Die Brust ist kein Auto

von Anja

Der Berliner Radiosender Radio Eins hat sonntags eine Sendung im Programm, bei der es um alles zum Thema Auto geht. Unter anderem können dort Hörer anrufen und den Autopapst fragen, was an ihrem Auto wohl defekt ist, wenn es diese oder jene Symptome aufweist.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie präzise und souverän Andreas „Autopapst“ Keßler das Problem lokalisiert und eine Lösung präsentiert. Ob die letztlich dann auch funktioniert, erfährt man in der Regel nicht. Aber irgendwie hört es sich zumindest meistens danach an.

Ich glaube, ähnliche Erwartungen haben Mütter manchmal an Hebammen oder Stillberaterinnen. Jedenfalls kommt mir der Autopapst jedes Mal in den Sinn, wenn die schnellen Fragen kommen. Ob ich ihnen nicht schnell am Telefon oder via E-Mail einen Tipp gegeben könne? Welches Stillproblem bei ihnen denn momentan vorliege und was schnell dagegen zu tun sei.

Gerade wenn ich aus Zeitgründen keinen Hausbesuch anbieten kann, wäre ich gerne machmal so eine Art Stillpäpstin. Eine Hebamme, die immer eine schnelle Lösung aus dem Hut zaubert. Aber ganz so einfach ist das in der Stillberatung nicht. Und übrigens auch in vielen anderen Hebammenfragen rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett leider nicht.

Menschliche Zuwendung ist wichtig

Denn die Brust ist kein Auto, das mechanisch ein bisschen rumzickt. Es hängen immer eine Mutter mit all ihren bisherigen Erfahrungen und ein Kind mit daran. Ein Symptom muss nicht für alle Frauen die gleiche „Therapie“ bedeuten. Deshalb braucht es in der Regel eine Anamnese, ein Beobachten oder zusätzlich eine Untersuchung. Und dazu das persönliche Gespräch, um eine Lösung zu finden.

Und die wird im Regelfall sehr individuell aussehen. Ein kurzes Telefonat oder eine E-Mail können sicherlich ein Anstoß in Richtung Lösungsfindung sein. Sie werden aber in den meisten Fällen nicht eine richtige Beratung ersetzen. Und auch die nicht zu unterschätzende menschliche Zuwendung ist ein wichtiger Aspekt. Genau diese trägt dazu bei, eine schwierige Situation positiv zu verändern.

Auch wenn es in unser schnelllebigen Zeit so gut passen würde, mal eben wie der Autopapst drei Leuten in fünfzehn Minuten weiterhelfen zu können – es geht als Hebamme bei Müttern mit Stillproblemen einfach nicht. Denn in den seltensten Fällen kann ich sagen: „Das ist dies, du machst jetzt jenes und in kürzester Zeit ist alles wieder gut.“ Das ist auch ein Grund, warum ich die pauschale Vergütung eines Wochenbettbesuches ohne Zeitangabe schwierig finde. Denn in der für mich wirtschaftlich angemessenen Zeit kann ich mich eigentlich nur um die Brust kümmern. Und eben nicht mehr um die Mutter und das Kind dazu. Aber die Brust ist nun mal kein Auto, genauso wenig übrigens wie der Bauch oder der Kopf einer Wöchnerin.

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1 Kommentar

Paula 8. März 2016 - 19:11

Liebe Anja

Ich kann das Gefühl, dass du beschreibst sehr gut nachvollziehen, da ich selbst in der Gesundheitsbranche arbeite.
Auf der einen Seite möchten viele Menschen sich nicht mit ihren körperlichen Problemen auseinandersetzen und auf der anderen Seite wird die Arbeit von Hebammen, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten nicht richtig bezahlt von den Krankenkassen.

Danke, dass du das Problem in diesem Rahmen immer wieder deutlich machst!

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