Minimalismus, Ausmisten, Reduktion

Minimalismus mit vier Kindern?

von Christian

Wir entfernen uns schon seit vielen Jahren langsam aber sicher vom großflächigen Konsum. Anfangs war das noch ein unmerklicher Prozess. Er war eher durch eine innere Verweigerung zu spüren, nicht mehr noch unbedingt dieses oder jenes Teil kaufen zu müssen. Mittlerweile hat die Sache Fahrt aufgenommen und wir haben in den letzten Jahren immer wieder aussortiert und uns von Dingen getrennt. Zweimal im Jahr machen wir schon lange Kinderflohmarkt, um nicht mehr benötigte Klamotten und Spielzeug loszuwerden. Minimalismus bezieht sich aber nicht nur auf Gegenstände. Auch der Terminkalender wird immer mehr reduziert und fokussiert. Denn gerade Zeit ist das wertvollste, was wir haben.

Einerseits hat das natürlich den Grund, dass wir in den letzten Jahren immer mehr Menschen geworden sind, die auf der gleichen verfügbaren Fläche leben wollen. Das ist nicht immer leicht, aber es geht für uns gut. Ich habe das Gefühl, dass wir aktuell mehr Platz zur Verfügung haben als vor drei Jahren. Und das, obwohl wir ja mittlerweile zu sechst sind.

Über die Jahre wurden hier Zimmer optimiert. Es wurde umgestellt, umgebaut, umarrangiert, wegrationalisiert. Statt mehr Stauraum anzuschaffen, wenn es eng wurde, haben wir dann angefangen, noch mal gründlich auszusortieren. Es war ein langer Prozess – und er ist es noch. Wir haben uns gestritten dabei, über vermeintliche und echte Lieblingsstücke. Übers Sammeln und Horten. Ich besaß mal zwei Regalmeter Schallplatten, von denen ich mich lange nicht trennen konnte. Allerdings war der tolle britische Riemen-Plattenspieler die letzten drei Jahre seiner Existenz bei mir nicht einmal angeschlossen. Ich haben die Sammlung langsam aufgelöst. Es fühlt sich bis heute erstaunlich okay an.

„Brauche ich das wirklich? Verbessert oder bereichert es mein Leben?“

In schöner Regelmäßigkeit räumen wir also immer wieder aus. Anja experimentiert gerne mit Möbeln und deren Plätzen. In den letzten Monaten haben wir ein komplettes, ziemlich großes Bücherregal ausgemustert. Beide haben wir uns von vielen Büchern getrennt. Viele davon hatte keiner von uns seit Jahren überhaupt einmal in der Hand. Wir haben sie verschenkt, verkauft und dem Bücherbaum vor Ort zukommen lassen. Es fühlt sich bis heute toll an, sachlich und emotional Platz geschaffen zu haben. Jedes Mal, wenn ich auf die nun frei gewordenen Fläche schaue, fühle ich mich innerlich ein Stück befreiter.

Außerdem ist das Aufräumen in den gesamten Wohnung wesentlich leichter geworden. Das ist auch dadurch bedingt, dass wir versuchen, für jede Sache einen festen Ort bzw. Platz zu haben. Denn was hier immer gerne für Chaos gesorgt hat und noch sorgt, sind letztlich jene Dinge, die nirgendwo so richtig hingehören und deshalb Ablagen, Schubladen oder den Fußboden zumüllen.

Die Kinder haben natürlich trotzdem noch reichlich Spielzeug, was wir ihnen auch nicht wegnehmen. Und so manches kommt auch dazu, weil sich zum Beispiel Interessen verändern. Aber schon seit geraumer Zeit versuchen wir den Kids zu erklären, wie das mit dem Kaufen ist. Sie sollen sich „einfach nur“ ein paar Fragen stellen vor der Anschaffung von irgendwelchen Dingen. „Brauche ich das wirklich? Verbessert oder bereichert es mein Leben?“ Und natürlich dürfen sich diese Frage auch die Eltern stellen. Außerdem ist es sinnvoll, im Zuge von Neuanschaffungen zu überlegen, was dafür nun wieder gehen darf.

Keine Konsumverweigerer, aber bewusster kaufen

Wir sind beileibe keine Konsumverweigerer, weder als Familie noch als Individuen. Ich freue mich dennoch darüber, dass die Familie mittlerweile nicht mehr hemmungslos Dinge schenkt und schickt, sondern vorher fragt, was benötigt wird. Oder gleich in Erlebnisse investiert mit den Kids. Auch das war streckenweise ein schwieriger Prozess für alle Beteiligten. Wir wollen an dieser Stelle übrigens niemandem aufdrücken, das weniger zwingend mehr ist. Aber wer sich vielleicht schon länger erdrückt fühlt von den vielen Sachen um ihn herum, dem hilft dieser Text vielleicht etwas weiter. Womöglich wird es ein Anfang, sich auf Wesentliches zu konzentrieren und anders zu konsumieren. Wie gesagt: Ohne Konsum leben wir nicht. Aber wir kaufen mittlerweile sehr viel bewusster.

Wir versuchen, gute und qualitativ hochwertige Sachen zu kaufen. Es mag im ersten Moment schmerzen, viel Geld für eine Pfanne oder einen Handmixer ausgeben zu müssen. Aber es zahlt sich fast immer aus. Die Sachen halten länger, funktionieren besser oder man erfreut sich einfach mehr an ihnen. Entscheidend ist aber letztlich immer die Frage, ob wir etwas wirklich brauchen. Gerade im Küchenbereich neigt man schnell dazu, Dinge doppelt und dreifach anzuhäufen. Die doppelten Dinge durften alle nach und nach gehen. Und die Design-Küchenmaschine ist letztlich ebensowenig hier eingezogen wie der teure Kaffeeautomat. Einfach weil wir ganz persönlich wohl mehr die Mokkakännchen- und Handrührgeräte-Menschen sind.

Bei Kleidung schauen wir mittlerweile darauf, Lieblingsstücke erneut zu kaufen und in einem Farbspektrum zu bleiben. Und auch hier lieber ein wertiges Stück statt vieler günstiger zu kaufen. Ein teurer Pulli hält oft länger als das schnell gekaufte Shirt im Fastfashion-Laden. Bei den Kindern gelten hier etwas andere Regeln, einfach weil durch Wachstum und Belastung der Verschleiß viel höher ist. Dennoch haben die Kinder mittlerweile selbst erkannt, dass ihre billigen T-Shirts schnell breit mal hoch sind, während die teureren (meist im Sale gekauften) Teile auch nach Monaten noch gut in Form sind. Die können dann problemlos noch eine Generation vererbt oder auch auf dem Flohmarkt verkauft werden.

Und ja, es ist wirklich gruselig, dass wir uns in unserer Überflussgesellschaft Gedanken machen, wie wir gegen das „Zuviel“ arbeiten, während andere nicht mal das Nötigste haben. Man kann diese ganze Minimalismus-Idee sicherlich mit einer „Denen geht es wohl zu gut“-Phrase abtun. Aber sich keine Gedanken zu machen, verändert am Ende auch nichts.

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12 Kommentare

Jani | nochsoein.blog 26. November 2019 - 19:15

Ein wunderbarer Artikel. Ich möchte noch etwas von uns ergänzen:
Wir haben unsere Kleiderschrank auf eine Capsule Wardrobe reduziert. Ich zum Beispiel besitze für das ganze Jahr (inkl Jacken, Schuhe, Mütze etc) knapp 50 Teile für das ganze Jahr.

Wir kaufen Kleidung meist Second Hand oder in seltenen Fällen Fair Trade. Aber das auch nur, wenn etwas nicht mehr zu reparieren ist oder dringend benötigt wird.

Auch bei anderen Gegenständen schauen wir erst, ob wir es gebraucht bekommen können. Beispielsweise brauchten wir einen Einkochautomaten, weil wir einkochen und uns mehr selbstversorgen können. Wir haben zwar einen alten, aber extrem hochwertigen Automaten gefunden. Die Qualität von damals und heute ist kaum noch zu vergleichen. Insbesondere bei Elektrogeräten ist ja oft ein automatisches Verfallsdatum eingebaut…

Ansonsten kaufen wir nur, was wir brauchen. Und das klappt mit der Zeit immer besser.

Liebe Grüße,
Jani

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Lilly 11. Oktober 2019 - 09:10

Toll geschriebener Artikel mit vielen wahren und inspirierenden Gedanken. Auch ich habe meine Perspektive zu dem Thema in den letzten Jahre verändert. Zu oft ist mir aufgefallen wie ich eine Sache gekaufte habe und sie kurze Zeit später nicht mehr wertgeschätzt habe. Ergebnis waren volle Schränke und eine Reihe an Dingen, für die ich keinen Platz gefunden habe. Seitdem ich bewusste Kaufentscheidungen treffe, kann ich meine Besitz viel mehr wertschätzen.
Dein Artikel hat mich noch einmal darauf erinnert, diesen Weg weiterzugehen. Danke!
Liebe Grüße
Lilly

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Steffi 12. Dezember 2018 - 19:30

Dieser Blogbeitrag käme mir gerade sehr gelegen :). Wir überlegen sich, wie wir den Wohnraum nun umgestalten, damit sich fünf Personen wohl fühlen.

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Katy 5. August 2018 - 10:25

Ich habe gelesen ihr kauft im Sale. Das ist meist nicht hochwertige Kleidung die extra für den Sale produziert wurde. Wenn du ein bisschen recherchierst kommst du auf die Sale-Lüge. Alternativ wäre Second Hand, Flohmarkt, Tauschpartys, Online Plattformen wie Kleiderkreisel,-korb oder Verschenkmarkt zu nennen. Gerade bei Kinderkleidung verstehe ich einfach nicht warum man diese kauft. Das Kind wächst so schnell raus, dass sich ein Kauf nicht lohnt und unheimlich viel Müll, Elend und Umweltverschmutzung produziert. Es gibt so schöne und preiswerte Alternativen. Mamikreisel nicht zu vergessen. Und Verwandte, Freunde und Bekannte mit Kindern haben vlt auch etwas abzugeben. Die Sachen wurden ebenfalls meistens vielleicht drei mal getragen und oft befindet sich Markenkleidung darunter. Ich habe selbst beim Verschenkemarkt schon etliche Markenartikel von sehr hochwertigen Marken gefunden. Und wenn man dann die Sachen nicht mehr trägt kann man ebenso weiter verfahren.

Überlegt es euch bitte. Von den Schadstoffen die dadurch nicht an eure Kinder gelangen mal ganz abgesehen.

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Anja 5. August 2018 - 10:41

Liebe Katy,

Danke für Deinen wichtigen Kommentar. Ich denke (oder hoffe) nicht, dass ökologisch und fair produzierende Firmen auch bei diesem Sale-Wahnsinn (hab auch darüber gelesen) mitmachen, trotzdem haben auch Firmen wie Armed Angels, Hess Natur , Engel… auch immer wieder Sale-Angebote, die dann deutlich günstiger sind, weil es vielleicht die Farben der Vorsaison sind. Flohmarkt (on- oder offline) finde ich auch prima und machen wir auch viel, aber wird tatsächlich für ältere Kinder schwieriger 🙁 Im Baby- und Kleinkindalter ist das super bzw gehen dann einfach die Sachen auch hier von Freundin zu Freundin weiter. Ab dem Teenie-Alter ist es schwieriger auch in Bezug auf die Größen 🙁 Das Kaufen von hochwertiger Kleidung führt zumindest dazu, dass es hier von bis zu vier Kindern genutzt wird und dann evt. noch auf den Flohmarkt gehen kann.

Liebe Grüße , Anja

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Faire Mode 13. November 2019 - 09:57

Ich habe viele Jahre Kleidung für eine fair Fashion Marke (in Europa produziert, aus recycelten Materialien und ohne Schadstoffe) online vermarktet. In den Sale gingen vor allem die Teile, die wir nicht im Einzelhandel verkaufen konnten. Also schlicht Zuviel produziert haben und uns leider nicht abgenommen wurden. Man legt ja vor der Produktion eine ungefähre Menge fest die verkauft werden soll. Wäre schön einfach wenn es nur Vorordern gibt, aber die Realität ist anders.

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Katharina 29. November 2017 - 22:39

Immer wenn ich vor etwas stehe, was in mir die spontane Kauflust weckt, muss ich an den Satz denken: THE THINGS YOU OWN THEY END UP OWNING YOU.
Das hilft auch gegen eine Kaufentscheidung. Wirklich 😉

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Anne 29. November 2017 - 19:19

Hallo ihr Lieben,
dieser Artikel ist vor allem im Zuge vieler Eltern von Bedeutung, die ihre Kinder vor dem Geschenkewahn an Weihnachten schützen möchte. Danke dafür!
Uns gelingt es mal mehr und mal weniger, den Großeltern die immer wieder kleinen (und unüberlegten und völlig sinnfreien) Mitbringsel anzureden. Wenn ihr da noch ein paar Tipps auf Lager habt, wäre das ganz wunderbar

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Nina 29. November 2017 - 12:35

Minimalismus ist für mich schon lange ein großes Thema und ich selbst besitze schon lange ausschließlich das Notwendigste für mich. Meine sehr teure Winterjacke trage ich in diesem Jahr bereits den 10. Winter.
Jetzt sind wir mit einer Sprinterladung nach Berlin umgezogen und haben an unserem Hauptwohnsitz vieles zurück gelassen. Ich vermisse nichts und werde weiter aussortieren. Auch in den Badezimmern ist bei uns sehr wenig vorhanden, da wir Produkte wählen die nachhaltig hergestellt werden und für alle Familienmitglieder benutzt werden können, quasi von 0-99.

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Angela 29. November 2017 - 12:03

Oh ja, das kenne ich. Wir haben jetzt fünf Kinder und sind auch dazu übergegangen, uns von überflüssigen Dingen zu trennen bzw. gut zu überlegen, was wir wirklich brauchen und dass dann in einer guten Qualität zu besorgen. Von den Großeltern gibt es mittlerweile hauptsächlich Zoobesuche, Museumsbesuche usw. zu den Festen. Die Kinder sind begeistert! – Das war ein langer Weg, aber keiner hat etwas davon, wenn die Familie zig Geschenke kauft, die bei den Kindern in der Ecke landen, weil es einfach viel zu viel ist. Herzliche Großfamilien-Grüße von Angela

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Doro 29. November 2017 - 11:53

Hihi, euch geht es wirklich sehr gut. Ich finde diese Minimalismusdebatte im Zusammenhang mit Werbung für riesige Fernseher und Empfehlungen für teure Spielekonsolen befremdlich. Aber vielleicht ist es das gar nicht. Denn wer hochwertig und Bio und lange Elternzeiten finanzieren kann, der hat auch die Ressourcen dafür.
Ich habe immer mehr das Gefühl, dass die Welt der Blogs ein bisschen abgehoben ist und sich immer mehr an Leute wendet, die es sich leisten können. Andererseits finde ich es bewundernswert, wie ihr euer Ding durchzieht.

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Kruemelina 29. November 2017 - 11:46

Ein wunderbarer Artikel, der zum Nachdenken anregt. Sehe mich schon in der Wohnung um, aber diesmal mit einem anderen Blick. Mal sehen, was weg muss… Übrigens ein kleiner Fehler hat sich eingeschlichen, vorletzter Absatz, letzte Zeile: Da sollte es “auf dem Flohmarkt heißen” 🙂 Herzensgrüße vom Krümel Blog,

Kruemelina

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