Hebammensuche, Fernglas

Hebammenmangel! Wohin mit dem Ärger?

von Anja

Ich verstehe völlig jene Verzweiflung, die so manche Eltern mittlerweile bei der Hebammensuche spüren. Diesen Frust, keine Wahl mehr zu haben. Ich verstehe die Wut darüber, sich in dieser so sensiblen Lebensphase allein gelassen zu fühlen. Irgendwie verständlich, dass diese Wut auch irgendwo abgelassen werden muss. Jedoch sind die Hebammen, die keine Kapazitäten mehr haben und absagen müssen, definitiv die falschen Blitzableiterinnen.

Gerade erst hörte ich gleich zwei Geschichten von Kolleginnen im Kontext Hebammensuche. Bei einer Kollegin schlug ein aufgebrachter werdender Vater zu Hause an der Wohnungstür auf. Er wollte eine Hebammenbetreuung für seine Frau, die kurz vor dem Geburtstermin stand. Bekäme er die nicht, würde er nicht wieder gehen. Und auch bei mir standen schon werdende Eltern vor der privaten Haustür.

Die Situationen ließen sich zwar immer klären, aber ein unangenehmer Nachgeschmack bleibt allerdings, auch weil dieses Erlebnis im Privatbereich der Hebamme passierte. An jenem Ort also, an dem man abschalten möchte vom Hebammenalltag. Als Hebamme muss man aber im Impressum der eigenen Homepage eine ladungsfähige Adresse angeben, die sehr häufig eben auch die Privatadresse ist. Und durch Rufbereitschaft oder einer im Wochenbett ständigen Erreichbarkeit auch an Sonn- und Feiertagen ist das Privatleben als Hebamme ohnehin schon eingeschränkt.

Recht auf freie Wahl des Geburtsortes

Eine andere Kollegin wurde von einer schwangeren Frau am Telefon beschimpft. Die Frau verlangte, dass sie sie doch betreuen müsse. Schließlich gäbe es eben keine andere Hausgeburtshebamme im Umkreis und sie wolle nicht in die Klinik. Und Frauen hätten schließlich ein Recht auf freie Wahl des Geburtsortes. Auch das verstehe ich nur allzu gut, da ich alle meine vier Kinder an den Orten zur Welt bringen durfte, die ich mir dafür ausgesucht habe. Und ja, dieses Recht ist so wichtig. Auch meine Kolleginnen verstehen das. Aber das Auslassen der Wut über die wirklich schlechte Lage an den Hebammen ist definitiv der falsche Weg.

Auch als ich zuletzt im Kreißsaal arbeitete, bekam ich dort gerne mal den großen Unmut über die viel zu langen Wartezeiten im Ambulanzbereich und den Kreißsälen zu spüren. Aber daran ändern wird sich dadurch letztlich nichts, außer dass damit die Arbeitssituation für die Hebammen noch unangenehmer wird, als sie es bisweilen sowieso schon ist. Wir Hebammen wünschen uns genauso, dass jede Frau so umfassend und individuell begleitet werden kann, wie sie es gerade braucht. Wir wünschen jeder Frau, die dies möchte, die Begleitung durch eine Hebamme vor und nach der Geburt. Und doch können wir derzeit kaum etwas daran ändern, dass dies nicht mehr möglich ist.

Ständig den Ärger und die berechtigte Wut darüber zu spüren bekommen, tut uns Hebammen nicht gut. Diese Gespräche, Telefonate und E-Mails ziehen viel Energie ab. Und sie landen definitiv an der falschen Stelle. Eine Hebamme ist nicht „unempathisch“ oder „verantwortungslos“, weil sie es ablehnt, noch eine weitere Frau für die Geburt oder zur Wochenbettbetreuung anzunehmen. Ganz im Gegenteil, sie handelt verantwortungsvoll im Sinne der Frauen und sich selbst. Die Burnout-Rate ist hoch in diesem Job. Jede Kollegin, die ihre Grenze kennt, trägt dazu bei, nicht auch noch selbst wegen Überlastung auszusteigen.

Verzweifelte Hebammensuche ohne emotionale Hilfe

Das gilt auch für die Kollegin, die ihre Vollzeitstelle in der Klinik reduziert, weil sie die Arbeitsbedingungen dort einfach nicht mehr jeden Tag aushält. Oder die Hebamme, die sagt, dass sie über die Weihnachtszeit keine Rufbereitschaften mehr macht. Es hat einfach gereicht, die letzten zehn Jahre mit dem Handy unter dem Tannenbaum bzw. im Kreißsaal verbracht hat. Fast jede von uns hat irgendwann in ihrem Berufsleben als Hebamme eine Phase gehabt, in der sie sich beruflich völlig übernommen hat. Manche haben es noch rechtzeitig gemerkt. Andere sind richtig krank dabei geworden. Und einige haben den Job komplett an den Nagel gehängt.

Wenn man sich einen helfenden Beruf ausgesucht hat, ist genau das auch oft das Problem: Man möchte helfen. Zu sehen und zu sagen, dass dies gerade nicht möglich ist, erzeugt auch für Hebammen eine meist unerträgliche Situation. Wie oft gehen mir in E-Mails geschriebene Sätze wie „Wenn Sie mir jetzt auch nicht helfen können, werde ich halt abstillen“ nachts durch den Kopf. Nur weil ich der Frau absagen musste, weil mein eigenes Arbeitspensum gerade zu hoch ist oder ich vielleicht selbst gerade im Mutterschutz bin.

Wir Hebammen können Emotionen sicherlich ganz gut aushalten – die vielen positiven und auch die negativen wie Verzweiflung, Wut oder Mutlosigkeit. Das gehört zu den emotionalen Herausforderungen rund um die Geburt. Doch in diesen Momenten können wir die Frau begleiten, da sein und ihr immer wieder Mut machen. Im Kontext der verzweifelten Hebammensuche geht das nicht. Und das ist wirklich frustrierend und auch für Hebammen oft schwer auszuhalten. Liebe verzweifelt suchende Eltern: Bitte lasst es nicht an uns Hebammen aus, wenn wir euch nicht helfen können. Gebt den Ärger an die Krankenkassen weiter, die euch im Regen stehen lassen. Und an die Politiker, die das Problem seit Jahren kennen und großzügig darüber hinweg blicken. Wir Hebammen sind an eurer Seite. Auch dann, wenn wir euch nicht unmittelbar begleiten können.

Weiterführende Links:
Mother Hood e.V. | Landkarte der Unterversorgung | Hebammen für Deutschland e.V.

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1 Kommentar

Trampeldino 25. November 2017 - 20:16

Liebe Anja,

genau das dilemma kenne ich (Psychotherapeutin) auch. Ich neige immer wieder dazu mehr zu machen als mir und meiner Familie gut tut. Und dennoch reicht es nicht. Ich versuche die Patienten zu ermutigen sich an den dafür zuständigen Stellen zu beschweren, aber das schaffen psychisch kranke Menschen wahrscheinlich genau so selten wie schwangere verzweifelte Frauen. Leider ….

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