Der letzte Hausbesuch als Hebamme

von Anja

Nun sind es nur noch wenige Wochen, bis unser Baby kommt und vor wenigen Tagen habe ich den letzten Hausbesuch gemacht. Ein letztes Mal habe ich nach Mutter und Kind geschaut und ihnen bestätigt, dass alles in Ordnung ist und den vorbereiteten Zettel mit den Fragen der Eltern durchgegangen. Dann habe ich die Kontaktdaten meiner Vertretungskollegin dortgelassen und diesen letzten Hausbesuch für längere Zeit beendet…

Da auch die Haftpflichtprämien für die Hebammentätigkeit ohne Geburtshilfe ordentlich gestiegen sind, lohnt sich mittlerweile selbst der Aufwand, sich für einen kürzeren Zeitraum von der Versicherung abzumelden. In den früheren Babypausen habe ich diese einfach immer weiterlaufen lassen und war somit automatisch versichert, wenn ich (meist nach fünf, sechs Monaten) zumindest wieder ein wenig mit der Hebammenarbeit begonnen habe.
Das jetzige Abmelden führt aber zumindest auch dazu, sich noch etwas Mutterschutzzeit zu verschaffen, die man ja als Selbständige sonst nicht hat. Andere Tätigkeiten laufen zwar noch weiter, aber mit der Hebammenarbeit ist nun erst einmal Schluss. In den nächsten Tagen werde ich meinen Hebammenkoffer aufräumen, die restliche Dokumentation abheften und die letzten Rechnungen schreiben. Auch wenn ich mich auf die Pause freue, ist auch ein bisschen Wehmut dabei. Gerade in diesem Jahr, wo so viel Nachfrage bei allen Kolleginnen vorhanden ist und jede Hebamme, die nicht arbeitet, fehlen wird – selbst wenn sie nur wenige Betreuungen im Monat macht.

Die suchenden Eltern probieren es trotzdem

Dass die Not der Frauen groß ist, merke ich auch daran, dass die Anfragen nicht zurückgehen, obwohl meine Homepage als auch mein Anrufbeantworter schon seit ein paar Wochen sagen, dass ich niemanden mehr annehme. Ich habe unlängst die Nachricht auf meiner Website sogar in 18-Punkt-Schrift vergrößert. Die suchenden Eltern probieren es trotzdem, bei mir genauso wie bei den zum Teil über dreißig Hebammen, die sie zuvor bereits kontaktiert hatten.

Manchmal, wenn ich gerade selbst einen Termin bei meiner Hebamme hatte, verspüre ich fast sowas wie ein schlechtes Gewissen, wenn dann wieder eine verzweifelt klingende Anfrage kommt. Denn ich merke auch jetzt beim vierten Kind wieder, wie gut mir und meinem Baby die Hebammenbegleitung tut. Mit jedem Kind gibt es neue Fragen und auch immer mal Sorgen, die Antworten oder Zuspruch brauchen. Bei unserem ersten Kind habe ich wohl noch am meisten versucht, selbst die Hebamme für mich zu sein. Mit jeder weiteren Schwangerschaft fiel es mir leichter, diese Rolle an meine Kolleginnen abzugeben. Und das ist gut so.

Doch jetzt ganz aktuell fällt es mir gar nicht so leicht, beruflich meine Rolle abzugeben. Natürlich ist man wahrscheinlich zumindest thematisch auch in der eigenen Babypause nie komplett raus. Auch hier auf dem Blog werde ich weiter über Hebammenthemen schreiben. Aber die unmittelbare Begleitung von Frauen und Kindern fällt nun eine Zeit lang weg. Und das mit dem Wissen, dass der Bedarf da draußen hoch ist und weiter wächst. Aber alles geht nun mal nicht auf einmal – und gerade in diesen Zeiten müssen wir als Hebammen wahrscheinlich mehr denn je auch gut auf uns achten. Ich kenne mittlerweile so viele Kolleginnen, die nach einem Burnout aus kompletter Überarbeitung resultierend nie wieder in den Beruf zurückgekehrt sind. Sicherlich drastisch aber auch mit ein Grund, warum die Verweildauer im Beruf bei Hebammen vergleichsweise kurz ist. Es ist also ganz persönlich bestimmt richtig, nun den Hebammenkoffer eine Zeit lang in die Ecke zu stellen – wenn auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

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1 Kommentar

Marion 1. März 2017 - 17:36

Lange schon mitgelesen, lange mitgefreut! Ich wünsche dir eine schöne “Mutterschutzzeit“ und alles Beste für deine Familie und den Zuwachs! Fühl dich unbekannterweise fest gedrückt. Ich glaube, es ist eine Kunst, in deinem Beruf auf sich selbst zu achten. Und das ist so wichtig! Liebe Grüße und ein dickes Danke für euren Blog! Marion

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