Wenn Hebammen Kinder kriegen: Antonia (4. Geburt)

von Anja

Antonia ist 33 Jahre alt und mittlerweile Mutter von vier Kindern. Aktuell ist sie in Elternzeit, betreut aber sonst in ihrer Hebammenpraxis in Süddeutschland Frauen vor und nach der Geburt. Sie hat in dieser Reihe schon von ihrer ersten, sehr langen und anstrengenden Geburt berichtet. Ihre zweite Tochter hat es dann so eilig gehabt, dass das Auto zum Geburtsort wurde. Das dritte Kind (ihr erster Sohn) kam zu Hause in der Badewanne zur Welt. Und vor wenigen Monaten hat sie ihr viertes Kind geboren. Von dieser Geburt erzählt sie nun hier.

Unser viertes Kind kam zwar gewünscht, aber dennoch ungeplant zu uns. Im Dezember 2015 hatten Michael und ich darüber gesprochen, dass es schön wäre, wenn ich im Jahr 2016 irgendwann wieder schwanger werden würde. Ein Abstand zum ersten Sohn von zweieinhalb Jahren wäre super. Er war im November ein Jahr alt geworden. Wenige Tage später war ich mir plötzlich ganz sicher, wieder schwanger zu sein, dabei hatte ich doch noch gar nicht meine Periode gehabt nach Christophs Geburt. Als Hebamme weiß man theoretisch ja ganz gut, dass bereits vor der Periode der Eisprung stattfindet… aber ich hatte nix bemerkt.

Ich machte an Heiligabend, also kurz danach, einen Test, aber der war negativ. Schön, ich konnte also guten Gewissens Wein und Gin Tonic trinken. Doch auch über Weihnachten blieb das Gefühl. Ich machte noch einen Test: wieder negativ. Und ein paar Tage später wieder: negativ. Ich zweifelte an meinem Gefühl und freute mich auf Sylvester. Freunde aus Studienzeiten würden kommen, das ein oder andere Glas Wein oder Sekt zu trinken wäre lustig. Zur Sicherheit testete ich am Sylvestermorgen noch mal: POSITIV! Das war nun, nach so vielen negativen Tests, eine totale Überraschung. Ich hatte schon gedacht, dass mein Gefühl mich täuscht. Dementsprechend „wusste“ ich doch schon direkt ab der Einnistung, dass wieder ein Kind in mir heranwächst. Ich hab mich so sehr gefreut und Michael auch. Ein viertes Kind! Wahnsinn! Ja, wirklicher echter Wahnsinn! Es ist doch mit dreien schon so anstrengend und chaotisch, aber eben auch so wunderschön…

Ein paar Tage nach Neujahr habe ich Jane angerufen, die Hebamme, die auch bei Christophs Geburt dabei war, um ihr Bescheid zu geben, dass ich sie Anfang September wieder zur Geburt und vorher zur Vorsorge brauchen würde. Sie hat sich richtig gefreut. Aber: Der errechnete Termin war genau der mittlere Sonntag von ihrem zweiwöchigen Urlaub. Oh nein! „Gebucht“ habe ich sie trotzdem. Für ihre Abwesenheit würde Marlene einspringen, die Hausgeburtshebamme aus dem Nachbarort, die bei Amelies Geburt dabei gewesen wäre, wenn die nicht im Krankenhaus geendet wäre. Das war für mich eine super Lösung, auch wenn ich insgeheim gehofft habe, das Kind würde mit Janes Hilfe zur Welt kommen. Mit ihr hat die Hausgeburt schon einmal so gut geklappt, mit Marlene vor sechs Jahren nicht. Das war natürlich nicht ihre Schuld. Denn Marlene ist eine super Hebamme! Aber irgendwie hat das doch in mir gearbeitet. Dass ich bei Marlene genauso gut aufgehoben bin, wusste ich trotzdem und hatte ein wohliges Gefühl und freute mich die ganze Schwangerschaft über auf die Geburt zu Hause.

Vier Schwangerschaften in 58 Monaten

Bis zur 20. Woche ging es mir prima, bis auf sehr ausgeprägte Müdigkeit hatte ich keinerlei Beschwerden. Die zweite Schwangerschaftshälfte war dann leider geprägt von der totalen Erschöpfung. Christoph war und ist ein absoluter Wirbelwind und Lausbub, der mir keine ruhige Minute lässt und vor allem ein sehr schlechter Schläfer war und es immer noch ist. Er wacht jede Nacht mehrmals auf, ist teilweise eineinhalb Stunden einfach so wach. Und um fünf ist seine Nacht vorbei, obwohl er schon damals keinen Mittagsschlaf mehr gemacht hat. Puh.

Dazu kam ein ziemlich starker Eisenmangel. Ich fühlte mich völlig ausgelaugt und kraftlos und müde. Immer, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Mir kam der Gedanke, dass vier Schwangerschaften und 58 Monate Stillen in sechs Jahren für mich wohl einfach zu viel waren. Meine Energie holte ich mir primär durch Schokolade. Und das als Hebamme! Ich konnte aber einfach nicht anders und so hab ich in dieser Schwangerschaft deutlich mehr zugenommen, als in den anderen davor.

Ab der 33. SSW hatte ich dann immer wieder ganze Nächte lang alle fünf bis zehn Minuten Kontraktionen, was nicht gerade dazu beigetragen hat, dass das mit der Müdigkeit besser wurde. Eine Woche vor dem errechneten Termin fuhr Jane dann in ihren wohlverdienten Urlaub und ich nahm mir fest vor, noch zwei Wochen weiter zu tragen. Der Termin verstrich, die Hälfte des Urlaubs war rum, Marlene war einige Male bei mir zur Vorsorge, um alles für die Geburt vorzubereiten und zu besprechen. Ich war eigentlich bereit, aber trotzdem doch noch nicht. Drei Tage nach dem ET merkte ich, dass mein Körper auf Geburt umstellt. Ich kann bis heute nicht sagen, woher ich das „wusste“, aber es war klar. Ich bat meinen Vater zu kommen, damit er da wäre, um mich im Wochenbett zu unterstützen. Ich kochte Suppe und fror sie ein. Die Nacht kam, Kontraktionen kamen. Lange. Oft. Aber keine Geburtswehen. Als die Nacht vorbei war, war das Kind nicht geboren und alles war wieder ruhig. Ich hatte mich getäuscht.

Doch am Nachmittag kam das Gefühl wieder, diesmal stärker. Wir hatten einen Schreiner hier, weil wir Fenster austauschen wollten, bei der Besprechung mit ihm hatte ich keine Muße mehr, still zu sitzen. Der Abend verlief ruhig, die Kinder waren früh im Bett. Bei dem Hochsommer, der sich jetzt in der ersten Septemberhälfte mit 28 Grad nochmal zeigte, waren sie von morgens bis abends draußen unterwegs gewesen. Mit Michael und meinem Vater setzte ich mich gegen 20 Uhr zum Abendessen hin. Doch ich hatte keinen Hunger mehr, wollte umher laufen, musste mehrmals aufs Klo. Von Wehen keine Spur, ab und an mal eine stärkere Kontraktion. Doch ganz plötzlich um neun Uhr wollte ich, dass Michael Marlene anruft und bittet zu kommen – und dass er die Kinder zur Oma ins Nachbarhaus bringt.

Eine entspannte, angstfreie und ruhige Atmosphäre

Ich ging ins Schlafzimmer und zog ein weites luftiges Nachthemd an und riss die Fenster auf: Ich hatte so geschwitzt und die Abendluft brachte etwas Abkühlung. Die ersten Wehen kamen und waren gut auszuhalten, ich veratmete sie stehend am offenen Fenster. Nachdem Marlene zunächst nicht ans Telefon gegangen war, hatte Michael ihr auf den Anrufbeantworter gesprochen und als sie eine Viertelstunde später zurück rief, war sie schon im Auto und fast bei uns. Als sie ankam, war ich gerade wieder auf dem Klo. Ich wollte dann weiter im Schlafzimmer die Wehen veratmen, die immer stärker wurden, aber sehr gut auszuhalten waren. Marlene bereitete nebenher alles vor, wir redeten ein bisschen, Michael massierte in den Wehen meinen Rücken und bemerkte, wie sich bei jeder Wehe auch meine Rückenmuskulatur anspannte.

Es war, wie schon bei Christophs Geburt, eine völlig entspannte, angstfreie und ruhige Atmosphäre. Ideal, um ein Kind zur Welt zu bringen. Marlene schlug mir vor, in die Wanne zu gehen, aber ich wollte nicht so recht. Die Geburt von Christoph im Wasser war zwar super, vor allem die Wärme hatte wie ein Schmerzmittel gewirkt. Aber ich erinnerte mich noch so gut dran, dass ich keine vernünftige Position gefunden hatte und dann ganz schief und krumm und unbequem in der Wanne lag zur Geburt. Diesmal wollte ich lieber einen ordentlichen Kniestand „an Land“. Außerdem kam ich ja gerade sehr gut so zurecht.

Doch Marlene und Michael überzeugten mich, dass sie mich jederzeit zu zweit wieder ganz schnell aus der Wanne heben könnten, wenn ich plötzlich raus wollen würde. Also wanderten wir ins Bad, das Wasser war natürlich wieder ausgesprochen angenehm und wohltuend. Ich war auch dieses Mal erstaunt, was für eine tolle Wirkung das Wasser und die Wärme hatten und wie viel angenehmer die Wehen in der Badewanne waren. Es war also eine gute Entscheidung, ich könnte ja raus, wenn ich nicht mehr wollte. Michael hatte Kerzen angezündet, mein Handy spielte meine „Geburtsplaylist“ (schreckliche Schnulzen), Marlene bereitete alles vor und war gerade mit meinem Vater in der Küche und unterhielt sich mit ihm.

Da ist die Fruchtblase gesprungen. Peng! Ich untersuchte den Muttermund: etwa fünf Zentimeter geöffnet. Immerhin, aber mehr wäre mir lieber gewesen. Marlene kam wieder und ich berichtete und bat sie, jetzt im Bad bei mir zu bleiben. Es war 22.40 Uhr. In der nächsten Wehe merkte ich dann, wie der Kopf ins Becken gerutscht ist, nun begannen die Wehen, doch ziemlich weh zu tun und ich musste sie sehr laut veratmen. Ich fühlte mich zwei Jahre zurückversetzt: Es war alles ganz genau wie bei Christophs Geburt. Das machte mir Hoffnung, dass es nur noch ein paar Wehen dauern würde, bis unser Baby geboren sein würde und ich es wieder geschafft hätte, ein Kind zu gebären.

Unbeschreiblich schön und rundum glücklich

Ich konzentrierte mich also voll und ganz auf die Wehenarbeit, ganz ohne Angst, denn ich wusste aus der Erfahrung der letzten Geburten: Wenn ich meine, ich kann es auf gar keinen Fall auch nur eine Wehe länger mehr aushalten, dann ist es nach genau dieser Wehe geschafft! In den nächsten zwei Wehen spürte ich, wie der Kopf sich seinen Weg durchs Becken bahnte, ich habe laut geschrien, weil ich wieder von der Naturgewalt der Geburt mitgerissen wurde. Aber ich musste nicht schimpfen. Dabei hatte ich das Marlene vorher noch angekündigt, dass ich jetzt bestimmt gleich wieder ganz furchtbar fluchen würde. Ich lag in einer guten Position, so wie man eben in der Badewanne liegt, um sich zu entspannen, die Fäuste hatte ich unter dem Po geballt.

In der dritten Wehe kam dann genau der Moment, bei dem ich dachte, dass kein normaler Mensch solche Schmerzen und so einen Druck aushalten kann. Marlene sagte, alles sei gut, ich schreie: Nix ist gut, das Baby soll jetzt raaaaaauuuuuuuus!!!!!! Und da war der Kopf auch schon geboren! Marlene senkte ihn ziemlich ab, was mich wunderte (später sagte sie, dass er sonst nicht unter Wasser geblieben wäre) aber da wurde auch schon der Körper geboren und ich nahm mein Baby zu mir rauf! Lachen, weinen, pures Glück! Das süßeste Baby der Welt! Zum vierten Mal das schönste Kind, das ich je gesehen hatte.

Ein dunkelhaariger Bub, der etwas verknittert aber ruhig auf meinen Bauch liegt und blinzelt. Michael und ich schauen ihn an, schauen uns an und sind überwältigt. Um 22.50 Uhr wurde unser Dominik geboren. Heute ist er fünf Monate alt und sein Wesen ist genauso unkompliziert und ruhig, immer fröhlich – wie diese Geburt. Die Großen, Amelie, Marie und Christoph tragen ihn (oft buchstäblich) auf Händen und manchmal gibt es sogar Streit, weil alle gleichzeitig mit ihm kuscheln oder ihn halten wollen. Wir sind angekommen im Leben als Großfamilie. Es ist unglaublich anstrengend, Kräfte raubend, schlaflos und unplanbar. Doch in allererster Linie ist es eines: Unbeschreiblich schön und wir sind rundum glücklich! Nur ob wir wirklich schon komplett sind als Familie, das wissen wir allerdings noch nicht…

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3 Kommentare

Jennifer 18. Februar 2017 - 19:50

Ich bin so froh, dass die Geburtsberichte bei euch wieder zu lesen sind, sie haben mir gefehlt! Danke dafür an euch und alle Hebammen, die hier von den Geburten erzählen!
Ich habe zwei Jungs geboren, unbeschreibliche Erlebnisse!

LG Jennifer

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Sarah 18. Februar 2017 - 07:25

Gänsehaut pur; genau diese Gefühle zu kennen und selbst zu erfahren…unser 4. Sohn (6.12.2016) kam leider nicht so unkompliziert zur Welt (6 Wochen zu früh, 4 Wochen Neo) wie unser 3. Sohn. Trotzdem sind die Gefühle genau so wie von Ihnen beschrieben; eine Großfamilie zu sein ist einfach chaotisch, aber wunderwunderbar! Danke für diesen schönen Geburtsbericht.

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Fleur 17. Februar 2017 - 09:09

Wunderschoener Bericht! Ich bin immer wieder beruehrt von den Geburtserlebnissen und waehrend meiner letzten Schwangerschaft (Baby kam Ende Oktober 2016) haben mir all diese Berichte unglaucblich viel Mut gemacht. Vielen Dank an all die Frauen, die ihre Geburtserlebnisse mit uns teilen!

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