe das selbst erlebt bei der Geburt unseres ersten Kindes. Natürlich war diese als interventionsfreie Hausgeburt geplant, so wie das ja gefühlt fast alle Kolleginnen in meinem Umfeld gemacht haben.Man sieht halt oft nur das, was man sehen will in dieser Situation. Und dann folgte statt selbstbestimmter Hausgeburt nach vielen Stunden Wehen zu Hause die Verlegung in die Klinik, weil sich herausstellte, dass unsere Tochter sich wieder (zum zweiten Mal in den letzten Schwangerschaftswochen) in ihre Beckenendlage zurückgesetzt hatte. Nach über 28 Stunden Geburt stellte sich im Krankenhaus irgendwann die Frage: weitermachen oder Kaiserschnitt?

Erschöpfung, Müdigkeit und ein wahrscheinlich viel zur hoher Erwartungsdruck an mich selbst, sorgten dafür, dass ich mich nach der Geburt doch irgendwie als „Versagerin“ fühlte. Auch wenn ich meine Tochter dennoch spontan und ambulant geboren habe, hatte ich durch unter der Geburt erfolgte Eingriffe wie Medikamentengabe, Wehentropf, einen verletzenden Dammschnitt und nicht zuletzt die verstärkte Nachblutung mit allen dazugehörigen Maßnahmen immer das Gefühl: „So habe ich das alles nicht gewollt.“

Und auch wenn ich beglückwünscht wurde, dass ich doch wenigstens dem noch weniger gewollten Kaiserschnitt entgangen sei, machte das die Sache nicht unbedingt besser. Denn das Prinzip „Schlimmer geht immer“ funktioniert nicht. Und so ist es egal, mit welchem Eingriff oder welcher Situation auch immer Frauen nach der Geburt hadern – in dem Moment wurde es so erlebt und gefühlt und es war schlimm für sie. Punkt. Da muss es keine Wertung geben, wie traurig jemand darüber sein darf oder wie viel Unterstützung für die Verarbeitung in Anspruch genommen werden darf. Und genauso gibt es keine Wertung auf der „offenen Geburtenskala“ nach oben. Auch die scheinbar nach außen hin perfekte, komplett interventionsfreie Hausgeburt bei Kerzenschein und 1:1-Betreuung kann eine Frau traumatisieren, weil es vielleicht zu schnell geht und keine Zeit bleibt, sich auf die Geburtsarbeit einzustellen.

Was wir von außen sehen und was wir fühlen, es sind immer zwei unterschiedliche Dinge. Aber dennoch ist die Wahrscheinlichkeit einer für die Mutter als selbstbestimmt oder freudig erlebten Geburt wesentlich höher, wenn sie möglichst wenig Eingriffe unter der Geburt erfahren muss.

„Was hätte ich besser machen können?“

Natürlich war ich persönlich nach dem insgesamt 36-stündigen Geburtsmarathon froh, meine Tochter spontan geboren zu haben und ambulant nach Hause gehen zu dürfen. Aber die Frage blieb: „Was hätte ich besser machen können?“ Und sie blieb sehr lange, so dass ich es erst in der zweiten Schwangerschaft geschafft habe, mich damit richtig auseinanderzusetzen. Die Psychologin Tanja Sahib, die viele Frauen nach für sie als traumatisch erlebten Geburten begleitet hat, hat mir dabei sehr geholfen. Mittlerweile hat sie auch ein tolles Buch zu diesem Thema verfasst.

Ich habe nach der ersten Geburt noch zwei Kinder geboren: die zweite Tochter unkompliziert in der Geburtshausbadewanne und den Sohn auf dem heimischen Wohnzimmerteppich. Ja, das waren interventionsfreie, kraftvolle Geburten, wie ich sie mir erhofft hatte. Der Kraftaufwand für die interventionsreichere erste Geburt war jedoch mental aber auch körperlich wesentlich höher. Und genau das ist wohl das Hauptanliegen der Mütter, die sich vom Begriff „Selbstgeboren“ getroffen fühlen, weil sie trotz aller Anstrengung scheinbar nicht dazu gehören. Aber auch diese Mütter haben an jedem Punkt ihrer Geburt immer „alles getan, was sie konnten“ und dürfen erhobenen Hauptes aus diesen Geburten hervor gehen. Zwar vielleicht traurig oder auch wütend, dass alles anders gekommen ist. Aber immer stolz auf das, was sie geleistet haben. Die Mütter haben alles gegeben mit dem Wissen, den Erfahrungen und den Möglichkeiten, die ihnen zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung standen.

Nur noch acht Prozent interventionsfreie Geburten…

Und gerade als Hebammen wissen wir, dass genau diese Bedingungen oft alles andere als ideal sind. Und deshalb bin sehr sicher, dass das Hauptanliegen der Initiatorin von „Selbstgeboren“ ein ganz anderes ist. Sie möchte, dass alle Mütter Bedingungen haben, mit denen sie eine wirklich selbstbestimmte, ja sogar „einfache“ Geburt erleben können. Denn die Umstände der Geburt sind sicher ein großer Einflussfaktor auf den Geburtsverlauf.

Die meisten Bloggerinnen, die sich dazu geäußert haben, haben selbst eine interventiosreiche Geburt erlebt, ob es nun die Einleitung, der nicht geplante Kaiserschnitt oder einfach auch das Alleinsein unter der Geburt war. All das haben diese Frauen nicht gewollt. Und all das wollen wohl auch die allermeisten Geburtshelfer nicht für die Frauen. Und trotzdem stieg alleine in den 15 Jahren, in denen ich die Geburtshilfe beruflich verfolge, die Interventionsrate beständig an. Mittlerweile laufen nur noch circa acht Prozent aller Geburten ohne jegliche Eingriffe ab. Damit ist klar, dass sich 92 Prozent der Mütter von dem Buchprojekt-Aufruf nicht angesprochen, aber durchaus betroffen fühlten.

Aber warum ist das so? Halten die Mütter heutzutage nichts mehr aus und brauchen alle mit der ersten Wehe die PDA, die weitere Interventionen nach sich zieht? Sind die Kinder auch nicht mehr ausreichend für eine Geburt gerüstet und schweben somit in ständiger Gefahr, die ein Eingreifen erfordert? Unsere Mütter haben uns doch auch alle größtenteils einfach so bekommen? Ohne Schmerzmittel, ohne Ultraschall und Dauer-CTG…

Vermeintliche Sicherheit durch mehr Technik funktioniert nicht

Aber da liegt sicherlich der erste Knackpunkt. Die zunehmende Pathologisierung der Schwangerschaft widerspricht dem Prinzip „Gute Hoffnung“. Natürlich zweifle ich nicht an dem Sinn einer guten Schwangerenvorsorge, aber die Auswirkungen der momentanen Übervorsorge sind deutlich spürbar. Viele Dinge wie die CTG-Kontrollen in der Schwangerschaft ohne jegliche Indikation haben keinerlei sinnvolle Grundlage, die dieses mittlerweile als Routinemaßnahmen etablierte Vorgehen rechtfertigt. Es führt nicht dazu, dass es Müttern und Kindern besser geht. Aber genau das wird uns Schwangeren gerne suggeriert.

Ist die Aufklärung vor der Anwendung der Pränataldiagnostik wirklich so umfassend, dass alle Eltern ganz genau wissen, worauf sie sich einlassen? Meine Erfahrung ist oft eine andere. Genau das gleiche Dilemma, was die Geburtshilfe in den letzten Jahren zunehmend interventionsreicher machte, findet bereits in der Schwangerenvorsorge statt. Es ist immer die Sorge da, irgendetwas zu übersehen und damit quasi mit einem Bein im Knast zu stehen, wenn dann geklagt wird. Viel hilft nicht viel – aber zumindest sorgt es für viel Dokumentationsstoff, dass an diesem und jenem Zeitpunkt zumindest alles in Ordnung war.

Diese Angst geht auch an den Schwangeren nicht spurlos vorbei. Viele Mütter hangeln sich von Ultraschalltermin zu Ultraschalltermin, weil sie nur da mal kurzfristig die vermeintliche Sicherheit haben, alles sei in Ordnung mit dem Kind, wenn es den Vermessungen nach nicht gerade wahlweise zu groß oder klein ist. Manche Mütter schaffen sich sogar Fetaldopplergeräte an, um selbst die Herztöne des Kindes täglich zu überprüfen. Aber die vermeintliche Sicherheit durch Technik funktioniert nicht, denn wir können die Schwangerschaft nicht rund um die Uhr überwachen. Wir müssen bisweilen auch „einfach“ hoffen und darauf vertrauen, dass alles gut ist.

Enge Leitlinien statt kontinuierlicher Betreuung

Ab dem Moment, wo ein Kind entsteht, wächst, geboren und dann größer wird, gibt es Risiken, die es bedrohen. In den meisten Fällen passiert aber nichts und wir dürfen unsere Kinder ohne allzu große Sorge beim Aufwachsen begleiten, bis wir eines Tages alt und grau sind. Und ja, es gibt Schicksalsschläge, die einfach nur schrecklich und ungerecht und nicht begreifbar sind. Aber in der Regel sind auch diese nicht mit einem übergroßen Maß an Überwachungsmethoden zu verhindern.

Wenn nun also die ohnehin zunehmend mehr verängstigten Schwangeren in die Geburt gehen, treffen sie dort häufig noch auf eine andere Angst. Nämlich die Angst der Hebammen und Ärzte, dass hier und jetzt irgendetwas schief gehen kann, was man hätte verhindern können und was später existenzbedrohend verklagt wird. Viele Geburtskomplikationen kann man verhindern oder bewältigen, wenn man aufmerksam und präsent eine Geburt begleitet. Aber es ist doch mittlerweile die Ausnahme, wenn ich als Hebamme im Schichtbetrieb die Option habe, eine Frau durchgehend bei ihrer Geburt zu betreuen. Es sind meist mehrere Gebärende auf einmal von einer Hebamme zu betreuen. Die Schwangeren auf der Station oder in der Ambulanz müssen mit versorgt werden, ganz zu schweigen von den stetig ansteigenden Dokumentationsauflagen und den diversen Nebenarbeiten im Kreißsaal, die parallel zur Geburtshilfe erledigt werden müssen.

Da ist wenig Zeit für individuelle Betreuung und so einigt man sich krankenhausintern auf Leitlinien, die ein Handeln vorgeben. Wenn sich also der Muttermund nach x Stunden nicht entsprechend weiter geöffnet hat oder das Kind eine bestimmte Stelle im Becken passiert hat, wird eben standardmäßig eine Intervention angeordnet, die nicht selten eine Kette weiterer Eingriffe nach sich zieht. Der Wehentropf verstärkt den Schmerz für die Gebärende. Die daraufhin gelegte PDA schränkt die Beweglichkeit unter der Geburt ein. Das Kind findet so nicht den optimalen Weg und dann dauert das Ganze laut Leitlinien noch viel zu lange und ganz schnell kommt es so zur operativen Beendigung der Geburt. Denn als Geburtshelfer steht man zunehmend mehr mit einem Bein im Gefängnis, wenn sich zum Beispiel später rausstellt, dass der Kaiserschnitt laut Leitlinie „zu spät“ angeordnet wurde. Es ist ein ständiger Drahtseilakt und nichts, was den Frauen Mut und Zuversicht in ein eigentlich gut funktionierendes Geschehen vermittelt. Auch die werdenden Väter geraten in diesen Strudel aus Angst und Ohnmacht – hin und her gerissen zwischen den Wünschen der eigenen Frau und der gleichzeitigen Sorge um sie und das Kind.

Der Prozess Geburt lässt sich nicht optimieren

Geburt lässt sich aber nicht exakt in Zahlen und Maßen festlegen, sondern ist so höchstindividuell, wie es jedes Mutter und jedes Kind sind. Aber auch das immer seltener werdende Erleben der interventionsfreien Geburt als Geburtshelfer hinterlässt Spuren. Nahezu ein Drittel aller Babys kommen mittlerweile per Kaiserschnitt zur Welt. Was früher die Normalität war, wird heute mit nur acht Prozent an interventionsfreien Geburten zur seltenen Ausnahme. Und wenn man ein Buch darüber schreiben will, muss man mittlerweile die Ausnahmen tatsächlich wirklich suchen.

Die Etablierung von Hebammenkreißsäalen oder das „Bündnis zur Förderung der natürlichen Geburt“ sind sicher Schritte in die richtige Richtung. Nur traurig, dass ausgerechnet jetzt das Weiterbestehen der Hebammen mehr als auf der Kippe steht.

Die gleiche Ohnmacht, die Mütter nach Geburtsverläufen mit zahlreichen nicht gewünschten Interventionen fühlen, spüren wir gerade auch als Hebammen. Denn jede Frau soll selbstbestimmt und durchgehend gut begleitet durch ihre Geburt gehen. Dann ist das Ganze auch viel einfacher machbar als der interventionsreiche Kraftakt, der auch noch lange nach der Geburt seine Spuren hinterlässt an Körper und Seele. Aber gerade weil sich die Betreuung unter der Geburt zunehmend verschlechtert und Frauen mittlerweile kaum noch Hebammen für die 1:1-Betreuung finden – ob nun in der Klinik oder zu Hause – wird sich momentan wenig an der beklagenswerten Situation ändern.

In Ländern wie Brasilien, die eine Kaiserschnittrate von mittlerweile 50 Prozent aufweisen, findet langsam wieder ein Umdenken statt. Aber müssen wir hier in Deutschland wirklich auch erst die normale Geburt und deren vernünftige Begleitung komplett zerstören, um dann irgendwann alles mühsam wieder von vorne aufzubauen? Die allermeisten Mütter sind bei guten Bedingungen von Natur aus optimal für den Prozess Geburt ausgestattet. Dieser lässt sich trotz zunehmender technischer und pharmazeutischer Errungenschaften nicht wirklich optimieren. All diese Dinge sollten für tatsächliche Notfälle immer zur Verfügung stehen, aber nicht aufgrund von Zeitmangel und Personalknappheit zum Einsatz kommen. Geburt braucht Ruhe, Zeit und Wissen. Oder, wie der Geburtshelfer Prof. Willibald Pschyrembel schon einst so schlau sagte: „Man muss in der Geburtshilfe viel wissen, um wenig zu tun.“

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12 Kommentare

Mama-Baby-Vision 11. März 2015 - 08:00

[…] Für dich ist klar, dass du eine natürliche Geburt möchtest. Aus eigener Kraft willst du dein Kind gebären. […]

Antworten
Ich wollte euch etwas zu lesen geben. Was dann geschah, holte mich aus dem Urlaub zurück! « Chaos² – Familienwahnsinn im Doppelpack 31. Dezember 2014 - 14:22

[…] gute Geburt. Die Wellen schlugen hoch durch die Elternblogs und ich möchte hier exemplarisch einen wunderbar ausgeglichenen Beitrag von Anja (von guten Eltern) verlinken, die als Hebamme und Mutter genau weiß, dass es nicht immer so […]

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Kerstin 29. Dezember 2014 - 12:35

Ich lese diesen Beitrag nun recht spät… aber doch berührt er mich sehr.

Ich bin Zwillingsmutter und war entsprechend Zwillingsschwangere. Das sind oft ganz andere Voraussetzungen in der Schwangerschaft. Kaum jemand glaubte an eine spontane Geburt. Während des Geburtsvorbereitungskurses hörte ich nur zu oft, dass dieses und jenes ja für mich nicht zutreffe. Ich bräuchte gar nicht die Gebärpositionen kennenlernen oder mir Gedanken ums stillen machen und zur Kreißsaalführung durfte ich mal gucken.

Hier würde ICH schließlich nicht gebären. Nicht ohne Neo! Nicht ohne angeschlossene Kinderklinik!

Nunja, mein Arzt glaubte als einer der wenigen, dass die reine Tatsache, dass es zwei sind, mich davon nicht abhalten müsse. Der Chefarzt des Krankenhauses auch und so durfte ich.

Ich hatte eine WUNDERSCHÖNE Geburt. Von Anfang (Blasensprung) bis zum Ende. Nein, sie war nicht frei von „Eingriffen“. Ich hatte eine PDA und bekam Hilfe. Die zweite musste von außen gewendet werden, weil sie unter der ersten Geburt Purzelbäume geschlagen hatte.

Aber sie war schön. Ich habe mich wohl gefühlt.

Und ich weiß, dass ich verdammt Glück hatte, denn gerade bei Zwillingen gibt es sehr viele Gründe, warum ein Kaiserschnitt doch angeraten sein kann. Manchmal sind die Kinder zu winzig, zu unterschiedlich groß, eines oder gar beide liegen völlig falsch oder das zweite verrutscht nach der ersten Geburt und und und…

Sind das keine „echten“ Geburten?

Ich habe mich in der Schwangerschaft darauf eingestellt, nicht zu enttäuscht zu sein, wenn es ein Kaiserschnitt würde. Ich erhoffte es anders, aber ich hätte doch dann nichts ändern können?!

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junaimnetz2013 3. April 2014 - 08:52

Vielen Dank für den vermittelnden und deeskalierenden Text. Es sollte noch mehr Beiträge wie Deinen geben, die versuchen, beide Positionen zu einen. Ich habe lediglich zwei, in meinen Augen wichtige, Kritikpunkte.

Du schreibst:

„Halten die Mütter heutzutage nichts mehr aus und brauchen alle mit der ersten Wehe die PDA, die weitere Interventionen nach sich zieht? Sind die Kinder auch nicht mehr ausreichend für eine Geburt gerüstet und schweben somit in ständiger Gefahr, die ein Eingreifen erfordert?“

und

„Die allermeisten Mütter sind bei guten Bedingungen von Natur aus optimal für den Prozess Geburt ausgestattet.“

Es ist schön, wenn das Deine Erfahrung als Hebamme Dir gezeigt haben. Allerdings ist es ein Fakt, dass in Ländern ohne gute medizinische Versorgung auch heute noch viele Frauen unter der Geburt sterben. Die Zahlen schwanken da, ich habe kürzlich etwas Dramatisches von „jeder 8. Frau“ gelesen. Und das ist lediglich die Todesrate bei den Müttern, hinzu kommt die Sterblichkeit bei den Säuglingen, die Komplikationen und Todesfälle im Wochenbett sowie die unter der Geburt entstandenen bleibenden Schäden. Ich denke, wenn bereits Anthropologen davon sprechen, dass die Kopfgröße des Menschen im Vergleich zu seiner Körpergröße so nie geplant war, dürfen wir uns getrost und ohne Wehmut von dem Gedanken verabschieden, dass „die allermeisten Frauen“ körperlich bestens für eine Geburt gerüstet sind. Versteh mich nicht falsch, wie ich auch in meinem Blogpost mehrfach betont habe, ist die Arbeit der Hebamme selbst bei Kaiserschnitten immer noch die wichtigste. Nach zwei Spontangeburten kam das dritte Kind per NKS auf die Welt – ohne meine mitfühlende, mich bestärkende und begleitende Hebamme wäre das vermutlich eine sehr enttäuschende Geburt geworden. Zudem, und das ignorieren wir bei der Debatte, ist die Arbeit der Hebammen ja nicht auf die eigentliche Geburt beschränkt. Entscheidende Arbeit findet vor und nach der Geburt statt. Ich würde mir wünschen, dass wir daingehend ein weing mehr Pragmatismus an den Tag legen. Es ist in meinen Augen falsch, den Müttern zu erzählen, sie hätten alle die körperlichen Voraussetzungen für eine Spontangeburt. Erst aus dieser Haltung heraus sind die Frauen später enttäuscht von sich und fangen an, sich und die „Leistung“ des eigenen Körpers zu vergleichen. Ich denke nicht, dass es einen Einfluss auf die Zahlen hat, wenn man Erstgebärenden vermittelt, dass eben nicht jeder Körper darauf angelegt ist. Und dass das nicht schlimm ist. Die meisten Frauen würden doch bei den Vorteilen der Spontangeburt dennoch alles versuchen, um das Kind normal auf die Welt zu bringen. Vielleicht würde man aber Enttäuschung, Trauer und Wut etwas abfangen, wenn man dahingehend eine pragmatische Haltung einnimmt.

Zweiter Punkt: Während ich nur unterstützen kann, dass sich die aufgeregten Stimmen wieder etwas beruhigen, bin ich nach wie vor entsetzt über den Namen des Projektes. Ich kann auch nach den vielen guten Blogbeiträgen – auf die in diesem Buch ja leider nicht hingewiesen werden wird – die Nachricht, die der Titel transportiert, nicht unter „ist ja alles nicht so schlimm“ fassen und die Sache vergessen. Es enttäuscht mich, dass meine Theorie stimmte und Deine Kollegin weiter oben schrieb, das Buch käme im Mai heraus. Was auch der Grund ist, dass sie konstruktive Kritik auf ihrem Blog nicht zulässt – ich kenne mittlerweile mehrere Kommentare, die sie nicht freigeschaltet hat. Schön, wenn wir uns einig sind, dass der Titel mindestens sehr unglücklich gewählt ist. Aber hat irgend jemand mal an die zukünftigen Käuferinnen gedacht?

Ich bin immer noch entsetzt, dass hier offenbar erstgebärende Frauen für eine politische Aussage instrumentalisiert werden, die doch gar keiner in Frage gestellt hat, nämlich die Wichtigkeit der Hebammen. Und das unter dem, wie Du selbst schreibst, exkludierenden und dennoch alle nicht-Mitgemeinten betreffenden Titel. Nun müssen diese Frauen genau durch diese Diskussion, die wir hier führen. Im schlimmsten Fall sind sie dabei allein. Hat daran mal jemand gedacht?

Wie ich schrieb, ich finde Deinen Artikel toll. Eine Hebamme, die das mit der selbstbestimmten Geburt so erläutert, wünsche ich möglichst allen Frauen, denen dieses Buch ab Ende Mai in die Hände fällt.

Antworten
Kari 4. April 2014 - 10:49

Hallo Juna,

ich habe eben Deinen Beitrag gelesen und möchte auf Deinen ersten Kritikpunkt einmal genauer eingehen.

Nämlich zunächst einmal dass Du gelesen hast, dass in Entwicklungsländern jede 8. Mutter bei der Geburt stirbt.

Diese Zahl ist aus meiner Sicht viel zu hoch gegriffen (evtl Quelle nennen) und trifft vor allem nicht auf Geburten zu.

Denn, es geht dabei um Müttersterbefälle, nicht um Todesfälle während der Geburt. Das heißt, darunter fallen Frauen, die halb verhungert bereits während der Schwangerschaft versterben, Mütter, die bei Fehlgeburten verbluten, Mütter, die an Malaria versterben, die vergewaltigt werden, die unterernährt sind, die an Schwangerschaftsvergiftung sterben, die an schlecht gemachten Schwangerschaftsabbrüchen sterben, die während der Geburt versterben, die im Wochenbett z.b. an Infektionen sterben, die verbluten nach der Geburt usw.

Das liegt dann nicht daran, dass unser weiblicher Körper bei einigen Frauen für Schwangerschaft und Geburt nicht gemacht ist, sondern es liegt daran, dass die Lebensumstände der Frauen katastrophal sind und überhaupt keine medizinsiche Versorgung im Umkreis von hunderten von Kilometern vorhanden ist. Zumeist kommt dazu noch Hunger und/oder Krieg.

Diese Verhältnisse lassen sich demnach überhaupt nicht auf Mitteleuropa übertragen.

Dein Argument, man würde den Frauen die einen Kaiserschnitt hatten, ein schlechtes Gewissen oder Schuldgefühle einreden, wenn man sagt, grundsätzlich ist jeder Körper für die Geburt gemacht, das möchte ich einmal ein bisschen auseinander nehmen.

Zum Ersten: die heutige Kaiserschnittrate ist nur noch maximal zur Hälfte medizinsichen Gründen geschuldet. die Who hat vor einigen Jahren ein Statement veröffentlicht, wonach max. 10-15% aller Geburten eines Kaiserschnittes bedürfen. Wenn es zu mehr Kaiserschnitten käme, würden die Nachteile, sprich möglichen Komplikationen, die Vorteile für Mutter und Kind wieder zu Nichte machen.

Die Bertelsmann Studie, die im Jahr 2012 veröffentlicht wurde hat gezeigt, dass sehr viele Kaiserschnitte heute gar nicht mehr aus medizinischen Gründen durchgeführt werden, sondern aus strukturellen Gründen.

So haben vor allem Belegkliniken, die eher ein gesundes weibliches Klientel haben (die schwierigen Fälle landen ja in den Unikliniken) überdurchschnittlich hohe Kaiserschnittraten.
Man weiß ausserdem, dass viele Kaiserschnitte durchgeführt werden, weil sich so die Ressourchen besser auslasten lassen. Es kostet mehr für eine Klinik einen Kreissaal stundenlang vorzuhalten mit Personal, als kurz mal den OP zu buchen. Auch juristische und forensische Erwägungen spielen heute eine Rolle.

Dies alles hat nichts mit der Gebärfähigkeit von Frauen zu tun.

Im Gegenteil, werden Mütter heute durch die vielen Vorsorgeuntersuchungen oft sehr stark verunsichert. Bei vielen Frauen ist die Schwangerschaft bereits durch Ängste geprägt und diese Frauen trauen sich die Geburt dann oft nicht mehr zu. Da kann so eine Aussage, wie „der Körper jeder Frau ist perfekt zum Gebären geschaffen“ auch viele Ängste nehmen und Verkrampfungen lösen.

Und es ist mir zu einfach , zu sagen, dass eben der Körper vieler Frauen doch nicht dafür geeignet ist. Damit gibt man nämlich indirekt der Frau doch die Schuld am Kaiserschnitt. nicht mehr nach dem Motto, du hast Dich eben nicht genug angestrengt, Du hast es nicht geschafft, sondern jetzt nicht minder perfide „Dein Körper ist ungeeigent“

Ist das denn besser?

In keinem einzigen Blog werden die Rahmenbedingungen, unter denen Frauen heute gebären(müssen) einmal ausgeleuchtet.

Das das Umfeld heute teils natürliche Geburten gar nicht mehr zulässt, dass Frauen während der Geburt komplett ihre Selbstbestimmung verlieren, weil man ihnen jegliches Mitspracherecht abspricht, wird nirgens thematisiert.

Es ist NICHT die Schuld einer Frau, wenn sie einen Kaiserschnitt oder eine anderweitig unschöne Geburt erlebt. Es ist auch kein „Verdienst“ wenn alles prima geklappt hat.

Oft ist es eine gute Vorbereitung, oft aber nur glückliche Fügung, dass man an kompetente Ärzte und Hebammen gerät.

In vielen Fällen gibt es unnötige Eingriffe in den Ablauf der Geburt. Viele dieser Eingriffe ziehen im Sinne einer Interventionskaskade weitere Eingriffe nach sich und irgendwann geht gar nichts mehr.

Beispiel: Mutter und Kind sind nach längerer Wehenarbeit erschöpft. Eigentlich müssten sie jetzt mal schlafen. Also lassen die Wehen nach. Geht das stundenlang im Kreisssaal ? Nein. Der enkräfteten Frau wird ein Wehentropf angehängt. Es muss ja schließlich weitergehen mit der Geburt, die als linearer Prozeß angesehen wird, was sie nicht ist.

Jetzt steigt das Kind aus, seine Herztöne gehen in den Keller. Und was folgt? Notkaiserschnitt.
So, und wer ist jetzt „Schuld“? der für die Geburt nicht gemachte Körper der Frau? Das Kind? Hat sie sich nicht genug angestrengt?

In der Wehen -Situation kann das niemand beurteilen oder gar darüber diskutieren. Aber warum wird dieses Management von den wenigsten Frauen nicht einmal hinterfragt?

Warum werden die vielen oft unnötigen Eingriffe in Kliniken nicht kritisiert, sondern die Frauen geben sich selbst die Schuld, wenn es nicht geklappt hat.

viele Frauen regen sich über die jeweils andere auf und merken dabei gar nicht, das sie eigentlich alle im gleichen Boot sitzen.

Antworten
ClaudiaBerlin 4. April 2014 - 23:11

Hallo Kari,

wer ist es denn, der den Wehentropf verordnet / aufzwingt, wenn eigentlich nur mal eine Schlafpause angesagt wäre? Ich frage, weil ich grade in einer Sendung gehört habe, dass gesetzlich vorgeschrieben sei, dass nur Hebammen entbinden dürfen – Ärzte nur im Notfall.

Antworten
Kari 5. April 2014 - 16:05

Hi Claudia,

es stimmt, was Du gehört hast. Ärzte müssen zur Geburt IMMER eine Heabmme hinzuziehen, ausser im Notfall.

Aber in Kliniken sind die Ärzte den Hebammen weisungsbefugt. Es ist in Kliniken so, dass der für den Kreissaal zuständige Arzt ja immer mal nach dem Rechten sieht, meist hat er ja nebenbei auch noch in der Ambulanz zu tun. Oder er /sie wird gerufen, weil der Hebamme irgendwas komisch vorkommt.
Das unterscheidet sich auch nach der Erfahrung der Hebamme. Und dann werden die einzelnen Kreissäle mit dem Arzt besprochen. z.B. Frau W, 31-jährige ERstgebärende, heute Termin +3 Tage kam heute morgen mit regelmäßigen Wehen. Bisher wenig Geburtsfortschritt, Muttermund auf 3 cm, seit zwei Stunden haben die Wehen nachgelassen. Tja und je nach Philosophie der Klinik heißt es dann: „häng doch mal einen wehentropf an“ obwohl die Frau vielleicht die ganze nacht nur Vorwehen hatte und wie z.B. bei mir es erst in der näcshten Nacht hätte von natur aus weitergehen sollen.
Mit anderen Worten, es ist die Philosophie der Klinik, was passiert und die Hebamme hat nur bedingt Einfluss. Es gibt sogar eine Klinik, die ich persönlich kenne (Bekannte von mir arbeitet dort) , wo die Hebammen angehalten sind, einer Frau wenn nach 5 Stunden Wehen das Kind noch nicht da ist, einen Kaiserschnitt vorzuschlagen.
Das Problem ist die Haltung von KLiniken und Ärzten.
Es kann nicht sein, dass die „Natürliche Geburt “ über alles gestellt wird, aber im Klinikalltag alles dafür getan wird, genau das möglichst qualvoll zu gestelten, bzw. durch geeingente Maßnahmen von vornherein zu unterbinden um die Frauen hinterher zu sagen „Sie haben leider ein so enges Becken, bei Ihnen konnte das nicht klappen“, obwohl die Frau für die Geburt einfach nur Zeit, Ruhe und Geborgenheit gebraucht hätte (alles schon mehrfach erlebt).

Anders ist es in so genannte Hebammengeleiteten Kreissälen, da haben die Heabmmen trotz Klinik das Sagen und dort sind auch die Kaiserschnitt- und Interventionsraten viel niedriger, wie ja auch bei Hausgeburten und Geburtshausgeburten (Klinikverlegungen eingerechnet) weil Frauen in diesem Setting einfach mehr in Ruhe gelassen werden.

Antworten
ehrlichgesagt 2. April 2014 - 10:00

Danke für diesen Text, der ganz genau meinen Erfahrungen mit drei Schwangerschaften und Geburten entspricht und mir aus dem Herzen spricht!

Antworten
Frische Brise 2. April 2014 - 09:50

Danke.

Dass es tatsächlich SO wenige Geburten gibt, die überhaupt noch interventionslos verlaufen, macht mich gerade ein bisschen sprachlos.

Antworten
Ute T. 1. April 2014 - 23:13

Danke für diesen wunderbaren Text!

Als Mutter von drei Kindern, von denen das dritte Kind nach zwei Kaiserschnitten spontan zur Welt kam und als Autorin des Buches „Meine Wunschgeburt-Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt“ kann ich hier jeden Satz unterschreiben.

Ich hoffe, dass bald wieder mehr Frauen wirklich selbstbestimmt und unverletzt durch die Geburt gehen können.

Antworten
Anna 1. April 2014 - 17:39

Liebe Anja, vielen Dank für diesen Artikel! Du hast sehr schön auf den Punkt gebracht, was meine Motivation für das Buchprojekt ist. Ich denke mit etwas Geduld und Vertrauen werden sich viele der in diesen Tagen geäußerten Vermutungen die von Spaltung und Bewertung verschiedener Geburtsverläufe ausgehen, erübrigen. Da das Buch Ende Mai erscheint, bin ich selbst komplett eingebunden in die Fertigstellung. Danke, dass Du mit Deinem Artikel zur Verständigung beiträgst.

Antworten
Katharina B. 1. April 2014 - 15:55

Danke für den Text!
Und nur damit es auch hier noch gesagt ist: Gerade dann, wenn es nicht läuft wie geplant, ist menschliche und fachliche Betreuung durch eine kompetente Vertrauensperson (Hebamme oder wenn keine vorhanden, Doula) noch viel wichtiger, als wenn es „wie geschmiert“ geht.

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