Fehlgeburten, Verarbeitung

Fehlgeburt – denkst du noch daran?

von Anja

Vor kurzem wurde ich gefragt, ob ich manchmal noch daran denke, ein Kind in der 12. Schwangerschaftswoche verloren zu haben. Erst fand ich diese Frage nach der Fehlgeburt etwas merkwürdig, vielleicht auch respektlos. Aber tatsächlich hat sich das daran denken mit den Jahren, die seitdem vergangen sind, wirklich verändert.

In der Situation selbst ist es zunächst unvorstellbar, jemals wieder nicht daran zu denken. Später, wenn die Trauer oder die Wut eher in Wellen kamen, konnte ich mir nicht vorstellen, daran zu denken, ohne einen großen Schmerz zu spüren. Aber auch das hat sich verändert.

Natürlich spielt es auch immer ein große Rolle, ob nach einer Fehlgeburt noch Kinder nachkommen. Es geht dabei nicht darum, dass das nachfolgende Kind das andere ersetzt. Aber dieses Kind gibt einer Frau meist viel Vertrauen in den eigenen Körper zurück. Und es zeigt der ganzen Familie und einem allein so deutlich, dass das Leben weiter geht. Sicherlich wäre ich sonst wesentlich länger in einer tieferen Trauer hängen geblieben.

Aus dem Tunnel wieder rauskommen

Aber es wird nie so sein, dass ich nicht mehr an dieses Kind denke, was nur wenige Monate hier bei uns war. Dieses Kind, das dennoch so präsent in unserem Alltag war – von Anfang an. Genau wie seine vier Geschwister es ab dem zweiten Strich auf dem Teststreifen waren. Denn auch mit diesem Kind gab es eine geplante Zukunft, die mit jedem schwangeren Tag konkreter wurde. Und die dann doch so jäh zu Ende ging.

Mit der Fehlgeburt ist diese gewünschte Zukunft nicht plötzlich egal. Man muss Abschied davon nehmen. Das braucht Zeit und Kraft. Auch viele Jahre später denkt man immer wieder mal daran und fragt sich, wie es wohl gewesen wäre. Wie die Zukunft mit diesem Kind ausgesehen hätte. Ganz rational betrachtet haben die meisten Fehlgeburten einen entwicklungsbedingten Grund (bei 50 bis 70 Prozent werden Chromosomenanomalien nachgewiesen). Und Fehlgeburten kommen wesentlich häufiger vor, als von den meisten Menschen angenommen. Zählt man auch noch die Schwangerschaften mit, die vor dem Ausbleiben der Regelblutung wieder enden, kommt man auf Zahlen von über 50 Prozent aller Schwangerschaften, die frühzeitig enden.

An manchen Tagen sind solche statistischen Denkspiele hilfreich. Viel hilfreicher ist es aber, wenn auch andere Frauen davon erzählen, was ihnen widerfahren ist. Das Gespräch mit meiner Freundin, die selbst zwei Fehlgeburten hatte, war für mich die größte Hilfe und wertvoller als jedes andere tröstend gemeinte Wort. Durch sie wusste ich meine damals vorherrschenden Gefühle einzuordnen. Aber sie war auch gleichzeitig der Lichtblick und die Hoffnung, aus diesem Tunnel wieder rauszukommen.

Die eigene Machtlosigkeit

Nicht selten setzen mit einer Fehlgeburt bei vielen Frauen Versagensgefühle ein oder auch die Befürchtung, durch eigenes Verhalten für die Fehlgeburt verantwortlich zu sein. Hatte ich zu viel Stress oder war es das Glas Wein, dass ich noch vor dem positiven Test getrunken habe? Dieser Gedanke, wenn ich doch dies oder das getan hätte, wäre mein Baby vielleicht noch da, er vervielfacht einfach nur den Schmerz. Schuldgefühle machen es oft noch schwerer, das Geschehen anzunehmen.

Doch darum geht es langfristig: Anzunehmen, was geschehen ist. Denn so sehr man es sich wünscht, man kann nichts tun oder rückgängig machen, wenn sich ein Kind entschieden hat, so früh wieder zu gehen. Diese eigene Machtlosigkeit auszuhalten ist wahnsinnig schwer. Und womöglich einen Sinn dahinter zu sehen, das fällt noch viel schwerer.

Sicherlich reagieren wir Sternenkindermütter nach einer Fehlgeburt anfangs entsprechend genervt oder enttäuscht auf die oft auch nur aus Hilflosigkeit dahin gesagten „Kalendersprüche“. Oft werde ich als Hebamme gefragt, was man betroffenen Frauen in der Situation sagen kann. Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Was gilt: Weniger ist hier oft mehr. Das Dasein und Zuhören ist viel wichtiger. Und oft auch für die betroffenen Angehörigen nicht leicht auszuhalten. Aber das trifft sicherlich auf nahezu alle Verluste zu. Ich glaube nicht, dass es für bestimmte Situationen „richtige“ Worte gibt. Und oft zeigt gerade ein ehrliches „Mir fehlen die Worte“ oder ein „Ich weiß nicht, was ich sagen soll“ die Empathie des Gegenübers.

Von der Trauer zur sanften Melancholie

Auch im Hebammenkontext, in dem die professionelle Distanz den Umgang mit Fehlgeburtssituationen sicherlich etwas leichter gestaltet, ist oft das Raum geben für die Gefühle der Betroffenen wichtiger als konkrete tröstende Worte.

Anfangs denkt man Tag und Nacht an den Verlust. Doch das Denken verändert sich. Und auch die Gefühle dazu verändern sich. Die Trauer von einst ist bei mir eher einer sanften Melancholie gewichen, wenn ich heute an die Fehlgeburt denke.

Ich denke nicht mehr jeden Tag daran, aber immer noch oft genug. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass mir das Thema beruflich weiterhin häufig begegnet. Vielleicht wäre es aber auch unter anderen Umständen so. Ich denke zwar daran, aber es belastet mich nicht mehr. Die Last ist einem Annehmen gewichen. Dieses nicht geborene Kind gehört zu mir und zu meinem Leben. Wie sollte ich das je vergessen?

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7 Kommentare

S 18. Juni 2020 - 16:08

Ich denke im Grunde nicht mehr dran. Zu der Zeit war es für mich schlimm. Es war recht früh und eine ungeplante Schwangerschaft. Ich wusste nur 8 Tage davon. Mittlerweile habe ich 2 Kinder und die Lebensumstände waren jetzt doch viel besser als das sie damals im Studium gewesen wären.

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Linda 4. September 2019 - 21:34

Ich hatte an Ostern diesen Jahres eine Fehlgeburt. Unser tief ersehntes 3. Kind hat uns nach 10 Wochen verlassen. Die Trauer und Verzweiflung traf mich mit solch einer Wucht und Intensität, dass ich dachte, das würde nie wieder vergehen. Nach einigen Wochen traf mich die Verzweiflung und Wut „nur“ noch schubweise, manchmal einige Tage hintereinander nicht. Mittlerweile weine ich nur noch selten. Klingt nach gesellschaftsfähigem Umgang mit meinem Verlust. In Wirklichkeit ist es jetzt viel schrecklicher als in diesen ersten intensiven traurigen Wochen. Die Trauer hat mir ein Loch in den Bauch gebrannt, was ich mit mir trage, jede Minute, was einen dumpfen Schmerz aussendet, der sich auf alles legt. Die Verzweiflung und die Wut sind einem Gefühl von Betrogensein gewichen. Betrogen um die Zukunft mit diesem Kind, betrogen um meine Schwangerschaft. Ich müsste mich jetzt eigentlich beschweren, weil ich nur 2 verschiedene Umstandshosen habe, nicht in meine Lieblingskleider passe, die Schuhe nicht mehr an bekomme, müsste mir Gedanken um die Geburt machen und planen, wer meine beiden Jungs betreuen kann, während mein Partner und ich im Kreißsaal sind. Manchmal spüre ich ein kleines Glücksgefühl und dann wandert meine Hand zum Bauch und da ist nichts. Zurück bleibt nur das Loch. Dazu kommt jeden Monat bei Einsetzen der Regelblutung erneut das Gefühl, der eigene Körper sei mein Feind, denn für ihn ist alles wieder wie vorher, als hätte es mein Baby nie gegeben.

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Sara 2. September 2019 - 01:04

Ich hatte vor 5 Jahren eine Fehlgeburt. Damals tröstete es mich sehr, dass ich bereits Mama eines Kindes war. Ich habe sehr intensiv getrauert, viel über den Verlust meines Babys gesprochen und in meinem engen Freundeskreis viel Empathie erfahren. Meine Chefin schrieb mir in dieser Zeit: „Es tut mir sehr leid, dass dein Baby gestorben ist. „ Mir ist dieser Satz, so klar und direkt er ist, in guter Erinnerung geblieben. Denn genauso fühlte ich es, obwohl mein Baby noch so winzig klein war, als es in der 14. ssw starb. Ich habe inzwischen drei Kinder und ja, auch die Geburten nach meiner Fehlgeburt trugen dazu bei diesen große Verlust zu verarbeiten. Ich denke nicht mehr so häufig wie früher an unser Sternenbaby und besuche nur noch selten das Gemeinschaftsgrab. Aber dieses 4. Kind ist trotzdem irgendwie da in meiner Erinnerung und im Herzen und wenn auch selten empfinde ich doch noch eine ganz schön starke Trauer…. und das empfinde ich auch nicht als schlimm.. es gehört einfach dazu und erinnert mich daran, dass das Leben eben nicht immer einfach ist und ich sehr, sehr dankbar für meine drei gesunden Kinder bin

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Anna 18. August 2019 - 23:46

Danke, dass du das Thema hier immer wieder aufgreifst. Ich bin nach unseren 2 Sternchen jetzt zum dritten Mal schwanger und dieses Mal sind wir ganz sicher, dass wir unser Kind bald auch in den Armen halten dürfen. Ich weiß nie, was ich auf die Frage ‚Ist es das erste Kind?‘ antworten soll. Die anderen beiden waren da, wenn auch nur kurz, und sie sind es immer noch als Teil unserer Geschichte, die uns prägt. Beide haben uns etwas gelehrt und gegeben. Auch wenn ich sehr offen mit dem Thema umgehe, will ich es irgendwie nicht jedem ‚auf die Nase binden‘. Vielleicht eher zum Schutz der anderen als zu meinen Schutz?

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sarah 18. August 2019 - 13:21

Meine erste Schwangerschaft endete in der 8. Woche als Fehlgeburt mit einer Vielzahl an Komplikationen, sodass erst zum errechneten Geburtstermin das meiste überstanden war. Ob ich je Kinder bekommen können würde, konnte mir niemand sagen.
Heute (5 Jahre später) bin ich Mutter zweier Kinder und mit einem 3. Kind schwanger. Ich hatte Glück.
In der Zeit der Trauer hat mich am meisten verletzt, dass mir das Muttersein und meine Trauer abgesprochen wurde. „Das war ja nur ein Zellhaufen“.
Gestützt haben mich Umarmungen ohne Worte, ein „Es tut mir Leid für euch“ und die Erzählungen anderer Frauen, die mir das Gefühl gaben, dass nicht ICH versagt hatte, sondern dass es eine Entscheidung der Natur (des Schicksals whatever) war.

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Petra Bauer 17. August 2019 - 12:56

Ich bin Mutter von fünf Kindern. Zwei davon darf ich beim Aufwachsen begleiten. Vergessen werde ich die anderen nie – aber im Trubel des Alltags ist kein Platz für sie. Dann und wann kommen die Gedanken daran immer hoch. Inzwischen nicht mehr so bitter und hart, eher wehmütig und melancholisch. Unvergessen…..

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Claudia 16. August 2019 - 22:57

Ja, ich denke auch noch daran.
Einen Moment werde ich wohl lange nicht vergessen können.
Ich stand mit meinen zwei Kindern beim karnevalsumzug, eine Freundin mit ihren Kindern stand dabei. Der Pfarrer meiner heimatgemeinde spricht mit meiner Mutter und schaut dann zu mir. Mit einer freudigen Begeisterung im Blick fragt er, sind die vier Kinder alle ihre?
Ich könnte noch lachend verneinen, bevor mir auffiel, dass die Kinder meiner Freundin exakt so alt sind, wie meine Sternchen wären. Ich sah plötzlich vor mir, wie meine Familie aussehen könnte, wenn alle Kinder bei mir geblieben wären. Auch wenn ich genau weiß, dass es dazu nie gekommen wäre, da immer nur zwei Kinder geplant waren, holte der Moment die Trauer nochmal kurz hervor. Vollständig verschwindet dieses Gefühl wohl nie.

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