Fragen an die Hebamme: Wo sind die Geschwister bei der Geburt?

von Anja

Wenn Eltern ein weiteres Baby erwarten, stellt sich natürlich auch die Frage, wo das Geschwisterkind bzw. die Geschwisterkinder während der Geburt sind. Und manchmal auch, ob das Kind bei der Geburt dabei sein könnte. Nicht selten wird dieser Wunsch sogar vom Kind selbst geäußert. Ob das sinnvoll ist, lässt sich nicht einfach so mit Ja oder Nein beantworten, sondern ist von vielen Faktoren abhängig.

Auch der Geburtsort spielt dabei eine große Rolle, da es in vielen Kreißsäalen einfach gar nicht möglich wäre, Geschwisterkinder mitzunehmen. Meist gibt es dort eine Regelung in Bezug auf die Menge an zusätzlichen Begleitpersonen. Und es bräuchte ja mindestens noch eine weitere Person, die für das Kind durchgehend da ist. Manchmal geht es aber auch nur um das Alter. Zudem ist in der Klinik selten nur eine Frau allein im Kreißsaalbereich. Darum haben diese Regelungen auch den Hintergrund, die „Privatsphäre“ der Frauen unter der Geburt zu schützen. Dazu hatte ich auch schon einmal an dieser Stelle etwas geschrieben.

Zudem ist es im Krankenhaus so, dass man meist nur den Kreißsaal zur Verfügung hat und es bei Bedarf keinen weiteren Rückzugsraum für das Geschwisterkind gäbe. Auch kann das Krankenhaus selbst auf ein Kind womöglich beängstigend wirken, einfach weil es eine ganz neue und ungewohnte Umgebung ist. Das heißt nicht, dass es generell nicht möglich wäre, Geschwisterkinder mitzunehmen. Aber man muss auf jeden Fall vorab mit dem Kreißsaalpersonal sprechen, wie die Gegebenheiten vor Ort jeweils aussehen.

Vertraute Bezugsperson für die Kinder

In einem Geburtshaus gibt es meist mehr Optionen, Geschwisterkinder mitzunehmen. Aber auch das ist meist abhängig von der räumlichen Ausstattung. Es gilt hier ebenso, sich mit den betreuenden Hebammen abzusprechen. Zu Hause ist die Anwesenheit der Geschwisterkinder in der Regel am unkompliziertesten. Darum finden in diesem Setting wohl auch die meisten Geburten im Kreise der ganzen Familie statt. Vielen Frauen behagt zudem einfach der Gedanke nicht, mit dem Geburtsbeginn das oder die Geschwister einfach „auszuquartieren“.

Was aber am zentralsten ist, bleibt die Frage, ob es für die Mutter unter der Geburt passend ist, wenn das Geschwisterkind dabei oder in der unmittelbaren Nähe ist. Manchen Frauen fällt es dann einfach schwer, sich voll und ganz auf die Geburt des neuen Babys einzulassen. Das kann sich eventuell hemmend auf die Wehentätigkeit auswirken. Wer im Vorfeld schon merkt, dass dieser Gedanke nicht behagt, sollte sich von Anfang an für eine andere Option entscheiden.

Aber auch unter der Geburt sollte jederzeit die Möglichkeit bestehen, dass das Kind mit einer vertrauten Bezugsperson den Geburtsort verlässt, wenn es der Gebärenden nicht mehr angenehm ist oder sie sich in der Geburtsarbeit gestört fühlt. Wichtig ist es, sich dieses Gefühl auch zu erlauben und das zu äußern, egal wie schön und romantisch vorab die Vorstellungen gewesen sein mögen. Eine Frau darf jederzeit sagen, welche Anwesenheit bei der Geburt für sie gerade passt oder auch nicht.

Ansprechpartner für die Geschwisterkinder unter der Geburt

Genauso darf und soll sich ein Geschwisterkind zurückziehen können, wenn ihm die Situation nicht behagt. Je nach Alter des Kindes wird es das einfach sagen können. Oder eine einfühlsame Bezugsperson wird es rechtzeitig erkennen. Auch aus diesem Grund ist es ganz wichtig, dass unter der Geburt jemand ausschließlich für das Kind oder die Kinder präsent ist. Eine Person, die vertraut ist und entspannt mit der Situation Geburt umgehen kann. Das gilt gerade dann, wenn im seltenen Fall eventuelle Komplikationen auftreten. Oder wenn vielleicht eine Verlegung von einem außerklinischen Geburtsort ins Krankenhaus erforderlich ist. Schnell denkt man hier an den Vater. Aber in der Regel wünschen sich die Frauen unter der Geburt, dass dieser auch für sie da ist. Und die Doppelrolle funktioniert nicht, so dass der Vater weder Kind noch Frau gerecht werden würde.

Für manche Frauen ist aber auch die zusätzliche Anwesenheit einer Freundin das Richtige. Oder sie fühlen sich einfach „allein“ mit ihrer Hebamme am wohlsten. Dann kann natürlich auch der Vater der Hauptansprechpartner für die Geschwisterkinder unter der Geburt sein. All dies sollte man aber vorab möglichst klar festlegen, da mit Wehenbeginn oft keine guten Entscheidungen mehr umgesetzt werden können. Denn natürlich begibt sich auch die Bezugsperson für die Kinder in eine Art Rufbereitschaft. Da niemand weiß, wann es denn nun wirklich losgeht, ist es in der Regel nicht spontan möglich, mal eben jemanden nach Hilfe zu fragen.

Auch für die Kinder ist es wichtig zu wissen, wer sie an diesem besonderen Tag begleiten wird. Auch wenn nicht geplant ist, dass das Geschwisterkind bei der Geburt anwesend ist, so ist es doch wichtig, dass es vorab weiß, dass dann die Oma, Freundin oder Nachbarin kommt und dieses oder jenes passiert. Und auch, dass es wieder zu Mama und Papa zurück kommt, wenn das Baby geboren ist.

Geburt im Kreise der Familie

Wenn geplant ist, dass Geschwister bei der Geburt anwesend sind, ist es wichtig, sie altersgerecht darauf vorzubereiten. Das sieht natürlich bei einem dreijährigen Kind anders aus als bei einem Schulkind. Größere Kinder fragen oft schon sehr konkret nach, was sie in diesem Kontext beschäftigt. Bei kleineren Kindern ist es vor allem auch wichtig zu besprechen, warum die Mutter sich anders verhalten wird oder auch lauter sein kann. Das kann man gut durch das Lesen geeigneter Kinderbücher unterstützen, aber auch immer wieder im Alltag einbauen. Als unser zweites Kind unterwegs war, haben wir immer mit der „großen Schwester“ beim Zähneputzen getönt. So wusste sie, wie sich Mama anhört, wenn sie sich doll anstrengt und deshalb bei der Geburt lauter wird.

Für Kinder ist es am leichtesten nachvollziehbar, wenn man die Geburt mit einer anstrengenden Arbeit vergleicht. Wenn wir in der Wohnung die Möbel verrücken, seufzen oder stöhnen wir auch, weil wir unsere Muskeln so sehr anstrengen. So erklärt nehmen Kinder die Wehentätigkeit auch nicht als „Leid der armen Mama“ wahr. Wichtig ist auch, dass eine Frau unter der Geburt nicht das Gefühl hat, sich aus Rücksicht aufs Kind anders verhalten zu müssen, weil sich dies tatsächlich negativ auf den Geburtsverlauf auswirken kann.

In der Regel ist es auch nie so, dass Geschwisterkinder von der ersten bis zur letzten Wehe mit dabei sind, sondern einfach auch – gerade zu Hause – weiter ihrem gewohnten Alltag nachgehen. Sie spielen, essen oder schlafen – und das natürlich nicht die ganze Zeit im Geburtsraum. Oft ist Kindern auch einfach zu „langweilig“ mit der Geburt, weil ja nichts Sichtbares passiert. Die Anwesenheit von Geschwistern bringt oft eine ganz angenehme Normalität in das Geschehen Geburt.

In den Wehenpausen immer wieder viel gelacht

Persönlich haben mich die Kinder auch immer wieder zum Lachen gebracht in der Wehenpause, was ziemlich viel Entspannung in den ganzen Prozess brachte. Bei der Geburt des kleinen Bruders waren die Mädchen nur die letzte Viertelstunde wirklich dabei, einfach weil sie bis dahin geschlafen hatten. Trotzdem gab es eine (Hebammen-)Freundin, die die ganze Nacht nur für die beiden da war. Sie hätte sich natürlich auch gekümmert, wenn sie früher aufgewacht wären.

Auch bei der zweiten Geburt im Geburtshaus war eine Freundin die ganze Zeit für die kleine große Schwester da. Die beiden waren zwischendurch essen, auf dem Spielplatz oder auch mal für das Mittagsschläfchen zu Hause. Als die kleine Schwester in der Badewanne geboren wurde, hat sie noch daneben gepuzzelt und wir haben in den Wehenpausen auch immer wieder viel gelacht. Und zusammen gestaunt und uns so sehr gefreut, als das Baby dann da war. Auch heute reden wir noch oft und gerne von den Geburten. Die Kinder haben das alles als sehr normal und selbstverständlich erlebt. Genauso wäre es aber okay gewesen, wenn ich unter der Geburt an einem Punkt mehr Ruhe benötigt hätte.

Mittlerweile habe ich als Hebamme oder Freundin schon einige Geschwistergeburten begleiten dürfen – und es war alles dabei. Geschwister, die alles komplett verschlafen haben. Eine Geburt mit drei Geschwistern nebst Vater, Hebamme und mir in einem sehr schmalen Badezimmer. Geschwisterkinder, mit denen ich im Bett kuschelnd im Zimmer nebenan gewartet habe, bis das Baby schrie und die Kinder dann wie „an Weihnachten“ nachschauen gegangen sind, was es denn nun geworden ist. Oder Geburten, bei denen sich rausstellte, dass es besser ist, wenn die Frau unter den Wehen in ihrer Wohnung noch mehr für sich ist. Da sind die Kinder dann doch noch zu Freunden gefahren und haben dort einen schönen Tag verlebt. In allen Fällen war es doch irgendwie immer eins: unkompliziert. Und das lag vor allem wohl daran, dass es immer genug Entscheidungsfreiheit für alle und in alle Richtungen gab.

Wer also zusammen mit seinem Kind möchte, dass es bei der Geburt in der Nähe ist und den dafür richtigen Geburtsort und eine vertraute Begleitperson für das Kind hat, sollte es einfach probieren. Genau wie die Mutter sagen und zeigen auch Kinder an, was für sie passt und was nicht. Wenn darauf gehört wird, spricht nichts gegen die Geburt im Kreise der Familie.

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9 Kommentare

Patrick Hager 25. Oktober 2019 - 11:04

Hallo Anja,

unsere Große war bei den Hausgeburten ihrer beiden jüngeren Geschwister dabei. Seitdem begeistert sie sich total für den Hebammenberuf und spielt gern „Hebamme“ oder „Geburt“. Auch bei uns war das völlig unkompliziert. Dass sie den Geburten beiwohnte, hat aber auf jeden Fall Spuren hinterlassen.

Leider gibt es immer noch Menschen, die es überhaupt nicht verstehen können, wie wir „so etwas“ zulassen können. In einem Artikel in unserem Blog (freeyourfamily.net/2019/09/geschwister-zur-geburt/) geht meine Frau Evelin auf diese Bedenken ein und berichtet von unseren Erfahrungen.

Ich denke, es ist wichtig, dass man sein Kind auf die Geburt des kleinen Geschwisterchens vorbereitet. Und wenn alle es wollen, steht dem gar nichts entgegen.

Liebe Grüße
Patrick

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Kathi 13. Dezember 2016 - 09:51

Unsere Große ( damals 2 ) war bei der HG ihres Bruders dabei. Mein Mann stand für die Betreuung bereit, ich wuste von meiner ersten Geburt das ich nicht die Händchenhalterin bin. Er bot ihr an gemeinsam einen Kinderfilm im Schlafzimmer zu schauen, aber sie setzte sich im Wohnzimmer zu mir und baute vollkommen unbeeindruckt mit Lego. Es passte ^^. Als der Kopf ihres Bruder geboren war rief sie ganz aufgeregt „Da,da“ und verdreht selber den Kopf in die Perspektive, hätte ich nicht pressen müssen hätte ich gelacht . Für uns war es das
“ Familienerlebniss “ und hat uns noch mal neu zusammengeschweißt.

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Alex 9. Dezember 2016 - 14:27

Unser viertes Kind kam Ende Juli 3 Wochen vor ET in einer geplanten Hausgeburt zur Welt. Eigentlich sollten die Geschwisterkinder bei den Großeltern sein. Ich dachte, ich könne so besser los lassen. Aber unser Babysohn hat uns mit seiner schnellen Geburt alle überrumpelt. So waren letztendlich alle Geschwisterkinder zu Hause. Die beiden Großen haben sich um die kleine Schwester gekümmert. Sie wollten alle ausdrücklich zu Hause bleiben. Sie haben die Geburt ihres Bruders als sehr schönes Erlebnis wahr genommen und finden es toll, dass sie ihn sofort sehen konnten. Ich selbst war von der Gesamtsituation wahnsinnig gerührt. Die Kinder gingen so offen damit um, was bestimmt auch an meiner tollen Hebamme lag. Etwas skurril empfand ich, als die Großen zusammen mit Papa und Hebamme die Plazenta begutachteten ☺. Mir hat diese Hausgeburt geholfen, über die zum Teil etwas traumatischen Erfahrungen der früheren Geburten in der Klinik hinweg zu kommen. Und ich bin im Nachhinein dankbar, dass die Kinder dabei waren. Obwohl ich es eigentlich anders geplant hatte. …

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Anni B 9. Dezember 2016 - 10:54

Also für mich ist der Gedanke, dass ein Geschwisterkind bei der Geburt dabei oder nebenan ist, sehr abwegig. Aus diversen Gründen, letztlich aber, weil bei einer Geburt wenig vorhersehbar ist, weder wie lang es dauert, wie heftig es wird, ob es Komplikationen gibt etc. Wir haben gehofft, dass sich der Nachwuchs werktags während der Kindergartenöffnungszeiten auf den Weg macht. Einen Plan B hatten wir nicht. Wäre es nachts oder am Wochenende losgegangen, wäre ich alleine losgegangen bzw mit dem Taxi zum Geburtsort gefahren. Es hat aber genauso geklappt, dass wir das Große Kind morgens in den Kindergarten bringen konnten, 2 Stunden später kam das Baby und mittags waren wir zu viert zusammen. Genauso hatte ich es mir vorgestellt 😉
LG von Anni.

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Steffi 9. Dezember 2016 - 08:17

Unsere Tochter (3,5) hat ziemlich früh in der Schwangerschaft gefragt, ob es bluten würde, wenn das Baby kommt, und sehr entschieden erklärt, dass sie da nicht dabei sein möchte. Für uns hat das gepasst – zumal wir eine Geburt in der Klinik mit Beleghebamme geplant hatten. Als unser Babysohn uns dann mit einer ungeplanten Hausgeburt (Sturzgeburt) überrumpelt hat, war ich sehr froh, dass unsere Nachbarin es gerade noch geschafft hat, die Große schlafend aus der Wohnung zu tragen bevor das Baby kam. Für meinen Mann und mich war es aufregend genug, die Geburt alleine hinzukriegen (die Hebamme war unterwegs, kam aber erst nach dem Kind an) – da war ich sehr froh, mir keine Gedanken mehr um die Große machen zu müssen… aber das war natürlich auch eine völlig andere Situation als eine geplante Hausgeburt, bei der sich alle vorher vorbereiten konnten und eine Bezreuungsperson für die Geschwisterkinder da ist…

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Jenny_23 8. Dezember 2016 - 22:42

Ich würde mir beim nächsten Kind auch eine Hausgeburt mit meinem Kind wünschen aber hier in der Eifel findet man leider keine Hebammen,die noch Hausgeburten machen. Auch eine Beleghebamme gibt es leider nicht 🙁

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nina 10. Dezember 2016 - 20:34

Woher aus der Eifel kommst du denn?

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Silke M. 8. Dezember 2016 - 22:31

Ich hatte bei meiner Hausgeburt unseres 2. Kindes zwar den Wunsch, das grosse Kind (damals 2 Jahre) möge mitdabei sein, aber ich wusste auch, dass ich dann nicht ganz loslassen könnte. Ich durfte bei einer Hausgeburt einer Freundin dabei sein, um ihre Tochter zu betreuen. Das hat wunderbar gepasst. Das Kind war aufgeregt und wuselig, aber hat mit seinem Gespür auch ganz Wundervolles beigetragen. Würd ich noch mal gebären, wären meine Kinder dabei, allerdings auch nur mit einer vertrauten Bezugsperson.

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KriMaEm 8. Dezember 2016 - 16:33

Tja, das ist unser Dilemma. Wir haben nicht wirklich jemanden… ich sehe mich schon allein im Kreissal… ;-(.

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