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Tragetuch oder Kinderwagen?

von Anja

Noch immer steht auf manchen Erstausstattungslisten der Punkt „Kinderwagen oder Tragetuch“. Manchmal sind auch „Vor- und Nachteile“ zu dieser Frage aufgelistet. Auch von werdenden Eltern kriege ich als Hebamme immer wieder mal die Nachfrage, was denn nun „besser“ sei. Dabei gibt es hier absolut gar keine „richtige“ Antwort. Aber es gibt Antworten.

Ein Tragetuch bzw. eine gut sitzende Tragehilfe halte ich für den Babyalltag für unverzichtbar, denn alle Eltern tragen ihre Babys. Wenn dafür keine Tragehilfe genutzt wird, balanciert man das Baby auf dem Arm. Das führt langfristig zu ungünstigen Haltungen und verkompliziert den Alltag, weil man so nie beide Hände frei hat, um etwas anderes zu tun. Zum Beispiel sich etwas zu essen zuzubereiten.

Manche Eltern haben schon einige Wochen das Leben mit dem Baby einarmig gestaltet, bevor sie sich für eine Traghilfe entscheiden. Ich habe noch keine Mutter und keinen Vater getroffen, die nicht davon begeistert waren, wie viel leichter das Leben ist, wenn man plötzlich beide Hände frei hat und das Baby trotzdem nah am Körper getragen wird.

Kinderwagen können ungemein praktisch sein

Ob man mit Kind im Tuch zwei Stunden spazieren geht oder das Tuch eher für kurze Wege und primär zu Hause nutzt, hängt von vielen Faktoren ab. Aber auch Kinderwagen können ungemein praktisch sein. Im öffentlichen Nahverkehr, beengten Geschäften oder bei größeren Menschenansammlungen sind sie allerdings häufig eher hinderlich – und man kommt deutlich langsamer voran.

Neben der Beförderung des Babys sind Kinderwagen auch für den Transport von Einkäufen, als mobile Wickelstation oder für müde kleine, große Geschwisterkinder super. Und es gibt Kinderwagen, mit denen man joggen gehen kann. Das sollte man mit Kind im Tragetuch bitte nicht versuchen.

Kinderwagen sind in der Anschaffung vergleichsweise teuer. Für ein gutes Tragetuch oder eine vernünftige Trage muss man zwar in aller Regel auch mehr als hundert Euro hinlegen. Aber es ist dennoch ein Bruchteil dessen, was ein guter Kinderwagen heutzutage kostet. Der Gebrauchtmarkt empfiehlt sich hier übrigens für beide Anschaffungen. Second-Hand-Anschaffungen sparen an dieser Stelle viel Geld und sind natürlich auch nachhaltiger.

Babys kommen als Traglinge auf die Welt

Meine Empfehlung für Ersteltern ist immer, zuerst eine passende Trageoption anzuschaffen. Ob Tuch oder Trage individuell sinnvoller ist, kann man mittels einer Trageberatung herausfinden. Hier in Berlin (aber auch an anderen Orten) gibt es auch spezielle Trageläden, die nicht nur sehr gut sortiert sind, sondern auch fachkompetent beraten.

Wie groß der tatsächliche Bedarf für einen Kinderwagen ist, merkt man oft erst nach der Geburt. Babys kommen als Traglinge auf die Welt, also in der Erwartung, von ihren Eltern getragen und mitgenommen zu werden, wenn sich die Eltern fortbewegen. Dieses evolutionsbiologisch sinnvolle Verhalten erkennt man zum Beispiel daran, dass sie automatisch die Beinchen anziehen, wenn sie hochgenommen werden. In dieser Anhock-Spreiz-Haltung saß das Baby nicht nur gut auf der Hüfte der Steinzeiteltern, sondern macht es sich auch heute noch im Tragetuch gut gebunden an Mama, Papa oder eine andere Bindungsperson bequem.

Für viele Kinder, die sich anfangs nicht gerne ablegen lassen, wird der Kinderwagen dann oft im Sitzalter interessant, so dass man auch später noch überlegen kann, ob ein kompakteres und günstigeres Kinderwagenmodell bzw. ein Buggy vielleicht sinnvoller ist.

Kleinkinder bleiben „Mitnehmlinge“

Und andere Alternativen für den Transport von Babys und Kleinkindern gibt es viele. Sei es der Bollerwagen, den es auch in ganz leicht und faltbar und sogar mit Sonnendach gibt. Oder der Fahrradanhänger, der vom Fahrrad entkoppelt auch geschoben werden kann oder sich in schneereichen Regionen mit Kufen sogar zum Schlitten umbauen lässt. Denn auch wenn Babys und Kleinkinder später laufen können. Sie bleiben „Mitnehmlinge“. Ob Eltern sie dann schieben, tragen oder auf den eigenen Schultern transportieren, hängt wieder von vielen Faktoren ab. Wie bei den anderen 1001 Entscheidungen im Elternleben gibt es auch hier immer nur individuell richtig gut passende Lösungen

Die meisten Eltern möchten dennoch einen Kinderwagen anschaffen, am liebsten schon vor der Geburt. Sicherlich auch deshalb, weil es schön ist zu überlegen, wie und wo man zusammen mit seinem Baby unterwegs sein möchte. Der Kinderwagenkauf hat auch eine hohe emotionale Komponente. Und obwohl in der Schwangerschaft der Stress nicht selten hoch ist, weil das gute Stück dann sechs Wochen Lieferzeit hat, stehen doch viele Kinderwagen in den ersten Wochen nach der Geburt primär als hübsches Dekostück in der Wohnung herum. Hier in Berlin kommt zudem immer noch die Überlegung hinzu, ob man jetzt für den kurzen Weg zum Bäcker den Wagen wirklich die fünf Stockwerke herunter trägt. Und dann wieder rauf.

Aber in der Regel kommt der Kinderwagen noch zum Einsatz – aber oft erst etwas später. Und um zur Ausgangsfrage „Tragetuch oder Kinderwagen?“ zurückzukommen. Das Tuch oder die Trage sind eine wichtige Unterstützung im Babyalltag, allein schon, um Rücken und Beckenboden sinnvoll zu entlasten. Ob und was für einen Kinderwagen man braucht, ist höchst individuell. Trageoption und Kinderwagen können sich ganz wunderbar ergänzen. Also lieber bei der Extraausstattung für den Wagen etwas zurückhaltender sein und dafür noch in ein Tuch oder eine Trage investieren. So kann man flexibel auf die Bedürfnisse der kleinen Mitnehmlinge eingehen.

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8 Kommentare

Jane 31. März 2019 - 20:06

Beim Kinderwagen ist das Problem, dass die Lieferzeiten je nach Modell ziemlich lang sein können.

Wir hatten unseren Kinderwagen daher schon zeitig bestellt, weil er eine Handbremse haben und geländetauglich sein sollte. Mit Buggyaufsatz, der in beide Richtungen zeigen kann. brauchen wir auch nix anderes mehr zu kaufen. Wir wohnen ländlich am Waldrand und müssen den Wagen auch nicht die Treppe hoch schleppen, daher musste er auch nicht sehr schmal und wendig sein. Ein Bollerwagen wäre bei uns absolut keine Alternative, dazu sind die Wege bei uns zu steil und holprig. Und den Berg hoch beim Wandern würde ich mein 11 Kilo Kind auch nicht mehr tragen wollen, da finde ich den Wagen besser.

Eine Trage haben wir aber auch, in den bisher 15 Lebensmonaten unseres Kindes war es so: als Neugeborenes fand es Tragen tatsächlich blöd. Wollte auch immer ohne Körperkontakt schlafen (abgefahren, ich weiß, war aber so). Kinderwagen war super, da hat es sehr gerne drin geschlafen. Die Trage kam erst ab dem ca. 6. Monat zum Einsatz und wird jetzt gelegentlich genutzt, wenn uns erhöhtes Kuschelbedürfnis signalisiert wird. Sonst wird der tägliche Spaziergang im Wagen gemacht, mittlerweile will der Zwerg auch nach vorne gerichtet sitzen, weil man da mehr sieht (wie gesagt, wir wohnen ländlich am Waldrand, da wirken auf das Kind beim Spaziergang nicht so viele Reize ein wie in der Stadt).

Ich finde auch, man kann keine Grundsatzaussage machen, was nun besser ist, man muss sich halt überlegen was man braucht je nach Wohnort etc. Und flexibel bleiben und auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen.

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Ubik 26. März 2019 - 13:13

Wir haben unseren Kinderwagen von meiner Schwester übernommen und daher nix bezahlt. Genutzt haben wir die Babyschale nur ein paar Mal. In den ersten Monaten hat die Kleine sofort und anhaltend geschrien, inzwischen – mit fast 7 Monaten – wird der Wagen zumindest für den Weg zum Supermarkt akzeptiert. Tuch und Tragen waren nie ein Problem und kamen von Beginn an überall und jederzeit zum Einsatz. Die Kleine schaut sich mit großen Augen die Welt an und schläft gemütlich an Mamas/Papas Brust. Dagegen erscheint der ständige Blick in den Himmel doch eher öde und der Protest nachvollziehbar. Mir ist der Kinderwagen inzwischen auch viel zu umständlich – oft sind U-Bahnen überfüllt, Fahrstühle defekt und Gehwege zugeparkt. Trotzdem freue ich mich auf den Buggy, die Kleine wird ja auch nicht leichter. Ich würde werdenden Eltern empfehlen, auf den Kinderwagen zu verzichten und später einen ordentlichen Buggy zu kaufen.

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Kathrin 25. März 2019 - 11:49

Dann bin ich wohl die Ausnahme der Regel. Mein Schatz hat es geliebt getragen zu werden. Aber ohne Tuch. Am besten Kopf auf Schulter und man hatte einen zufriedenes Baby. Kinderwagen war auch akzeptiert, solange man was sehen konnte. Ging super. Tragetuch: schreien. Noch mehr schreien. Tragetuchberatung. Noch mehr schreien und wildeste Befreiungversuche. Mein Mann hatte mehr Durchhaltevermögen mit dem Tragetuch – man wusste noch ein paar Straßen weiter wo wir waren. Unsere Tochter war ansonsten ein sehr pflegeleichtes Baby. Aber irgendwann brüllte sie schon, wenn sie das Tuch nur gesehen hat. Kinderwagen: kein Problem. Tragen ohne Tuch: super. Wir haben Tragetücher dann aufgegegeben. Nun hatte wir einen schönen Kinderwagen, leichtgängig mit großen Reifen. Der war von Anfang an der Hit. Oder eben Tragen. Ohne Hilfe. Dann war man eben ein Einarm….

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Heike 23. März 2019 - 09:24

Ja und ja und JA!! Du sprichst mir wirklich aus der Seele 🙂
Ich trage von Geburt an viel und gerne und auch wir konnten in der ersten Zeit unseren (gebraucht kauften) Kinderwagen als hübsches Dekoobjekt nutzen, weil der kleine Schatz darin nur geweint hat.
Ich trage mit einer Limas und einem Ring Sling. Erstere für längeres Tragen, Schlafen/Ausruhen, Spaziergänge, oder auch alle Situationen, in denen der Kinderwagen einfach zu sperrig ist.
Letzterer für alle “mal eben” Situationen und kurze Wege – Müll rausbringen, runter in den Garten, der Weg vom Parkplatz zur Krabbelgruppe etc. oder auch, wenn der Kleine beim Einkaufen keine Lust mehr hat im Einkaufswagen zu sitzen oder beim Kochen zuschauen möchte 🙂
Er ist mittlerweile knapp 11 Monate alt und auch jetzt noch ist für mich ein Alltag ohne diese beiden Tragehilfen unvorstellbar.
Trotzdem hat auch der Kinderwagen zwischenzeitlich seine ebenso unverzichtbaren Einsatzbereiche bekommen und möchte ich ihn genausowenig missen.

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Larrie 22. März 2019 - 23:29

Also ich bin dann wohl die Ausnahme unter den Tragemamis. Ich musste meinen Sohn 9 Monate tragen. Ich habe 1 Tuch und 2 Tragen. Jeder Tag war furchtbar. Ich konnte mich damit nicht bewegen, ich konnte nicht vernünftig laufen. Trotz mehrfacher Beratung komme ich mit Binden/Anlegen nicht zurecht. Ich war so unendlich dankbar als der Tag da war an dem er endlich wenigstens schonmal im Wagen ruhig blieb und ich meine Wege zwar noch immer zu Fuß, jedoch ohne Angst vor’m stürzen, erledigen konnte. Getragen habe ich nur weil ich keine andere Wahl hatte. Aber genossen habe ich es nie.

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Vanessa 22. März 2019 - 19:44

Danke für diesen absolut offenen Artikel. Mein Kind war ein Frühchen und somit durch das Tragen im Tuch wesentlich zufriedener. Bis er 6 Monate war, war gar nicht daran zu denken, den Kinderwagen zu nutzen (nur Schreierei). Ich werde heute noch auf das Tragen angesprochen und eher als “Außenseiter” betrachtet bzw als ob ich mir keinen Kinderwagen leisten könnte. Ich habe beides und ich nutze beides! Aber das Tragen ist so natürlich.
Also vielen Dank für den Artikel. Vielleicht werden damit Vorurteile aus der Welt geschaffen.

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Claudi 22. März 2019 - 19:36

Ich habe in meiner ersten Schwangerschaft ein Tuch gekauft. Den Kinderwagen wollten wir dann spontan kaufen , wenn wir festgestellt hätten, dass wir einen brauchen.

Nun, meine erste Schwangerschaft isr 8 Jahre her, mitterweile habe ich 4 Kinder und der Moment kam nie.
Es sind im laufe der Jahre noch viele, viele Tücher, aber nie ein Kinderwagen eingezogen.

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Dresden Mutti 22. März 2019 - 13:10

Das ist ein sehr schöner Artikel. Ich mochte beides sehr gerne – habe geschoben und getragen. Mit Baby ist man ja doch ständig draußen unterwegs. Das Tuch hat den großen Vorteil, dass man damit in jeden Bus reinkommt. Der Kinderwagen eignet sich prima zum Einkaufen, weil er zusätzlichen Stauraum bietet. Vor allem aber mit zwei Kindern war ich froh, beides zu haben. Die Große kam dann in den Kinderwagen und die Kleine ins Tuch. Auf einen Geschwisterwagen haben wir verzichtet, weil er viel Stauraum braucht – beim Parken ebenso wie in Bus und Bahn.

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