Die erste Woche Wochenbett: viel Wäsche, viel Wunder

von Christian

Wochenbett, viertes Kind. In kurzen Worten: viel Wäsche, viel Wunder. In langen Worten könnte ich hier seitenlang darüber schreiben, wie sehr ich auch dieses Kind schon liebe. Es hat mein Herz ebenso im Sturm erobert wie die anderen und sich ohnehin schon vorher seinen eigenen Platz im meinem Herzen. Dieser Text also soll eher ein grober Umriss sein, was mir aus Sicht des Vaters passiert ist bisher. In kurzen Worten, denn eines fehlt immer im Leben mit mehreren Kindern: Zeit.

Montag: Der Tag nach der Geburt

Montag, erster Tag der Elternzeit, erster Tag nach der Geburt. Die Nacht war aufgeregt unruhig, weil der Kleinste sich nach der Geburt seiner kleinen Schwester als großer Bruder abends nochmal eben vom Hochbett „stürzen“ musste. Ein Schrei, fünf Minuten Weinen und das Bein ließ sich nicht mehr gerade durchstrecken. Es folgt ein nächtlicher Anruf bei einer Freundin und Kinderärztin, die müde und nachsichtig den Schock mildert und nach zur Verfügung stehenden Infos beruhigte. Hinlegen, Schonhaltung lassen, im Regelfall morgen wieder gut, sagt sie. Und sollte recht behalten. Toll, solche tollen Freunde zu haben.

Anja hat nachts vor positiver Aufregung kaum geschlafen, ich hab mit dem Söhnchen im riesengroßen Familienbett gepennt. Und bis auf zweimaliges Aufstehen, um Anja irgendwas kurz zu bringen, geschlafen. Aufstehen war um 6.45 Uhr angesagt, die Kids haben Schule und wollten unbedingt hin und allen von ihrem neuen Schwesterchen erzählen.

Also auf in die morgendliche Brotdosen-Produktion, Gemüse und Obst schneiden, schnell zwei Stullen schmieren. Netterweise hat eines der großen Mädchen Croissants gekauft fürs Frühstück für alle. Schnell noch einen Kaffee aufgebrüht und dann dem Kleinen beim Superhelden-Spielen zugehört, während Anja und ich die Kleinste bestaunen, die ruhig an der Brust Muttermilch trinkt. So eine großartige Sache, dass man nach einer Hausgeburt einfach da bleiben kann, wo man sich ohnehin am wohlsten fühlt.

Alles ist fein, ein großes Glück

Ich bringe den Kleinen um kurz nach Neun in den Kinderladen, obwohl ein Freund ihn eigentlich mitnehmen wollte. Aber er wollte lieber von Papa gebracht werden – und da es Anja sehr gut geht, bin ich kurz rumgefahren. Wieder zuhause versuche ich, die etwas im Chaos erstickte Wohnung zu ordnen, was mir wegen Baby-Bestaunen aber schwer fällt. Dennoch hat die Hausgeburt selbst eigentlich keine Spuren hinterlassen. Ich habe eine Yogamatte abgewaschen und zwei ältere Handtücher weggeschmissen mit dem Beutel mit den Verbrauchsmaterialien.

Um kurz vor Elf kommt eine liebe Freundin und gleichzeitig die Patin für einen kleinen Besuch rum. Sie hat ein fröhliches Lächeln und ein dickes Frühstück im Gepäck. Perfekt. Anja liegt auf dem Sofa, das Baby neben ihr und stillt. Die Sonne scheint durchs Fenster und wir sind glücklich, dass alles so gekommen ist, wie es gekommen ist (dazu an anderer Stelle nochmal mehr). Wir trinken Kaffee und essen und reden. Danach ruhen wir uns auf dem Sofa aus und verbringen den Nachmittag zwischen Baby-Schauen und essen, Wechseln von Unterlagen (so eine Geburt ist natürlich für ein Frau körperlich eine spürbare Sache im Nachhinein) und Waschen von Wäsche. Immer wieder lege ich mir die Kleine auf meine Brust, wenn Anja mal aufstehen und ins Bad muss. Primär aber soll sie liegen und sich regenerieren, außerdem braucht der Körper Kraft für die Rückbildung und das Stillen.

Dann hole ich den Kleinen aus der Kita und spätnachmittags kommen Schulkinder und Hebamme fast zeitgleich bei uns an. Alles ist fein, ein großes Glück. Wir bestellen Pizza, bestaunen das Baby und schlafen recht früh alle etwas unruhig und bezaubert ein. Die Nacht ist ruhig, die Kleine stillt viel und frühmorgens schläft Anja sogar fast drei Stunden.

Dienstag: ankommen und organisieren

Nach einer ruhigen Nacht stehe ich morgens auf und mache Brotboxen, wie jeden Tag auch vor der Geburt. Anja kümmert sich schon immer eher um die Nächte mit den Kids, während ich morgens aufstehe. Weil ich vergessen habe, Brot zu kaufen, muss ich noch schnell Brötchen holen. Irgendwie gibt dieses Ereignis den Takt für den Tag vor. Ich fahre den Kleinen zum Kinderladen und gehe im Vorbeifahren einkaufen.

Die Kleine zuhause ist entspannt, während ich versuche, zwischen Wunder und Wäsche einen halbwegs kühlen Kopf zu behalten. Ich gehe schnell in die Drogerie um die Ecke einkaufen, weil ein paar essenzielle Dinge fehlen. Dann koche ich uns Mittagessen und nutze den Mittagsschlaf von Anja dazu, ein paar E-Mails zu schreiben und ein bisschen digital zu prokrastinieren. Allerdings nur bis der Blick auf den kleinen Stapel Papier fällt, den zum finalen Ausfüllen vorbereiteten, zum Glück schon zu guten Teilen vorbereiteten Elterngeldantrag. Der gibt mir leider auch unmissverständlich zu verstehen, dass ich das Baby noch anmelden muss und die Bescheinigung vom Arbeitgeber zum Elterngeld auch noch brauche. Womit gleich die nächsten Aufgaben feststehen: noch eine E-Mail und der Besuch beim Standesamt in Pankow.

Wochenbett eine wichtige Ruhephase

Mittags fahre ich aufs Amt – und rechne schon mit einer langen Wartezeit, weil man vorab für die Anmeldung eines Kindes keine Termine buchen kann. Allerdings komme ich sofort dran, nachdem ich die verwirrende Nebenmission aus zu entziffernden Türschildern in unterschiedlichen Schrifttypen und Ordnungssystemen erfolgreich erledigt habe. Es wartet aber schon die nächste Mission in Person einer ordentlichen Amtsperson, von der ich mich kurz wegen einer angeblich unzulänglichen Geburtsmeldung unserer Hebamme belehren lasse, nehme dann meine Geburtsurkunden nach knapp 15 Minuten natürlich doch mit und düse wieder nach Hause.

Nun noch schnell den kleinen Sohn aus dem Kinderladen einsammeln und dann etwas später am Nachmittag die Töchter vom Capoeira-Training abholen, um eine von ihnen kurze Zeit danach zum Gitarrenunterricht zu bringen. Dieser Terminstress an dem Tag hat zum Glück bald ein Ende, weil das eine Training auf einen anderen Tag verlegt werden kann.

Am Abend sind alle geschafft: Anja vom Stillen und Auskurieren, ich vom Organisieren und Haushalt schmeißen. Natürlich mache ich nebenbei trotzdem noch die x-te Flasche mit Schorle für Anja fertig, damit sie trinkt und liegen bleibt. Denn auch wenn diese Hausgeburt schnell und problemlos verlief und es Anja wirklich sehr gut geht, ist das Wochenbett eine wichtige Ruhephase, die nicht ohne Grund die Wortbestandteile Wochen und Bett enthält (letzteres darf aber auch gegen Sofa oder Couch getauscht werden). Ich schlafe mit dem Söhnchen beim Zubettgehen ein, wache irgendwann mitternachts auf und wickele mit Anja zusammen nochmal das bezaubernde Babytöchterchen, bevor wir uns für die Nacht ablegen.

Mittwoch: Piekser in den Fuß

Wieder gut geschlafen, wieder eine ruhige Nacht. Wieder Brotboxen, wieder Kita-Bringen, heute schaffe ich es tatsächlich, noch eine kurze Runde Laufen im Park dranzuhängen. Den Kopf durchpusten, das ist wichtig. Danach fahre ich mit frischen Brötchen nach Hause, wir frühstücken und bewundern das kleine Wunder – und wickeln es. Schon absurd, dass man sich über funktionierende Körperfunktionen freut. Ausziehen, wickeln, anziehen – das wird in den kommenden Monaten eine der Hauptaufgaben werden. Und Wäsche waschen. Ich überlege schon, noch eine zweite Waschmaschine aus unseren Weiße-Ware-Tech-Turm aus Waschmaschine und Trockner zu bauen, aber das wäre wohl zu gefährlich…

Wir genießen dankbar jede Minute davon

Wir freuen uns über den Hausbesuch der Hebamme, die heute Blut abnehmen muss für das Neugeborenenscreening. Aus dem Fuß des Babymädchens. Anja kann das nicht sehen, also nehme ich die Kleine auf dem Arm und stehe den Piekser mit ihr durch. Bis zum Nachmittag schneide ich gefühlt fünf Kilogramm Obst und den Rest des Tages verbringen wir mit Staunen und Haushalt im Wechsel, bis alle Kinder wieder hier sind und das Soundlevel vom ruhigen Wochenbett und ein paar leisen Folgen „Royal Pains“ ins lautstarke Schulkinder-Gebrüll meets Kinderladen-Bariton verändert. Wir genießen dankbar jede Minute davon, abends geht es trotzdem etwas gerädert ins Bett.

Donnerstag: Sandalenkauf

Alles wie Mittwoch, außer das ich noch Sandalen mit den Mädels gekaufen gehe. Nicht meine Lieblingsaufgabe, weil Schuhe kaufen eigentlich nur für mich selbst ein Vergnügen ist. Aber erstaunlicherweise werden wir schell fündig (wie immer das teuerste paar Sandalen, warum kosten die eigentlich 74,99 Euro?!) und machen zur Belohnung noch einen Abstecher in unseren Lieblingssüßigkeitenladen, der auf dem Weg nach Hause liegt. Dort gibt es zwei Wände voller skandinavischer Weingummi- und Lakritz-Spezialitäten, das Geschäft ist Fluch und Segen zugleich. Aber im Wochenbett ist nicht der Moment, über die Reduktion von Zucker nachzudenken.

Freitag: Schulkonzert

Alles wie Mittwoch und Donnerstag. Staunen, Waschen, Obst schnippeln, rumliegen, ausruhen. Mittags fahre ich in die Schule der Tochter, die dort mit dem Chor ein Konzert gibt. Es ist wunderbar, die Kids beim Singen zu bewundern. Es gibt Ronja Räubertochter, finnische Volkweisen und Samba. Abends machen wir wie sonst auch an vielen Freitagen selbst zwei große Pizzen und schauen gemeinsam einen Film. Manchmal denke ich, mein Leben ist auch ein ziemlich schöner Film, dessen Verlauf ich selbst so nicht vorhergesehen habe. Aber es ist der beste Film aller Zeiten bisher.

Samstag und Sonntag: Willkommen in der Großfamilie

Alles wie Mittwoch und Donnerstag und Freitag. Aber mit drei weiteren Kindern, die nicht in der Schule oder dem Kinderladen sind. Dementsprechend bleibt weniger Zeit zum Durchatmen und Ausruhen. Alle wollen tendenziell immer alles auf einmal: Aufmerksamkeit, Hilfe bei Irgendetwas, Zuneigung, Essen. So ist das in einer Großfamilie. Wir versuchen alle, uns gegenseitig zu helfen. Es ist schön so. Es werden im Wochenbett und den Monaten danach noch anstrengende Tage kommen. Wir wissen es, es wird uns trotzdem manches mal kalt erwischen. Aber wir sind zusammen, alle sind gesund – und das ist ein großes Glück. Ein ebenso großes Glück, wie die Möglichkeit zu haben, Elternzeit nehmen zu können, um diese anstrengenden Tage gemeinsam erleben und meistern.

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8 Kommentare

Susanne 5. April 2017 - 11:58

<3 Hach.

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Sulisula 5. April 2017 - 10:39

Ich bin vom Lesen ganz gerührt. So viel Liebe und Wertschätzung.
Viel Freude euch miteinander und schön, dass es dieses Blog gibt.

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Bettina Apelt 5. April 2017 - 09:30

Die Finger…. weiterhin alles, alles Liebe. <3

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Theresa 4. April 2017 - 10:14

Schön, die Perspektive des Mannes zu lesen! Wir haben im September unser 4. Kind bekommen. Da waren wir kurz (zwischen 0 und 3 Uhr)nachts im Geburtshaus für die Geburt, das Wochenbett fühlte sich dann sehr ähnlich an wie hier beschrieben. Eine zauberhafte Zeit! Toll, wenn man als Mutter das Glück hat, den Rücken so freigehalten zu kriegen.

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Elga 3. April 2017 - 23:06

Vielen Dank für den schönen Einblick und das Teilhaben!

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Mama mal 3 3. April 2017 - 22:56

Wir haben nur 3 Kinder hier und unser 3.Baby ist das mit Abstand pflegeleichteste. Und dennoch bleibt kaum Zeit für die Grossen, das merkt man schon und das tut mir auch sehr leid. Ich kann nur hoffen, dass die Kinder vergessen, dass wir Ihnen hier monatelang nicht viel Aufmerksamkeit schenken konnten…

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Veronika 3. April 2017 - 20:04

Soooo schön! Dein Text ist dann ja doch ziemlich lang geworden, Christian.
Ich wünsche Euch weiterhin eine tolle Familien-Wochenbettzeit! Bei Eurem Freundeskreis mache ich mir keine Sorgen, dass „mothering the mother“ und vielleicht auch „fathering the father“ auf der Strecke bleibt.
Alles Liebe aus der Schweiz, Veronika

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Paula 3. April 2017 - 19:57

Wundervoll!
Hochachtung vor eurem Mut und viel Glück für euch alle!

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