Abstillgrund Kita?

Abstillgrund Kita?

Als unsere Kinder anfingen, stundenweise in den Kinderladen zu gehen, wurden sie alle noch gestillt. Es war nie ein Problem. Ja, es war noch nicht mal ein Thema. Oder wenn, dann höchstens im positiven Sinne, als sich zum Beispiel eine der Erzieherinnen etwas wehmütig selbst an ihre eigene schöne Stillzeit mit ihrem Kind erinnerte und wir uns darüber unterhielten. Unsere Kinder waren keine Säuglinge mehr. Die Große war „schon“ über zwei Jahre alt bei der Kinderladeneingewöhnung, und auch die anderen Kinder waren um einiges älter als die zwölf Monate, mit denen sehr viele Kinder hier in Berlin zur Kita gehen.

Aufgrund der eigenen, durchwegs positiven Erfahrungen ging ich irgendwie selbstverständlich davon aus, dass das Stillen von kleineren oder größeren Kitakindern überhaupt kein Problem darstellt. Beruflich habe ich aber leider ganz andere Erfahrungen gemacht. Immer wieder melden sich Frauen, die Unterstützung beim Abstillen haben möchten, weil das Kind dann und dann in die Kita kommt. Beim zügigeren Abstillen, das nicht vom Kind induziert wird, ist eine wichtige Voraussetzung, dass die Mutter sich ihrer Entscheidung gegenüber sicher ist. Sonst entsteht meist “Chaos” und die damit verbundene Verunsicherung beim Kind.

Ein wirklich ganz plötzliches Abstillen ist ja nur in sehr seltenen Fällen erforderlich. Denn weder eine anstehende Operation noch eine Medikamenteneinnahme sind in den allermeisten Fällen ein Abstillgrund. Darum frage ich zunächst immer genau nach, was die Mutter sich wünscht. Soll also der Übergang in die Kita wirklich ein Abstillgrund sein?

Als Argument wird gerne angeführt, dass die Kinder zu sehr an der Mutter hängen und die Erzieher es somit viel schwerer hätten, da sie ja das Kind weder mit der Brust ernähren noch trösten können. Das können der Vater des Kindes oder die Oma übrigens auch nicht. Trotzdem lassen sich natürlich auch gestillte Kinder auf andere Bezugspersonen ein. Und Kinder, die nicht mehr zwingend zur Ernährung Muttermilch erhalten müssen, lassen sich genauso auf anderes Essen ein. Erfahrungsgemäß in der Kita mit einer viel höheren Bereitschaft, auch Neues zu probieren.

Den Tag beim Stillen verarbeiten

Das Stillen kann ganz im Gegenteil sogar hilfreich dabei sein, diese neue, ungewohnte und auch mit Stress für die Kinder verbundene Situation zu meistern. Nicht gestillte Kinder verarbeiten ihren Tag auch mit viel Kuscheln und Körperkontakt mit ihren Eltern. Beides tut kleinen Menschenkindern gut, besonders wenn gerade viel Neues im Leben passiert. Meine Kinder wollten anfangs oft schon in der Kitagarderobe gestillt werden. Dort stand auch passenderweise ein großes gemütliches Sofa…

Längeres Stillen ist zudem ein guter Schutz vor Krankheitserregern, denen Kindern in der Kita nun mal vermehrt ausgesetzt sind. Das heißt nicht, dass das Kind nicht auch krank werden kann, aber die in der Muttermilch enthaltenen Abwehrstoffe unterstützen das kindliche Immunsystem bei der Bewältigung. Oft sind auch bei schweren Infektionen die Verläufe milder. Das in Muttermilch enthaltene Enzym Lysozym, welches Zellwände von Bakterien zerstört, ist in der Muttermilch für ein 18 Monate altes Kindes sogar in größeren Mengen vorhanden als in der für ein sechs Monate altes Babys. Auch bei häufig in der Kita übertragenen Magen- und Darminfektionen ist es oft hilfreich, wenn das Kleinkind noch stillt, weil die Gefahr der Dehydrierung bei diesen Infekten immer hoch ist. Für die Mutter hat längeres Stillen ebenfalls gesundheitlich positive Aspekte wie die Verringerung des Risikos, an Brust -oder Eierstockkrebs zu erkranken. Doch man muss sicherlich nicht mit gesundheitlichen Vorteilen argumentieren, wenn es darum geht, auch ein in der Kita betreutes Kind weiterhin zu stillen.

Wie gut der Prozess der Eingewöhnung gelingt, wird von anderen Faktoren bestimmt. Manchmal ist es einfach zu früh für ein Kind oder es ist von der Situation überfordert. Gerade einem momentan ohnehin verunsicherten Kind nun noch das Stillen zu nehmen, wäre mehr als kontraproduktiv. Auch für Mütter (und sicherlich auch Väter) ist diese Phase stressig. Ein schnelles Abstillen würde auch für die Mutter hormonell eine zu abrupte Umstellung bedeuten. Auch das ist eigentlich genau in so einem Moment unpassend.

Ein Schritt nach dem anderen

Damit das jetzt niemand falsch versteht: Keine Frau muss ihr Kind – auch trotz der oben beschriebenen positiven Aspekte – länger stillen. Doch für die Mütter, die es gerne tun, ist es wichtig zu wissen, dass eine Kitaeingewöhnung nicht automatisch das Abstillen bedeutet. Wenn unabhängig davon ein Abstillwunsch besteht, sollte das zeitlich nicht unbedingt mit der Kitaeingewöhnung kollidieren. Denn beides sind große neue Schritte im Leben eines Kleinkindes – und es ist sinnvoller diese nacheinander zu gehen. Welche Reihenfolge da auch immer persönlich passt.

Für kleinere Kinder und Babys, die noch ernährungsphysiologisch Muttermilch brauchen, gibt es mittlerweile ein gutes Merkblatt zum „Umgang mit Muttermilch in der Kita oder Tagespflege“. Ich würde mir wünschen, dass dieses Merkblatt noch um die oben beschriebenen Aspekte ergänzt werden würde. Denn dies würde sicherlich auch die Bedenken einiger Kitamitarbeiter bezüglich einer erschwerten Eingewöhnung mildern.

Und nein, es geht mir hier nicht darum, zu diskutieren, ob und wann ein Kind überhaupt in die Kita sollte. Auch nicht darum, wie lange es optimalerweise gestillt werden sollte. Das darf und muss jede Familie für sich überlegen und entscheiden. Die Mütter, die sich für eine kürzere oder längere Betreuung außerhalb der eigenen Familie entscheiden, sollen nur nicht zum Abstillen gedrängt werden, wenn es zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch gar nicht passt, weder für die Mutter noch für das Kind. Hebammen beraten übrigens auch bei diesen Stillfragen. Und dafür diskutiere ich dann auch gerne mit den Mitarbeitern der Krankenkassenabrechnungsstellen, die immer wieder irritiert nachfragen, wenn man die Stillberatung für die Mutter eines ein- oder sogar zweijährigen Kindes in Rechnung stellt. Bezahlen müssen sie aber „bis zum Ende der Abstillphase“. Und dieses Ende bestimmen weder Kita noch Krankenkasse, sondern einzig und allein Mutter und Kind.