Risikoschwangerschaft

Schwanger ab 35: Anlass zur Freude oder zur Sorge?

von Anja

Mit drei Ausrufezeichen dahinter steht in der Anfrage einer Schwangeren für Hebammenbetreuung, dass sie 36 ist. Erklärend hat sie noch ergänzt, dass es sich deshalb um eine Risikoschwangerschaft handelt. Anfragen dieser Art bekomme ich viele, jede Woche. Die werdenden Mütter hier im Umkreis sind nicht selten Mitte oder Ende 30. Manchmal auch schon über 40, wenn das erste, zweite oder dritte Baby unterwegs ist.

Wenn ich dann bezüglich der Risikoschwangerschaft nachfrage, ist da nichts Auffälliges – außer eben dem Faktor Alter. Oft sind es Frauen, die gesund sind, sich vernünftig ernähren und in guten sozioökonmischen Verhältnissen leben. Beste Voraussetzungen also, um eine gesunde Schwangerschaft, eine normale Geburt und ein komplikationsloses Wochenbett zu erleben.

Wenn da nicht ihr Alter und das damit verbundene Häkchen bei Punkt 14 „Schwangere über 35 Jahren“ im Mutterpass wäre. Allein das Kreuz an dieser Stelle macht den erst einmal gesunden Zustand Schwangerschaft zu einer Risikoschwangerschaft. Statistisch ist es tatsächlich so, dass bestimmte Komplikationen wie Fehlgeburten, Frühgeburtlichkeit, Präeklampsie oder Gestationsdiabetes bei Frauen häufiger vorkommen, die älter sind. Wesentliche Risikofaktoren sind aber auch hier bestehende Grunderkrankungen, die bei älteren Menschen vergleichsweise häufiger auftreten. Doch ebenso können natürlich auch jüngere Frauen etwa an Bluthochdruck oder anderen Erkrankungen leiden. Letztlich sind jeder Mensch, jeder Gesundheitszustand und jeder Verlauf immer individuell zu betrachten.

Auch andere Faktoren wie ein zu hohes oder zu niedriges Körpergewicht können gesundheitliche Risiken bergen. Können, müssen aber nicht. Denn zuallererst sind das Alter und oder das Gewicht eines Menschen erst einmal nur Zahlen, die nichts über den tatsächlichen Verlauf einer Schwangerschaft oder einer Geburt aussagen. Trotzdem werden Schwangere schon in den ersten Wochen damit konfrontiert, dass ihre Schwangerschaft irgendwie doch „gefährlich“ sei. Mit diesem Gefühl und dem damit verbundenen Stress gehen sie durch eine Zeit, in der Frauen eigentlich vor allem guter Hoffnung sein sollten.

Der Druck ist höher

Auch die Pränataldiagnostik wird früh zum Thema, weil das Risiko des Auftretens von Chromosomenanomalien mit dem Alter ansteigt. Meine Erfahrung ist, dass Frauen über 35 fast schon „Fahrlässigkeit“ vorgeworfen wird, wenn sie sich gegen eine Diagnostik diesbezüglich entscheiden. Jüngeren Schwangeren wird hier das Recht auf Nichtwissen doch noch ein bisschen mehr zugestanden. Natürlich sind alle Entscheidungen rund um die Pränataldiagnostik immer höchst individuell zu betrachten. Aber der Druck ist schon höher, sobald eine werdende Mutter eine bestimmte Altersgrenze überschritten hat.

All diese Dinge können Stress und Angst bei der werdenden Mutter auslösen. Stress ist übrigens auch ein Risikofaktor für bestimmte Komplikationen. Das wird allzuoft vergessen, wenn Frauen schon zu Schwangerschaftsbeginn gesagt wird, wie risikobehaftet ihre Situation nur allein aufgrund des Alters sei. Natürlich spricht nichts dagegen, eine Schwangerschaft angemessen zu begleiten. Aber zu viel ist auch manchmal zu viel des Guten oder Gutgemeinten. Und dass eine Risikoschwangerschaft anders abgerechnet werden kann, macht es vielleicht auch wirtschaftlich interessant, diese „Diagnose“ voreilig zu stellen. Auch mit Blick auf die Geburt wird das Alter oft zum Stressfaktor. So wird die Einleitung gerne schon vor dem errechneten Termin empfohlen. Und die erhöhte Kaiserschnittrate bei älteren Gebärenden hat nicht selten allein die Indikation „Angst“.

Auch Leitlinien ersetzen nicht den individuellen Blick auf jede einzelne Schwangerschaft. Ein pauschales Vorgehen für alle Frauen aufgrund eines gemeinsamen Parameters wie zum Beispiel des Alters ist sicher selten sinnvoll. Darum bereitet es mir Sorge, wenn Frauen schon in den ersten Schwangerschaftswochen ihre Anfrage für Hebammenbetreuung mit den Worten beginnen: „Kurz zu mir: Ich bin 39 Jahre alt (eine Risikoschwangerschaft, auch wenn ich mich nicht so fühle!)“. Oder beim Blick in ihren Mutterpass Angst bekommen, weil da in rot „Risikoschwangerschaft“ angekreuzt ist. Mehr Vorfreude und weniger Sorge tun Mutter und Kind gut. Das sollte nicht vergessen werden auf der ständigen Suche nach Risiken.

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7 Kommentare

Stefanie 3. Januar 2021 - 21:22

Ich war 44 und wir hatten gedacht, es klappt nicht mehr. Aber als es dann soweit war – alles super! Ich war echt fit! Meine Gyn, die Hebamme und ich alle entspannt. Keine Übelkeit nichts. In der 7. SSW eine Blutung, war aber nichts von Bedeutung. Die letzten 4 Wochen hatte ich viel Wasser eingelagert, was schwierig war. Aber das war es.
Alles in allem war die SSW besser, als bei vielen Jüngeren Frauen und die Geburt auch. Wir wurden aber, gerade am Ende der SSW, von den Klinikärzten sehr unter Druck gesetzt, obwohl immer alles gut war. Das war nicht schön. Dementsprechend war auch die Geburt holprig, aber in Ordnung.
Hinterher bin ich sehr viel langsamer wieder fit geworden, dass liegt am Alter, glaube ich.

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Bettina 4. Januar 2020 - 22:34

Ich erwarte nun mit 42 mein zweites Kind. Das erste kam mit 33. Danach wollte es einfach nicht mehr klappen. 6 Jahre lang ging nichts, Kinderwunschpraxis, Untersuchungen… Nichts! Jetzt plötzlich schwanger, keine Komplikationen, Ersttrimester-Screening katapultierte mein Risiko für ein Kind mit chromosomalen Schaden auf das einer 20jährigen. Gyn wollte mich zuvor direkt zur Fruchtwasserpunktion schicken, allein wegen des Alters. Sie schien sich an Richtlinien zu halten. Ich belas mich stattdessen. Ich selbst wäre gerne früher nochmal Mutter geworden, aber ich hatte es nicht in der Hand und hätte exakt Ende letzten Jahres nicht mehr probiert. Ein langwieriger Prozess ging zu Ende. Und dann plötzlich das Wunder. Ich turne aktuell in der zweiten Hälfte der SS noch im Fitnessstudio rum, bin fit und hoffe nun einfach das Beste. Die ältere Gyn im Pränatalzentrum sowie die Hebammen, bei denen ich zur Vorsorge bin, sind total entspannt, was mich sehr freut. Panikmacherei finde ich völlig daneben, zumal kontraproduktiv. Man kann sich auch heute im Internet und bei den entsprechenden Praxen sehr gut selbständig informieren, so dass übrige Panikmacher ausgebremst werden können. Ich wünsche mir und allen anderen Spätgebärenden von Herzen das Beste und ganz viel Zuversicht.

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Eva Bußmann 15. Februar 2019 - 22:51

Ich war 43, als unsere Tochter zur Welt kam, 15 Jahre nach ihrem Bruder. Ich möchte ein großes Lob an meinen Gynäkologen aussprechen , der zu keinem Zeitpunkt aus meiner Schwangerschaft eine Risikoschwangerschaft gemacht hat. Mein Mutterpass beinhaltet nicht diesen „Haken“; hab gerade noch mal geschaut. Mein Arzt hat nur gesagt: „ Sie sind gesund und fit, Sie werden daher gut durch die Schwangerschaft kommen und ein tolles Baby auf die Welt bringen. Seine Zuversicht und Unbekümmertheit trotz meines Alters hat mich durch die ganze Schwangerschaft getragen. Er hat mich über alle relevanten Untersuchungen neutral informiert und zu nichts gedrängt. Auch hat niemand in meinem Umfeld mein Alter negativ kommentiert. Ich selbst war allerdings auch sehr entspannt und genieße es bis heute, noch mal so spät Mutter geworden zu sein.

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Nina 21. Januar 2019 - 16:27

Liebe Anja du sprichst mir mal wieder aus dem Herzen! Auch die bisherigen Kommentare treffen es voll auf den Punkt! Super!

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Elisabeth 18. April 2018 - 17:24

Mich nervt dieses gedönse um das „ab 35 ist Risiko“ aus anderen Gründen: dadurch gehen die anderen Risiko-Gründe total unter. Ich war bei meiner zweiten Schwangerschaft Zustand nach Kaiserschnitt, aber so ziemlich alle Artikel über Risikoschwangerschaften drehten sich ums alter.

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Kathinka 18. April 2018 - 14:18

Danke für diesen Text, im dem es endlich mal um Fakten geht statt um Panikmache! Ich bin gerade zum dritten Mal schwanger, 36 und mein zweites Kind kam mit einer Trisomie 21 zur Welt. Trotzdem fühlt sich meine Schwangerschaft für mich so gar nicht nach „Risiko“ an. Im Gegenteil, ich fühle mich topfit und pudelwohl. Aber es gehört schon einiges an Selbstbewusstsein und vielleicht auch Kampfeslust dazu, sich in meinem „Alter“ und mit meiner Vorgeschichte gegen jede Art der Pränataldiagnostik zu entscheiden. Der Vorwurf der Verantwortungslosigkeit steht da leider schon immer im Raum. Beim dritten Mal habe ich beides glücklicherweise, beim ersten wäre es sicher anders gewesen…

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Claudia 18. April 2018 - 10:01

Dass es bei dem Ankreuzen des Alters nur um die Abrechnung geht, habe ich in meinem Mutterpass auch bemerkt. Meine zweite Schwangerschaft erhielt dieses Kreuzchen. Sie endete leider tatsächlich in einer Fehlgeburt. Meine aktuelle Schwangerschaft ist aufgrund der vorangegangenen Fehlgeburt eine Risikoschwangerschaft. Das Kreuzchen beim Alter war dadurch wohl nicht mehr so wichtig.

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