Langzeitstillerin

Stillen nach Bedarf und dabei die Mutter nicht vergessen

von Anja

Dies ist der fünfte Beitrag in unserer Reihe „Stillen ist bunt“ (alle weiteren findet ihr gesammelt hier), in dem Angi ihre Stillgeschichte erzählt. Angi ist 30 Jahre alt, arbeitet in einen kaufmännischen Bürojob bei einem Verkehrsunternehmen und ihre kleine Tochter Victoria ist knapp 17 Monate alt. Sie geht seit Anfang August in die Kita und „kommt total gut zurecht auch ohne Mama und Milch“, schreibt sie. „Ich gehe 30 Stunden arbeiten, mein Mann bringt die kleine morgens in die Kita und ich hole sie ab. Abends kommt der Papa meist so spät, dass die Kleine schon bei mir auf dem Arm eingeschlafen ist.“

Nach einem Notkaiserschnitt war der Stillstart für Angi schwer und schmerzhaft. Wer und was ihr geholfen hat, erzählt sie hier. Auch das Stillen in der Beikostzeit und jenseits des ersten Geburtstages kostete sie immer wieder Kraft und manchmal auch Nerven. Viele Kleinkinder stillen doch weitaus häufiger, als viele Mütter das vielleicht vorab erwartet hätten. Im trubeligen Familienalltag wird oft mal vergessen, dass auch das Stillen jenseits der Babyzeit erfordert, immer wieder gut auf sich zu achten und die Bedürfnisse von Kind und Mutter im Blick zu behalten.

Erster Stillmoment nach dem Notkaiserschnitt

Was hast du vor deiner Schwangerschaft über das Stillen gedacht bzw. welche Erfahrungen mit dem Thema gemacht?
Vor der Schwangerschaft habe ich Freundinnen erlebt, die stillen. Es wurde oberflächlich von Schmerzen und körperlicher Anstrengung gesprochen und dass es immer einfacher wird, wenn man durchhält. Ich wollte es beim eignen Kind auf jeden Fall versuchen.

Wie hast du dich vor der Geburt über das Thema informiert? Gab es Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf die vor euch liegende Stillzeit?
Ich habe mich wenig informiert, ich wollte stillen, habe mit meiner Hebamme kurz darüber gesprochen und wollte es auf mich zukommen lassen. Ich habe gehofft, dass es klappt und dass es nicht so sehr weh tut.

Wie verlief der Stillstart und wie ging es dir und Deinem Baby dabei? Welchen Einfluss hatte die Geburt auf eure ersten Stillmomente?
Nach einem Notkaiserschnitt kam der Milcheinschuss zum Glück schon im Krankenhaus. Der erste Stillmoment kam irgendwann ein, zwei Stunden nach der Entbindung und lief zunächst gut. Wir hatten ziemliche Probleme beim Anlegen, sodass ich mit offenen Brustwarzen und Stillhütchen entlassen wurde.

Viel geweint, Schmerzen veratmet und nachts wach gelegen

Wie lief das Stillen im Wochenbett? Hattest du in dieser Zeit Unterstützung?
Ibuprofen, Stillhütchen – meiner Hebamme und meinem Mann sei Dank habe ich die ersten Wochen überstanden. Es wurde viel geweint, Schmerzen veratmet und wach gelegen und gehofft, dass es dem Babymädchen an nichts fehlt. Clusterfeeding inklusive, kein Spaß – und alles mit Stillhütchen.

Wer war bei Fragen oder Problemen in der Stillzeit für Dich da? Wer oder was hat Dir besonders gut bei etwaigen Schwierigkeiten geholfen?
Eine Freundin, die selbst vor kurzem entbunden hatte, hat sehr geholfen, war nachts per WhatsApp oft da. Sie hatte den Kampf um die Milchmenge leider verloren und hat mich bestärkt, weiter zu machen. Milch hatte ich von Anfang an genug, fast zu viel. Auch dass mein Mann mich aufgebaut hat, obwohl er sah, welche Schmerzen ich hatte.

Wie verlief der Beikostbeginn? Welche Erwartungen gab es? Und wie hat sich das Stillen in dieser Zeit verändert?
Der Beikoststart lief ganz gut. Die Stillmenge wurde ein wenig weniger, aber die Blähungen nahmen immer mehr zu und das Babymädchen hat am liebsten an der Brust genuckelt bei Bauchweh. Also wurden die Nächte immer schlimmer. Das hat sich bis zum 15. Monat soweit verändert, dass sie nur noch nachts (von 20 bis ca. 6.30 Uhr) an die Brust ging, aber sonst normal isst. Aber die Brust ist immer noch Allheilmittel gegen Zahn-, Bauch- und Verarbeitungsweh. Die Monate 10 bis 13 waren stilltechnisch eher frustrierend, weil es das einzige war, was zum schlafen, beruhigen und oft auch essen geholfen hat.

Stillen auch nach Bedarf der Mama

Wie verlief der Abstillprozess bzw. welche Wünsche oder Vorstellungen hast du in Bezug auf diese Zeit?
Abstillen ist gefühlt noch in weiter Ferne. Ich hab mich nie als „Langzeitstillerin“ gesehen. Und doch ist es passiert und ich bin meistens ganz zufrieden damit. Ich hoffe, dass es für uns einfach ausläuft und wir nicht von heute auf morgen aufhören müssen, weil ich mich doch (wieder) nicht damit wohl fühle.

Was war oder ist das Schönste für dich am Stillen?
Die Verbundenheit und das Wissen, meinem Babymädchen genau das zu geben, was sie am meisten möchte.

Was war am schwersten oder belastendsten für dich in der Stillzeit?
Am Anfang war mein Energiebedarf enorm – die Hungerattacken und die Gewichtszunahme. Ich habe leider zugenommen, weil ich sehr viele Kohlehydrate – weniger süss mehr deftig – gegessen habe. Im zweiten Halbjahr der Frust, dass niemand außer mir ihr das geben kann, es gab kaum eine ruhige Minute. Pärchenzeit, mal zu Oma und Opa geben – alles nicht möglich, weil das Babymädchen nur mit Mama einschläft und dann mit Glück drei bis vier Stunden aber oft auch deutlich weniger schläft.

Was würdest du in einer weiteren Stillzeit anders machen? Was ist deine wichtigste Erkenntnis in Bezug auf das Stillen, die du anderen Müttern weitergeben würdest?
Mädels, esst ordentlich. Nur wenn ihr fit seid, habt ihr die (Still)Kraft, die ihr braucht. Ich würde eventuell versuchen, das Schlafen vom Stillen zu entkoppeln und vielleicht das Stillen nach Bedarf minimal mehr auf den Bedarf der Mama auslegen, also versuchen, die Stillabstände etwas zu verlängern.

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