Immer auf die Großen

von Anja

Zum Glück gibt es Anna. Anna ist nicht nur die wunderbare Patentante unser Zweitgeborenen, sondern sie ist selbst auch das erste Kind in ihrer Familie, in der es noch eine jüngere Schwester gibt. Anna hat ein gutes Gedächtnis und konnte sich darum noch gut erinnern, wie es ist, wenn man als große Schwester immer erstmal unter Generalverdacht steht, während die jüngere Schwester ihren Welpenschutz genießt.

Und Anna hat uns erzählt, wie doof sich das anfühlt, als wir in unseren Anfängen als Zweifacheltern immer wieder mal wahrscheinlich nicht ganz fair zu unserer Großen waren.
Es ist ja auch für Eltern nicht leicht. Da hat man ein kleines Kind, um das sich bisher alles drehte. Und plötzlich ist da ein noch viel kleineres Kind, um das sich jetzt auch alles dreht, während einem das erste kleine Kind gar nicht mehr so winzig vorkommt. Im Vergleich zu den zarten Neugeborenenhändchen hat es auf einmal riesige Pranken und ist plötzlich auch gefühlt zehnmal so schwer. Das neue Baby ist so erschreckend hilflos und das „große“ Kleinkind kann schon so viel. Und gerade weil dieser Unterschied so deutlich ist, erwarten Eltern oft viel zu viel von der großen Schwester oder dem großen Bruder.

Kein Kind läuft nebenbei

Unsere Töchter haben einen etwas über zweieinhalb Jahre großen Altersunterschied. Aber mit zweieinhalb Jahren ist man immer noch sehr klein, das ist auch mit drei oder vier Jahren noch so. Und so groß die Begeisterung für den Neuankömmling auch sein mag, die Großen merken recht schnell, dass auf einmal weniger Zeit und Zuwendung für sie da ist. Da kann man sich als Eltern noch so sehr ins Zeug legen, es wird sich etwas ändern. Denn auch ein zweites, drittes oder viertes Kind läuft nicht nebenbei. Es hat die gleichen hohen Bedürfnisse wie jedes Baby.

Am Anfang gehen geschwisterliche Streitigkeiten zwar meist von den Erstgeborenen aus, aber die kleinen Geschwister „schlagen“ schneller zurück, als man so denkt. Doch da man dem großen Kind garantiert schon etliche Male gesagt hat, nicht dieses oder jenes mit dem Baby zu veranstalten, bleiben diese oft noch weiterhin in der Verdachtsrolle, während das kleine Geschwisterchen schon längst als Godzilla die aufgebauten Spielwelten im Kinderzimmer platt walzt. Babys und kleine Kleinkinder sind nun mal auch etwas grobmotorischer, so dass die Kontaktaufnahme schnell ins Hauen oder Haare ausreißen ausufert. Und natürlich wehrt sich dann das ältere Kind und schon weint das Kleinere wieder. Als Eltern ist man dann schnell geneigt, mit dem Größeren zu meckern oder an Vernunft und Co. zu appellieren. Dabei hat man oft die Vorgeschichte gar nicht mitbekommen und sieht nur, was man gerade sieht…

Alles über das Elternsein lernen wir von unseren Kindern

Die ersten Kinder haben als Einzige wirklich längere Exklusivzeit mit ihren Eltern und sicher auch die meisten Fotos und Glückwunschkarten nach der Geburt. Aber sie haben es nicht immer leicht, denn sie haben es auch mit echten Anfängereltern zu tun. Denn alles was wir wirklich über das Elternsein lernen, lernen wir doch von unseren Kindern und nicht aus Ratgebern, Elternzeitschriften oder Blogs. Die zweiten und auch alle weiteren Kinder fallen in ein sicheres Netz von Geschwistern, aber auch von kompetenteren und meist auch gelasseneren Eltern. Jesper Juul behauptet in einem Interview, dass man erst ab dem vierten Kind wirklich gut im „Erziehen“ ist. Bei durchschnittlich 1,3 Kindern in Deutschland werden wohl die meisten von uns es nicht bis zu dieser Eltern-Kür schaffen. Aber keine Sorge, denn Juul sagt genauso: „Aber glücklicherweise brauchen und wollen Kinder keine fix und fertigen Eltern. Kinder haben viel Verständnis für Fehler – sie machen ja selbst den ganzen Tag welche und lernen daraus.“

Und glücklicherweise müssen wir auch nicht immer alles alleine machen und darum ist es gut, wenn es zum Beispiel eine Anna gibt, die uns auch mal einen Denkanstoß gibt, wenn wir vielleicht auf dem Holzweg sind.

„Ich bin auch noch da“

Mittlerweile streiten sich hier die beiden Schwestern sehr gleichberechtigt und wir lassen sie auch. Denn sobald wir uns einmischen, fühlt sich mindestens eine der Streithennen ungerecht behandelt. Außerdem sind die meisten Konflikte, die sie alleine klären, nach spätestens ein paar Minuten beendet, weil sie dann doch merken, dass alleine spielen auch irgendwie blöd ist.

Warum mir unsere Anfangsphase als Mehrfacheltern gerade jetzt einfällt? Das Söhnchen saß heute morgen stillend auf meinem Schoß. Meine Fünfjährige setze sich auf das andere, noch freie Bein und wurde wie so häufig von ihrem Bruder mit zarten, aber gezielten Tritten dort runter geschubst. Als schon sehr reflektiertes Vorschulkind fand und findet sie das aber eher lustig. Aber es hat schon ein bisschen was von „Aus dem Nest schubsen“ oder „Vom Thron stoßen“. Unsere Zweite hat das damals auch manchmal gemacht und für ein Kleinkind fühlt sich das sicher unangenehmer an, denn wenn Kleinkinder Mama wollen, wollen sie das genauso dringlich und jetzt und gleich wie das Geschwisterbaby auch.

Und dann ist es doppelt blöd, wenn einem auch noch wegen allem die Schuld in die Schuhe geschoben wird. Manchmal müssen große Geschwister auch allerlei Unfug anstellen, um auf sich aufmerksam zu machen, wenn sie im Babytrubel gerade ein wenig untergehen. Und auch negative Aufmerksamkeit wie Meckern und Motzen ist immerhin Aufmerksamkeit der Eltern. So hat es Astrid Lindgren schon in dem schönen Kinderbuch „Ich will auch Geschwister haben“ beschrieben. Neulich habe ich mal den Satz gelesen: „Kinder, die unerhört sind, benehmen sich auch unerhört“. Und so wie der große Bruder in diesem Buch die Vase runterschmeißt, muss man vielleicht auch manchmal die kleine Schwester kneifen, um zu sagen: „Ich bin auch noch da“.

Eltern zwischen Ärger, Verständnis und schlechtem Gewissen

Diese Phase ist nicht leicht für Eltern, die dann irgendwo zwischen Ärger, Verständnis und schlechtem Gewissen pendeln und das auch noch unter hohem Schlafmangel. Aber mit jedem neuen Kind muss eine Familie sich wieder neu sortieren. Und das darf und wird etwas dauern. Je kleiner die Geschwisterkinder sind, umso chaotischer ist diese Phase, aber auch ein größeres Geschwisterkind, auch ein Schulkind, spürt die Veränderung. Deshalb darf auch hier nicht immer nur an die bereits vorhandene Rücksicht und Vernunft appeliert werden. Geschwisterkinder sind eine große Bereicherung, aber auch ein Stück weit Verlust der exklusiven Elternaufmerksamkeit für das Erstgeborene. Dass aber genau das bisweilen, auch ein Gewinn (weniger Aufmerksamkeit = mehr Freiheit) sein kann, verstehen sie natürlich noch nicht. Genau wie Eltern sich also beim ersten Kind erst mal daran gewöhnen müssen, dass aus der Zweierbeziehung eine Dreibeziehung wird, muss das größere Kind seinen Platz in der Familie neu finden.

Ich mag den Erklärungsansatz des Kinderarztes Dr. Carlos Gonzales aus dem Buch „In Liebe wachsen“. Er beschreibt den Einzug des neuen Geschwisterchens mit folgenden Worten:

„Wir dürfen nicht anstreben oder erwarten, dass ein Kind nicht eifersüchtig ist. Stellen sie sich einmal vor, ihr Mann kommt eines Tages mit einer jüngeren Frau nach Hause: ‚Liebling, ich möchte dir die Laura, meine zweite Frau, vorstellen. Da sie neu ist und sich erst eingewöhnen muss, werde ich ihr viel Zeit widmen müssen. Ich hoffe, da du schon älter bist, wirst du dich gut benehmen und mehr zu Hause helfen. Sie wird bei mir im Zimmer schlafen, damit ich leichter für sie sorgen kann, und du wirst ein eigenes Zimmer ganz für dich alleine haben, da du ja schon groß bist. Du bist doch sicher froh ein eigenes Zimmer zu bekommen? Ach ja, deinen Schmuck teilst du natürlich mit ihr.‘ Na wären sie da nicht auch ein bisschen eifersüchtig?“

Ja, das wäre in der Tat auch für uns Erwachsene eine große Herausforderung. Und daran muss man sich immer wieder mal erinnern, wenn man von den Aufmerksamkeitsaktionen der Großen schwer genervt ist. Oder man braucht gelegentlich eine Anna, die einem mit weisen und wahren Worten erklärt, wie sich das so anfühlt…

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4 Kommentare

Anna 28. März 2014 - 11:12

Schöner Post!
Ich musste so lachen über das Verhalten von Deinem knapp Zweijährigen! Ist bei uns genauso. Gott sei Dank sind meine beiden Großen auch so lieb und lassen ihr Zu-Kurz-Kommen nicht an ihrem kleinen Bruder aus. Aber eine Grat-Wanderung es allen Recht zu machen ist es jeden Tag. Die erstaunlichste Entdeckung, die ich mit der Geburt des dritten Kindes gemacht habe ist, dass wirklich kein Kind einfach so nebenbei läuft.
Und auch wie weit das Herz werden kann und immer wieder Räum schafft für die Liebe zu noch einem Kind! Dafür bin ich so dankbar. Und dieser Wunsch noch ein viertes zu bekommen lässt mich nicht los.
Wie ist das bei Dir, Anja? Hast Du das Gefühl jetzt ist bei Euch „Schluss“? Und wenn ja, wie fühlt es sich an?
Liebe Grüße Anna

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Anja 28. März 2014 - 23:21

Liebe Anna,

vielen Dank für Deinen schönen und ehrlichen Kommentar. Tja, das Gefühl mit dem „Schluss“ kann ich Dir leider auch nicht so recht beschreiben. Kommt man dahin? Oder entscheidet irgendwann statt dem Gefühl doch eher der Verstand, die Finanzen und das Alter darüber?
Ich weiß es nicht- aber alles kommt schon so wie es sein soll;)

Liebe Grüße an Dich und Deine Famlie, Anja

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wolldrache 29. März 2014 - 21:19

Wir haben nach zweien „Schluss“ entschieden aus diversen Gründen:
– Finanzen
– Alter (also meines)
– mein Mann wollte eigentlich nur eines, da war zwei der Kompromis
– potentielle Altersabstände der Kinder. Also noch mal 2Jahresabstand wäre mir zu heftig, alles darüber finde ich die Altersabstände von Kind 1 zu Kind 3 zu groß (wegen allen gerecht werden, gemeinsame Interessen finden etc)
– und das Gefühl für uns: Irgendwann wollen wir durch sein, und endlich wieder gemeinsam ausschlafen können, Dinge machen, die wir wollen, ohne Rücksicht zu nehmen…, wir Egoisten, wir

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wolldrache 28. März 2014 - 10:07

Schön geschrieben.
Wir haben ziemlich gut eines 2-Jahres-Abstand getroffen.
Meine Hebamme sagte uns damals, dass wir erst einmal damit rechnen müssen, dass der große sehr Papa-fixiert wird, und erst einmal alles spanned findet aber irgendwann merkt, dass er nicht mehr auf dem Thron sitzt. Das war etwa nach 5 Monaten so. Er merkte einfach, irgendwas war anders. Zum Glück hat er das eher uns, und nicht den kleinen Bruder spüren lassen, den liebte er nach wie vor hieß und innig.
Das Fixiertsein auf einen Elternteil blieb leider (auch aus Bequemlichkeit von uns) über ein Jahr so – bei allen Beteiligten. Es war eben einfacher, dass der Papa den Großen bettfertig machte, und ich den Kleinen. Was aber den Nachteil hatte, Der der Kleine sich vom Papa schlechter beruhigen ließ.
Vor 3 Monaten habe ich den Kleinen mit dem Papa für ein paar Tage alleine zu
Hause gelassen, und sie waren beide schwer begeistert von der Exklusivzeit; und spätestens seit da läuft alles wieder gleichberechtigt.

Jetzt, mit 3 1/2 bzw 1 1/2, läuft es prima, der Kleine macht nicht mehr alles kaputt, der Große versucht ihn ins Spiel einzubeziehen, und sagt bei den Nachbarn so Sätze wie „mein Bruder ist mein bester Freund.“ .
Der Große fiel schnell nicht mehr unter Generalverdacht, da der Kleine leider (oder zum Glück) sein spitzbübiges Grinsen nicht verstecken kann, und sie charakterlich doch unterschiedlich sind.
Ich bin sehr froh über den 2-Jahrs Abstand; das erste Jahr war zwar sehr anstrengend (und viel anstrengender als erwartet), aber nun spielen sie schön zusammen, es geht vieles in einem Aufwasch und wir müssen nicht verschiedene Bespaßungs- u.a.-Programme führen. So fühlt sich hoffentlich auch keiner vernachlässigt…

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