Lies, was Dir gut tut

von Anja

Wenn ich eine Mutter vor und oder nach der Geburt zu einem Thema berate, erfahre ich zuvor von ihr, wie es ihr gerade geht und in welcher Situation sie steckt. Durch die Anamnese lerne ich sie noch ein bisschen besser kennen, so dass sich meist ein rundes Bild ergibt. Und dann frage ich nach, was sie sich für die momentane Situation wünscht. Somit wird die Lösung für vermeintlich ein und dasselbe Problem nie gleich ausfallen, denn die Umstände sind immer individuell. Wenn ich hier auf dem Blog oder für eine Fachzeitschrift zu Inhalten schreibe, die mit einem Rat oder einer Empfehlung verbunden sind, wird es schon etwas komplizierter. Denn ich weiß nicht genau, wer am Ende der Leser dieses Artikels sein wird.

Natürlich gibt es da zum einen Empfehlungen und Erkenntnisse, die wissenschaftlich gesichert sind. Zumindest so lange, bis die nächste Studie das Gegenteil belegt haben will. Aber auch jenseits dieser wissenschaftlichen Fakten gibt es vieles, was einfach auf langjähriger Erfahrung beruht. Natürlich sollte in medizinischen Berufen das evidenzbasierte Wissen im Fokus stehen, aber es wäre auch nicht richtig, alles andere etwas jenseits davon zu ignorieren. Gerade in der Hebammenkunde haben wir es ja primär mit gesunden Menschen und Prozessen zu tun, die individueller ablaufen und begleitet werden müssen, als ein bestimmtes Krankheitsbild, für das sich ein konkreter und erforschter Behandlungsweg bewährt hat. In der Schwangerschaft, bei der Geburt und im Wochenbett muss zunächst einmal ja auch nichts behandelt werden. Dieses Nichtstunmüssen ist manchmal gar nicht so leicht auszuhalten – es ist aber die eigentliche Kunst.

Die Lese- und Lebenszeit ist zu kostbar…

Und auch später im Leben mit dem Kind gibt es keine Patentrezepte – weder für die Ernährung noch für das Schlafen. Trotzdem haben viele Eltern den Wunsch nach Informationen dazu. Sie fragen die Hebamme, den Kinderarzt oder auch die eigenen Eltern. Oder sie lesen Bücher und suchen online nach passenden Informationen. Und dort wird es schon schwieriger, genau das zu finden, was passt. Wenn ich mit einer Person spreche, stelle ich mich in der Regel empathisch auf sie ein. Der Tonfall in einem Buch oder in einem Artikel lässt sich nicht anpassen bzw. lässt er großen Spielraum für Interpretationen. Bevor Eltern sich in der Informationsflut verlieren, sollten sie auch hier dringend schauen, „ob es passt“. Wenn ich einem Menschen gegenüber sitze, ist das leichter herauszufinden, „ob die Chemie stimmt“. Aber auch beim Lesen eines Textes entwickelt man ein Gefühl. Und wenn sich das Gelesene nicht gut anfühlt, sollte man gar nicht weitere Zeit ins Lesen an dieser Stelle investieren. Gerade online lassen sich Texte ja schnell wegklicken. Aber auch bei Büchern quäle ich mich mittlerweile nicht mehr bis zur letzten Seite, wenn sich schon der Einstieg einfach nicht passend anfühlt. Diese Bücher dürfen dann bald weiterziehen.

Zum Glück gibt es für jeden Leser online und offline das passende Angebot, so wie es auch für jede Mutter die passende Hebamme gibt – nun, theoretisch jedenfalls, wenn da nicht so ein eklatanter Mangel herrschen würde. So treffen auch hier manchmal Menschen aufeinander, bei denen es nicht so stimmig ist. Auch ein Arztwechsel ist leider bei Unzufriedenheit nicht immer einfach umsetzbar.

Aber einen unpassenden Artikel wegzuklicken oder eine Zeitschrift oder ein Buch wegzulegen, das geht immer. Die Lese- und Lebenszeit ist zu kostbar, um sich mit Dingen aufzuhalten, die einem nicht gut tun, egal ob nun Inhalt oder Schreibstil nicht gefallen. Auch in Fachzeitschriften quäle ich mich nicht mehr durch jeden Artikel, sondern nehme mir daraus, was ich brauche. Reines Faktenwissen lässt sich zudem fast immer schnell per Internetsuche einsammeln, wenn man die Quellen einzuordnen weiß. Aber gerade in den Bereichen Schwangerschaft, Geburt und Elternsein gibt es meist keine Patentrezepte und die eigentlichen Experten sind und bleiben die Eltern.

Also im Zweifelsfall: Lies, was Dir gut tut – oder frage jemanden, dem Du vertraust.

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