Stirb langsam, Hebamme!

Stirb langsam, Hebamme!

Was ist eigentlich aus den Hebammen geworden? Haftpflichtprobleme gelöst und Existenz gesichert? Die Politik versucht es erst einmal weiter mit einem Vorgehen, das sich in der Geburtshilfe durchaus bewährt hat. Denn es ist generell sinnvoll, „die Situation genau zu beobachten.“ Allerdings wird es kritisch, wenn eine beobachtete Situation sich in Richtung Notfall entwickelt und man weiter nur beobachtet, anstatt zu handeln. Und genau das ist mittlerweile der Fall.

Während immer noch Mitleid bekundet wird und Herr Gröhe im Kontext der Hebammenrettung von einem „Herzensanliegen“ spricht, bröckelt die Hebammenversorgung in Deutschland kontinuierlich weiter vor sich hin. Während vielleicht der eine oder andere doch mal über konkrete Ideen nachdenkt, wie vielleicht die Wahlfreiheit des Geburtsortes und die geburtshilfliche Arbeit von freiberuflichen Hebammen überhaupt gerettet werden könnte, gerät auch der restliche Teil der Hebammenarbeit immer mehr in ganz akute Gefahr.

Sowohl Hebammenverbände als auch wir oder die Akteure von „Hebammenunterstützung“ machen schon lange darauf aufmerksam, dass die Misere ALLE Bereiche der Hebammenarbeit betrifft. Doch in Presse und Politik wird immer noch primär nur die geburtshilfliche Situation beobachtet und kommentiert. Geburtshilfe ist ganz klar ein immens wichtiger Teil der Hebammenarbeit. Aber auch die Monate davor und danach wollen gut begleitet werden.

Arbeiten für die Haftpflichtversicherung

Doch auch in diesem Bereich wird nichts besser. Während ich mich 2008 noch für 232 Euro als freiberufliche Hebamme ohne Geburtshilfe versichern konnte, werden es 2015 über 520 Euro sein, die allein für die Haftpflicht aufzubringen sind. Bei einem Stundenlohn zwischen 7,50 und 8,50 Euro kann man da einige Stunden nur allein mit dem Erarbeiten der Haftpflichtprämie verbringen. Kolleginnen, die nicht über den Deutschen Hebammenverband versichert sind, haben zum Teil für ihre einzeln ausgehandelten Haftpflichtversicherungsverträge zum Jahresende die Kündigung bekommen. Wohl gemerkt Kolleginnen, die keine Geburtshilfe anbieten. Natürlich birgt auch die Begleitung vor und nach der Geburt zu versichernde Risiken, die anscheinend auch zunehmend weniger Versicherer nicht mehr bzw. nur zu sehr teuren Konditionen übernehmen wollen. Geburtshilflich tätige Kolleginnen arbeiten nicht selten 60 Wochenstunden und mehr, weil anders ein existenzsicherndes Einkommen nicht mehr zu erwirtschaften ist. Niemand wird wohl Hebamme, um reich zu werden, aber zum Leben sollte es doch schon reichen.

Die Erhöhung nach der Erhöhung

Gerade die Betreuung vor und nach der Geburt wird von vielen Kolleginnen in Teilzeit ausgeführt. Natürlich ist allen nicht in Vollzeit tätigen Selbständigen bewusst, dass die Lohnnebenkosten vergleichsweise hoch sind, wenn ich nur 20 oder 30 Stunden in der Woche arbeite. Denn natürlich muss zum Beispiel auch die in Teilzeit arbeitende freiberufliche Hebamme genauso umfassend ihrer nicht gerade kostengünstigen Fortbildungspflicht nachkommen. Wenn ich nun aber über 500 Euro allein für die Haftpflicht aufbringen muss, wird dieses Ungleichgewicht so groß, dass ich mir ernsthaft überlegen muss, ob ich so noch in der Form arbeiten kann.

Und das tun bereits viele Kolleginnen. Diejenigen, die primär im Kreißsaal angestellt sind und deshalb nur wenige Frauen vor und nach der Geburt betreuen. Die Kolleginnen, die noch nebenbei ein Studium absolvieren. Oder die vielen Mütter, die nun mal mit kleinen Kindern nicht in Vollzeit acht oder mehr Familien pro Monat betreuen können. Der älteste Frauenberuf Mutter ist mit dem nahezu ebenso alten Frauenberuf Hebamme unter diesen Umständen nicht mehr zu vereinbaren. All diese Kolleginnen sitzen längst da und rechnen und kommen zu dem Ergebnis, dass es spätestens mit der 20-Prozent-Erhöhung im Juli 2015 nach der 20-Prozent-Erhöhung im Sommer diesen Jahres wohl nicht weiter gehen wird.

Aber auch bei den in Vollzeit vor und nach der Geburt freiberuflich tätigen Kolleginnen wird das monatliche Budget immer enger, was nicht zuletzt durch diese 125-prozentige Erhöhung in nur sieben Jahren verursacht wird. Über die längst ausstehende Anpassung der Hebammenvergütung redet übrigens kaum noch einer, seitdem das Haftpflichtthema so sehr in den Fokus gerückt ist…

Seitenweise Stellenangebote

Und wenn man sich die vom Hebammenverband geprüften Versicherungsangebote anschaut, bekommt man einen kleinen Vorgeschmack auf das, was da wohl noch kommen wird. Die Prämien für die Freiberuflichkeit ohne Geburtshilfe liegen bei einigen Versicherern schon jetzt über 1000 Euro, bei einem sogar bei über 2000 Euro. Das Ganze bei zum Teil nicht ausreichender Schadensdeckungssumme und fehlenden Kündigungsschutz im Schadensfall.

Ich sitze hier auch gerade und frage mich immer wieder, wie es weiter gehen soll. Es kann nicht sein, dass das Gehalt meines Mannes meine Arbeit als Hebamme mitfinanziert. Da ich aber auch noch im Bereich Fort- und Weiterbildung arbeite und drei mehr oder weniger kleine Kinder habe, ist eine Vollzeitarbeit in der Schwangeren- und Wochenbettbetreuung nicht möglich. Den Wunsch, in die Geburtshilfe zurück zu kehren, habe ich schon bei der vorletzten Haftpflicherhöhung für mich als nicht finanzierbar abgeschrieben. So wie ein Großteil meiner Kolleginnen. Deshalb sind es mittlerweile nur noch ein paar Tausend Hebammen, die überhaupt freiberuflich Geburtshilfe leisten. Und es werden Monat für Monat weniger.

Genau das Gleiche passiert aber auch in der Vorsorge und Wochenbettbetreuung. Es hören immer mehr und mehr Kolleginnen auf. Sämtliche Geburtshäuser und Hebammenpraxen suchen dringend Hebammen. Wie klein und überschaubar war noch vor zwölf Jahren die Rubrik „Stellenangebote“ in den Fachzeitschriften für Hebammen. Mittlerweile füllt diese mehrere Seiten. Und es werden immer mehr Seiten…

Ja, auch wir Hebammen beobachten genau wie die Politk die Situation mit ernsthafter Sorge. Dies aber bereits seit vielen Jahren. Für uns ist der Notfall längst eingetreten und wir müssen handeln, damit wir ihn bewältigen können. In den meisten Fällen heißt das, dass ich so nicht mehr als freiberufliche Hebamme weiter arbeiten kann und meinen Beruf niederlegen muss. Wenn ich Glück habe, kann ich anders mein Geld verdienen. Wenn nicht, bedroht es die Existenzen ganzer Familien. So sieht die Situation für die Hebammen aus.

Aber was ist mit den Müttern, den Kindern, den Familien? Noch immer werben Krankenkassen mit dem tollen Angebot der umfassenden Hebammenbetreuung für ihre Mitglieder. Dies wird zunehmend mehr und mehr ein theoretisches Angebot, denn in den Ballungszentren und im ländlichen Raum finden bereits jetzt viele Frauen keine Hebamme mehr. Und hier geht es wohlgemerkt oft „nur“ um die Schwangeren- und Wochenbettbetreuung. Die Arztpraxen werden wohl definitiv noch voller werden. Viele gesundheitliche, aber auch andere Probleme werden zunehmen, weil sie zu spät oder erst gar nicht nicht erkannt werden. Seien es die Anzeichen von ernsthaften Beschwerden in der Schwangerschaft. Seien es das schlecht gedeihende Kind im Wochenbett, die verschleppte Wochenbettdepression der Mutter oder ein massiver Anstieg der Stillprobleme, mit dem die Mütter sich dann mehr oder weniger alleine herum schlagen werden. Denn wer wird beispielsweise unbedingt mit einer schmerzenden Dammnaht zum Arzt oder am Wochenende sogar in die Notaufnahme fahren?

Der Notfall ist längst eingetreten

Während also manche Leute noch immer die Lage der Hebammen beobachten, beobachten die Hebammen schon längst die Auswirkungen der ganzen Misere. Ob es nun die auf die Geburtshilfe oder auf die Betreuung vor oder nach der Geburt sind. Es wird sich definitiv nichts bessern für Familien, wenn der Beruf der freien Hebamme so langsam, aber mittlerweile sehr sicher, ausstirbt.

Doch dann kann man ja als Politiker erst mal wieder weiter abwarten und beobachten, wie sich das Ganze entwickelt. Und auf neue Zahlen warten. Diese werden dann nur leider wahrscheinlich einen Anstieg der Mütter- und Kindersterblichkeit anzeigen, wie es leider in anderen Ländern, die scheinbar ohne Hebammen auskommen, schon längst der Fall ist. Die wertvolle Präventionsarbeit in Bezug auf Kindesvernachlässigung und- misshandlung, wie sie durch Familienhebammen im Speziellen, aber letztendlich durch jede Hebamme, die den bisweilen schweren Start ins Familienleben unterstützt und begleitet, geleistet wird, fällt dann weg.

Und während die Krankenkassen ihren Versicherten zunehmend mehr und mehr Präventionsangebote in Richtung Sport und Entspannung finanzieren, wird es dieses doch so wichtige Angebot der Hebammenbetreuung bald vielleicht nicht mehr geben. Weil sich die Hebamme ihren Beruf nicht mehr leisten kann. Und weil die Politik viel zu lange beobachtet hat, anstatt bei einem längst eingetretenen Notfall entsprechend zu handeln…

So langsam schwindet auch mein ansonsten immer bisher noch vorhandener Grundoptimismus. Denn auch in den letzten Wochen hat sich außer den protestierenden Hebammen und Eltern nichts und niemand bewegt. Oder wie es DHV-Präsidentin Martina Klenk jetzt der Bild-Zeitung mit Blick auf Gesundheitsminister Gröhe sagte: „Seit dem letzten Gespräch mit dem Minister sind acht Wochen vergangen und es ist nichts passiert. Die Kolleginnen sind verzweifelt und stehen vor dem beruflichen Ruin. Unsere Geduld ist zu Ende.“

Traurige Chronik des Hebammensterbens:
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