Drei Stillzeiten, Stillzeit, Stillprofi

Vertrauen in die eigene Stillfähigkeit

von Christian

Dies ist der 29. Beitrag in unserer Reihe „Stillen ist bunt“ (alle weiteren findet ihr gesammelt hier), in dem Anna aus Bayern ihre Stillgeschichte erzählt. Die Architektin ist verheiratet und hat drei Kinder.

Sie hat alle drei Kinder gestillt und dabei unterschiedliche Erlebnisse gehabt. Hier erzählt sie von ihrem individuellen Weg hin zum “Stillprofi” mit viel Erfahrung.

Was hast du vor deiner Schwangerschaft über das Stillen gedacht bzw. welche Erfahrungen mit dem Thema gemacht?
Ich hatte vor meiner Schwangerschaft Kontakt zu einigen Stillenden, insbesondere einer Freundin, die ihre Zwillinge stillte. Und zu meiner Schwägerin, die ihre beiden Jungs je zwei Jahre stillte. Ich wollte gerne stillen und es auf jeden Fall versuchen, hatte aber auch schon erlebt, dass es bei einer Freundin nicht klappte. Deshalb war mir klar, dass es vielleicht nicht von selbst geht und es sinnvoll sein würde, sich vorher zu informieren.

Wie hast du dich vor der Geburt über das Thema informiert? Gab es Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf die vor euch liegende Stillzeit?
Als ich dann im dritten Monat schwanger war, kam meine Nichte auf die Welt. Bei meiner Schwester beobachtete ich das Stillen sehr genau. Ich bekam auch mit, dass sie zu Beginn Schmerzen hatte und auch dass es generell viele Meinungen gibt, mit denen man so während einer Stillzeit konfrontiert werden kann.

Im Nachhinein bewundere ich meine Schwester, dass sie es mit so wenig Unterstützung (in Frankreich hatte sie keine Nachsorgehebamme, die Geburt war ein Kaiserschnitt und sie hatte lediglich am Anfang in der Klinik Hilfe beim Stillen) geschafft hat, ihre Tochter zehn Monate zu stillen. Ich besuchte dann am Ende meiner ersten Schwangerschaft einen Stillvorbereitungsvortrag (einen Vormittag lang) bei meiner Hebamme. Meine Hebamme ist auch Stillberaterin und so war ich für den Start wenigstens in der Theorie gerüstet.

Etwa nach acht Wochen lief es dann endlich entspannt

Wie verlief der Stillstart und wie ging es dir und Deinem Baby dabei? Welchen Einfluss hatte die Geburt auf eure ersten Stillmomente?
Meine erste Geburt war eine ambulante Klinikgeburt. Ich verbrachte wenig Zeit im Kreissaal, da ich die meisten Wehen zuhause bewältigt hatte und mit bereits acht Zentimeter eröffnetem Muttermund in der Klinik eintraf. Die Geburt war ohne Intervention, lediglich eine Geburtsverletzung, die genäht werden musste, beeinträchtigte mich anfangs. Ich konnte ganz bald nach der Geburt anlegen, es war ein wahnsinnig schönes Gefühl, das eigene Baby zu stillen.


Das zweite Kind wurde dann zu Hause geboren, die Geburt verlief sehr rasch, unsere Hebamme schaffte es nicht mehr rechtzeitig, so war nur mein Mann dabei. Die Hebamme kam erst zur Badezimmertür herein, als mein Sohn schon das erste Mal an meiner Brust trank. Auch das dritte Kind kam zuhause zur Welt, diesmal in Anwesenheit besagter Hebamme. Auch hier stillte ich sehr bald nach der Geburt das erste Mal… bei Kerzenlicht im Schlafzimmer. Einen schöneren Start kann ich mir nicht vorstellen.


Wie lief das Stillen im Wochenbett? Hattest du in dieser Zeit Unterstützung?
Bei ersten Kind empfand ich das Stillen echt als eine Herausforderung, eine echte Aufgabe. Damals musste das richtige Anlegen geübt werden, ich baute mir riesige Stillkissenstützen, um nicht zu sehr zu verspannen und so weiter. Bald kämpfte ich mit wunden Brustwarzen, es schmerzte sehr und sie heilten dann mit guter Pflege gemäß Tipps meiner Hebamme, die sich sehr bemühte, erst nach zwei oder drei Wochen etwas ab. Auch ständig auslaufende Brüste und deshalb nasse T-Shirts usw. nervten mich sehr, vor allem nachts. Etwa nach acht Wochen lief es dann endlich entspannt… ist es ein Zufall oder nicht, dass das doch etwa dem Wochenbett entspricht?

Viel zu Hause eingekuschelt und wenig unterwegs

Beim zweiten Kind empfand ich mich selbst schon als „Stillprofi“, hatte ich doch schon zwei Jahre Stillzeit hinter mir. Diesmal kämpfte ich dann jedoch mit einem sehr starken Milcheinschuss, da mein Sohn in den ersten Stunden sehr, sehr häufig an die Brust wollte und dadurch die Milchbildung förderte.

Erst beim zweiten Kind konnte ich den Sinn des Wochenbetts erkennen und es auch einhalten. Wir konnten uns viel zu Hause einkuscheln und waren wenig unterwegs. Mein Sohn war auch ein relativ sensibles Baby und verarbeitete unruhige Tage abends mit Schreien. Ich war froh, dass mein Mann Elternzeit hatte und auch die Großeltern sich häufiger um die große Schwester kümmerten.



Mein drittes Wochenbett war anfangs sehr schön, später leider getrübt durch einen Todesfall im engeren Familienkreis. Wieder machte ich eine neue Erfahrung: Durch den Stress, der mit diesem Ereignis verbunden war, blieb mir die Milch an einem Nachmittag weg bzw. wurde weniger. Stress hemmt Oxytocin und somit die Milchbildung. Da half nur ganz viel Ruhe und Baby-Kuscheln und nach einer unruhigen Nacht war die Milchbildung wieder im Lot.

Meine Tochter belehrte mich eines Besseren

Wer war bei Fragen oder Problemen in der Stillzeit für Dich da? Wer oder was hat Dir besonders gut bei etwaigen Schwierigkeiten geholfen?
Die Schmerzen durch die wunden Brustwarzen habe ich als sehr unangenehm in Erinnerung, da bedeutete jedes Anlegen echt Stress und die entsprechende Unterstützung des Partners und vor allem meiner Hebamme war extrem wichtig. Beim zweiten Kind gab es dann doch neue mir unbekannte Themen – auch hier war ich wieder froh um die gute Unterstützung meiner Hebamme, die zum Beispiel auf den ersten Blick den Mund- und Brustsoor nach etwa sechs Wochen erkannte.


Im dritten Wochenbett kam ich sogar in den Genuss einer Mütterpflegerin, die mir beim Milcheinschuss mit Quarkauflagen half, dafür sorgte, dass ich viel im Bett lag und immer etwas zu trinken dort stehen hatte und uns massiv im Haushalt unterstützte. Beim Ausbleiben der Milch war wieder meine Hebamme erste Ansprechpartnerin und sie beruhigte mich auch da und schaffte es, dass ich nicht das Vertrauen in meine „Stillfähigkeit“ verlor.

Wie verlief der Beikostbeginn? Welche Erwartungen gab es? Und wie hat sich das Stillen in dieser Zeit verändert?
Beim ersten Kind hörte ich mir einen Vortrag zur Beikosteinführung an, der den klassischen Weg mit Brei erläuterte. Hoch motiviert startete ich „nach Plan“. Meine Tochter belehrte mich eines Besseren, nach ein paar wenigen Löffeln Kürbisbrei verweigerte sie jeglichen Brei und auch feste Nahrung bis zum Alter von etwa einem Jahr. Solange stillte ich voll – zähneknirschend, immer wieder etwas Anderes versuchend (Obstbrei, Getreide …), bis ich es schließlich einfach hinnahm, was mir damals wirklich nicht leicht fiel. Dann mit knapp zwölf Monaten begann sie vom Familientisch zu probieren und fand langsam aber sicher Gefallen an fester Nahrung.

Wider aller Erwartungen ging das Abstillen ganz problemlos


Meine Erwartungshaltung hat sich dementsprechend bei meinen weiteren Kindern sehr verändert. Bei beiden praktizieren wir letztlich Baby-led weaning. Meine jüngste Tochter ist bisher unsere fleißigste Esserin, sie probiert alles und verdrückt ziemlich große Mengen, seit sie etwa zehn Monate alt ist. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie mit nun 15 Monaten weiterhin sehr gerne an der Brust trinkt, an manchen Tagen nur zweimal, an anderen viel häufiger, gefühlt stündlich.

Wie verlief der Abstillprozess bzw. welche Wünsche oder Vorstellungen hast du in Bezug auf diese Zeit?
Beide älteren Kinder stillte ich ab, weil eine erneute Schwangerschaft vorlag. Meine Tochter beendete das Stillen mit etwa zwei Jahren und drei Monaten, ich war im dritten Monat schwanger und die Brust schmerzte stark beim Trinken. Ähnlich verhielt es sich in der dritten Schwangerschaft. Mein Sohn war nun schon gute drei Jahre alt und stillte ohnehin nur noch abends zum Einschlafen. Wider aller Erwartungen ging das Abstillen ganz problemlos, es lief bei beiden Kindern einfach aus. Sie haben es immer wieder mal einen Abend vergessen, ich war froh und irgendwann war es einfach kein Thema mehr.


Da wir nun kein weiteres Kind mehr wollen, muss ich mir für unsere jüngste Tochter eine andere „Abstillmethode“ überlegen. Ich bin sehr gespannt, wie das wird und aber auch sicher, dass es sich finden wird. Sie darf gerne noch stillen, solange es für uns beide passt. Wir genießen diese Zeit, schließlich für mich zum letzten Mal.

Im Bekanntenkreis nun viel mehr „Langzeitstiller“

Was war oder ist das Schönste für dich am Stillen?
Die Nähe und Verbundenheit. Das tolle Gefühl, sein Baby ernähren zu können und ihm etwas sehr Wertvolles mitzugeben. Die Möglichkeit so viel Ruhe, Trost, Geborgenheit zu jeder Zeit an jedem Ort spenden zu können.

Was war am schwersten oder belastendsten für dich in der Stillzeit?
Manchmal empfand ich in den ersten Wochen das Gefühl, die Einzige zu sein, die dem Baby in dem Moment das Bedürfnis nach Nahrung stillen kann, als große Last. Das hat aber von Kind zu Kind abgenommen, es wird einfach selbstverständlich. Beim älteren Stillkind stört immer wieder mal das „Angehängtsein“ am Abend, nicht jederzeit weggehen zu können, weil das Stillkind die Brust zum Einschlafen schmerzlich vermisst. Aber dieses negative Gefühl taucht sehr selten nur noch auf, ich weiß ja schließlich, diese Zeit geht schnell vorbei…

Was würdest du in einer weiteren Stillzeit anders machen? Was ist deine wichtigste Erkenntnis in Bezug auf das Stillen, die du anderen Müttern weitergeben würdest?
Ich würde nichts anders machen, nur würde ich mit meiner jetzigen Erfahrung viel weniger zweifeln an unserem Weg, zum Beispiel am langen Vollstillen meiner ersten Tochter oder auch am Langzeitstillen. Da hätte ich mir anfangs mehr Selbstvertrauen aber auch mehr Gleichgesinnte gewünscht. Das kam jetzt erst mit den Jahren. Meine 15-monatige Tochter stille ich auch in der Musikgruppe, wo sonst kein einziges Kind mehr gestillt wird. Und im Bekanntenkreis finden sich nun auch viel mehr „Langzeitstiller“ als in meinen ersten Babyjahren.


Das ist auch das Wichtigste, wie ich finde, was man über das Stillen und das „Mamasein“ im Allgemeinen lernen kann – dass man seinen eigenen richtigen Weg finden muss. Man kann sich orientieren an anderen, aber den passenden Weg, mit dem alle glücklich sind, dein Baby und du und dein Mann und die Geschwister… der ist so individuell wie du und ich.

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