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Hört auf, die Hebammen zu retten!

von Anja

Am 5. Mai ist der alljährliche internationale Hebammentag. Deshalb häufen sich hier in den letzten Tagen bei meinen Kolleginnen und auch bei mir die Anfragen zu Interviews oder Berichten zum Hebammenthema. Mal sollen wir über unseren Arbeitsalltag erzählen. Mal werden Kolleginnen gesucht, die den Job bereits ganz hingeschmissen haben. Auch der Bericht aus dem Kreißsaalalltag ist in diesen Tagen gefragt. Doch all diese Geschichten wurden in den letzten Jahren schon erzählt – immer und immer wieder. Auch hier auf dem Blog.

Manche Situationen, die vor fünf, sechs Jahren hier noch von mir als Befürchtung geäußert wurden, sind längst eingetreten. In manchen Regionen Deutschlands findet fast die Hälfte der Frauen mit dem Wunsch nach Hebammenbetreuung keine Hebamme mehr. Schwangere werden auch mit Wehen an der Kreißsaaltür abgewiesen. Auf der Instagram-Seite der Aktionsgruppe Lieber Jens konnte man neulich von einer Alleingeburt, also einer Geburt ohne fachliche Begleitung lesen. Das neue daran: Diese Alleingeburt fand in einem Kreißsaal in Deutschland statt. Dort betreuen die Kolleginnen mittlerweile oftmals drei, vier oder sogar mehr Frauen gleichzeitig. Es ist also fast „logisch“, dass es zu solchen Situationen kommt.

Wochenbettambulanzen sollen den Hebammenmangel in der Wochenbettbetreuung auffangen. Das tun sie aber nicht. Denn gerade für Mütter mit hohem Unterstützungsbedarf ist es keine Option, mit dem Neugeborenen quer durch die Stadt zu fahren. Und der Milchstau richtet sich auch nicht danach, ob in der Wochenbettambulanz gerade Sprechstunde ist.

Wir müssen nicht gerettet werden

Es sieht also insgesamt nicht besonders gut aus. Immer noch nicht und weiterhin! Das haben viele meiner Kolleginnen und ich auch schon oft gesagt oder geschrieben. Immer wieder werden wir gefragt, wie die Hebammen denn nun gerettet werden können. Und dann gibt es eben auch immer phasenweise diese zahlreichen Presseanfragen – oft verknüpft mit dem frommen Wunsch, die „Hebammen zu retten“.

Doch wir müssen nicht gerettet werden. Wir kommen schon klar. Kolleginnen verändern ihre Arbeitsbedingungen oder machen etwas ganz anderes. Das Kämpfen um bessere Arbeitsbedingungen sind Hebammen von jeher irgendwie fast gewohnt.

Darum sollte sich vielleicht mal darauf fokussiert werden, wie es denjenigen geht, die unter dem Hebammenmangel wirklich leiden: die Schwangeren, Gebärenden und überhaupt die Familien am Anfang des Lebens. Denn denen geht es wirklich schlecht, wenn sie nicht gut unterstützt werden. Wenn sie in Angst erzeugende oder gar traumatische Situationen kommen. Und ja, das allein gelassen werden unter der Geburt kann zum Trauma werden. Denn es ist ein Unterschied, ob Frauen „in Ruhe“ oder eben „ohne Unterstützung bei Bedarf“ ihre Kinder zur Welt bringen.

Jetzt sind wir Eltern dran!

Die fehlende Unterstützung beim Stillen hat weitreichende Auswirkungen. Auch sonstige körperliche und psychische Beschwerden in der Schwangerschaft oder nach der Geburt bleiben häufig unerkannt. Wie viele Frauen leiden noch lange über die Babyzeit hinaus an den Auswirkungen einer „verschleppten“ postpartalen Depression. Väter rutschen immer mehr in die Rolle, bei und nach der Geburt die fehlende Hebamme zu „ersetzen“. Dabei sind sie doch selbst gerade in einer Ausnahmesituation im Leben. Statt Zeit zum gemeinsamen Ankommen im Familienalltag zu haben, telefonieren sie verzweifelt auf der Suche nach Hilfe den Hebammen oder Stillberaterinnen hinterher.

Es sind also vor allem die (werdenden) Eltern und ihre Babys, die unter dem Hebammenmangel leiden. Die Hebammen selbst kommen schon klar, wobei ich hier keinesfalls die schwierigen Arbeitsbedingungen beschönigen möchte. Doch wesentlich mehr als eine Kenntnisnahme der Probleme ist in den letzten Jahren irgendwie auch nicht passiert, egal wieviele Interviews wir gegeben haben. Es ist also vielleicht an der Zeit, mal die teilweise wirklich dramatischen Geschichten derer zu erzählen, die massiv unter dem Hebammenmangel leiden.

Wir müssen die Versorgung von Schwangeren, Gebärenden, Müttern, Babys und Eltern retten. Und auch die gute Geburtshilfe retten, die möglich wäre, wenn die Arbeitsbedingungen stimmen. Wir müssen die Wahlfreiheit und Selbstbestimmung von Frauen im Kontext Mutterwerden retten. Es gilt ebenso, eine flächendeckende Versorgung zu retten. Und ja, dazu gehören eben auch die Hebammen. Aber bei diesem Thema geht es eben um wesentlich mehr als die Befindlichkeiten einer einzelnen Berufsgruppe. Wir Hebammen haben unsere Sorgen ausführlich erzählt. Jetzt sind wir Eltern dran, an allen Stellen deutlich zu machen, was wir für einen guten Start ins Leben brauchen.

Aktiv werden als Eltern:

Mitglied werden und Mitmachen bei Mother Hood | Postkarte an Jens Spahn schreiben mit Lieber Jens | Fotoaktion des Deutschen Hebammenverbandes am 02. Mai 2019 um 10 Uhr in Berlin (Auf der Mittelinsel der Paul-Löbe-Allee, 10557 Berlin, U-Bahn-Ausgang „Bundestag“) | Mitmachen beim Erzähl-Cafe und Mitglied werden bei Hebammen für Deutschland

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1 Kommentar

Clauddia 1. Mai 2019 - 14:22

Ich bin gerade zufällig auf diesen Beitrag gestoßen und musste etwas schmunzeln, da ich gerade heute einen Artikel zum Thema #OhneHebamme re-launcht habe.
Bevor meine Tochter kam, war ich sehr verzweifelt, weil ich als Erstgebärende keine Hebamme fand. Ein schreckliches Gefühl, damals.

Ich finde es schön in deinem letzten Absatz zusammengefasst. Es geht um so viel mehr als „nur“ um die eine Berufsgruppe – betroffen sind so viele.
Ich würde aber gerne dazu sagen: manchmal braucht man einen Helden, der die Hand für einen hebt und alle anderen mitnimmt. Vielleicht sind das in diesem Fall die Hebammen. Die Hebammen, die helfen können, einen großen Missstand als Solches zu beseitigen.

Hier auch einmal meine Sicht dazu: https://fulltime-magazin.de/blogparade-ohnehebamme/ .

Liebe Grüße,
Claudia

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