Regulationsstörung, Baby, Regulation

Das gestörte Baby

von Anja

Nicht nur in der Geburtshilfe gibt es allerlei Begrifflichkeiten, die mehr als unpassend gewählt sind. Auch in der Babyzeit setzt sich dieses Phänomen weiter fort. Kinder mit hohen Bedürfnissen sind Schreibabys, was diese sehr auf ihr Schreien reduziert. Übrigens genau in einer Phase, in der es für Eltern ohnehin schwer ist, die kleine positiven Momente wahrzunehmen, da sie sich in einem dauerhaften Anspannungszustand befinden.

Aus den Schreibabys wurden dann irgendwann die Regulationsstörungen im frühen Kindesalter, wahlweise unterteilt in Anpassungsstörungen, Schlafstörungen oder Fütterstörungen. Schließlich braucht es auch einen ICD-kompatiblen Namen, um das Problem in die „ Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) einzuordnen.

Aber ganz konkret lässt sich oft eben nicht abgrenzen, was genau eine frühkindliche Schlafstörung oder einfach ein normales Schlafverhalten ist, das sich aber nicht mit den Erwartungen der Erwachsenen deckt. Denn auch diese lassen sich nicht einordnen und sind sogar kulturell sehr unterschiedlich. So erwarten Eltern aus westlichen Ländern schon sehr früh von einem vier bis sechs Monate alten Säugling das Durchschlafen. Eltern aus Ländern wie Costa Rica, Kamerun oder Indien wiederum erwarten kein Durchschlafen, bevor das Kind dreieinhalb  Jahre alt ist.

Eltern stark verunsichert

Und was genau ist überhaupt Durchschlafen? In der Babyschlafforschung ist damit oft eher ein durchgehendes Schlafen von fünf bis sechs Stunden in der Zeit nach Mitternacht gemeint. Immerhin sagen die Leitlinien zu psychischen Störungen im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter,  dass Schlafstörungen nicht vor dem Alter von zwölf Monaten überhaupt diagnostiziert werden sollten. Bei Kindern im ersten Lebensjahr sollten diese als Beeinträchtigungen der Schlaf-Wachregulation erfasst werden. Klingt zumindest schon mal etwas weniger gestört.

Auch beim Thema Essen lassen sich doch so einige „Störungen“ beobachten. Natürlich gibt es ganz klar nicht gedeihende Kinder, was sich anhand von einer unzureichenden Gewichtszunahme und einem Rückstand in der Entwicklung konkretisieren lässt. Oder Kinder haben ein konkretes körperliches Problem, das die Nahrungsaufnahme erschwert. Auch psychische Beeinträchtigungen oder eine schwierige Interaktion zwischen Eltern und Kind können das Thema Essen schwer belasten.

In manchen Fällen sind aber die so genannten Fütterstörungen eher ein Essverhalten, das nicht den Erwartungen der Erwachsenen entspricht. Das kann ein zögerliches Interesse bei der Beikost oder auch eine sehr hohe Stillfrequenz sein. Oft stört das nicht mal konkret die Eltern dieses Kindes selbst, aber sie sind stark verunsichert, weil ihnen jemand sagt oder sie irgendwo lesen, dass das Kind sich zu diesem Zeitpunkt so oder so verhalten sollte.

Das Kind ist nicht gestört

Und ja, man muss leider sagen, dass es dann bisweilen bei der Vergabe der Diagnose „Fütter- oder Schlafstörung“ sehr subjektiv zugeht. Wenn die Klassifizierung dazu führt, dass die Eltern dadurch eine schnelle und angemessene Unterstützung bezüglich ihrer Sorgen bekommen, ist das sicherlich vertretbar. Aber auch in diesem Kontext ist es wichtig, den Eltern zu sagen, dass ihr Kind nicht „gestört“ ist. 

Selbst bei Kindern, die vielleicht aufgrund einer am Lebensanfang medizinisch notwendigen Sondenernährung später das Essen vom Löffel oder festere Kost verweigern, ist weniger von einer Störung als von einer Reaktion auf das bisher Erlebte auszugehen. Gerade zu früh geborene oder kranke Kinder erleben durch die notwendige medizinische Behandlung eine Vielzahl von Maßnahmen, die unangenehm sind oder auch bedrohlich auf das Kind wirken. Dies kann genau wie bei Erwachsenen traumatisierend wirkend.

So kann das Berühren des Mundes mit dem Löffel auch Monate später alte unangenehme Gefühle reaktivieren. Als angemessene Reaktion darauf, „erstarrt“ das Baby, was unter anderem die Schluckfunktion hemmen kann. Das Baby kann also in diesem Moment nicht essen. Es gilt nicht: „das Kind will einfach nicht“. Gerade in solchen Kontexten ist eine ganz feinfühlige therapeutische Begleitung wichtig, die dem Kind dabei hilft, positive Erfahrungen zu machen, um wieder Freude statt Angst am Essen zu erfahren. Noch weitgehend unerforscht in diesem Kontext sind unangenehme Erfahrungen am Lebensanfang beim Stillen oder beim Flasche füttern. Diese ganz frühen Erfahrungen werden bisweilen noch viel zu wenig berücksichtig, wenn in der frühen Kindheit Störungen bei der Nahrungsaufnahme auftreten.

Vorsicht mit Diagnosen und Zuschreibungen

Aber auch Kinder, die keinerlei negative oder traumatische Erfahrungen gemacht haben, bekommen schnell den Stempel „Fütterstörung“ aufgedrückt, wenn die Dinge nicht so „nach Plan“ laufen. Dabei sollte doch erst mal wirklich geschaut werden, wer sich wodurch gestört fühlt. Vor allem dann, wenn ein Kind mit seinem jeweiligen Verhalten gesund, munter und glücklich ist und sich dementsprechend gut entwickelt. Und zwar unabhängig davon, ob andere gerade denken: „Aber so langsam müsste es doch so oder so sein…“ – egal ob beim Essen oder Schlafen.

Bei uns hätten wohl drei unserer vier Kinder diese Diagnose bekommen, wenn man zum Beispiel nur das Ess- bzw. Stillverhalten mit den noch immer weit verbreiteten klassischen Beikostplänen abgleicht. Und ja, es lag sicherlich an meinem Beruf und meinem Umfeld, dass mich das alles nicht allzu nervös gemacht hat. Und dennoch fühle ich den Stress, den viele Eltern mit in die Beratung bringen. Ganz deutlich.

Es gilt also wie immer, sorgsam mit Diagnosen und Zuschreibungen umzugehen. Babys sind so ebenso vielfältig und individuell wie wir großen Menschen. Und Entwicklungsfenster sind oft größer, als wir denken. Auch wenn es tatsächlich eine Störung gibt, gilt es ebenso sorgfältig auf mögliche Ursachen zu schauen. Wenn aus „Das Kind will aber nicht essen“ ein „Das Kind kann gerade nicht essen“ wird, beeinflusst das sicherlich maßgeblich den Umgang von Eltern und den Therapeuten mit der Situation.

2 Kommentare

Kathrin Bornholt 1. Juli 2022 - 19:51

Hallo liebe Anja,
danke, dass du dich diesem Thema angenommen hast. Ich finde es immer wieder traurig, wie schnell diagnostiziert wird und die Kinder schon von früh an in Schemata passen müssen…und das in einer Zeit, in der wir Erwachsenen uns von allen Schemata befreien wollen. Die Übertragung auf unsere Kinder hat da irgendwie noch nicht stattgefunden. Meine Kinder sind auf jeden Fall gut so, wie sie sind.

Antworten
Valentina von Stramplermacher 18. Mai 2022 - 11:13

Das sehe ich vollkommen genau so! Unsere Babys und auch Kinder bekommen viel zu oft irgendeine Störung diagnostiziert! Und gerade diese Erwartungshaltungen der Gesellschaft verhindern oft, dass frischgebackene Eltern sich voll und ganz auf ihr Baby einlassen können. Dadurch können wir oft gar nicht annehmen was ist und einfach nur Sein. Wir sollten als Gesellschaft diese ständigen Diskussionen, stillen – nicht stillen, durchschlafen – nicht durchschlafen, Familienbett – kein Familienbett, tragen – nicht tragen und so unendlich weiter, einfach lassen! Ständig fühlt sich irgendjemand schlecht. Dabei ist vielleicht der Druck und der Frust des Stillens so groß gewesen, dass die Mutter diesem nicht standhalten konnte oder der Vater vielleicht Schichtarbeiter, dass ein Familienbett bis zur Schulzeit nicht gepasst hat etc. all diese Familien fühlen sich dann irgendwie immer schlecht. Meine Töchter wurden gestillt, getragen und haben ziemlich schnell durch geschlafen, aber all das ist nicht so wichtig wie: “Sie werden geliebt, verwöhnt und angenommen so wie sie sind!” Das ist es auf was es ankommt.
Wirklich ein toller Beitrag zum Nachdenken!

Antworten

Kommentieren