Stundenlohn, Hebamme, Lohndumping, Verdienst

Das hat eine Hebamme nicht verdient

von Anja

Die aktuell so oft bei Instagram und Co. erwähnten 38,46 Euro für einen Wochenbettbesuch bilden natürlich nicht den exakten Brutto-Stundenlohn einer Hebamme ab. Aber der Wert skizziert eindrücklich einen Aspekt des Hebammenmangelproblems. Denn eine Stunde ist die durchschnittliche Zeit, die es gerade im Frühwochenbett für einen Hausbesuch braucht. Die Fahrtzeit und die nachträgliche Dokumentation sind nicht unbedingt inkludiert. Davon werden Krankenkassen- und Rentenbeiträge sowie Steuern abgezogen. Aber auch vieles mehr, wie man gerade am Jahresanfang spürt, wenn Rechnungen eintrudeln.

Der Abrechnungsdienstleister möchte knappe 200 Euro haben. Der Berufsverband 295 Euro jährlichen Mitgliedsbeitrag. Das Fachzeitschriften-Abo hat 100 Euro und die Anschaffung des neuen Doptones auch 623 Euro gekostet. Für das Paket mit den neuen FFP2-Masken hab ich der Apotheke gerade knapp 50 Euro überwiesen. Die Haftpflichtversicherung kostet auch ohne Geburtshilfe 500 Euro und der QM-Dienstleister wird ebenso wie der Steuerberater seine Rechnung noch schicken. In die Berufsgenossenschaft müssen Hebammen auch verpflichtend einzahlen. Fortbildungen sind wichtig und wertvoll, aber auch eine teure Pflicht. Und so geht das weiter, das ganze Jahr über. Als Freiberufler hat man natürlich kein automatisches Krankengeld und auch keinen bezahlten Urlaub. Dafür unter Umständen Mietkosten für eine eigene Praxis oder Kursräume.

Hinzu kommt jede Menge unbezahlte Arbeitszeit: Anfragen beantworten, Qualitätsmanagement, Dokumentation, Absprachen mit der Vertretungskollegin, Rechnungen schreiben, Krankenkassen hinterher telefonieren, Fortbildungen, Apothekengänge, Materialbeschaffung…

Es bleibt erschreckend wenig übrig

Das Material selbst fängt bei der Bestückung der Hebammentasche an. Es geht über das Kursmaterial, Praxisbedarf, Hygieneprodukte, die Büroausstattung bis hin zu den ewigen Portokosten weiter. Auch im Jahr 2021 müssen nämlich immer noch die Versichertenbögen offline per Post an die Krankenkassen geschickt werden. Und das, obwohl wir eigentlich digital abrechnen. Die von den Kassen gezahlten Fahrtkosten begleichen natürlich auch nicht alle anfallenden Kosten für Auto, Fahrrad oder Bahnticket.

In der aktuellen Situation kommen nicht unerhebliche Kosten für Schutzkleidung dazu. Die Krankenkasse bezahlt dafür einen Pandemie-Zuschlag von 62 Cent, bei Leistungen in der Schwangerschaft absurderweise nur 49 Cent. Davon kann man natürlich keine FFP2-Maske finanzieren, womit trotz Zuschlag aktuell noch weniger pro Hausbesuch übrig bleibt.

All das und mehr ist an „versteckten“ Kosten in den 38,46 Euro „Stundenlohn“ inkludiert. Ja, es bleibt erschreckend wenig dabei übrig. All diese Kosten fallen auch an, wenn Hebammen nur in Teilzeit freiberuflich tätig sind, weil man noch angestellt ist oder aus anderen Gründen nicht 100 Prozent arbeitet. Und so überlege ich wie viele andere Kolleginnen auch jedes Jahr wieder, ob man es nicht einfach ganz lässt. Und ja, die schlechte Bezahlung ist ein Grund, warum es immer schwerer wird, eine Hebamme zu finden.

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4 Kommentare

Bianca 13. Januar 2021 - 21:45

Das klingt in der Tat niederschmetternd. Ich bin so glücklich, meine zweite Geburt mit einer Beleghebamme erlebt haben zu dürfen..das ist einfach unbezahlbar!
Wie kann man denn helfen? Wie kann man sich für diesen Beruf vor allem in der Freiberuflichkeit stark machen, unterstützen?

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Anna 11. Januar 2021 - 00:58

Ich möchte weinen wenn ich das lese. Auch wenn es mir schon vorher bewusst war. Wie wäre das wohl, wenn Männer schwanger würden und Hebammen wären…?!

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Annika Terworth 11. Januar 2021 - 23:47

Ein sehr guter Artikel! Ich hoffe, er findet zahlreiche Leser! Ich kenne auch eine Hebamme recht gut. Habe das mit ihr auch öfter besprochen!! Es ist so ein niederschmetterndes Armutszeugnis! Steht auf, liebe Damen und verschafft euch endlich Gehör gegen all die Männermacht.

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Anja 8. Januar 2021 - 14:04

Du hast es auf den Punkt gebracht

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