Wenn Hebammen Kinder kriegen: Noémi

von Anja

Noémi ist 35 Jahre alt und seit zehn Jahren Hebamme. Hier schreibt die Mutter von mittlerweile fünf Kindern über die Geburt ihres zweiten und dritten Kindes, die als Zwillinge zehn Wochen zu früh auf die Welt kamen.

Ich wurde 1981 geboren. Ich habe mein Examen 2006 gemacht, an einer großen deutschen Klinik. Mein erster Sohn kam 2008, nach einer schweren Schwangerschaft spontan in einer Klinik als Sterngucker zur Welt – so nennt man es, wenn das Hinterhaupt des Kindes, das normalerweise bei der Geburt zur Vorderseite der Mutter zeigt, genau andersherum liegt. Ich durfte ambulant nach Hause.

Als er 18 Monate alt war, erfuhr ich, völlig überraschend, dass ich wieder schwanger bin. Ich habe mich sofort an meinen Gynäkologen gewandt, denn ich wusste tatsächlich im Schockzustand nicht mehr, wann denn meine letzte Menstruation war. Ich kriegte einen Termin in sieben Tagen. Da für mich klar war, dass dieses Kind per Hausgeburt kommen sollte, rief ich die Hausgeburtshebamme vor Ort an, die auch die Schwangerschaft betreuen sollte. Sie freute sich und versprach, dass sie wenige Tage nach dem Gynäkologentermin bei mir vorbei kommt.

Mein Mann begleitete mich zu diesem Termin. Mein Frauenarzt freute sich mich zu sehen, er hat nicht damit gerechnet, dass ich nach der schlimmen Schwangerschaft vom ersten Kind nochmal nachlegen würde. Nun stand ich vor ihm und war schwanger. Er hat sofort einen Ultraschall gemacht, um ungefähr zu bestimmen, wie weit ich bin. Gesagt hat er nicht viel. Irgendwann dachte ich, dass ich ein Herzchen flimmern sehe. Und dann noch eines. „Herr Dr H., bitten sagen Sie mir, dass ich keine Zwillinge kriege!“ Er sagte nichts. Atmete nur. Dann meinte er: „Herzlichen Glückwunsch. Sie sind schwanger. Und sie kriegen Zwillinge. Eineiig. Monochorial-diamnial. Geburtstermin ist Ende Januar.“ (Anm.d . Red.: Monochorial-diamnial bedeudet, dass sich die Zwillinge eine Plazenta teilen, aber in zwei getrennten Fruchthöhlen wachsen.) Wie im Schock verließ ich die Arztpraxis. Mein Mann freute sich sehr! Er hat sich immer mehr als nur ein Kind gewünscht.

Welch ein Wunder!

Ab dem nächsten Tag ging es mir bescheiden. Mir war kotzschlecht. Das ß-HCG (Anm. d. Red.: Schwangerschaftshormon, welches bei circa 75 Prozent aller Schwangeren Übelkeit verursacht) stieg und stieg. Ich konnte nichts mehr essen, nichts mehr trinken. Ich kriegte verschiedene Mittel gegen Übelkeit und nichts half. Meine Hebamme riet mir zur Beendigung der Schwangerschaft – ich entschied mich stattdessen zur Beendigung der Betreuung durch diese Kollegin. Eine andere Kollegin übernahm. Mir war die Hebammenvorsorge eine Herzensangelegenheit und sie ließ sich darauf ein. Gott sei Dank!

Mit Einsetzen der 15. Schwangerschaftswoche war mit einem Schlag die Übelkeit weg. Mir ging es blendend. Und endlich konnte ich mich freuen. Ich kriege ZWILLINGE! Welch ein Wunder! Trotz der widrigen Umstände. Meine Babys wiesen Wachstumsdifferenzen auf. Ein fetofetales Transfusionssyndrom (Anm. d. Red.: Erkrankung, die den Blutfluss und damit das Wachstum von Zwillingen beeinträchtigt) wurde vermutet und schlussendlich bestätigt. Unser Arzt riet zur Ruhe und Besonnenheit – und zum Abwarten. Trotzdem wurde ich wöchentlich zur Ultraschallkontrolle gebeten und man bemerkte ab der 20. Schwangerschaftswoche zumindest keine Verschlechterung der Werte. Immerhin! Und plötzlich in der 24. Schwangerschaftswoche war alles gut. Keine Wachstumsdiskrepanz mehr. Und man sah: Wir kriegen zwei Buben! Die Freude war unglaublich! Und sie hielt an, denn mir ging es blendend!

An einem verregneten Samstag morgen, ich war in der 31. Schwangerschaftswoche, ging es mir nicht so doll. Ich hatte immer mal wieder ein leichtes Ziehen, schob es aber auf das „Muskeltraining“ der Gebärmutter.

ICH entscheide, wie diese Kinder zur Welt kommen

15 Uhr: Mit einem Mal wird mir kotzschlecht. Ich atme tief, dann ist es vorbei. Ich rufe meine Hebamme an und frage, ob sie kommen könne. Leider ist sie auf einer Fortbildung, und sie rät mir, mich doch kurz in der Klinik vorzustellen, damit ich mir keine Sorgen machen müsse. Mein Mann ist den ganzen Tag arbeiten, ich rufe ihn an und er meint, dass er gerade fertig geworden sei und mich in die Klinik fahren wird. Ich bitte ihn dann aber, nicht mit reinzukommen. Das ist für mich nur ein schlechtes Omen. Er soll doch mit dem großen Sohn kurz einkaufen gehen und mich dann wieder abholen.

16 Uhr: Ich treffe in der Klinik ein. Im Kreißsaal ist eine liebe, junge Hebamme, die sich meine Sorgen anhört, mich ans CTG hängt und… sofort die Ärztin ruft. Das CTG zeichnet Wehen alle zwei Minuten auf. Die spürt ich aber nicht! Der vaginale Tastbefund zeigt, dass sich weder an der Cervix (Anm. d. Red: Gebärmutterhals) noch am Muttermund irgendwas getan hat seit der letzten Untersuchung durch meine Hebamme zwei Wochen davor. Immerhin!!!

16.30 Uhr: Die Ärztin macht einen Ultraschall, um zu sehen, wie die Kinder liegen. Sie „erlaubt“ mir eine Spontangeburt, da beide Kinder mit dem Kopf unten liegen. Ich erklär ihr dann erstmal, dass ICH entscheide, wie diese Kinder zur Welt kommen, denn es ist MEIN Körper und es sind MEINE Kinder. Sie ist etwas konsterniert.

16.45 Uhr: Mir wird sofort ein Tropf mit einem Wehenhemmer angehängt und die Lungenreife (Anm. d. Red.: Kortisongabe, die die Reifung der kindlichen Lunge beschleunigen soll) gespritzt. Ich werde ins Wehenzimmer gefahren um zu sehen, wie ich auf den Wehenhemmer reagiere.

17.15 Uhr: Ich rufe meinen Mann an und sage ihm, dass es länger dauert. Wohl zwei Tage, dann komme ich nach Hause, da man Wehenhemmer nicht länger als 48 Stunden lang laufen lassen soll. Er soll daheim den großen Bruder ins Bett bringen und dann kurz in die Klinik fahren.

Wo bleibt die Hebamme?

17.30 Uhr: Die Hebamme kommt rein und entschuldigt sich, dass sie nicht eher gucken konnte, aber sie hätten acht Frauen da, vier davon unter der Geburt. Es sei die Hölle los! Ich gehe kurz aufs Klo. Durchfall. Auch das noch.

17.45 Uhr: Ich rufe meine Eltern an und sage ihnen, dass sie doch bitte am nächsten Tag anreisen sollen. Meine Wehen werden weniger vom Intervall. Aber die Intensität verändert sich, ich spüre sie trotzdem nicht. Ich klingle nach der Hebamme.

18.05 Uhr: Die Hebamme kommt, endlich. Ich bitte sie, dass sie mir sämtliche Dokumente für eine PDA (Anm. d. Red.: Periduralanästhesie) bringt, damit ich die ausfüllen kann, FALLS ich sie irgendwann mal brauche.

18.10 Uhr: Meine Schwester ruft mich an und fragt, wie es mir geht und ob sie kommen soll. Ich winke ab, es ist ja alles okay und ruhig.

18.13 Uhr: Ich glaube, dass meine Fruchtblase geplatzt ist. Geistesgegenwärtig notiere ich das auf dem CTG. Ich klingle nach der Hebamme. Ich traue mich nicht, die Decke zu heben. Was, wenn es doch kein Fruchtwasser ist, sondern Blut? Dann sterbe ich jetzt. Mit Argusaugen beobachte ich das CTG. Keine Dezelerationen (Anm. d. Red.: auf dem CTG sichtbares Absinken der kindlichen Herztöne). Ich bete, dass es Fruchtwasser ist und es Zwilling eins gut geht. Wo bleibt die Hebamme?

18.35 Uhr Die Hebamme kommt. Endlich! Es IST Fruchtwasser! In 24 Stunden sind die Babies da! Das ist die Deadline (Anm. d. Red.: länger würde aufgrund des Infektionsrisikos durch den Blasensprung und die Frühgeburtlichkeit nicht auf die Geburt gewartet werden). Die Wehen, die ich immer noch nicht spüre, sind weniger geworden. Ich frage erneut nach meinem PDA-Aufklärungsbögen. Sie hat sie vergessen. Ich sage ihr eindringlich, dass ich unter keinen Umständen und NIEMALS Zwillinge ohne PDA gebären werde. Sie untersucht mich.

Das Kind kommt. JETZT!

18.45 Uhr Der vaginale Befund ist unverändert. Der Gebärmutterhals ist 3,5 cm lang, rigide, sakral (Anm. d. Red.: nach hinten Richtung Kreuzbein gelegen) und der Muttermund ist geschlossen. Sie holt den PDA-Bogen.

18.50 Uhr Der Aufklärungsbogen für die PDA und die ganzen Anmeldeunterlagen für das Standesamt sind da. Die Hebamme hat die Neugeborenen-Intensivsation darüber verständigt, dass Gemini-Frühchen (Anm. d. Red: frühgeborene Zwillinge) anstehen binnen der nächsten 24 Stunden. Sie geht. Es ist viel los. Ich bin allein.

18.55 Uhr: Ich drehe mich von der Seite auf den Rücken und fahre mein Kopfteil nach oben. Aua. Mein Schambein schmerzt. Mein Po tut weh. Ich klingle nach der Hebamme. Ich brauche eine Flasche Wasser. Oh Wunder, sie kommt binnen 30 Sekunden. Ich sage zu ihr, dass es drückt. Sie glaubt mir nicht. Mein Befund vor zehn Minuten war kein Geburtsbefund. Sie untersucht auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin nochmal. Und löst sofort den Alarm aus! Neun Zentimeter Muttermundseröffnung und der Kopf auf Beckenmitte. Das Kind kommt. JETZT! Gemeinsam schieben sie mich in den eben freigewordenen Kreißsaal. Ich klettere auf das Kreißbett, bleibe im Vierfüßlerstand. Ich schreie die Hebamme an, dass sie ihre Epi-Schere (Anm. d. Red.: Schere, mit der ein Dammschnitt angelegt wird) weglegen soll, die sie gar nicht in der Hand hat. Ich drücke einmal.

19 Uhr: Mein Baby ist da! Ich sehe ihn zwischen meinen Beinen hindurch, er ist winzig. Er atmet nicht. Er schreit nicht. Da steht die Kinderärztin. Mein Baby ist weg. Ich drehe mich um. Da steht die Hebamme mit einer blutjungen Assistenzärztin. Ich darf meine Beine hinstellen und mich ausruhen. Die Ärztin reicht mir ein Glas Wasser. Und fährt mein Kopfteil ganz nach oben. Mein Baby ist weg. Ich höre ihn nicht. Die Hebamme steht neben mir. Ich darf sitzen. Sie schient meinen Bauch, damit das zweite Kind sich nicht plötzlich in eine andere Lage dreht. Der Oberarzt kommt herein. Ganz leise. Er setzt sich neben die Tür, ich bemerke ihn kaum. Der Wehenhemmer wird ausgeschaltet, die Infusionen werden abgestöpselt. Ich bin so allein. Ich habe keine Wehen. Ich bin müde.

19.18 Uhr: Ich sitze. Ich frage die Hebamme, ob eigentlich die Fruchtblase vom zweiten Kind noch steht. Sie untersucht mich und im selben Moment spüre ich einen Riesendruck im Bauch und mein Kind schießt von oben runter in meine Scheide. Ich atme panisch, ich kann doch nicht nochmal ein Kind rausschieben. Mir tut alles weh, ich bin wund. Ich will diese PDA. Ich muss schieben, das drückt so.

Meine Babys

19.20 Uhr: Mein Baby ist da. Ich sehe ihn. Er ist perfekt. Ich streichle seine Wange. Er atmet nicht. Er schreit nicht. Er wird mir sofort weggenommen. Ich bin allein.
Mir wird Oxytocin (Anm. d. Red.: Medikament zur Wehenanregung) gespritzt. Die Plazentageburt steht noch bevor.

19.25 Uhr Mein Mann kommt zur Tür herein. Hallo Papa. Reibungslos wird auch die Plazenta geboren. Erst jetzt realisiert auch mein Mann, dass wir erneut Eltern geworden sind. Unsere Babys sind weg. Und wir wissen nicht, wie es ihnen geht.

Wir informieren die Großeltern über die Geburt. Wir alle sind traurig. Die Hebamme macht mich frisch. Wir kriegen ein Abendessen. Wir funktionieren. Zwei Stunden nach der Geburt verlegt man mich auf die Wochenbettstation. Die Mutter neben mir hat ihr Kind dabei. Wir verlassen sofort den Raum und gehen auf die Intensivstation. Ich bin so müde. Und da sehe ich sie. Meine Babys. Getrennt. Sie sind wach. Intubiert. Große blaue Augen gucken uns an. Bub Nummer eins wiegt 1620 Gramm und Bub Nummer zwei wiegt 1700 Gramm. Und wir wissen, dass unser Leben mit den beiden einfach perfekt wird.

Die beiden Buben mussten über dreieinhalb Monate auf der Intensivstation verbringen. Es erfolgten mehrere Operationen, Rückschlage, Tiefpunkte. Beide Kinder wurden acht Monate voll gestillt. Sie sind heute fünfeinhalb Jahre alt und bei bester Gesundheit. Ich habe noch zwei Kinder gekriegt. Und sie alleine zu Hause zur Welt gebracht,nur in Begleitung meines Ehemannes.

Als Hebamme hat die Geburt der Zwillinge insofern einen Einfluss auf meinen Beruf gehabt, als dass ich heutzutage keinen Geburtsverlauf als Schema sehe. Jede Geburt ist anders und jede Geburt ist umwerfend. Selbstbestimmung ist das Zauberwort und ich als Hebamme kämpfe seither noch mehr um das Recht der FRAU, dass SIE entscheidet, wo und wie sie gebären möchte.

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5 Kommentare

Anja 28. Juli 2016 - 16:46

Liebe Vivian,

nein, das ist nicht üblich, das anzusprechen, schon gar nicht, wenn die Schwangere das nicht thematisiert. Hyperemesis kann schon wirklich extrem belastend sein, aber ich war auch sehr irritiert über diese Aussage der Hebamme. Zum Glück hat Noemi ja gewechselt.

Liebe Grüße, Anja

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Jasmin 28. Juli 2016 - 16:25

Hallo Anja,
Vielen Dank für die Geburtsberichte hier, die ich immer sehr gerne lese. Ich bin gerade selbst schwanger, im 7. Monat – und eine Frage lässt mich nicht los: ist das hier ein repräsentativer Durchschnitt von Geburten? Oder wählst du für den Blog welche aus, die besonders spannend sind? Denn gefühlt sind sie alle irgendwie sehr dramatisch und ich bekomme ein bisschen Angst 😉
Liebe Grüße!

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Anja 28. Juli 2016 - 16:52

Liebe Jasmin,

ich glaube, das kommt Dir eher so vor. Andere sagen wiederum, das sind ja immer nur so viele schöne einfache (Haus-) Geburten;)
Ich wähle nichts aus, sondern nehme die Texte, die mir die Kolleginnen schicken. Und Geburten sind tatsächlich sehr bunt- auch die von Hebammen.
Ich schreibe die Tage noch mal etwas zum „Lesen von Geburtsberichten in der Schwangerschaft“. Also pass gut auf Dich auf, dass Du das liest, was sich gut für Dich anfühlt. Auch deshalb kündige ich in der Einleitung immer schon an, wovon der Geburtsbericht handelt.

Alles Gute für Dich und liebe Grüße, Anja

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Hanna B. 29. Juli 2016 - 08:57

Liebe Anja, ich habe meine erste Geburt schon hinter mir und sie war schön. Ich empfinde es jedoch wie Jasmin. Hier gibt es viele dramatische Berichte und man liest von Komplikationen in der Schwangerschaft, die man bis dato gar nicht kannte. Ich empfinde es auch zwischendurch als Angst fördernd. Und gleichzeitig spannend… habe mir aber auch für die zweite Schwangerschaft bereits vorgenommen, mit dem Lesen von „wenn Hebammen Kinder kriegen“ auszusetzen, um dann nicht völlig panisch zu werden 😉 LG Hanna

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Vivian 28. Juli 2016 - 12:28

Das ist wieder mal ein spannender Geburtsbericht. Ich finde es immer erstaunlich wie jede einzelne Geburt dramatisch, schön und einzigartig ist.

Ist das so üblich, das die Hebamme zu einem Schwangerschaftsabbruch rät, wenn die Übelkeit so schlimm ist?

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