Geburtserlebnis, Baby, geboren

Nicht nur das Baby wird geboren

von Anja

In der letzten Zeit habe ich viele Mütter nach der Geburt des zweiten Kindes betreut. Meist sind es unkomplizierte, entspannte Wochenbettverläufe. Und oft fragen die Mütter sich, warum es denn nicht schon beim ersten Kind „so einfach“ sein konnte. Wie viel Stress hätte man sich vielleicht ersparen können…

Doch so einfach ist es nicht, denn mit der Geburt des ersten Kindes (oder den ersten Kindern bei Mehrlingen), werden auch wir Frauen als Mutter erst einmal geboren. Und genauso, wie das Neugeborene seine Zeit braucht, um anzukommen, müssen Eltern sich in ihre neue Rolle einfinden. Ebenso wie bei neuen Jobs, braucht es einfach etwas Einarbeitungszeit, in der wir uns zugestehen sollten, nicht gleich alles zu können und zu wissen oder auch einfach nach Hilfe zu fragen. Im Berufsleben sind wir durch Studium oder Ausbildung zumindest theoretisch sogar ganz gut vorbereitet.

Elternwerden ist nun ein viel größerer Sprung ins kalte Wasser. Bevor wir eigene Kinder haben, können wir nur erahnen, wie schön aber auch unglaublich anstrengend und schwer es manchmal ist. Doch mit den Wochen, Monaten und Jahren und den vielen Erfahrungen mit unserem Kind werden wir „klüger“, „besser“ und dadurch kompetenter. Wir gewöhnen uns allmählich an unser neues, zum Teil komplett anderes Leben. Wir lernen Prioritäten zu setzen und im besten Fall auch, gut auf uns selbst zu achten. Denn dem Kind kann es immer nur so gut gehen wie seinen Eltern.

Das Kind als Lehrmeister

All das sind Prozesse, die bei der folgenden Familienerweiterung bereits vollzogen sind. Beim ersten Kind sind wir nach der Geburt eine Frau mit Baby, die in ihre Mutterrolle erst einmal hinein wächst. Beim zweiten Kind sind wir dort längst angekommen.

Genau wie sich das Baby entwickelt, entwickeln wir uns auch. Dieser große Prozess findet nur einmal statt. Auch wenn jedes weitere Kind natürlich eine große Umstellung bedeutet, sind wir als Mutter gefestigter und fühlen uns kompetenter. Und ja, das macht es leichter. Wir haben meist realistischere Erwartungen und geben uns trotz faktisch weniger Zeit doch mehr Zeit, auch dieses neue Baby kennen und lieben zu lernen.

Das gilt natürlich auch für die Väter. Aber da wir als Frauen die Kinder schon lange Zeit im Bauch in uns tragen, sind unsere Erwartungen oft ungleich größer. Und wenn sie sehr hoch sind, sind natürlich auch entsprechende Enttäuschungen vorprogrammiert. Das erste Kind ist und bleibt wohl der größte Lehrmeister für seine Eltern, denn mit ihm durchlaufen sie eine der größten Veränderungen im Leben. So intensiv wird es bei keinem weiteren Kind mehr sein.

Von vollen Hebammenkoffern…

Es ist also müßig zu denken: „Wäre ich nur beim ersten Kind schon so tiefenentspannt gewesen…“ – bei jedem nachfolgenden Kind sind wir einfach schon ein bisschen mehr Profis als Eltern. Genau so ist es ja auch im Berufsleben. Wenn ich da zum Beispiel an die ersten Schwangerschaften, Geburten und Wochenbetten zurückdenke, die ich als Hebamme begleitet habe. Der Hebammenkoffer war randvoll gefüllt mit zahlreichen Mittelchen, die ich letztlich doch nie brauchte. Ähnlich geht es oft Ersteltern, denen diverse (sich später als größenteils überflüssig herausstellende) Anschaffungen vielleicht ein bisschen Sicherheit vermitteln. Beim zweiten Kind kommt die Sicherheit dann meist aus ihnen selbst heraus.

Also müssen wir wohl gar nicht bedauern, warum und weshalb man sich das Leben beim ersten Kind manchmal so schwer gemacht hat. Es ist einfach eine intensive Lernphase – für den wichtigsten und anstrengendsten Job des Lebens ohne Kündigungsoption. Entwicklung braucht Raum und Zeit, dazu viele verschiedene gute und eben auch manchmal nicht so gute Erfahrungen. Das gilt für die Kinder genauso wie für die Eltern.

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7 Kommentare

Gardiners-Seychellenfrosch 14. Mai 2015 - 01:37

mich wurmt es trotzdem dass ich die falsche tragehilfe gekauft habe, wodurch das tragen nicht so schön war, dass es schnell wieder gelassen habe.

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Estera 26. Januar 2015 - 22:40

Ein sehr schöner Text, was ich jedoch anders erlebt habe, dass mein Sohn mich einfach ankommen ließ, ich war 20 und hatte ein Jahr zuvor mein erste eigene Firma schließen müssen und war total fix und fertig, aber er ließ mich ankommen… im Leben, im Frausein und in meinen Beziehungen, zu meinen Eltern, zu meinem Partner uns vor Allem zu mir selbst. Durch ihn bin ich nicht nur Mama geworden sondern auch eine Frau, die ganz genau weiß, was sie will, was sie kann und sehr sicher in ihrer Mutterrolle ist. Mein, vorerst erstes, Kind hat mich nicht aus der Bahn geworfen… es hat mich in die richtige Spur gebracht.
Es geht also auch andersrum 🙂

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BirdyBirth 24. April 2016 - 12:55

Mir ging es ähnlich, ich war damals 24 und bin vollkommen unvorbereitet in dieses Abenteuer gestürzt. Es war wunderbar und viele Dinge haben sich einfach ergeben, ohne dass ich mir viele unnötige Gedanken gemacht habe. Ich habe jetzt erst mit meinem zweiten Kind und einigen Erstlingsmüttern im Bekanntenkreis gemerkt, über was man sich alles Sorgen machen könnte… 😉

Als Teenie habe ich sehr mit mir gehadert, aber die Schwangerschaft und Stillzeit haben mir eine vollkommen neue Körperlichkeit geschenkt. Auf diese Weise bin ich nicht nur Mutter geworden, sondern auch Frau.

Vielleicht ist das das Glück junger Mütter.

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Katarina 23. Januar 2015 - 15:14

Ich habe mal das Zitat gelesen:“ Bei einer Geburt wird nicht nur das Kind geboren sondern auch die Mutter.“. Ich finde das sehr passend, denn auch die Frau die nun Einfach-Zweifach-Mehrfachmama wird war SO in dieser FORM noch nie Mutter.

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Claudia 23. Januar 2015 - 13:30

Das lesen dieses Textes tat einfach nur gut. Es hat ein bisl der Sorgen genommen ob man wirklich alles für sein Kind gegeben hat. Man muss gar nicht weiter ins Detail gehen. Wunderbar und ermutigend zugleich. Danke sehr!

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Frida 23. Januar 2015 - 10:26

Ein sehr schöner Text – ich bin gerade auch mit dem 2. Kind schwanger und hoffe bzw. weiß, dass es nun leichter wird. Das 1. hat mich ja ganz schön aus der Bahn geworfen… danke für den Mutmacher!!

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