Beruhigung, Stillen, chillen

Zwischen Dauerstillen, Blockstillen und Einschlafstillen

von Anja

Dies ist der 46. Beitrag in unserer Reihe „Stillen ist bunt“ (alle weiteren findet ihr gesammelt hier), in dem Karoline ihre persönliche Stillgeschichte teilt. Sie ist 32 Jahre alt und Mama einer 13 Monate alten Tochter. Die Grafikerin ist derzeit in Karenz (in Elternzeit) und lebt mit ihrer Familie in einem Dorf im Westen Österreichs.

„Ich liebe die Natur – ganz besonders unsere Berge und das Meer – und verbringe viel Zeit in meinen Laufschuhen, den Wanderstiefeln oder auf dem Rad. Ich liebe es zu reisen und zu lesen, auch wenn das momentan zu kurz kommt. Das Wichtigste in meinem Leben sind aber die vielen tollen Menschen um mich herum“, erzählt sie.

Was hast du vor deiner Schwangerschaft über das Stillen gedacht bzw. welche Erfahrungen mit dem Thema gemacht?
Eine Freundin fragte mich während meiner Schwangerschaft einmal, ob ich denn gerne stillen möchte. Ich hatte ja nicht die leiseste Ahnung davon, was diese Frage bedeutete und sagte: „Wenn es klappt, dann ja.“ Ich hatte mich noch gar nicht mit dem Thema beschäftigt und das Bild in meinem Kopf setzte sich nur aus dem zusammen, was ich so in meinem Umfeld gehört oder gesehen hatte.

Komplex und irgendwie fremd

Ich hatte vorwiegend eher negative Stillerfahrungen im Kopf. Daher machte ich mir eigentlich auch gar keine großen Hoffnungen. Außerdem dachte ich, dass es heutzutage normal sei, ein paar Wochen oder Monate zu stillen und dann auf Flaschennahrung umzusteigen. Meine Mama konnte mich nur zwei Wochen stillen, meinen Bruder nur ein wenig länger. Ich hatte aber immer das Gefühl, dass sie das irgendwie schade fand. Wenn es um das Thema Langzeitstillen oder Stillen in der Öffentlichkeit ging, hatte ich sogar eher ein befremdliches bis negatives Gefühl. Und dann kam unsere Tochter…

Wie hast du dich vor der Geburt über das Thema informiert? Gab es Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf die vor euch liegende Stillzeit?
Ich hatte mich in der Schwangerschaft über alles mögliche informiert, nur nicht über das Stillen. Ich dachte mir einerseits, dass ich das einfach auf mich zukommen lassen möchte. Andererseits schien mir das Thema auch so komplex und irgendwie fremd, dass es mir schwer fiel, mir darüber Gedanken zu machen. Im Nachhinein habe ich das aber ein wenig bereut. Es gab oft Situationen, in denen ich dachte: „Warum hab ich das nur nicht schon früher gewusst.“

Wie verlief der Stillstart und wie ging es dir und deinem Baby dabei? Welchen Einfluss hatte die Geburt auf eure ersten Stillmomente?
Unsere Tochter wurde elf Tage nach dem errechneten Termin nach vielen Stunden Wehen geboren. Es war eine spontane Geburt ohne Interventionen oder Schmerzmittel. Sie wurde mir auch gleich auf die Brust gelegt und sie begann sofort zu saugen. Leider konnte ich diese ersten Stillmomente nicht genießen. Ich war zu verwirrt, weil ich nicht fassen konnte, dass ich gerade einen Menschen geboren hatte und weil auf einmal im Kreissaal so viel los war. Ich musste gefühlt ewig genäht werden. Ich hatte viel Blut verloren, konnte nicht aufstehen und war wirklich sehr erschöpft.

Hätte mir eine andere Antwort gewünscht

Im Krankenhaus wurde das Stillen sehr unterstützt. Ich bekam die ersten Infos durch die Schwestern vermittelt. Allerdings fühlte ich mich dennoch komplett hilflos. Meine Tochter wollte ab der zweiten Nacht dauergestillt werden und ich dachte die ganze Zeit, dass das doch nicht normal sein konnte. Die Antwort von den Krankenschwestern war immer identisch: Anlegen so oft sie möchte. Ich hätte mir eine andere Antwort gewünscht, oder zumindest eine Erklärung, warum.

Meine Tochter lag die ganze Zeit direkt bei mir. Sobald ich sie in ihr Bettchen legte, begann sie unruhig zu werden – das hat sich bis heute nicht geändert. Wir schlafen nach wie vor jede Nacht eng beieinander. Wenn ich sie nachts stillte, konnte ich selber auch einschlafen. Sonst nie während der ganzen vier Nächte im Krankenhaus. Diese Erfahrung sollte ich noch oft machen: Stillen beruhigte auch mich, immer und immer wieder.

Wie lief das Stillen im Wochenbett? Hattest du in dieser Zeit Unterstützung?
Die ersten Wochen waren wirklich nicht einfach. Ich verbrachte gefühlt die ganze Zeit im Wochenbett mit Stillen. Wenn meine Tochter wach war, fühlte sich nur an der Brust wirklich wohl. Ich hatte schon nach ein paar Tagen starke Schmerzen. Wenn ich sie nur suchen sah, begann ich schon zu weinen. Aber ich wollte unbedingt, dass das mit dem Stillen klappte – zumindest für die ersten paar Monate. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass es sich lohnen würde und dass es für meine Tochter wichtig war. Die Schmerzen waren nach zwei bis drei Wochen überstanden. Und langsam wurden die Abstände zwischen den Mahlzeiten für mich erträglicher.

Eine sehr anstrengende Zeit

Gegen Ende des Wochenbettes wurde unsere Stillbeziehung aber erneut hart auf die Probe gestellt: Meine Tochter wollte zwar stündlich an die Brust, schrie aber nach kurzer Zeit immer wieder herzzerreißend und ließ sich kaum mehr beruhigen. Ich vermute, dass sie überfordert war, weil ihr plötzlich zu viel Milch kam. Sie verschluckte sich oft und rang nach Luft. Außerdem brauchte ich plötzlich Stilleinlagen. Was zu dieser Zeit noch dazu kam: Die einzig verlässliche Beruhigungsmethode meiner Tochter funktionierte nicht mehr. Sie schrie viel und es war eine sehr anstrengende Zeit.

Ich suchte Rat bei meiner Hebamme und zum Abschluss einer Stillberatung gab sie mir ein paar Buch- und Blogtipps mit auf den Weg. Und ich begann zu lesen. Plötzlich fühlte ich mich sehr gut informiert, fühlte mich in vielem bestätigt und abgeholt. Und war nun überzeugt davon, dass es sich lohnen würde durchzuhalten. Und ich hatte Recht…

Nach circa vier Monaten hatte sich alles eingespielt. Das Problem mit dem Überangebot an Milch hatten wir in den Griff bekommen. Ich hatte einiges ausprobiert, glaube aber, dass uns das Blockstillen geholfen hat. Außerdem waren die Stillmahlzeiten inzwischen sehr kurz geworden. Und es klappte in allen Positionen. Zu Beginn konnten wir nämlich nur im Liegen stillen, was bedeutete, dass ich nicht überall stillen konnte und ich immer ein Gefühl hatte, ein wenig eingesperrt und angebunden zu sein. Ich genoss es plötzlich richtig und war glücklich und auch ein wenig stolz. Stillen ist mit Sicherheit eine der anstrengendsten und zugleich schönsten Erfahrungen, die ich bisher machen durfte.

Kein Interesse am Essen

Wer war bei Fragen oder Problemen in der Stillzeit für dich da? Wer oder was hat dir besonders gut bei etwaigen Schwierigkeiten geholfen?
Meine Hebamme ermutigte mich in den ersten Tagen, dass meine Tochter auf jeden Fall genug zu trinken bekam, nahm mir vor vielem die Angst und konnte mir auch bei den Schmerzen weiterhelfen. Meine Mama nahm mir im Wochenbett sehr viel Hausarbeit ab. So konnte ich mich erholen und hatte auch Zeit für unser Baby. Und natürlich mein Freund, der mir immer wieder eine Hilfe war und mich unterstützt hat, auch wenn er mal anderer Meinung war.

Wie verlief der Beikostbeginn? Welche Erwartungen gab es? Und wie hat sich das Stillen in dieser Zeit verändert?
Unsere Tochter interessierte sich überhaupt nicht fürs Essen. Als sie die Beikostreifezeichen mit circa sechs Monaten erfüllte, boten wir ihr immer wieder mal Fingerfood oder ein paar Löffel Brei an. Sie spielte und kaute auf dem Essen herum, aß aber nichts. Erst mit siebeneinhalb Monaten aß sie zum ersten Mal eine kleine Menge. Ungefähr einen Monat lang bekam sie dann hauptsächlich Brei von uns.

Aber von einem Tag auf den anderen wollte sie selber essen. Seitdem haben wir immer sehr entspannte Mahlzeiten als Familie und unsere Tochter isst meistens mit großer Freude und fast alles was wir ihr anbieten. Das war auch der Zeitpunkt, an dem sich die Stillmahlzeiten tagsüber stark reduziert haben. Wir stillen nach wie vor nach Bedarf – mittlerweile habe ich aber das Gefühl, dass sie hauptsächlich stillen möchte, wenn sie müde ist oder sie zu aufgeregt und abgelenkt war, um zu essen.

Kleinen Auszeiten durchs Stillen

Was war oder ist das Schönste für Dich am Stillen?
Das Stillen hat mir persönlich sehr geholfen, eine Beziehung zu meiner Tochter aufzubauen. Ganz besonders am Anfang, aber eigentlich auch jetzt noch. Deswegen ist es mir so wichtig geworden. Ganz besonderes schön am Stillen finde ich außerdem ihr spezielles Lachen, wenn sie weiß, dass es gleich Mamamilch gibt, die STILLE, die ich jedes Mal wieder genieße, die kleinen Auszeiten mit ihr sowie die Ruhe, die jedes Mal durch mich und natürlich auch durch sie strömt.

Was war am schwersten oder belastendsten für dich in der Stillzeit?
Neben den Schmerzen zu Beginn ganz eindeutig die langen Nächte. Das Einschlafstillen hat für uns eigentlich immer gepasst. Nur leider hat sich meine Tochter zur Dauernucklerin entwickelt und sie akzeptiert deshalb nur mich als Einschlafbegleitung. Das ist wirklich anstrengend und bringt mich nach wie vor an meine Grenzen.

Es gab und gibt viele Nächte, in der sie stündlich nach der Brust zum Trinken oder nur zum Nuckeln verlangt. Ich könnte mir vorstellen, noch länger zu stillen. Aber ich kann die Situation in der Nacht langsam nicht mehr ertragen und wünsche mir ein bisschen Freiheit für mich zurück.

Viel nach Gefühl gehandelt

Wie verlief der Abstillprozess bzw. welche Wünsche oder Vorstellungen hast du in Bezug auf diese Zeit?
Aufgrund unserer anstrengenden Nächte denke ich jetzt langsam ans Abstillen, möchte aber erst beginnen, wenn ich mir ganz sicher bin. Momentan bin ich das eben noch nicht – und das merkt sie bestimmt. Ich wünsche mir sehr, dass der Abstillprozess für uns beide so angenehm wie möglich wird. Ich werde mir sehr viel Zeit dafür lassen.

Was würdest du in einer weiteren Stillzeit anders machen? Was ist deine wichtigste Erkenntnis in Bezug auf das Stillen, die du anderen Müttern weitergeben würdest?
Ich würde versuchen, sie von Anfang an daran zu gewöhnen, auch ohne Brust am Abend einschlafen zu können, damit sie auch von sonst jemanden ins Bett gebracht werden kann. Grundsätzlich habe ich sehr viel nach Gefühl gehandelt und nicht mehr darauf gehört, was andere zu diesem Thema sagen.

Das würde ich immer wieder so machen und kann das nur jeder Mama ans Herz legen. Außerdem Hilfe annehmen und auch einfordern, sich am besten schon vorab informieren und das eigene Bild im Kopf auch mal in Frage stellen. Gerade erlebe ich, dass sich die Fragen von „Stillst du noch?“ zu „Stillst du IMMER noch?“ ändern. Und auch hier versuche ich jetzt einfach auf mein Gefühl zu hören und das zu tun, was für uns beide am besten passt.

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2 Kommentare

Elisabeth 3. Mai 2020 - 14:27

Ich würde gern wissen, wie es weitergegangen ist! Meine Tochter ist fast 17 Monate alt und… „ja, ich stille immer noch“. Sie hatte immer Interesse am Essen und probiert alles aber wirklich große Mahlzeiten sind bis heute nicht dabei.
Mit 4 Monaten hat sie den Schnuller verweigert und schläft seitdem nur mit Brust ein. Seit sie 1 Jahr ist stille ich nur noch zum einschlafen, also Mittags und abends/nachts.
Ich habe die sanfte Entwöhnung versucht, wochenlang, aber die Brust muss weiter sein. Und seitdem ich wieder arbeite, schaffe ich es nicht wirklich wach zu bleiben, um die Brust rechtzeitig immer wieder raus zu nehmen.
Ich kann abends nicht weg. Mit viel Glück schläft sie manchmal 1,5 Std bis sie wach wird und die Brust wieder zum einschlafen braucht. Manchmal mit trinken, manchmal nur nuckeln. Dementsprechend wird sie etwa alle 2 Std kurz wach.
Ich sträube mich vor einem harten Entzug, ich möchte ihr das nicht antun. Noch will ich ihr Zeit geben.
Aber wer kann sagen, ob sie wirklich in ein paar Monaten von sich aus so weit ist? Ich möchte auch mal wieder Freundinnen treffen. Da hilft es nicht immer wieder zu lesen, dass es ein natürliches Bedürfnis ist. Auch die Schlafberatung war sehr einfühlsam und meinte ich habe alles richtig gemacht und kann mir einen freien Abend gönnen. Aber die Hysterie dann haben wir schon erlebt….
Vielleicht hat noch jemand Tipps???

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Carina 3. Januar 2020 - 21:26

Wow, das könnte mein Interview sein. Echt krass wie viele gleiche Gedanken, Abläufe, Zweifel und Wünsche. Mein Sohn ist 12 Monate alt. Ich habe mir vor der Geburt über vieles Gedanken gemacht und mich bei Freundinnen erkundigt. Das Stillen, dachte ich, wird schon laufen. Die Betreuung in Krankenhaus war so toll. Leider hat mich meine Hebamme zuhause nicht gut betreut. Ich habe mir jetzt zum nächtlichen Abstillen Hilfe und Beratung über ‘Das Haus der Familie ‘geholt. Es läuft echt gut und ich bin so froh, dass ich um Hilfe gebeten habe. Bei meinem nächsten Kind möchte ich ebenfalls das Einschlafstillen umgehen. Es schränkt mich so stark ein. Liebe Grüße an Karoline und alles Gute für dich und deine Tochter

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