Wenn Hebammen Kinder kriegen: Antonia (2. Geburt)

von Anja

Antonia ist 33 Jahre und mittlerweile Mutter von drei Kindern. Aktuell ist sie in Elternzeit, betreut aber sonst in ihrer Hebammenpraxis in Süddeutschland Frauen vor und nach der Geburt. Sie hat in dieser Reihe schon von ihrer ersten, sehr langen und anstrengenden Geburt berichtet. Ihre zweite Tochter hat es dann so eilig gehabt, dass das Auto zum Geburtsort wurde.

Marie ist mein zweites Kind. Nachdem Amélie Eineinhalb wurde, kam der Wunsch nach einem zweiten Kind auf und ich wurde unproblematisch im dritten Zyklus schwanger. Die Schwangerschaft war – im Gegensatz zur ersten – nicht ganz leicht. Ich litt sehr lange unter extremer Übelkeit, habe bis zur 25. SSW mehrmals täglich gebrochen. Danach noch täglich beim Zähneputzen bis zum bitteren Ende. Zusätzlich hatte sich ein Halswirbel verschoben, was zunächst niemand erkannt hatte. Dadurch plagten mich von der 13. bis zur 23. SSW chronische Kopfschmerzen. Aber ab der 25. Woche ging es mir gut und ich habe die Schwangerschaft genossen.

Nachdem die Geburt von Amélie für mich ziemlich schwierig war – wenn auch aus medizinischer Sicht nicht besonders auffällig – und weil sie direkt nach der Geburt ins Perinatalzentrum verlegt werden musste (wegen akuter Zyanose, SauerstoffsSättigung war bei 59%), wo sie dann eine Woche lang mit Lungenentzündung lag, wollte mein Mann Michael diesmal keine Hausgeburt mehr probieren. Und ich konnte ihn sogar verstehen. Das nächste Kinderkrankenhaus ist 25 Minuten von uns entfernt. Das ist in einem Notfall doch sehr, sehr weit. Ich allerdings konnte mir nicht vorstellen, mich noch einmal der Maschinerie des Kreißsaals zu unterwerfen.

Lieber die Zähne zusammengebissen

Außerdem war ich wild entschlossen, es dieses Mal „allein“ zu packen. Als Alternative gab es da nur ein Geburtshaus in 70 Kilometer Entfernung. Wir schauten es uns an und schon bei der Besichtigung war uns beiden klar: das passt! Ich hätte bei der Geburt die Betreuung von wunderbaren Hebammen-Kolleginnen, wenige hundert Meter entfernt war eine große Klinik mit Geburtenstation und eine Kinderklinik für den Notfall. Die Begleitung in der Schwangerschaft übernahmen ab der 13. SSW die Geburtshaus-Kolleginnen. Ich bin im Nachhinein unendlich dankbar, dass diese Betreuung neben der rein „messbaren“ Schwangerenvorsorge auch zu großen Teilen aus Zuhören bestand. So konnte ich so oft ich wollte, immer und immer wieder über die erste Geburt und über den Tod meiner Mutter drei Monate danach sprechen.

Der Entbindungstermin fiel übrigens in die Woche vor dem zweiten Todestag meiner Mutter und für mich war diese Schwangerschaft von Anfang an ein Geschenk und ein Zeichen von meiner Mutter. Das war ein sehr schönes Gefühl. Aufgrund der extrem langen Geburtsdauer beim ersten Mal (über 24 Stunden), rechnete ich wieder mit einer sehr langen Geburt. Aber ich wusste: Nachdem ich mich so durch die erste Geburt durchgekämpft hatte, schaffe ich jetzt alles!

Insgeheim hatte ich immer gehofft, dass das Kind sich am Todestag meiner Mutter auf den Weg machen würde. Weil ich es – wie gesagt- als Geschenk meiner Mutter begriffen habe. Als der Todestag gekommen war, tat sich: Nix. Gar nix. Ich war vier Tage über dem errechneten Termin und vormittags in unserer Praxis zum CTG gewesen. Seit drei Tagen hatte ich einen schlimmer werdenden Nierenstau, wegen dem man sicher im Krankenhaus die Geburt eingeleitet hätte. Aber ich wollte nicht. Da hab ich lieber die Zähne zusammengebissen, obwohl es immer schmerzhafter wurde.

Alles noch ganz am Beginn, alle Zeit der Welt

Nach dem CTG bin ich so richtig frustriert Heim gefahren, ich hatte mir den Tag doch so perfekt eingebildet. Nun war es schon Mittag und noch keine Wehe in Sicht. Nicht mal Mini-Kontraktiönchen. Beleidigt und schmollend hab ich mich daheim ins Bett gelegt, um einen Mittagsschlaf zu machen. In Seitenlage und mit Wärmflasche tat auch die Niere nicht so weh. Amélie war am Nachmittag sowieso mit ihrer Oma unterwegs, da konnte ich mich in Ruhe meinem Grant hingeben.

Um etwa 15 Uhr bin ich aufgewacht von – tadaaaaaaa!!!!! – einer leichten Wehe! Ich habe noch eine halbe Stunde im Bett gewartet und dann war mir klar: Jetzt geht’s langsam los! Die Wehen waren weder besonders schmerzhaft noch regelmäßig, aber dennoch wollte ich gleich ins Geburtshaus aufbrechen. Lieber dort nochmal ein paar Stunden spazieren gehen oder in der Badewanne plätschern, als mit starken Wehen eine Stunde Auto zu fahren. Ich hab also angerufen, um Bescheid zu geben, dass wir nun losfahren würden und mich sehr gefreut, zu hören, dass Hebamme Katharina da sein würde.

Michael wollte vorher noch schnell zur Post ins Nachbardorf fahren. Fand ich doof, hab‘s nicht erlaubt. Ich wollte los. Vorm Losgehen hab ich auf dem Klo noch schnell nach dem Muttermund getastet: der war weich und der Gebärmutterhals noch ziemlich lang, für einen Finger durchgehend geöffnet. Alles noch ganz am Beginn, alle Zeit der Welt. Bei der Abfahrt war es etwa 16 Uhr. Michael ist gefahren, ich saß mit Sitzheizung auf dem Beifahrersitz und wir haben Musik gehört. Es war natürlich inzwischen Freitagabendverkehr und recht viel los.

„Das halte ich nie zehn Stunden lang aus!“

Das linke Bein stand auf der Mittelkonsole, das rechte hab ich ab und an vorne aufs Handschuhfach gestellt. Ging alles super. Die Kontraktionen waren leicht. Ich hoffte auf eine MM-Eröffnung von zwei bis drei Zentimetern bei der Ankunft im Geburtshaus. Wir haben nochmal die möglichen Namen durchgesprochen. Zwischendrin musste ich nun doch schon leicht die zunehmenden Wehen veratmen. Aber es war echt alles total harmlos. Da ich immer ziemlich starke Regelschmerzen hatte und vor allem die Wehen bei der ersten Geburt schon sehr früh HÖLLISCH weh getan haben, hab ich das alles gut weggesteckt und das auch nicht wirklich für Eröffnungswehen gehalten.

In der Stadt auf dem Ring war stockender Verkehr. Das fand ich dann schon nichtmehr so prickelnd. Ich musste ziemlich dringend aufs Klo, eigentlich war es auch nicht mehr so weit bis zum Geburtshaus, etwa zehn Minuten bei normalem Tempo. Aber wir kamen nicht gut vorwärts.
Auf einmal musste ich weinen. Meine Mutter hat mir so sehr gefehlt!!!! Da sind wir grade über eine Brücke gefahren. Am Ende der Brücke hat sich alles schlagartig geändert: Ich hatte eine Wehe, dass ich dachte, jetzt wird meine Becken gesprengt. Ich hatte das Gefühl, als würde der Beckenring zerbersten und habe geschrien wie am Spieß. Einfach nur laut wie ein wildes Tier. Ich hab mich etwas geschämt vor Michael, konnte aber nicht anders. Dann war die Wehe vorbei und ich hab immer noch geschrien, obwohl der Schmerz deutlich nachgelassen hat. Ich habe wüst geschimpft. „Das halte ich nie zehn Stunden lang aus!“ – „Was für eine Scheißidee ins Geburtshaus zu fahren!“ – „Ich will ne PDA, sofort!“ – „Nein, einen Kaiserschnitt!“

Ich dachte in dem Moment, dass jetzt die Eröffnungswehen richtig losgehen und dass ich das wirklich nicht aushalten werde. Ich habe nicht gecheckt, was da gerade los war. Da kam die nächste Wehe. Waren die Schmerzen vorher schlimm, so dachte ich diesmal, jetzt ist‘s vorbei mit mir. Da stimmt was nicht, da läuft was falsch. In dem Moment, als ich grade dachte, ich halte es keine Sekunde länger aus, ist die Fruchtblase gesprungen. Wobei gesprungen nicht das richtige Wort ist. Sie ist explodiert. Ich meine, mich zu erinnern, dass es wirklich wie eine Wasserbombe geknallt hat. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur vor Schreck eingebildet. Erstmal war ich erleichtert, weil die Schmerzen nach dem Blasensprung schlagartig besser wurden. Ich hab kapiert, dass das die Fruchtblase war, die da vorher mit aller Macht den Beckenboden auseinander gedehnt hat und war erleichtert ob dieser Erkenntnis.

„DAS KIND KOMMT! JETZT!!!!!“

Irgendwie hab ich mich aus meiner durchnässten Hose rausgewurschtelt. Michael ist gefahren, so schnell der Verkehr es zuließ. Er hat mir furchtbar leid getan, aber ich konnte wirklich nicht aus meiner Haut. Aber er blieb gelassen und hat mir ganz offensichtlich vertraut. Ich habe nach dem Kopf getastet, der aber noch ganz weit oben über dem Beckeneingang war. „Los fahr weiter“, hab ich zu ihm gesagt, „das schaffen wir noch!“ Es waren noch so etwa fünf Kilometer bis zum Geburtshaus.
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In der nächsten Wehe waren die Schmerzen wieder genauso schlimm und da ist der Groschen bei mir endlich gefallen „DAS KIND KOMMT! JETZT!!!!!“, hab ich gebrüllt und Michael ist in eine Einfahrt abgebogen – auf Kilometern die einzige an der vierspurigen Straße! Ich hab mich auf dem Beifahrersitz in den Kniestand gehievt und die Kopfstütze umklammert. Mein Hebammenhirn ist angesprungen, während der Rest meines Körpers völlig von der Urgewalt der Geburt mitgerissen wurde. Das Hirn hat gesagt: „Antonia, Knie weiter auseinander! Einmal mitschieben, dann ist es gleich geschafft! Nicht so schreien, atmen!“

Das hab ich dann auch brav gemacht. Michael kam grade ums Auto gerannt und hat die Tür aufgerissen, als schon der Kopf geboren wurde. Die Hebamme in mir hat ihn fachmännisch (und leider ziemlich unwirsch) aufgefordert: „Finger weg, nicht hinfassen!“ Aber da kam das Kind auch einfach schon ganz hinterher und wurde von seinem Vater sehr ruhig und besonnen aufgefangen. Überhaupt war Michael die ganze Zeit die Ruhe selbst, einfach unglaublich! Ich war fix und fertig. Hab mich wieder umgedreht, mich hingesetzt und das klitzekleine, knallrote, pausbäckige Baby auf meinen Bauchnabel gelegt. Weiter rauf ging nicht, die NS war so kurz. Das Baby hat geatmet und sah frisch aus. Das habe ich zu meiner Beruhigung wahrgenommen, obwohl ich sonst völlig überwältigt war.

Von der Geburt völlig überrumpelt

Michael und ich haben uns kurz umarmt und geküsst und uns staunend angeschaut, eine Decke über mich und das Baby gelegt, dann ist er wieder eingestiegen, hat im Geburtshaus angerufen und Katharina Bescheid gesagt, dass sie bitte mit warmen Handtüchern draußen warten solle, weil das Baby schon geboren sei. Es war ja schließlich November und echt frisch draußen. Die restliche Strecke zum Geburtshaus ist er dann gefahren wie eine gesengte Sau – ein Zeichen, dass er doch auch ganz schön mitgenommen war, trotz aller äußeren Ruhe.

Als wir dort angekommen waren, hat Katharina schon gewartet, Michael hat mir aus dem Auto geholfen. Ich habe so sehr gezittert und geschlottert am ganzen Körper, dass ich kaum gehen konnte. Mit nackigem Popo und das Kind in Handtüchern vorm Bauchnabel haltend bin ich über den Bürgersteig ins Geburtshaus und dort in den ersten Stock gewackelt. Ich hab mich ins Bett gelegt und immer noch gezittert. Als die Plazenta etwa eine halbe Stunde später geboren war, bin ich ganz schnell unter die Dusche, Michael hat das kleine Baby auf seinem Bauch gehabt in der Zeit.

Nach der Dusche ging es mir wieder besser und ich bekam dann erst überhaupt Lust nachzusehen, ob es ein Bub oder ein Mädchen war. Es war ein recht kräftiges, verknittertes, rotes Mädchen mit vielen, wunderschönen schwarzen Haaren. Unsere Marie! Ich war von der Geburt völlig überrumpelt, weil ich mit ALLEM gerechnet hatte, aber nicht mit einer unkomplizierten schnellen Geburt. Sicher ging es auch nur deshalb so einfach, weil ich mit den Eröffnungswehen so entspannt umgegangen bin. Ich habe sie einfach nicht für solche gehalten und deshalb auch nicht ernst genommen. Unsere zweite Tochter wurde also doch noch, blitzschnell und unkompliziert, am zweiten Todestag meiner Mutter gegen 17.20 Uhr geboren. Ich weiß, dass viele nicht verstehen, dass mir das so wichtig ist. Aber durch dieses wunderbare Geburtserlebnis wurde ich mit zwei schweren Erfahrungen versöhnt: Die erste Geburt war hart, ich hatte es nicht aus eigener Kraft geschafft, meine Tochter zu gebären. Das war für mich sehr schwer zu verkraften, war und bin ich doch als Hebamme davon überzeugt, dass JEDE Frau gebären kann. Und ich bin dem Tod meiner Mutter nicht mehr „gram“. Ich habe verstanden, dass das Leben trotzdem schön ist, auch wenn sie mir schrecklich fehlt und dass sie mir vor allem noch ganz, ganz nah ist. Immer.

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6 Kommentare

Anne 20. April 2016 - 21:01

Ich bin wieder einmal überwältigt! Ich liebe diese geburtserlebnise (vor allem von hebammen) Danke fürs teilen ❤️

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KriMaEm 16. April 2016 - 20:09

Liebe Antonia, sehr sehr schöner Bericht.
Ich wollte dir nur sagen: deinen Wunsch nach der Geburt am Todestag kann ich voll und ganz nachvollziehen! !
Ich hatte gehofft, dass es bei uns der Geburtstag meiner verstorbenen Mutter wird. Hatte auch keiner verstanden. …
Ich freue mich sehr für dich, dass es bei dir geklappt hat.

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Caro 15. April 2016 - 16:10

Toller Bericht, Danke dafür… und schön, dass es dich so versöhnt hat.

Ja, die zweiten Kinder haben es wohl sehr eilig. Mir erging es ähnlich… ein Anfangsbefund als die Hebamme das erste Mal kam (in der Klinik geht man mit sowas nochmal heim), der Mann bringt das große Kind zu den Großeltern, denn es dauert ja noch… als alle aus dem Haus sind die ersten richtigen Wehen, dann die Gedanken des nicht aushaltens, doch die Klinik und ne PDA, dann die Einsicht (nach Untersuchung), dass die Geburt in vollem Gange ist, Anruf an den Mann (er schafft es nicht mehr) und die Hebamme… sie muss sofort kommen, sie schafft es gerade so…

Teilst du mit uns auch das dritte Geburtserlebnis? Das dauerte bei mir dann wieder länger und war wieder anders…

Und Anja, vielen Dank für die tolle Serie.

Liebe Grüße

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Susann 15. April 2016 - 13:42

Wirklich Wahnsinn! Im Auto! Bei der Kälte! Und dein „armer“ Mann! 😀 Beeindruckend, dass du direkt nach der Geburt so fit warst, dass du die Treppen laufen konntest! Hattet ihr die Decke schon im Auto für „den Fall der Fälle“?

Die Hoffnung mit den 2-3cm kenne ich. Mein zweites Kind war eine Hausgeburt und wir sollten die Hebamme anrufen, wenn ich nicht mehr alleine sein möchte. Das haben wir getan. Ich hatte Sorge, dass es viel zu zeitig ist und es erst 1-2cm sind, aber ich musste unbedingt wissen, wie weit wir sind. Wie lange ich die Wehen noch aushalten muss. Und keine halbe Stunde, nachdem die Hebamme da war, war meine Kleine schon da.

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Mama Magie 14. April 2016 - 22:04

Wahnsinn!

Vielen Dank für diesen unglaublichen Bericht!

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Sarah 14. April 2016 - 15:54

Wunderschön

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