Eine eigene Geburtsgeschichte

von Anja

Die Geburt des eigenen Kindes beschreiben die meisten Eltern als das wohl eindrucksvollste und emotionalste Erlebnis in ihrem Leben. Aber auch das Begleiten einer Geburt berührt auf besondere Weise. Und selbst das Lesen darüber. Deshalb lesen viele Menschen gerne die Geburtsgeschichten von anderen. Aber Geburten sind nicht immer nur romantisch und schön. Nicht selten geht es existentiell um das Wohlergehen von Mutter und Kind, ob auf körperlicher oder emotionaler Ebene. Die wunderschönen Geburtsberichte berühren ebenso wie die eher traumatischen Geschichten. Ganz besonders tun sie das aber, wenn wir selbst gerade ein Kind erwarten.

Zu viele „nur schöne Berichte“ setzen vielleicht manche Schwangere unter Druck, dass alles perfekt laufen müsse. Negative Berichte wiederum können Angst machen. Deshalb ist es vielleicht am besten, in dieser Zeit keinerlei Geburtsberichte von anderen Frauen zu hören oder zu lesen. Doch manchmal kann man sich dem gar nicht so einfach entziehen, weil man zum Beispiel beruflich damit konfrontiert wird. Ich habe in allen Schwangerschaften auch als Hebamme gearbeitet und viele erlebte und gehörte Geschichten haben in dieser Zeit ganz anders in mir gearbeitet als sonst.

Zu viel zu hören und zu lesen

Es hat mir persönlich in dieser besonderen Zeit immer geholfen, mir selbst zu versichern, dass weder die eine noch die andere Version etwas mit mir selbst zu tun. Jede Frau und jedes Kind schreiben ihre eigene Geburtsgeschichte. Und selbst dann, wenn die gleiche Mutter mehrere Kinder bekommt, wird es jedes Mal neu und anders sein. Vielleicht gibt es Ähnlichkeiten im Geburtsverlauf, aber es wird nie genauso sein wie beim vorherigen Mal. Und oft half es mir auch, mir immer wieder klar zu machen, dass schwere Schwangerschaftsverläufe oder Geburten nicht „ansteckend“ sind. Es gibt gerade im Hebammenleben durchaus immer mal Phasen, in denen man das Gefühl hat, jede Frau kommt mit einer anderen Horrorgeschichte um die Ecke. Aber man darf trotzdem weiter guter Hoffnung sein, dass bei einem selbst alles gut werden wird. Oft zieht dieses Denken dann auch automatisch mehr Positives in den Fokus.

Deshalb kann man – wenn man den überhaupt möchte – die Geburtsberichte anderer Frauen ganz losgelöst von sich selbst hören und lesen. Die eigene Geburtsgeschichte hat nichts damit zu tun und wird erst noch ganz neu geschrieben. Wenn man aber spürt, dass es einem nicht gut tut, zu viel zu hören und zu lesen, sollte man es nach Möglichkeit einfach ganz vermeiden und sich nicht scheuen, dies auch deutlich zu sagen.

Manchmal ist so ein schwangerer Bauch ja geradezu eine Einladung, dass einem auch ungebeten allerlei zum Thema Geburt erzählt wird. Man darf und sollte die Geschichtenerzähler dann höflich stoppen und um andere Gesprächsthemen bitten. Gut für sich und sein Kind zu sorgen, fängt immer im Kleinen an. Primär Bücher und Texte zu lesen und zu hören, die einem gut tun, das ist eine gute und gesunde Selbstfürsorge. Schwangere Frauen sollten stets guter Hoffnung sein und auch so in ihre eigene Geburt gehen dürfen.

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2 Kommentare

Ann 5. September 2016 - 15:20

Ich würde meine Geburtsheschichte gerne mal aufschreiben. Auch wenn die Geburt schon fünf Monte her ist, ist die Erinnerung gewaltig und mit aufreibenden Gefühlen verbunden. Ich denke genauso wortgewaltig würde dann auch mein Geburtsbericht aussehen. Wortgewaltig auch, weil ich immernoch mit den Folgen zu tun habe und weil die Geburt das Heftigste war, was ich erlebt habe. Mein Körper war davor noch nie so versehrt, so kaputt gewesen. In 5 Jahren sähe der Bericht sicher ganz anders aus. Und in 15 Jahren noch mal ganz anders.

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Katharina 5. September 2016 - 09:34

Schön geschrieben! Ich sehe das genau so. Ich lese und höre sehr gern Geburtsgeschichten, unabhängig vom Ausgang und auch in allen Schwangerschaften. Ich habe von Anfang an keine Verbindung zu meiner eigenen Geschichte hergestellt. Und wenn ich mir Geschichten anderer Frauen anhöre, dann möchte ich mich auch mit ihnen darüber unterhalten. Dann stehen auch schwere Geschichten niht allein im Raum und den meisten Frauen tat es gut, alles (nochmal) sagen zu können, ohne dass sie an Angstmache o.ä. denken mussten.

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