Stillzeiten – lang, länger, am längsten?

Stillzeiten – lang, länger, am längsten?

Vor einigen Tagen habe ich für das Netzwerk „Gesund ins Leben“ eine Fortbildung zum Thema Stillen und Säuglingsernährung für medizinisches Fachpersonal gegeben. Natürlich habe ich auch über die Stillempfehlung der WHO gesprochen. Denn neben der sechsmonatigen ausschließlichen Stillzeit empfiehlt sie das Weiterstillen bis zum zweiten Geburtstag oder darüber hinaus, wenn Mutter und Kind das wünschen.

Sogleich hagelte es Einwände, dass es ja Mütter ganz schön unter Druck setzt, wenn sie so lange stillen sollen. Und überhaupt sei das eine ganz schöne Belastung für die Mütter, vor allem, wenn sie wieder arbeiten gehen wollen. Ich glaube kaum, dass die meisten Hebammen oder Stillberaterinnen (werdenden) Müttern als Erstes raten, mindestens zwei Jahre zu stillen. Natürlich sollte diese Empfehlung erwähnt werden, aber primär deshalb, damit Eltern wissen, dass eine zweijährige oder längere Stilldauer normal ist und dass sich keine Mutter, die so lange stillen möchte, als Freak oder Ähnliches fühlen muss. Aber nach wie vor liegt die durchschnittliche Stilldauer in Deutschland bei 6,9 Monaten.

Also wäre es doch erst einmal schön, wenn Kinder auch während der Einführung der Beikost noch weiterhin Muttermilch bekämen. Zumal ja auch belegt ist, dass eine Einführung der Beikost unter dem Schutz des Stillens sich positiv auf das Risiko auswirkt, eine Allergie oder eine Zöllikakie (die Unverträglichkeit von Gluten) zu entwickeln. Die Beikosteinführung ist mit 6,9 Monaten natürlich längst noch nicht abgeschlossen bzw. hat sie bei einigen Kindern da noch nicht einmal so richtig begonnen, weil sie zunächst nur homöopathische Dosen an Beikost zu sich nehmen.

Es hat sich meist einfach so ergeben

Es ist also ein bisschen müßig, über zweijährige Stillkinder zu diskutieren, wenn das Baby vielleicht noch im Bauch oder auch erst ein halbes Jahr alt ist. Denn die meisten länger stillenden Mütter haben sich nicht mit der Geburt vorgenommen, irgendeine WHO-Empfehlung einzuhalten. Es hat sich meist einfach so ergeben. Und – das ist wohl der entscheidende Faktor – sie hatten im richtigen Moment die richtigen Unterstützer. Ob das nun die Hebamme, die Stillberaterin, die gute Freundin oder die Langzeitstillgruppe bei Facebook war. Denn ein Kind lange zu stillen ist sicher wunderbar, aber manchmal eben auch anstrengend und nervig. Die große Nähe fühlt sich zudem gelegentlich erdrückend an. Zudem können die ganze Stillzeit über auch immer mal wieder handfeste Probleme wie ein Milchstau oder wunde Mamillen auftreten. Spätestens dann, wenn das Kind schon sieben, acht Monate alt ist, wird lieber zum Abstillen geraten, als das Stillproblem helfend anzugehen.

Auch jegliche Müdigkeit oder Erschöpfung der Mutter wird gerne mit der Abstillempfehlung als Lösung verknüpft. Erst vorletzte Woche bekam ich eine Stillberatungsanfrage einer verzweifelten Mutter, die ihr dreizehn Monate altes Kind in vier Wochen in der Kita eingewöhnen wollte. Die Kita verlangt, dass das Kind tagsüber abgestillt ist. Solche Aussagen machen mich wirklich traurig und frustiert. Vielleicht momentan besonders, weil ich gerade selbst unseren knapp zwanzig Monate alten Sohn in unserem Kinderladen bei der Eingewöhnung begleite. Und natürlich hat er in den ersten Tagen, als ich durchgehend mit vor Ort war, auch dort gestillt. Unsere wunderbare Erzieherin saß daneben und dachte sentimental an die Stillzeit mit ihrem Sohn vor zehn Jahren zurück. So einfach ist das. Und ja, er ist trotz gelegentlicher Muttermilchaufnahme bei mir wunderbar im Kinderladen angekommen. Und nein, die Erzieher müssen ihn natürlich nicht mit dem Brusternährungset füttern.

Mehr als Kalorienzufuhr und Gesundheitsrisikenminimierung

Darum finde ich das Ganze paradox. Am Anfang machen wir die Mütter verrückt, weil sie laut WHO-Empfehlung mindestens zwei Jahre stillen „sollen“ und wenn es eine Mutter dann wirklich macht, ist es auch wieder irgendwie nicht gut. Deshalb kann und werde ich die Frage von Schwangeren und jungen Müttern, wie lange sie denn nun stillen sollen, nicht beantworten wollen und können. Diese Entscheidung treffen Mutter und Kind doch irgendwie jede Woche immer wieder neu. Wir müssen uns keine Mindeststilldauer, aber auch kein Abstilldatum im Kalender notieren. Aber da selbst vom medizinischen Personal bei dieser Fortbildung die Frage kam, ob denn die Muttermilch nach sechs bzw. zwölf Monaten überhaupt noch einen Wert hätte, noch kurz die Antwort darauf. Ja, hat sie!

Es kommt nach wie vor wertvolle Muttermilch und kein weiß gefärbtes Wasser aus der Brust. Der “Zaubertrank”, der dafür sorgt, dass unsere Kinder im ersten Lebenshalbjahr so rasant wachsen wie nie wieder danach im Leben, enthält auch nach sechs oder zwölf oder zwanzig Monaten noch alle Nährstoffe und jede Menge Immunstoffe. Aber Stillen ist ein bisschen mehr als reine Kalorienzufuhr und Gesundheitsrisikenminimierung. Die emotionale Ebene ist etwas, was nicht in die Empfehlungen der WHO oder der AAP einkalkuliert werden kann. Und wenn Mutter und Kind sich auch nach den hier landesüblichen 6,9 Durchschnittsstillmonaten wohl fühlen mit dem Stillen, dürfen sie das einfach genießen, so lange es Mutter und Kind möchten.

Jedes Kind wird sich ohnehin irgendwann selbst abstillen. Wenn eine Mutter vorher den Wunsch hat, darf und soll sie dem genauso nachkommen. Sinnvolle Tipps für etwas größere Stillkinder (ab 1) finden sich hier. Also hören wir doch auf, als Fachpersonal und auch als Eltern über „sehr“ lange Stillzeiten zu diskutieren, wenn ein Großteil der Kinder im siebten Lebensmonat bereits abgestillt ist – und dass, obwohl es oft nicht dem eigentlichen Wunsch der Mutter entsprochen hat. Lieber sollten wir Mütter dann unterstützen, wenn sie es brauchen, nach zwei Tagen, zwei Monaten oder auch zwei Jahren. Beim Stillbeginn, beim Weiterstillen aber auch beim Abstillen – wann immer Mutter und Kind das möchten – und nicht die Kita oder die Folgemilchhersteller.