Bundestagswahl, Bundestagswahlen, Anarchie, 2017

Hebammen sind gut fürs Image

von Christian

Am Wochenende ist Bundestagswahl. Niemand sollte vergessen, wählen zu gehen. Nicht nur, weil freie und geheime Wahlen ein so fundamental wichtiges Recht der demokratischen Mitbestimmmung sind. In diesem Jahr ist die Abgabe der eigenen Erst- und Zweitstimme umso wichtiger. Es gilt so gut es geht zu verhindern, dass Deutschland in den kommenden Jahren von einer größeren Zahl alter und männlicher Rechtspopulisten mitregiert wird. Jede Stimme dagegen zählt.

Natürlich versuchen alle Parteien auch mit Familien- und Gesundheitspolitik Stimmen zu gewinnen. In diesem Kontext ist durchaus auffällig, dass Politiker aus allen Lagern die schwierige Situation der Hebammen nutzen wollen, um Wahlkampf zu machen. Bundesgesundheitsminister Gröhe inszeniert sich als Hebammenfreund. Schon beim Bürgerdialog hatte er Anja damals 2015 zwar eingeladen, zugehört hat er nicht. Im Nachgang der Veranstaltung kam nix, die großen Probleme rund um die Geburtshilfe blieben unangetastet.

Die FDP propagiert derweil kurz vor der Wahl lautstark: „Eltern brauchen Hebammen. Und Deutschland braucht Eltern.“ Und die Grünen mögen die Hebammen natürlich auch. Kann ich alles verstehen. Wann immer ich mein Image als profaner Kulturjournalist aufpolieren will, sage ich stets: „Meine Frau ist Hebamme!“ Klappt immer.

Babybonus zur Bundestagswahl

Fakt ist aber: Hebammen verdienen mies in Deutschland – bezogen auf ihre Leistung an der Gesellschaft und die Verantwortung, die sie für die Familien tragen. Das gilt ebenso für fast alle Angestellten in Krankenhäusern im Pflegedienst, für Erzieher oder Altenpfleger. Sie alle arbeiten nicht selten unter kaum trag- und ertragbaren Bedingungen. Aber im Wahlkampf bleiben die letztgenannten blass. Ihnen fehlt, was die Hebamme hat: der Babybonus. Denn Baby zieht immer.

Das weiß auch AfD-Politikerin Frauke Petry, die sich mit ihrem im Mai geborenen Sohn Ferdinand fotografieren und auf ein Wahlplakat drucken ließ. Das Baby ist nur einige Wochen alt, die von der eigenen Partei vor der Geburt des Babys fallen gelassene Petry war womöglich rechnerisch noch im Wochenbett. Egal, Baby zieht immer.

Das Plakat der Rechtspopulistin zeigt wohl am deutlichsten, wie Politik mit einfachen Botschaften an die Stimmen der Wähler kommen will. Und dazu natürlich auch die Hebammen und ihre Situation nutzen will. Der Versuch ist legitim. Die Versprechen, an dieser Stellen vom Hebammenverband als Wahlprüftseine zusammengetragen, sind umfangreich. Allein ihre Umsetzung bleibt fraglich.

Auf der Welle der Aufmerksamkeit mitgesurft

Verbessern wird sich nach der Wahl an der Lage der Hebammen und damit auch an den geburtshilflichen Bedingungen für Eltern vermutlich wenig bis nichts, so wie in den Jahren zuvor. Vorher aber wird auf der Welle der Aufmerksamkeit mitgesurft, denn ein Thema das „brennt“, das „verkauft“ sich einfach zu gut. Lange allerdings wird das Bundesgesundheitsministerium die Lage der Hebammen und die Schließungen diverser Kreißsäle nicht mehr ignorieren können. Anderseits ist das Problem auch schon lange bekannt.

Und eine Verbesserung der geburtshilflichen Situation ist in den letzten Jahren nicht eingetreten. Weder jenseits von Wahlen noch jenseits wichtiger und deutschlandweiter Petitionen und Kampagnen. Und die Politiker wollen mit dem Verweis der Hilfe für Hebammen natürlich nicht primär diese doch eher kleine Berufsgruppe als Wählerinnen gewinnen. Sie wollen die Eltern. Und Großeltern. Und Kinderlieben. Denn Baby zieht immer.

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3 Kommentare

Doro 21. September 2017 - 15:04

Das mit der Haftpflicht betrifft ja auch leider die Gynäkologen. Für die lohnen sich Beleggeburten auch nicht mehr. Mein Gynäkologe hat kurz vor der Geburt meiner Tochter aufgehört in der kleinen Belegklinik Geburten zu betreuen, wo ich meine Tochter bekam.
Ich hatte ein tolles Team aus Beleg-Hebamme und Beleg-Gynäkologin und ich würde es jederzeit wieder so machen. Ich würde mich mit einer Hausgeburt nicht wohlfühlen, ich bin aber so froh, dass ich ein Team bei der Geburt dabei hatte, das ich kannte und dem ich vertraute. Noch gibt es diese Klinik, die Frage ist nur, wie lange sich noch Hebammen und Gynäkologen dafür finden.
Kleine Notiz am Rande: für das Familienzimmer zahlt man dort über 140 Euro pro Nacht. Ich weiß nicht, wie das anderswo ist, aber da hätte ich lieber der Hebamme mehr für ihren Bereitschaftsdienst bezahlt.

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ilka82 21. September 2017 - 12:03

hebammen verdienen mies – das ist inzwischen angekommen. meine beste freundin ist hebamme, bayern, ländliches gebiet, kleines krankenhaus. klar – stressige 24stunden dienste, plus nachsorgen und kurse, aber sie verdient auch zwischen 8000-9000 euro im monat. ist das eine ausnahme? denn diesen verdienst haben teilweise ärzte hier nicht. meiner meinung nach dürfen hebammen dieses geld verdienen, denn dieser job ist so wichtig… aber: muss deswegen ständig darauf herumgeritten werden, dass der verdienst mies ist?

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Anja 21. September 2017 - 12:22

Liebe Ilka,

ich kenne persönlich keine Kollegin, die so viel Geld verdient, weshalb ich da erst mal schon denke, dass das eine Ausnahme ist Ist denn das brutto oder netto und wie viele Stunden pro Monat arbeitet Deine Freundin dafür? Brutto gehen ja davon noch sämtliche Beiträge für alle Versicherungen wie z.B. Krankenversicherung, aber natürlich auch die Kosten für die Berufshaftpflicht, Ausgaben für Fortbildung, QM, Arbeitsmaterial, Praxismiete etc. davon ab.
Eine angestellte Hebamme in Vollzeit bekommt als Einstiegsgehalt rund 1800 Euro: http://www.deutschlandfunk.de/schwere-geburt-hebammen-mangel-in-deutschland.724.de.html?dram:article_id=392410
Der Verdienst ist tatsächlich mit einer der Hauptpunkte, weshalb Hebammen nicht in ihrem Beruf bleiben. Bei den Beträgen, die Du nennst, passt das natürlich nicht so ganz. Vielleicht kannst Du noch mal nachhaken, ob dass der Umsatz ist und wie viele Stunden Arbeit dafür anfallen? Dann lässt sich da vielleicht realistischer einschätzen.
Und wie Christian auch schreibt- ein unangemessener Verdienst betrifft ja viele Berufsgruppen, die in Jobs mit hoher Verantwortung für andere Menschen arbeiten. Das ist kein alleiniges „Hebammenproblem“.

Liebe Grüße, Anja

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