Mutter, Geburt, Trauma, Geburtstrauma

„Früher hatten die Mütter auch kein Trauma“

von Anja

Wenn Mütter über traumatische Geburtserfahrungen reden, kommt oft an der einen oder anderen Stelle der Einwand, dass die Frauen heute ja auf hohem Niveau jammern. Schließlich war die Geburtshilfe, die unsere Mütter erlebten, doch ungleich schlimmer. Und diese Frauen hätten doch auch nicht alle ein Geburtstrauma. Aber ist das wirklich so?

Als Hebamme werden mir viele Geburtsgeschichten anvertraut. Das Nennen des Berufes ist oft eine Einladung, über die eigenen Geburten zu sprechen. Und das tun Frauen aus allen Generationen. Auch die heutigen Großmütter, die meist tatsächlich eine noch wesentlich weniger selbstbestimmte Geburtshilfe erlebt haben. Aber dass sie nicht so öffentlich klagen, heißt nicht, dass es deswegen gut war.

Meine eigene Mutter, die auf den ersten Blick zwei unkomplizierte Spontangeburten hatte, erinnert sich bis heute an einzelne respektlose Sätze von Ärzten und Hebammen. Diese Sätze reichten von „Die jungen Dinger brauchen immer so ewig für die Geburt“ bis hin zu „Stellen Sie sich nicht so an!“. Das alles passierte in einem Kreißsaal mit drei anderen wehenden Frauen gleichzeitig. Sie waren nur getrennt durch eine dünne Wand aus Stoff.

Miteinander über das Geburtstrauma reden

Bis heute sagt meine Mutter, dass sie sich nur wenigstens ein einziges vertrautes Gesicht gewünscht hätte in dieser Situation. Sie aber fühlte sich „komplett fremden Menschen sehr ausgeliefert“. Mein Vater musste damals noch vor der Tür warten. Als meine Schwester nach ihrer Geburt nicht gleich schrie, wurde meine Mutter von der Hebamme sofort wieder in die Rückenlage zurück gedrückt, als sie sich aufsetzen wollte. Sie wollte nur voller Angst nach ihrem gerade geborenen Kind schauen. Sie erzählt mir all dies, als ob es gestern passiert wäre – und nicht schon fast 50 Jahre her ist.

Und ich höre von der Mutter eines Freundes, deren primäre Aussage zur Geburt ihres Sohnes ist: „Und dann kam der Arzt herein und sprang mit Anlauf auf meinen Bauch und drückte das Kind heraus.“ Auch dieses Trauma ist längst nicht verarbeitet. Es lassen sich so viele Geschichten erzählen von Frauen, die ihre Kinder vor 30 oder 40 Jahren geboren haben. Und ja, vieles war damals wesentlich schlimmer als heute. Aber das heißt eben nicht, dass die werdenden Mütter von damals weniger verletzlich oder traumatisierbar waren als die heutigen.

Das Buch Die geprügelte Generation schildert in meinen Augen recht eindrücklich die Sprachlosigkeit und die Tabuisierung gegenüber erlebter Gewalt. Auch wenn es darin um die körperlichen und seelischen Verletzungen in Kindheit und Jugend und nicht um Geburtshilfe geht, lässt sich das Dilemma der Verdrängung gut übertragen. Die Nachkriegsgeneration hatte es in vielen Punkten wesentlich schwerer als wir. Es ist beklemmend zu lesen, wie viel Gewalt in vielen Familien an der Tagesordnung war. Nicht vergessen: Auch hier in Deutschland ist das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung erst seit dem Jahr 2000 gesetzlich verankert. Und das ist sicherlich nicht passiert, weil eine Gesellschaft dieses Vorgehen weiter unter „normaler Erziehung“ verbucht.

Ein Recht nachzuvollziehen, was geschehen ist

Frieden beginnt für mich im Kleinen. Wenn wir achtsam und respektvoll mit unseren kleinen und großen Mitmenschen umgehen, ist das die bestmögliche Prävention von Gewalt. Und ja, es ist unabdingbar, gerade in so extremen Krisensituationen wie einer Geburt äußerst feinfühlig und empathisch mit der werdenden Mutter umzugehen. Der Maßstab kann für mich da nicht „zu hoch“ sein. Und auch wenn eine bedrohliche Notsituation im Kreißsaal mal zu wenig Zeit dafür lässt, ist es doch das Mindeste, im Anschluss miteinander über das Geschehen zu reden. So viele Frauen sagen hinterher, dass sie sich das gewünscht hätten. Diejenigen, die so ein Nachgespräch hatten, haben es meist als sehr wertvoll und hilfreich erlebt.

Deshalb werde mich an dieser Stelle nicht dem immer wieder mal zu hörenden Tenor anschließen, dass die Frauen heutzutage einfach nur übertriebene Erwartungen an die Geburt haben. Es geht nicht um Spontangeburt oder Kaiserschnitt, um PDA oder keine, um die Geburt in Rückenlage oder hockend im Wasser. Es geht darum, den Frauen zuzuhören und ihre Wünsche und Sorgen ernst zu nehmen. Und gerade dann, wenn alles anders läuft, besonders achtsam zu sein. Es ist nämlich nicht zwingend der Geburtsverlauf, der das Ganze zum Trauma werden lässt. Vielmehr geht es um den Umgang mit der Frau und wie sehr ihre Selbstbestimmung gewahrt wurde, auch wenn medizinische Maßnahmen unabdingbar war. Keine Frau wird wirklich notwendige Hilfe verwehren. Aber sie hat ein Recht nachzuvollziehen, was geschehen ist. Das gilt auch für die heute meist anwesenden Väter, über deren Erleben einer traumatischen Geburt noch immer ein großes Tabu liegt.

Trauma durch gewaltvolle Geburtshilfe

Es ist und war nie egal, unter welchen Umständen Frauen ihre Kinder zur Welt bringen. Wir wissen nicht, wie Vorerfahrungen und die persönliche Resilienz einer jeden Gebärenden sind. Es gehört zur Individualität von Menschen, dass der eine schmerzhafte Erfahrungen besser verarbeitet als der andere. Unser persönliches Erleben von Krisensituationen darf aber nicht der Maßstab dafür sein, wie viel wir anderen Menschen „zumuten“.

Alle Frauen erinnern sich ein Leben lang an jede Geburt. Auch früher erlitten Frauen Traumen durch gewaltvolle Geburtshilfe. Sie hatten nur meist keinen Raum, darüber zu sprechen oder es jemals gar verarbeiten zu können. Und wenn ich manchen Müttern zuhöre, wie sie von ihren schon lange zurückliegenden Geburten berichten, muss ich unwillkürlich an den Titel des Buches der Traumatherapeutin Tanja Sahib denken: „Es ist vorbei – ich weiß es nur noch nicht“.

Diesen Text widme ich all unseren Müttern, die uns aus heutiger Sicht betrachtet teils unter wirklich unwürdigen Umständen zur Welt gebracht haben. Ich sage Danke dafür, dass ihr uns trotzdem die Stärke und das Selbstbewusstsein mitgegeben habt, jetzt hier und heute sagen zu können und zu dürfen, wie wir bei den Geburten eurer Enkelkinder gut begleitet werden möchten.

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47 Kommentare

Theo 1. Mai 2020 - 08:53

Die Generation heute wird durch zunehmedne Sensibilisierung leider auch mehr und mehr verweichlicht. Ja, ich bin „Nur“ ein Mann. Aber Geburt wie Tod werden heutzutage nicht mehr als normal und zum Leben gehörend empfunden, sondern als etwas, was weit ausserhalb davon liegt.
Frau kann sich natürlich auch in etwas hineinsteigern. Dann wird gleich von einem Traume, heute ein Modewort, das für alles herhalten muss, gesprochen. Frau kann sich so prima daran klammern… vor allem wenn man damit eine grosse Aufmerksamkeit erreicht. Mann auch, klar doch. (Übrigens – ich weiss, wie weh Gebutsschmerzen tun, habe das – analog – am eigenen Leib erfahren)
Frauen wurden früher sehr gut beraten und auf die Geburt vorbereitet. Wenigstens da, wo ich herkomme. Wenn ich in einem oberen Beitrag lese, dass jüngst (…) eine junge Mutter sich ohne dem einer Geburt zugemutet hat, dann grenzt das an Fahlässig- und massiver Verantwortungslosigkeit dem Kind aber auch sich selbst gegenüber. Aber hinterher Jammern, das sich die Balken biegen. Und bitte, liebe werdenden und schon-Mütter: Seht auch den Lohn eurer Schmnerzen und Anstrengungen: gesunde, kräftige Kinder. Meine Mutter ist noch immer der Meinung: Für meine (vor über 60 Jahren) und die Geburt meiner beiden Brüder haben sich die Schmerzen gelohnt.

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Sia 25. Mai 2020 - 20:59

Schön für Ihre Mutter und Sie. Aber was hat das nun mit anderen Frauen und Ihren Geburten zu tun? Und welche Aufmerksamkeit wollen Sie armer Mann damit erreichen, dass Sie hier kommentieren? Wenn Sie das so sehen und keine persönliche Erfahrung auf dem Gebiet des Traumas haben, könnten Sie sich ja auch einfach heraushalten, aber anscheinend müssen auch Sie sich hier unbedingt profilieren. Wenn Sie der Meinung sind, dass Frauen sich gerne an ein Trauma klammern, damit Sie dafür Aufmerksamkeit bekommen, muss ich sagen, auf Ihre Art der Aufmerksamkeit kann wohl jede Frau verzichten, auf ein Trauma auch und wenn man bei einem Thema keinen Bezug hat, wieso dann dumm kommentieren, über etwas, das man letzten Endes nie am eigenen Leib erfahren wird. Was auch immer analog am eigenen Leib bei Ihnen bedeuten soll, wird wohl kaum bedeuten, beleidigt zu werden, den Penis aufgeschnitten zu bekommen oder unter Druck gesetzt worden zu sein, das eigene Kind könne sterben, wenn man nicht dies oder jenes tue oder über sich ergehen lasse. Ich nehme auch nicht an, dass Sie das Wunder vollbracht haben, als erste Mann ein Ei zu legen. Also, was auch immer ihre Erfahrung war, es war KEINE ECHTE GEBURT. Abgesehen davon kann ihre persönliche Geschichte wohl kaum stellvertretend für alle Geburten sein, denn auch Frauen, die eine echte Geburt erlebt haben, können wohl kaum von sich behaupten, über alle Schmerzen und Erfahrungen aller anderen Frauen Bescheid zu wissen, auch wenn das immer wieder welche denken. Wie soll das also bei Ihnen möglich sein? Ich selbst hatte unkomplizierte Hausgeburten, die ohne irgendetwas zu überstehen waren. Aber so einen Unfug, sie wäre deswegen verweichlicht und würde weniger aushalten als ich, würde ich über eine andere Frau, die etwas anderes erlebt hat, nie behaupten. Schämen Sie sich. Man kann nur hoffen, dass Ihrer Frau so etwas nie geschehen ist und Sie vielleicht umdenken, sollten Sie doch mal einer verweichlichten Frau begegnen, der etwas zugestoßen ist. Und hier geht es auch nicht nur um Schmerzen, guter Mann, es geht um Verstümmelungen, teilweise lebenslange, körperliche Schäden und die gab es auch in ihrer Generation. Und ja, da wurde auch „gejammert“. Aber wenn man sieht, wie einfühlsame Männer Ihrer Zeit auf so etwas reagieren, dann wundert es nicht, dass das nicht so laut getan wurde. Entschuldigung an all die Männer, die nicht so sind wie Sie.

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Isabella 10. Juni 2021 - 19:17

Lieber Theo,

meine Großmutter hat immer gesagt „Schweige, wenn du nicht mitreden kannst.“ Ich Danke ihr dafür, dass sie mir so viel nützliches mit auf den Weg gegeben hat – und selbstverständlich lohnen sich die Schmerzen, das gibt jedoch niemandem das Recht eine Frau in dieser Situation respektlos oder mit Gewalt zu behandeln, nur weil sie sich gerade nicht dagegen wehren kann, weil sie in der wohl verletzbarsten Situation ihres Lebens ist. Im Gegenteil in dieser Situation braucht man Verbündete und unglaublich vertrauensvolle Menschen an seiner Seite!!!

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vonguteneltern: Geburtstraumata - Gab es das schon immer? - Geborgen Wachsen 15. November 2018 - 22:08

[…] von vonguteneltern nimmt sich hier eines wichtigen Themas an: unter der Geburt erlebte Gewalt. Auch in der vergangenen Generation gab […]

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Blaabaer 12. November 2018 - 22:10

Meiner Erfahrung nach hört man heute solche Geschichten nur aus den Krankenhäusern, die nicht als Babyfreundlich zertifiziert sind. Gibt es Studien dazu, ob Frauen dort die Geburten tatsächlich angenehmer erleben?

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lujanie mer 13. November 2018 - 09:42

Ich kann nur von mir persönlich sprechen. Ich habe in einem babyfreundlichen Krankenhaus entbunden und habe danach mit meinem Mann lange Gespräche geführt über die Geburt, um herauszufinden, ob wir durch die Geburt und alles drum herum traumatisiert waren. Es war nicht so. Wir haben die Geburt beide als gute Geburt empfunden. Ja, es war immer noch ein Krankenhaus (wir wollten eigentlich im Geburtshaus entbinden, aber meine Tochter kam an ET+12), aber dafür war es echt in Ordnung .

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Anja 11. November 2018 - 22:45

Liebe Anja. Danke für den Text. Musste ihn wegen Tränen in den Augen kurz unterbrechen. „Und dann kam der Arzt hereingelaufen und sprang mit Anlauf auf meinen Bauch und drückte das Kind raus“ gibt es auch noch 2014, während ich noch angeschrien werde, ich solle nicht schreien, die Kraft solle ich besser ins Pressen investieren.. habe viel Hilfe in Anspruch genommen, um damit ins Reine zu kommen (vor der 2. Geburt). Nach dem Lesen hier weiß ich aber, dass ich da noch nicht bin…

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Anja 12. November 2018 - 11:31

Liebe Anja,

danke für Deinen Kommentar und das Teilen Deiner Erfahrung. Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du das Erlebte noch weiter verarbeiten kannst. Im November ist ja der Red Roses Revolution Day: http://www.gerechte-geburt.de/home/roses-revolution/
Vielleicht kann das ein kleiner Schritt auf Deinem Weg sein?

Von Herzen alles Gute für Dich und liebe Grüße,

Anja

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Angela 12. November 2018 - 17:56

Meine Mutter hatte über ihre 4 Geburten erzählt, die alles andere als selbstbestimmt waren. Allein im Kreißsaal. .. stell ich mir schlimm vor. Sie hat davon erzählt, aber niemals über ihre Gefühle, die damit verbunden waren.
Ich glaube, auch dies ist ein Unterschied zu heute.
Die Entbindung meiner Tochter vor 26 Jahren war nicht komplikationslos, haarscharf an der Sectio vorbei. Von Beginn an Liegen mit Kopfschwartenelektrode da das Fruchtwasser bereits dick und grün war und die Herztöne bei jeder Wehe im Keller. Die konnte ich mit der Bauchatmung jedoch gut steuern.
Hebamme und Arzt waren jedoch super und haben nie über meinen Kopf hinweg bestimmt. Auch als ich keine Wehenpausen mehr hatte und der Muttermund sich dadurch nicht mehr entspannen und sich öffnen konnte. Auch da haben sie mir alles erklärt und mich einbezogen. Angenehm war es nicht ohne Wehenpause eine periduale Anästhesie gelegt zu bekommen, aber es ging und dann ging es gut weiter.
Doch ich habe mir im Vorfeld die Mühe gemacht, mir solange Kliniken anzusehen, bis ich ein gutes Gefühl bei einer hatte.
Meinem Gefühl und meinem Körper habe ich vertraut.
Und so habe ich auch bis heute die Geburt meiner Tochter als gut in Erinnerung und denke sehr gerne daran

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Greta Jülicher 30. Oktober 2017 - 21:56

Es geht schon lange nicht mehr um „jede hat eine andere Hemmschwelle“ oder „jeder empfindet etwas anderes als Gewalt“. Es gibt seit Jahren handfeste Aufklärungsmängel in der Geburtshilfe ganz ohne Notfallrechtfertigung, die in jedem anderen Fachbereich meine Zunft auf die Anklagebank bringen würden. Nur in der Geburtshilfe spielt es keine Rolle. Es sind aber definitiv Körperverletzungen, gegen den Willen auch noch Straftaten. Und dagegen müssen wir uns endlich wehren. Vor der Geburt wird uns ein schlechtes Gewissen gemacht, was wir alles zu lassen haben für die Gesundheit des Kindes und bei der Geburt ist das alles hinfällig bis sogar konträr?? Vollgepumpt mit Opiaten, Kind schlecht, jetzt bewege Dich in x Positionen, damit es wieder aufwacht? Es ist einfach, in dem trägen Sumpf der Glückseligkeit oder zumindest des “ ja, aber ich habe ein tolles Kind“-Gefühl zu verharren und deshalb nichts mehr zu tun. Bei traumatisierten Opfern ist das sogar charakteristisch, man wehrt sich nicht, ist unfähig. Aber so wird sich nie etwas ändern. Jede Strafanzeige, die gegen die Wand läuft, ist aber eine mehr und verlangt Aufmerksamkeit. Fordert die Akten an, lasst es überprüfen und meidet die Schlichtungsstellen, die helfen nicht. Steht auf, informiert, sprecht es in Kursen an, so viele Frauen bekommen jeden Tag in Vorbereitungskursen die schillerndsten Märchen erzählt und üben Positionen, die sie nie erleben werden. Das ist pure Ironie! Die Männer braucht keiner fürs Rücken massieren; sie müssen einschreiten, wenn sie Euch überrumpeln mit Tropf, Untersuchungen, Hektik – wenn es nicht komplett notfällig wird (und das merkt man), sind immer 3 sec Zeit, etwas zu erklären. Vereinbart ein Stop des Mannes und erst eine Rückmeldung durch Euch zu allem. Ihr werdet es nicht durchsetzen können alleine. Nehmt eine Doula mit, auch die Männer können einbrechen. Besteht auf eine schriftliche umfassende Aufklärung vor der Geburt bei Anmeldung. Wenn sie Euch traumatisieren, verändert das alles. Es nimmt so viel, es ist für den Rest des Lebens präsent, wenn es ganz schlecht läuft. Ich wünsche niemanden eine posttraumatische Belastungsstörung. Diese Lügen rund um die vor allem Klinikgeburten sind einfach unerträglich. Es ist einfach nur Glücksache heutzutage, egal, wieviele positive Bewertungen die Klinik hat. 5 Geburten parallel und es ist vorbei mit guter Betreuung. Gewalt in der Geburtshilfe: „Weinen hilft Dir jetzt auch nicht!“ Feature im Deutschlandfunk 21.11.17 19.15 Uhr. Auch zu finden im WDR. Damit es aufhört. Werdet laut. Roses revolution 2017.

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Maha 30. November 2017 - 15:46

Nicht jede Frau mit posttraumatischer Belastungsstörung verkriecht sich und wehrt sich nicht. Aber das Kämpfen gegen die Zustände wird ebenfalls oft mit Gewalt beantwortet. Wenn auf Kritik das Jugendamt folgt, weil doch nur eine Frau, die ihr Kind nicht liebt, sich über die Geburt oder das Handeln von Hebammen und Ärzten beklagen würde, dann fragt sich: Ist man als Mutter ein Mensch zweiter Klasse, der alles zu erdulden hat, denn alles andere ist nur ein Zeichen für mangelnde Liebe? Sollte sich nicht jede Mutter bereitwillig und ohne zu murren den Misshandlungen opfern, denn sonst hat sie es ja gar nicht verdient? Und sind Frauen mit posttraumatischen Belastungsstörungen nach einer Geburt nicht sowieso schon immer psychisch krank gewesen, denn eine gesunde Frau würde das einfach wegstecken? Und wenn sich dann auch noch die Männer beschweren, ist das nicht auch noch ein Zeichen dafür, dass auch diese eine psychische Vorerkrankung haben müssen, womöglich überfordert sind und nicht in der Lage sich um ihr Kind zu kümmern? Und um die Runde noch voll zu machen: Wer sind wir denn alle, dass wir den armen Mamis Angst machen mit unseren Geschichten, mit denen wir uns nur profilieren wollen? Wieso redet hier niemand über’s Mutterglück und hält die Klappe?
Ja, werdet laut. Aber macht euch keine Illusionen. Die Gewalt endet nicht nach der Geburt. Und die Gewalt geht nicht nur von Geburtshelfern aus. Und egal wie explizit, körperlich, folgenreich und normal strafrechtlich verfolgbar sie ist, am Ende des Tages ist es doch immer eine Frage der Interpretation.
Würde jede Frau es als Gewalt empfinden, wenn man sie beleidigt, an einem Ort festhält, auch auf Bitten und Flehen nicht den Krankenwagen ruft (ja, auch bei Hausgeburten ist man nicht sicher), sie nicht über Eingriffe aufklärt oder sogar diesbezüglich belügt, Medikamente verweigert oder aufzwingt, sie ohne Begründung oder Vorwarnung aufschneidet, sie mit der Wegnahme des Kindes bedroht, wenn sie sich beschwert, die Schweigepflicht verletzt und versucht Familienmitglieder gegen sie aufzubringen, den Mann aussperrt oder auch einfach grundlos leugnet, dass eine Nabelschnur gerissen ist und das Blut bereits den Boden bedeckt bis die Frau ohnmächtig wird und auf der Intensivstation erwacht… Diese Aufzählung entspricht nicht namenlosen Quellen aus dem Internet, sondern nur denen von Frauen, die ich kenne. Macht Laune. Die heftigsten Erzählungen folgen oft auf Sätze wie „Heute sind doch alle verweichlicht. Ich habe mich damals auch nicht beschwert.“ Und dann geht’s los.
Gewalt ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Das heißt nicht, dass jede nun ihre Geburt scheiße finden muss, obwohl sie bisher zufrieden war. Und natürlich darf man sich auch freuen, heil und glücklich fühlen, selbst wenn es ein paar Dinge schief gelaufen sind. Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler und das ist auch jedem bewusst. In solchen Fälle, täte es auch oft einfach eine kleine Entschuldigung oder ein paar nette Worte. Wegen sowas geht niemand auf die Straße. Mann solle nur nicht mehr so tun, als wäre es exotisch und der Empfindlichkeit einzelner Frauen geschuldet, wenn das Grauen hier und da mal ans Licht kommt. Es ist keine persönliche Beleidigung an alle Hebammen oder Mütter, wenn grobe Mängel und Unmenschlichkeit angeprangert wird. Wenn schon das Aussprechen sanktioniert wird, wird sich auch nie etwas ändern. Und als Mutter habe ich ja wohl das Recht für das Wohl meiner Töchter zu kämpfen. Klappe halten wird ihnen wenig helfen. Auf dass es auch ihnen besser ergeht. Roses Revolution 2017.

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Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit) 12. Juni 2017 - 13:03

Meine Mutter hatte nach meiner Geburt (1971) die Schnauze so voll davon, wie sie im KH behandelt worden war, dass sie meine beiden Brüder in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren zuhause bekommen hat, mithilfe einer alten Hebamme, die zu dem Zeitpunkt bereits in Rente war, aber Erfahrung mit Hausgeburten hatte, was damals für junge Hebammen absolut nicht der Fall war.

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Katharina 12. Juni 2017 - 12:30

Danke für den tollen Text. Ich habe vor drei Monaten meinen kleinen Sohn auf den Philippinen zur Welt gebracht. Ich hatte im Vorhinein echt Panik vor der Geburt, da es hier keine Hebammen im Krankenhaus gibt und ich nur einen online – Lamaze – Kurs gemacht hatte und alles ganz natürlich wollte. Zusätzlich ist man noch so weit weg von der Familie und von Freunden, das macht es noch schlimmer und man fühlt sich echt einsam. Im Endeffekt war es aber eine wunderbare Erfahrung, meine Frauenärztin hier hat mich toll und respektvoll begleitet und mein Mann war mein Geburtscoach – der Kleine war in 6 Stunden da, ohne Schmerzmittel und mit erträglichen Schmerzen, alles war perfekt.
Was mir sehr geholfen und mich beruhigt hat, war die detaillierte Ausarbeitung eines Geburtsplans (inkl. Fragen nach Dammschnitt, Verhalten im Notfall etc.), der hier von den Krankenhäusern als bindendes Dokument angesehen wird. Ob dann alles nach Plan geht, sei mal dahin gestellt, man kann ja seine Meinung auch noch mal ändern… Aber das kann ich jeder Frau nur empfehlen, da bei so einem Geburtsplan auch Dinge zur Sprache kommen, an die man beim ersten Mal nie denken würde, und man das Gefühl hat, wenigstens ein bisschen die Kontrolle über das zu haben, was mit einem passiert. Und man informiert sich einfach besser, wenn man sich detailliert Gedanken macht.
Ich habe im Nachhinein in Gesprächen festgestellt, dass meine Geburt hier im Entwicklungsland deutlich entspannter und behüteter als bei einigen meiner Freundinnen in Deutschland ablief, was mich sehr überrascht hat.

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Beatrice 14. Dezember 2016 - 08:19

Ich glaube auch, dass früher einfach nicht drüber gesprochen wurde. Meine Oma wird bald 90 Jahre. Wenn man sie zur Geburt meiner Mutter befragt erzählt sie dies: „Dein Opa war im Schichtdienst und nicht da. Mein Schwager hat mich ins Krankenhaus gefahren. Dann fuhr er wieder. Ich wurde alleine auf eine Liege in einem leeren Raum gelegt. Die Schwester ging auch wieder. Ich bekam Schüttelfrost und die ganze Liege hat gerappelt.“ Ende der Durchsage. Reicht mir persönlich auch schon, um zu weinen. Wenn ich frage wie es weiter ging, zuckt meine Oma mit den Schultern.
Da weiß ich Bescheid. Und die arme Oma wird dieses Trauma wohl in diesem Leben nicht mehr verarbeiten und weiter schweigen.

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Romy 13. Mai 2015 - 16:57

toller Artikel
Vieles geht ja auch im Nebel des längst vergangenen unter…
(Die sogenannte Gute alte Zeit)

Ganz nebenbei, die Mehrzahl von Trauma ist Traumata

Antworten
Anja 13. Dezember 2016 - 21:50

Der Duden lässt beides zu: http://www.duden.de/rechtschreibung/Trauma

Liebe Grüße, Anja

Antworten
Stefanie 12. Mai 2015 - 10:34

Ich finde die Geburten meiner Mutter und Schwiegermutter total gruselig. Allein die Frage nach der Heilung meiner Dammnaht (die nicht vorhanden war) zeigt doch, dass wir nicht wieder dahin zurück sollten, wie es vor dreißig waren war – mit Routinedammschnitten in der DDR und die Trennung von Mutter und Kind, damit die Mutter sich erholen kann (obwohl die Hormone die Mutter sowieso nicht schlafen lassen…). Ich möchte so Geburten nicht erleben. Gute Hebammen sind einfach so wertvoll!

Antworten
Christine 7. Mai 2015 - 14:57

Hallo Saskia,

Falls Du hier noch mitliest: ich habe mein zweites Kind geplant zu Hause bekommen, mit Hilfe einer guten Hebamme. Es ging recht schnell und ohne Komplikationen, hat aber furchtbar weh getan – es war definitiv keine Traumgeburt! Trotz Geburtspool (aber ohne Kerzenschein und Musik.. Dafür bin ich nicht der Typ ;-)). Mein Sohn kam schreiend auf die Welt und wirkte die ganzen ersten 3 Monate sehr unzufrieden mit allem. Da war meine erste Geburt im Krankenhaus eigentlich wirklich schöner, es tat nicht halb so weh (beide Geburten waren komplett natürlich, ohne Schmerzmittel) und meine Tochter war ganz friedlich von Anfang an. Die erste Geburt und frühe Babyzeit habe ich eigentlich glücklicher erlebt als die Hausgeburt, keine Ahnung, woran das nun lag! Vielleicht einfach an der unterschiedlichen Persönlichkeit der Babies und noch an anderen Faktoren, die ich nicht kenne und die aber auch keine große Rolle mehr spielen. Seitdem mein Sohn dann krabbeln konnte, war er wesentlich zufriedener mit sich und der Welt.

Ja, manchmal bin auch ich ein wenig neidisch auf die angebliche traumgeburt .. Denke aber jetzt, es hat auch viel mit glück zu tun. Die gut geplante Hausgeburt mit netter Hebamme liefert eventuell eine gute Grundlage, aber sicher keine Garantie 😉

Antworten
Doris Lenhard 7. Mai 2015 - 00:56

Vielen Dank für diesen tollen Artikel. In Bonn begleite ich Schwangere und bereite sie auf die Geburt vor. Ich bin Bindungsanalytikerin, eine Methode der pränatalen Psychologie.

Heute hat sich zwar einiges in den Kreißsälen im Vergleich zu damals sehr verbessert. Auch leben wir heute in ein ganz anderen Zeit. Das stimmt schon. Das bedeutet jedoch nicht, dass es Frauen heute besser haben.

Das nicht verarbeitete Geburtstrauma der Urgroßmutter, wurde an die heute werdende Oma weitergegeben und die hat es wiederum an ihr Kind weitergegeben, das heute schwanger ist und ein Baby erwartet. Die Geburtstraumatisierungen tragen auch die heute werdenden Väter in sich und Babies reagieren darauf. Der hohe Druck im Arbeitsleben, der Perfektion und Leistungsdruck, die mangelnde Sicherheit und der Hype um die Förderung der Kinder, der Druck auf Frauen wirtschaftlich unabhängig zu sein schafft eine menschenverachtende familien- und kinderfeindliche Lebensgrundlage, die heute bereits Grundschüler zu Burnout-Patienten macht.

Wenn schwierige Situationen in der Klinik auf nicht verarbeitete mehrgeneraitionelle Geburtstraumatas treffen sehen wir heute an den Zahlen, was dies für die Geburten bedeutet:
32 % Kaiserschnitte mit steigender Tendenz.
Nur noch 8 % der Frauen gebären wirklich aus eigener Kraft!
Jede 5. Frau bekommt eine postpartale Depression
9 % Frühgeburten. Die Zahl soll zwar nach Aussage der Neonatologen so sein, wie sie seit Jahren ist. Tatsache eist jedoch, dass die Frühchen immer früher zur Welt kommen.

Während in Holland Frauen zwischen 35 und 40 ganz normale Schwangere sind, sind sie in Deutschland Risikoschwangere. Die Schwangeren stehen unter permanentem Druck und nehmen oftmals gar nicht wahr, dass in Ihnen Angst ist. Es gibt zwei Spitzen in der Statistik, wann sich Paare trennen. Die eine Spitze ist im ersten Jahr nacht er Geburt eines Kindes, die zweite nach sieben Jahren.

Der Krieg ist heute 70 Jahre her, wir haben nicht die jahrelange Todesangst unserer Eltern (ich bin 57 Jahre alt) erleben müssen. Aber das ist auch alles, was heute anders ist. Ich sehe nicht, wo es Frauen heute besser haben. Ich möchte nicht mehr jung sein und heute Kinder bekommen und im Berufsleben stehen. Es ist mörderisch geworden, psychisch mörderisch.

Außer dass viele wirtschaftlich besser da stehen, vielleicht sogar ein hohes Einkommen haben. Auf der anderen Seite steht aber eine zunehmende Armut in Deutschland, von der besonders Alleinerziehende und ihre Kinder betroffen sind.

Antworten
Doris Lenhard 7. Mai 2015 - 01:01

Die Frauen früher hatten viele Traumatas:

Das Schock-Trauma der eigenen Geburt (wie sie auf die Welt gekommen sind),
Bindungstraumatas (schreien lassen, Stillen nach Uhrzeit, Harder-Erziehung)
Kriegstraumatas
und das Trauma, als sie ihre Kinder bekommen haben.

Sie haben sich blos nicht drum gekümmert, es abgespalten und funktioniert.

Antworten
Madeleine St 12. Mai 2015 - 22:45

Korrekturvorschlag für die Bindungsanalytikerin:
Die Traumen oder Traumata als Plural für Trauma

Antworten
Mimi 13. Dezember 2016 - 21:27

Warum kommentiert man bitte Rechtsschreibfehler?

Antworten
AnnaMamaPapa 6. Mai 2015 - 21:31

Vielen Dank für diesen wichtigen Text. Mir fällt dazu immer wieder ein, dass alles viel, viel einfacher wäre, wenn wir ein „Ich weiß, was Du meinst“ als Antwort bekommen würden und nicht immer ein „stell‘ Dich nicht so an, da müssen alle durch“. Letzteres klingt für mich nämlich auch immer so, als ob da noch einiges im Argen liegt und noch nicht verarbeitet wurde.

Antworten
kiddo.the.kid 6. Mai 2015 - 21:11

Nur am Rande: Das Buch kann ich sehr empfehlen. Es ist wirklich hilfreich und einfühlsam geschrieben.

Und weil es hier gut passt, möcht ich gern noch auf einen Artikel von Katja von „Krachbumm“ hinweisen: Was ist eigentlich ein Trauma? http://www.krachbumm.com/2015/04/26/was-ist-eigentlich-ein-trauma/

Antworten
Anja 6. Mai 2015 - 22:18

Liebe Kiddo,

danke für den guten Link- wunderbar auf den Punkt gebracht erklärt dort.

Liebe Grüße, Anja

Antworten
sarah 6. Mai 2015 - 21:03

Da muss ich wirklich sagen an meine Mama die damals mit 17 das erste von 9 Kinder geboren hat,davon sind zwei gestorben und die älteste wird 40.
Sie hatte damals sicherlich nicht so gute unterstützung wie wir heute. Und Geburten waren damals wie heute sicherlich nicht immer toll und man lief danach super herum.

Das ist ein gut geschriebener Text 😉

Antworten
Manja 6. Mai 2015 - 13:38

DANKE, du hast mir aus dem Herzen gesprochen. Gerade im letzten Absatz, als es um den Umgang mit den Frauen und die Selbstbestimmung ging. Nämlich genau dann, wenn aus der Spontangeburt ein Notkaiserschnitt wird und das ganze in einem Uniklinikum passiert, wo sozusagen jeder (Student und jede Hebammenschülerin mal ran darf!). Und auch die Nachsorge im Uniklinikum (Lehrbetrieb) war sehr unpersönlich und unbefriedigend. Mir hat das alles im Nachgang sehr zugesetzt und ich hab dann auch noch zu hören bekommen: Sei doch froh, früher wäre man dabei ohne Kaiserschnitt gestorben. Das erste halbe Jahr war für mich und meinen Großen dann schon schwierig. Wie das Leben jedoch so spielt, hat sich unsere Kleine – unerwarteter weise – in unser Leben geschlichen und hat das bereits erlebte positiv ausgeglichen. Ich habe mir eine andere Klinik gesucht und bin ganz anders vorbereitet worden. Der Geburtsverlauf war der gleiche, jedoch in einer ganz anderen Atmosphäre!!!

Antworten
Berliner Kinderzimmer 6. Mai 2015 - 10:54

Liebe Anja, wie immer ein toller Text von Dir!
Eine der Kommentatorinnen hat es schon gesagt, eigentlich können wir auch dankbar sein, dass wir es heute wesentlich besser haben. Jede kann medizinische Hilfe in Anspruch nehmen, man kann sich auch von vornherein für einen KS entscheiden, etc. Wenn ich den Erzählungen in meiner Familie zuhöre, habe ich immer das Gefühl, dass es früher wesentlich unmenschlicher und auch zuweilen brutaler in der Geburtshilfe zuging als heute.
Am allerschlimmsten sind immer wieder die Erinnerung meiner Mutter, die ein totes Kind zur Welt bringen musste. Sie durfte den kleinen Jungen nie sehen, er wurde sofort weggebracht. Bis heute weiß sie nicht, was mit ihm passiert ist. Noch heute, gut vierzig Jahre später, kommt sie mit diesem Trauma nicht gut klar.
Geburt ist immer eine Extremsituation. Und ich glaube, es ist für Hebammen und Ärzte nicht immer einfach, die Gratwanderung zwischen medizinischer Notwendigkeit und Einfühlsamkeit gut hinzubekommen. Aber Achtung der Menschenwürde sollte doch jedem eingeimpft werden, der einen medizinischen Beruf ergreift!

Antworten
Raphaela 15. Dezember 2016 - 10:20

Habt ihr mal in der Klinik nachgefragt, ob sie noch Informationen zu dem Fall haben oder zumindest zu der allgemeinen Vorgehensweise? Eventuell lässt es auch ja noch nachvollziehen was mit dem Kind passiert ist.

Antworten
sab021 5. Mai 2015 - 21:28

Danke für den tollen Text und dein unermüdliches Engagement! Bitte mache weiter so!

Antworten
Jessi 5. Mai 2015 - 18:48

Es ist erstaunlich wie viele traumatische Ereignisse auch andere Mütter und Omas hatten. Meine Mutter sprach ein einziges Mal über meine Geburt. Sie lag fast zwei Tage in den Wehen bis man bemerkte, dass ich in BEL lag. Dann habe der Arzt hingegriffen und hat mich heraus gezogen. Dann habe mich eine Hebamme mit genommen zum Kinderarzt und meine Mutter für die nächsten Stunden allein. Wir haben nie eine Beziehung zu einander aufgebaut.

Antworten
Rosalie 5. Mai 2015 - 15:49

Danke für diesen sehr guten Text. Bei uns in der Familie wurde immer sehr viel über Geburt geredet. Meine Mutter hielt da nie hinterm Berg. Meine Oma ist da schon anders. Sie bekam in den 60igern 2 Kinder zu Hause mit massiven Komplikationen. Ihre Hebamme hat ihr das Leben gerettet und das hat sie durchaus traumarisiert – diese Angst.
Aber es sind ja nicht nur die Geburten, das ganze Leben der Generationen ab 1900 war geprägt durch massive Gewalt, Hunger und Tod. Wir sind eigentlich die ersten, die wirklich bewusst dieses Trauma überwinden können durch unseren Wohlstand, die gute Gesundheit und die gute Ausbildung. Wir können zum ersten Mal wirklich reflektieren und es anders machen.
Umso mehr ärgert es mich, wenn das Pendel in die andere Richtung ausschlägt, zu jeder Sekunde das Kind perfekt behandelt werden muss, die Geburt als Spektakel der Urgewalt dargestellt wird, das Frau heroisch zelebrieren muss. Heute wird so getan, als könne weder Frau noch Kind irgendwas ab ohne gleich traumarisiert zu sein. Auch das stimmt nicht. Nur weil in der Vergangenheit die Gesellschaft durch Gewalt und nicht durch Respekt zusammen gehalten wurde, heißt das nicht, dass die Menschen daran zerbrechen. Es heißt, dass wir Spielraum für Verbesserungen haben.

Redebedarf hat wahrscheinlich jede Frau nach einer Geburt, einfach weil es so ein einschneidendes, oftmals das erste schmerzhafte Erlebnis im Leben ist. Das hat noch lange nix mit Trauma zu tun. Ich denke also durchaus, dass auch Hebammen da relativieren dürfen. Und ich denke, dass eine ausgewogene Aufklärung vor der Geburt durch die Hebammen angebracht wäre, damit nicht jede Frau gleich meint es wäre etwas schlimmes passiert, wenn es nicht perfekt lief bei der Geburt. Gerade Hebammen sollten sich da viel stärker in der Risikoaufklärung hervortun, denn euch vertrauen die Frauen und ihr wisst sehr genau, was passiert, wenn wirklich mal was Schlimmes passiert.

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dine 5. Mai 2015 - 15:33

meine oma hat mir viel erzahlt, davon, dass sie bei der geburt ihres ersten kindes fast gestorben waere und davon wie schwierig das verhaeltnis von anfang an zu ihrem dritten kind war. davon, wie bei vollem bewusstsein eine ausschabung auf dem kuechentisch vorgenommen wurde……..ich war die einzige mit der sie je darueber geredet hat und auch nur, weil ich sie gefragt habe. niemand hat ihr je geholfen, alles musste sie selber mit sich klaeren, wir haben geweint und ich weine auch jetzt. auch meine kinder sind kaiserschnitte, jedoch wurde ich gut begleitet und hab nur die narbe davon getragen. meinem sohn fehlten jedoch extrem die wehen.
ich wurde vor 38 jahren 10 wochen zu frueh geboren, mei e mutter durfte mich zum ersten mal nach einer woche sehen, sie durfte mich nicht stillen, sie musste 2 tage dursten, damit die milch nicht einschiesst. gottseidank sind wir in unserer familie menschen mit guter resillienz gesegnet, wie haetten wirs bloss sonst so gut ausgehalten? wenn ich das so aufschreibe finde ich, die vorstellung dass durchmachen zu muessen, was meine mama undmeine oma erlebt haben kaum zu ertragen!

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vanessa 5. Mai 2015 - 14:06

Ich habe 3 Kinder, jedes wurde per KS geboren und 2 waren so furchtbar für mich. Der 1. KS HÄTTE schön werden können wenn man mich nicht 3 Tage in wehen hätte liegen lasse um dann bei den presswehen festzustellen das mein Becken zu eng ist um überhaupt ein Kind auf natürlichem weg zur Welt zu bringen. Also Ks. Bei meiner Tochter War der KS dann geplant und wundervoll es verlief ohne Schmerzen und auch danach fühlte ich mich so gut betreut das ich mich auch bei meinem 3. Kind dazu entschied mein Kind dort zu bekommen. Da allerdings verlief es gar nicht gut. Die spinal Anästhesie wurde falsch gesetzt so das zwar meine Beine aber nicht der Bauch Bereich betäubt waren. Ich habe alles mit bekommen. Man hat die kleine geholt mich in vollnarkose versetzt und das einzige was ich nur hörte bevor ich weg War wir müssen auf die artmung achten Sie atmet nicht. Ich War so hilflos und wollte schreien.

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Ruth 5. Mai 2015 - 12:17

Meine Grossmutter bekam 1958 und 1960 2 Kinder im Krankenhaus. Für sie waren die Geburten sehr schlimm, mehr Kinder wollte sie nicht. Lieber ne WurzelBehandlung beim Zahnarzt als noch nen Kind.
Meine Mutter bekam 4 Kinder daheim. Problemlos und sagte immer Geburten tun nicht weh.
Dann war ich sehr jung schwanger und ging gestärkt durch Mutters Sichtweise an die Sache ran und sah das sehr locker. Zu locker. Denn ich dachte, dass es immer so ist. Mein Ex wollte dafür ins Krankenhaus, mir wars wurscht. Damals wusste ich nicht wie Geburtsort, Betreuung und Geburtsverlauf zusammenhängen. Und kassierte einen unnötigen Kaiserschnitt. Die Geburt meines zweiten Kindes war als Hausgeburt geplant und endete als Frühchen mit KS und leider schlechtem Ausgang. Bei Kind Nr. 3 dann hatte ich meine fast schmerzfreie und bis auf eine Schürfung verletzungsfreie Geburt bei der Hebamme. Und wir sprachen nach 2 Stunden vom „nächsten Mal“.
In Deutschland herrscht Geburtenmangel. Hat eigentlich irgendwer von den Herren Politikern mal daran gedacht, dass die Geburtshilfe in D so schlecht ist, dass viele Frauen deswegen aus Angst dankend weitere Kinder ablehnen?? Ich wollte nach dem ersten Kind auch keine Kinder mehr…es hat 4 Jahre und viele Sachbücher und einen Partnerwechsel gebraucht das zu ändern.

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Stefanie 5. Mai 2015 - 11:12

Erst in den vergangenen Tage hat meine Mutter darüber gesprochen, wie schlimm sie es fand, das ich nach der Geburt ins Babyzimmer gebracht wurde und bei meiner Mutter im Zimmer das Licht ausgeknipst wurde, damit sie schlafen und. Sich von der Geburt erholen konnte. Sie fühlte sich einfach nur leer und einsam. Dazu kam, dass sie während der Geburt Lachgas bekam und sich einfach nur benebelt fühlte.
Stillen könnte sie auch nicht, sie bekam irre Schmerzen in der Brust, worauf hin die Schwestern ihr Tabletten zum Abstillen gaben. Ich sagte nur „Das war wohl einfach nur der Milcheinschuss!“
Ich finde es traurig, dass sie dieses wunderschöne Ereigniss so traurig in Erinnerng hat.
Ich bin glücklich, dass ich andere, bessere Erfahrungen machen konnte – Dank guter Hebammenarbeit!

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Cecilia 5. Mai 2015 - 11:10

Vielen Dank für den Text!

Eine wunderbare Möglichkeit, um über die eigene Geburtserfahrung zu sprechen, bietet übrigens die Aktion „Erzählcafé – Der Start ins Leben“. Frauen aller Generationen kommen zu diesen lockeren Erzählrunden zusammen und lassen einander an ihren Geschichten vom Kinderkriegen teilhaben. Vor allem diejenigen, die in den 50er, 60er und 70er Jahren geboren haben, sind oft sehr dankbar, endlich einmal in einem wertschätzenden, solidarischen Rahmen über ihre zum Teil traumatischen Erlebnisse sprechen zu können.
Ich kann jeder (und jedem!) nur empfehlen, ein Erzählcafé zu besuchen (oder sogar selbst zu veranstalten). Über 45 Cafés in ganz Deutschland sind bereits geplant:
http://erzaehlcafe.net/termine

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Ulrike 5. Mai 2015 - 10:22

Meine Mutter ist sowohl schwer traumatisiert als auch körperlich schwer beeinträchtigt aus drei Geburten in der 80ern hervorgegangen. Wer maßt sich solche blöden Sprueche an? Nur weil man damals noch nicht drüber geredet hat (oder reden durfte) war doch nicht alles besser…

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Larissa//No Robots Magazine 5. Mai 2015 - 10:22

„Früher haben die Frauen sich auch nicht so angestellt. Früher waren Mütter auch voll und ganz für ihre Familie da.“ – „Früher mussten Frauen kurz nach der Geburt wieder Schwerstarbeit in Haus oder Hof vollbringen. Und sind reihenweise bei der Geburt gestorben.“
Ja, früher war wirklich alles besser. :p

Danke für den schönen Text! Ich kenne auch einige weniger schöne Geschichten von meiner Eltern- und Großelterngeneration.

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Saskia 5. Mai 2015 - 11:15

Ich stelle mir die Frage, ob es jemals eine Zeit gab, in der die Frauen in Würde und selbstbestimmt gebären konnten? Ich versetze mich in das 19. Jahrhundert. Hat die „Wehmutter“, die die zehnte Geburt einer Bauersfrau begleitete, für diese stets warme Worte parat, unendliche Geduld und Ruhe? Ist die Gebärsituation nicht heute sogar besser? Vielleicht kannst Du mal eine historische Rückschau erarbeiten, mich würde interessieren, ob ein vermeintlich „früher“ bzw. in den stets als Vorbild propagierten Naturvölkern existierendes Ideal naturalistischer Geburten, welches der hier stattfindenden Diskussion vermutlich inhärent ist, nicht einer stark romantisierenden Vorstellung unterliegt.

Ich finde Deine Text, Dein Engagement und Deine Ansichten sehr wertvoll, liebe Anja. Ein großes Lob. Und trotzdem. Als 1. Traumagebärende und 2. Wunschkaiserschnittgebärende ist es manchmal schwer, Deinen Blog zu lesen. Das Gefühl, etwas verpasst zu haben, verstärkt sich. Die heimliche Wut auf die Traumgeburtsfrauen aus dem Traumgeburtshaus, ja leider, ebenfalls und ich denke, einige Kommentatorinnen haben ähnliches gemeint. Manchmal würde ich ihnen gerne einen kalten Waschlappen um die Ohren hauen. Ja, sie haben alles so schön richtig gemacht, die Ökos vom Prenzelberg mit ihreren ultralieben Hebis, ihren Lila Lämmchen Bodys, wie wunderbar. Und die Geschädigten bleiben die Geschädigten. Meine Kinder wurden nicht „sanft“ ins Licht geführt, im Vergleich mit den heimischen Badewannenkindern bleiben sie natürlich stigmatisiert.

Empathie ist heilsam. Mitleid nicht.

Wir Brasilianer sagen übrigens „Einem Kind das Licht“ geben zur Geburt. Notiz am Rande.

Gerechterweise würde ich anregen, das Ideal der stets hilfsbereiten, warmen und mütterlich agierenden Hebammen in Geburtshäusern und bei Hausgeburten differenzierter zu betrachten. Ich kenne Frauen, die Horrorgeburten bei Kerzenschein und Ölmassage im Geburtshaus erlebt haben und anschließend „blutig“ entlassen wurden. Ebenfalls ist sicher nicht jede Hausgeburt ein Traum, auch hier wünsche ich mir kritischen Ansatzpunkte.

Beste Grüße,

Saskia

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Saskia 5. Mai 2015 - 12:09

Liebe Anja, ich hoffe, meine teils harschen Worte treffen Dich nicht persönlich. Vermutlich gehört es zur psychologischen Reaktion eines jeden Betroffenen, Grenzen gegenüber Nicht-Betroffenen setzen zu müssen. Und die Ablehnung gegenüber den mitfühlenden Traumgeburtsmüttern in ihrer Traumzauberwelt ist wohl einfach Resultat einer tiefen Enttäuschung.

Gerne würde ich anregen, Deine Beiträge in großen Zeitungen wie der SZ o.ä. zu publizieren, um sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Freelancer schwemmen die Redaktionen, aber bei Dir lohnt sich kontinuierliches Insistieren bestimmt.

S.

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Anja 5. Mai 2015 - 12:44

Liebe Saskia,

ich glaube, ich weiss, was Du meinst;) Zumal ja auch meine erste Geburt eine abgebrochene Hausgeburt war und als (wenn auch spontane, dennoch nicht interventionsarme) Klinikgeburt endete. Ich kenne ähnliche Gefühle gegenüber denen, die die „Traumgeburt“ scheinbar geschenkt bekamen. Heute weiss ich, dass ich alles getan habe, so gut ich es zu diesem Zeitpunkt konnte- für mich und mein Kind. Und deshalb war auch diese Geburt eine genauso gute Geburt wie die heimische Sofavariante. Aber es braucht etwas (und manchmal auch etwas Hilfe), gelassen auf „die anderen“ schauen zu können, die es wahrscheinlich tatsächlich nicht böse meinen. Und ja, es gibt auch im außerklinischen Kontext schlechte Geburtshilfe. Ich habe da bisher aber tatsächlich wenig berufliche Erfahrung und kenne auch keine relevanten Daten, so dass ich wirklich fundiert etwas dazu schreiben könnte. Ich danke Dir auf jeden Fall wieder einmal sehr für Deine klugen und immer interessanten Gedanken, die Du hier aufschreibst. Liebe Grüße, Anja P.S.: Gegen die SZ hätte ich nix;)

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Saskia 5. Mai 2015 - 14:57

Es wäre wirklich wünschenswert, Deine Beiträge in einer der führenden Zeitungen zu lesen.

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Anna 1. Februar 2021 - 00:12

Habe das noch nie in Worte fassen können was du da schreibst, aber du sprichst mir aus der Seele. Danke.

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Vera 5. Mai 2015 - 07:58

Ich möchte noch hinzufügen dass ich diese Kommentare teils aufgeschnappt habe als sie über andere fielen und sie sich nicht alle auf unsere Familie beziehen 😉

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Vera 5. Mai 2015 - 07:55

Danke! Auch im Namen meiner Mama.
Diese Worte sollten sich all die gehässigen, hetzenden Menschen zu Herzen und zum Anlass nehmen, einmal ihre Haltung anderen Menschen gegenüber zu überdenken.
Die gedankenlos übernommenen und weitergeplapperten Verurteilungen und die Häme, mit denen nach wie vor andere gedemütigt und verletzt werden (Stell dich nicht an, klar schreit der wenn du ihn beachtest, wir hatten auch keine Hebamme, ein Klaps schadet nie, uns hat es auch nicht geschadet, der braucht ne Tracht Prügel, einfach schreien lassen, der war doch in der Klapse, die läuft rum wie ne Nutte (sorry, ist ja nicht meine Wortwahl), bis hin zu „Das Leben geht weiter, lass dich nicht so hängen“ zu meinem Opa bei der Beerdigung seiner Frau.) nehmen kein Ende. Und das zieht sich ja wirklich durch unser ganzes Leben. Ich würde mir generell, und besonders wenn man so verletzlich ist wie unter Schwangerschaft und Geburt, einfach mehr Empathie durch unsere Mitmenschen wünschen.
Einfach mal ein nettes Wort oder die Klappe halten.
Und in der Geburtshilfe wünsche ich allen Müttern ebensolche hinreißend tollen und fürsorglichen Hebammen wie meine 🙂

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Elli 26. Mai 2020 - 21:42

Ich bin unglaublich dankbar, zwei schöne Geburten mit Beleghebamme erlebt zu haben. Ja, oft läuft es anders und gerade die Generation unserer Mütter hatte selten selbstbestimmte Geburten. Meine Schwiegermutter fand die Geburt ihres Kindes (meines Mannes) so schlimm, dass sie deswegen kein weiteres Kind mehr wollte. Für sie und meinen Schwiegervater war es wohl wirklich traumatisch. Meine eigene Mutter hat mich in einem recht fortschrittlichen, eher „alternativen“ Krankenhaus bekommen, aber auch sie hat hauptsächlich negative Erinnerungen an die Geburt (meinem Vater wurde vom Arzt beim Nähen tatsächlich die Frage nach dem Husband Stitch gestellt). Durch ihre Erzählungen dachte ich lange, dass Geburten ganz furchtbar sind und ich gern Zwillinge hätte, um für zwei Kinder nur eine Geburt erleben zu müssen. Dabei sind selbstbestimmte Geburten so wunderbar! Meiner eigenen Tochter werde ich natürlich genau das erzählen 🙂

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