Stillhilfe, Stillhilfsmittel

Statt Stilltee, Stilltuch und anderen Stillhilfsmitteln

von Anja

Gerade vor der Geburt des ersten Kindes erliegen wir Eltern häufiger als gedacht der Annahme, dass es für alle Probleme eine käufliche Lösung gibt. Der Gang in einen Babyladen lässt aber ebenso schnell vermuten, dass wir diverse Hilfsmittel brauchen, um zum Beispiel unser Kind beim Schlafen zu unterstützen. Wenn das Baby dann geboren ist, merken wir schnell, dass es vor allem wir Eltern selbst sind, die ihm durch unsere Nähe Halt und Sicherheit geben, so dass es geborgen in den Schlaf gleiten kann.

Beim Thema Stillen verhält es sich mittlerweile ähnlich. Noch vor einigen Jahren konnten Frauen mit Stillabsicht die Ernährungsecke in der Drogerie weiträumig umlaufen. Nun suggeriert dort ein immer größer werdendes Stillregal, dass das Stillen doch nicht ganz so einfach und kostengünstig ist, wie vielleicht im Geburtsvorbereitungskurs vermittelt wurde. 

Und ja, einfach ist es tatsächlich nicht immer. Das liegt aber weniger daran, dass sich Frauen nicht ausreichend mit diversen Stillhilfsmitteln eingedeckt haben. Hier muss übrigens noch unterschieden werden. Und zwar zwischen den Hilfsmitteln, die zur Überbrückung einer schwierigen Stillsituation neben fachlicher Unterstützung sinnvoll eingesetzt werden können. Und den Produkten, die keine wirkliche Notwendigkeit beim Stillen haben oder sich sogar kontraproduktiv auswirken.

Was im Stillalltag tatsächlich unterstützt

Darum gibt es an dieser Stelle eine kleine Auflistung, was im Stillalltag tatsächlich unterstützend ist. Das heißt natürlich nicht, dass das eine oder andere Produkt der einen oder anderen Frau gut tun kann. Aber gerade bei Stillschwierigkeiten sind einige Stillprodukte meist keine gute Lösung.

Statt Stilltee, Stillsaft oder Müsliriegel für Stillende

Gut Essen und Trinken ist wichtig, das wissen wir alle. Es gilt besonders für Phasen, in denen der Körper Höchstleitungen vollbringt, etwa in der Schwangerschaft, im Wochenbett und auch in der Stillzeit. Denn gerade in diesen Zeiten wird der Körper bei schlechter Versorgung gnadenlos an die mütterlichen Nährstoffreserven gehen, damit für das Baby gut gesorgt ist.

Das ist auch der Grund, warum Muttermilch sich selbst bei einer suboptimalen Ernährung qualitativ nicht großartig verändert. Die meisten Nährstoffe lassen sich durch die mütterliche Ernährung ohnehin nicht beeinflussen. Nur die Vitamine A, C, B1, B2, B6, B12, D, Niacin und wahrscheinlich Vitamin K sowie die Zusammensetzung (nicht die Fettmenge!) der Fettsäuren. 

Generell ist der Kalorienbedarf der Stillenden in der Stillzeit um etwa 300 bis 600 Kilokalorien erhöht. Der Bedarf an Nährstoffen wie Protein, Vitamin A+B+E, Folsäure, Magnesium, Eisen, Jod und Zink ist ebenfalls erhöht. Deshalb sollten, wie schon während der Schwangerschaft, Lebensmittel mit hoher Nährstoffdichte gegessen werden.

Stillhormone können stressfrei besser fließen

Und ganz ab von Nährstoffen und Co. fördert ein liebevoll gekochtes und wohlschmeckendes Essen das Wohlbefinden der stillenden Mutter im Wochenbett. Das schafft kein Saft und auch kein Stillriegel. Ob der Partner oder die Partnerin, Freunde, Großeltern oder auch die Mütterpflegerin täglich kochen ist unerheblich. Wichtig ist, dass vorab organisiert ist, dass die stillende Mutter nicht im Wochenbett selbst am Herd steht. Das gilt natürlich auch für Mütter, die nicht stillen. Denn neben der Steigerung und Aufrechterhaltung der Milchbildung ist vor allem auch die Regeneration und Heilung nach der Geburt eine große körperliche Leistung. Sie verlangt jeder Frau viel ab.

Der für sie liebevoll angerichtet Teller mit geschnittenem Obst und Gemüse, Nüssen und anderen gesunden Snacks zeigt der Wöcherin die Wertschätzung für all diese Strapazen. Das gilt auch für die von der Nachbarin gekochte Wochenbettsuppe oder die von der Freundin gerollten Energiebällchen. Es sind weniger diese Lebensmittel selbst, als dass damit verbundene gute Gefühl. Selbst gut umsorgt kann die Mutter ihr Baby gut umsorgen. Die Stillhormone können stressfrei besser fließen und das wiederum fördert die Milchbildung mehr als jeder Stilltee.

In Zeiten, in denen man die Fläschchenfütterung für Eltern einfacher macht, kommen absurde Produkte wie Brustreinigungstücher auf den Markt. Denn während Flaschen eben nicht mehr nach jeder Fütterung abgekocht werden müssen, sollen nun Brust und Brustwarze vor dem Stillen mit Feuchttüchern gereinigt werden? Diese Tücher gehören definitiv zu den größten Absurditäten im Stillregal. Aber eben das wissen Ersteltern ja oft einfach nicht. Und ein Produkt wie dieses hinterlässt möglicherweise noch das Gefühl, dass Stillen unhygienisch sei oder für das Baby vielleicht nicht sicher ist.

Toleranz statt Tuch zum Stillen

Stilltücher sind in den letzten Jahren immer mehr in Mode gekommen, so dass man sie mittlerweile sogar im Drogerie-Markt kaufen kann. Die Idee des Stilltuches ist, dass das Stillen diskreter abläuft oder auch, dass das Baby etwas abgeschirmter und ungestörter ist. Das kann situativ passend sein. Ich erinnere mich aber noch gut an die arme Frau im Frühstücksraum eines Hotels, die mit ihrem Stilltuch letztlich alle Blicke auf sich zog. Während sie mühsam versuchte, ihren Brustansatz mit dem Baby unter dem Tuch zu verbergen, fand das Baby das Tuch scheinbar so blöd, dass ein entspanntes Stillen nicht mehr möglich war. 

Mehr Wohlwollen fürs Stillen

Was hätte diese Mutter also eigentlich gebraucht? Ein gemütliche Stillecke zum Beispiel, in der sie sich etwas hätte zurückziehen können. Im Hotel ist das ja noch machbar, an vielen öffentlichen Orten aber nicht. Oder Frauen werden sogar zum Stillen auf die Toilette geschickt. Was stillende Frauen also eigentlich bräuchten, wäre eine Gesellschaft, der es egal ist, ob eine Mutter ihr Kind gerade stillt oder nicht. Und zwar unabhängig davon, wie alt dieses Kind auch sein mag. Doch davon sind wir leider noch weit entfernt.

Auch als nicht mehr so schnell zu verunsichernde Viertmutter kenne ich diesen Punkt, an dem sich das Stillen in der Öffentlichkeit nicht mehr ganz so entspannt anfühlt. Weil es eben nicht „normal“ ist, dass ein zweijähriges Kind gestillt wird. Und selbst das Stillen von Babys ist an manchen Orten längst noch keine Selbstverständlichkeit. Statt eines Tuches, das das Stillen verdecken soll, wäre ein allgemeines gesellschaftliches Wohlwollen in Sachen Stillen viel wichtiger. Ein schönes Tuch darf man sich dennoch in der Stillzeit zulegen. Es muss aber eben kein Stilltuch sein.

Und ob das Stillkissen wirklich das Stillen unterstützt, wird sich nach der Geburt zeigen. Als bequemes Lagerungskissen wird es in der Schwangerschaft von vielen Frauen geschätzt, weshalb die frühe Anschaffung dieses „Stillproduktes“ durchaus hilfreich sein kann.

Stillvertrauen statt Stillapp und Stilllicht

Mittlerweile gibt es sogenannte Stilllichter, die am Ende auch nichts anders sind als ein LED-Licht, das man sich ans Bett stellt. Gerade in den ersten Tagen nach der Geburt ist ein kleines Nachtlicht wirklich hilfreich. Man möchte auch nachts immer wieder nach seinem Baby schauen. Und auch beim Anlegen kann etwas Beleuchtung hilfreich sein. Für langfristig gute Nächte ist es aber vor allem hilfreich, wenn Müttern gezeigt wird, wie sie bequem im Liegen ihr Baby gut anlegen können.

Vertrauen in eigene Stillfähigkeit bekommen

Die Still-App hat das gute alte Stillprotokoll abgelöst. Und wahrscheinlich ist es in diesem Punkt sogar eine Verbesserung, weil das Notieren der Stillmahlzeiten leichter möglich ist. Aber warum muss man überhaupt notieren, ob das Baby 13 oder 15 mal rechts oder links oder an beiden Seiten getrunken hat? In manchen Situationen mag es hilfreich sein, mal über ein paar Tage zu protokollieren, wann und wie das Kind stillt. Gemeinsam mit der Hebamme oder Stillberaterin kann dies dann ausgewertet werden. Als Hebamme komme ich so einem Stillproblem schneller auf die Schliche oder weiß, was noch stillförderndes möglich wäre.

Darüber hinaus dienen Apps und Protokolle nicht unbedingt dazu, dass Mütter mehr Vertrauen in ihre Stillfähigkeit bekommen. Auch wenn viele sagen, dass Zählen, Wiegen und Aufschreiben ihnen Sicherheit gibt, ist doch langfristig eher das Gegenteil der Fall. Denn das Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen in Bezug auf das Stillen wird durch das Ermitteln und Notieren zu vieler Zahlen nicht gefördert.

Aber in Zeiten, in denen sich Frauen ohne Hebammen und andere Unterstützung durchs Wochenbett schlagen, ist es sehr nachvollziehbar, dass Zahlen eine vermeintliche Sicherheit geben. Die positive Bestärkung und die anerkennenden Worte meiner Hebamme zu meinen mütterlichen Kompetenzen war mir in allen Wochenbettzeiten ein wichtige Unterstützung darin, mein eigenes Stillvertrauen aufzubauen. Gerade wenn das Stillen nicht so rund läuft, ist das wichtiger denn je.

Ursachenforschung statt nur Salbe drauf

Auch Brustwarzensalben, Hydogel-Kompressen und Stillöle gehören zur Palette der Stillprodukte. Und diese Produkte können durchaus hilfreich sein. Allerdings meist nur in Kombination mit guter Unterstützung bei der Problemfindung-und behebung. Denn die wunde Brustwarze kommt nicht einfach so zustande. 

Stillberatung ist die erste Empfehlung

Die Ursachen sind vielfältig und manchmal braucht es auch ganz spezielle Arzneimittel wie zum Beispiel bei einem Pilzbefall (Soor). Darum ist hier die Stillberatung die erste Empfehlung. All die Salben und Mittel können dann je nach Indikation unterstützend eingesetzt werden. Vor dem Gang in die Drogerie oder Apotheke ist es also wichtig, die Hebamme oder  Stillberaterin zu kontaktieren 

Stillunterstützung beim Einsatz von Stillhütchen, Brusternährungsset und Co.

Das gilt auch für den Einsatz von Stillhilfsmitteln wie Brusthütchen, auch Stillhütchen genannt. Viele dieser Produkte sind eine wirklich Hilfe in so mancher schwieriger Stillsituationen. Aber sie sollten immer sinnvoll und mit passender fachlicher Begleitung eingesetzt werden. Stillhütchen können einem Baby helfen, dass die derzeit Brust noch nicht anders erfassen kann, weil es vielleicht zu früh geboren wurde.

Zur Behebung wunder Brustwarzen hingegen eignet sich ein Hütchen nur selten. Und vor allem muss der Zeitraum der Anwendung definiert werden, denn Stillhilfsmittel bedeuten einen erhöhten Aufwand beim Stillen. Es muss immer wieder neu geschaut werden, was für Mutter und Kind machbar ist.

Sich zu informieren ist die sinnvollste Investition 

Darüber hinaus gibt es noch weitere Produkte wie Stilleinlagen, Still-BHs oder andere extra für die Stillzeit konzipierten Kleidungsstücke. Was davon gebraucht wird oder auch nicht, wird sich im Laufe der Stillzeit zeigen. So benötigen nicht alle Frauen Stilleinlagen. Anderen wiederum sind gerade in der Stillzeit BHs nicht angenehm. Oder umgekehrt, aber das weiß man meist erst nach der Geburt konkret.

Statt zu vieler Anschaffungen für die Stillzeit ist es gerade heutzutage wichtig, gut informiert in die Stillzeit zu gehen. Denn es ist eben nicht sicher, wie umfassend die Unterstützung nach der Geburt sein wird. Wenn eine Mutter bzw. die Eltern wissen, wie das Stillen und die Laktation als System funktionieren, wird das gerade in den ersten wichtigen Tagen hilfreich sein. Mehr Stillinformationen statt mehr Stillprodukte sind eine gute Voraussetzung für einen möglichst guten Stillstart.

Informationen rund ums Stillen gibt es bei Hebammen und Stillberaterinnen in Kursen und Beratungsgesprächen:

https://www.hebammenverband.de/familie/hebammensuche/#c11733

https://www.bdl-stillen.de/stillberatungsuche.html

https://www.stillen.de/laktationsberatung-finden/

https://www.ausbildung-stillbegleitung.de/index.php/12-dais-basics/113-unsere-stillbegleiterinnen

Informative Seiten im Netz:

https://www.stillkinder.de

https://www.still-lexikon.de

https://www.milchwiese.de/blog

Youtube-Kanal. Entspannt Stillen

https://www.youtube.com/channel/UCOyMQ9__8diBFFB0jnMLVBg

Bücher:

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3 Kommentare

Annegret 23. Oktober 2019 - 14:39

Ich bin gerade auf diesen Artikel gestoßen und kann vielem nur zustimmen. Man braucht nicht viel, um ein Baby zu stillen. Mit dem 7. Stillkind kann ich auch auf etwas Erfahrung blicken. Stilltee trinke ich auch gern, nicht weil ich ihn brauche, sondern weil er mir schmeckt.
Ein Stilltuch besitze ich seit dem 7. Kind bzw. mehrere davon, die ich aber nicht nur zum Stillen nehme, sondern gern als Loop verwende. Das geschenkte Tuch von dm wurde gleich von der 13-jährigen Tochter in Beschlag genommen und regelmäßig getragen. Zuhause benutze ich sowas natürlich nicht und auch nicht, wenn ich weite Kleidung anhabe. Aber in der Eissporthalle oder in vollen Zimmern war/ist mir das Stilltuch viel angenehmer, weil ich mich unwohl fühle, wenn andere mich „entblößt“ sehen, und ich denke, es ist auch für die „Fremden“ angenehmer. D.h. nicht, dass ich nur in geschützen Räumen stille, sondern eben auch in der Eissporthalle oder im überfüllten Zug- nur eben mit etwas Privatssphäre.
Als Nachtlich haben wir eine 1-Watt-LED, die wir vor allem für die kleineren Kinder haben, die nachts aufs WC müssen.
Früher habe ich auch gedacht, dass man trotz stillens Fläschchen etc. braucht.
Habe ich aber (fast) nie. Eine Milchpummpe habe ich trotzdem, da gerade am Anfang meine Brust sehr groß und prall ist und ich dann etwas abpumpe, damit die Brustwarze besser zu fassen ist.
Brustwarzensalbe nehme ich meist in der Anfangszeit ein bisschen, aber nicht zu oft und lange. Sie eignet sich auch für andere Sachen (u.a. habe ich sie als Zutat benutzt, um bei PUL-Überhosen für Stoffwindeln die Nähte abzudichten).
Fazit: es gibt einige Sachen, die nützlich sein können. Viele Sachen sind wirklich Geldmacherei. Und mit einer guten Hebamme/Stillberaterin ist einem sowieso am besten geholfen.

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Sally Theodor 10. Oktober 2019 - 22:45

Danke für den schönen Artikel. Habe das Gefühl, dass diverse Hersteller von Flaschenmilch in den letzten Jahren sehr kreativ wurden, sich den Markt für Stillmütter zu eröffnen und sich allerlei Produkte ausgedacht haben (und sich diese gut bezahlen lassen). Einige Hilfsmittel wie Still-BHs, Stilloberteile als Ergänzung zu meiner stillgeeigneten normalen Kleidung nutze ich gerne (brauche eh mehr Kleidung weil ich ständig bekleckert werde ). Statt Stilllicht in der ersten Zeit habe ich bei der ersten eine Lichterkette im Schlafzimmer und ansonsten das Nachtlicht am Babyfon genutzt. Auch einige andere Hilfsmittel haben mir, besonders in den ersten Wochen, das stillen erleichtert. Am hilfreichsten waren aber beim ersten Kind definitiv meine Hebamme und eine andere Mutter, die schon mehr Erfahrung hatte und mir der ich viel bequatschen konnte (das hat entspannt).

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Maja Raye 2. Oktober 2019 - 10:55

Ich trinke total gerne Stilltee. Nicht weil ich davon ausgehe, dass er meine Milchmenge erhöht, sondern weil ich dann einfach eine leckere Alternative zu Wasser habe! 🙂 So fällt mir das viel trinken leichter und selbst mein Großer (3 Jahre) mag den. 😉
Auf mein Stilllicht möchte ich auch nicht verzichten, da ich das Neugeborene zwar im Liegen stille, aber das andocken noch bisschen überwachen muss.
Diese zwei Hilfsmittel finde ich daher durchaus hilfreich!! Aber ich finde auch, das man durch das massige Angebot schon ein wenig verunsichert werden kann und man das meiste auch wirklich nicht braucht!!

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