Working mum? Working parents!

von Anja

Der große Vorteil der Freiberuflichkeit ist, dass einem keiner direkt vorschreibt, wann man zu arbeiten hat. Der große Nachteil ist, dass einem keiner direkt vorschreibt, wann man aufzuhören hat. Das ist besondern schlimm, wenn man schwanger ist. So kam es, dass ich knapp zwei Stunden, bevor ein Blasensprung die Geburt meines ersten Kindes ankündigte, noch in meiner Hebammenpraxis stand und die Sprechstunde machte. Dass mein Kind zehn Tage vor dem errechneten Termin kam, machte den ohnehin viel zu knapp geplanten „Mutterschutz“ komplett zunichte…

Zumindest schaffte ich es, ein komplett arbeitsfreies Wochenbett einzuhalten. Und ich habe „erst“ nach vier, fünf Monaten wieder angefangen, vereinzelt Geburtsvorbereitungskurse zu geben. Die finden meist am Abend statt. Und Babys werden gerne genau in dieser Zeit vom Gebärmutterheimweh gepackt. Also musste Christian das Nähebedürfniss stillen und mit dem Kind im Tragetuch seine Runden drehen, während ich versuchte, werdende Eltern auf die Geburt und den Alltag mit einem Baby vorzubereiten.

Aber irgendein magischer Selbstschutz sorgt dafür, dass wir Eltern zumindest beim ersten Kind noch denken, dass das schon irgendwie klappen wird mit der Vereinbarkeit. Irgendwie klappt es auch, aber es kostet oft Schweiß und Tränen, alles unter einen Hut zu bekommen. Oder man stellt einfach fest, dass unter diesem Hut nicht für alles gleichzeitig Platz ist und man sich von manchem verabschieden muss.

Manchmal habe ich heimlich ein bisschen die Mütter beneidet, die ihren Job vor der Babypause nicht besonders mochten und deshalb froh waren, sich einfach Vollzeit um das Kind kümmern zu dürfen. Mein Dilemma ist, dass ich meine Arbeit wirklich liebe und mir etwas fehlen würde, wenn ich über längere Zeit komplett aussetzen müsste. Ich habe nicht den Wunsch, bis zum Anschlag arbeiten zu gehen, denn die Zeit mit meinen Kindern liebe ich ebenso. Aber „ein bisschen“ Arbeiten tut mir auch immer relativ schnell nach den Geburten der Kinder einfach gut.

Elternzeit ist mitnichten ein Erholungsurlaub

So sind Kurse oder ein paar Wochenbettbesuche ein softer Einstieg ins Arbeitsleben, den man auch noch voll stillend gut hinbekommt. Wären da nur nicht die wirtschaftlichen Schattenseiten der Hebammerei. Denn je weniger ich arbeite, umso mehr schlagen die hohen Lohnnebenkosten zu Buche. Teure Haftpflichtversicherung, Berufsverband, Unfallversicherung, Abrechnungsbüro – all das wird nicht billiger, je weniger ich arbeite. Das zweite Problem meines Berufs ist die völlige Unplanbarkeit.

Auch dieses Jahr wurde der sorgfältig geplante Freiraum durch zehn Wochen zu früh geborene Zwillinge konterkariert. Auch wenn die Frühchen noch lange in der Kinderklinik sind, hat die Mutter trotzdem ein Anrecht auf eine Wochenbettbetreuung. Also mal wieder alles auf den Kopf stellen. Und das geht nur, wenn beide Partner mitziehen, egal wer zu welchem Zeitpunkt gerade mehr arbeitet. Und Arbeit hat man als Eltern ohnehin immer – denn kleine und große Kinder beim Aufwachsen zu begleiten, ist nicht selten wesentlich herausfordernder, als eine Geburt zu betreuen oder, wie in Christians Fall, unter Hochdruck ein monatliches Videospielmagazin fertig zu stellen. Eltern arbeiten also irgendwie immer. Darum sage ich: eine klassische „Working mum“ gibt’s gar nicht. Und Elternzeit ist mitnichten ein Erholungsurlaub, in dem man vor lauter Langeweile Fotos in Alben klebt und mit drei neuen Hobbys anfängt.

An manchen Tagen rufen wir hier demjenigen zu, der gerade für den Brotjob das Haus verlässt, ein „Komm gut erholt wieder!“ zu. Ohne die berufliche Belastung schmälern zu wollen, doch an manchen Tagen ist das Elterndasein die größere Herausforderung. Da sitzt man mit dem zahnenden Baby ungeduscht in der Küche und beneidet seinen Partner, der im aufgeräumten Büro wenigstens mal ungestört auf die Toilette gehen kann. Oder seinen Kaffee warm trinken kann. Oder ein Telefonat einfach so zu Ende führt. Der Alltag zwischen Wickeltisch und Sandkasten besteht halt meistens nicht nur aus Kaffee im Sonnenschein trinken, auch wenn wir das alle das in der ersten Schwangerschaft noch insgeheim gehofft haben. Die „Non-working“-Mum ist eine Illusion. Egal, ob wir als Mutter oder Vater unsere Arbeit in Kinderzimmer, Büro, Hebammenpraxis oder wo auch immer machen – wir sind alle „Working Parents“ und machen einen verdammt guten Job. Über die faire Bezahlung dafür reden wir dann mal an anderer Stelle…

Dieser Text wurde auch in der LUNA Mum Nr.18 als Kolumne veröffentlicht.

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3 Kommentare

Anna 9. August 2015 - 21:50

Wie recht Du hast! Es ist schön, wenn jeder Elter seine Wahl einigermaßen frei treffen kann. Ich arbeite Vollzeit, seit das Kind 10mon ist (jetzt 15) und sage oft, dass mein Tag erst anstrengend wird, wenn ich abends nach Hause komme. Mein Kind und ich lieben uns und sind sehr eng miteinander, aber den ganzen Tag mit ihr zuhause wäre für uns beide nicht artgerecht. Ich bewundere Leute ernsthaft, die sich gerne lange mit Kindern beschäftigen. Ein Glück sind die Talente und Vorlieben unterschiedlich verteilt!

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Katarina 8. August 2015 - 16:12

Definitiv! Richtig was ihr da so schreibt!

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Fleder 7. August 2015 - 13:52

Es ist schade, dass das ‘Vollzeit’-Mutter/Vater-sein immer noch so belächelt wird & sobald das Kind dann wenigstens im Kindergarten ist wieder die Erwartung aufkommt “Jetzt kann (muss) sie doch endlich wieder arbeiten gehen!” Ich gönne es jedem, der freiwillig wieder in seinen Beruf einsteigen möchte. Aber die 24/7-Arbeit mit einem Kind sollte ebenso honoriert werden.

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