Dürfen Eltern nicht krank werden?

von Anja

In der letzten Zeit las ich häufiger Artikel darüber, dass es als Mutter eigentlich nicht machbar ist, selbst krank zu werden. Und ich las davon, wie sich krank durch den Alltag geschleppt wurde, obwohl alles danach schrie, sich einfach nur ins Bett legen zu wollen. Und ja, es ist organisatorisch oft viel komplizierter, wenn ein Elternteil wegen Krankheit ausfällt, als wenn die Kinder selbst krank sind. Wenn man nicht alleinerziehend ist, heißt ein krankes Elternteil, dass der andere (hoffentlich noch gesunde) Partner sich kümmert.

Und es heißt sehr wahrscheinlich auch, dass der Partner dann an diesen Tagen nicht arbeiten gehen kann. Oder dass man seine hoffentlich vorhandenen Netzwerke abtelefoniert und fragt, wer einem unter die Arme greifen kann. Aber das mit dem Fragen… das ist wohl das größte Problem. Vielen von uns fällt es schwer, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Dabei ist es in der Regel kein Problem, wenn befreundete Eltern das eigene Kind mit zur Kita nehmen oder es am Nachmittag ein paar Stunden zum Spielen betreuen. Ein paar Stunden, in denen man sich seinem Kranksein „hingeben“ und einfach ausruhen kann. Denn das ist es ja, wonach der Körper meist schreit, wenn man sich gesundheitlich schlecht fühlt.

Aber statt zu fragen, wirft man sich aber lieber schnell eine Pille ein, um „funktionsfähig“ zu sein. Meist wird das Problem damit nicht behoben, sondern wird verschleppt. Denn genau wie ein Kind bei Krankheit Erholungszeit zu Hause und keinen Kitabesuch mit Fieberzäpfchen braucht, so ist es auch für kranke Eltern am besten, sich auszuruhen, während das Immunsystem arbeitet. Denn meist lässt sich der Körper nicht austricksen. Was an der einen Stelle unterdrückt wird, kommt später gerne mit voller Wucht zurück. So schleppt man sich zum Teil wochenlang „ein bisschen krank“ durch den Tag, statt ein paar Tage komplett auszufallen, um in Ruhe gesund zu werden.

Nicht trauen können, krank zu werden oder gar krank zu sein

Ja, ich weiß, es werden jetzt viele genau an dieser Stelle einwerfen, dass es trotzdem organisatorisch einfach nicht möglich ist, sich auszukurieren als Eltern von kleinen Kindern. Und auch wir selbst sagen nicht selten denn Satz, dass wir es uns eigentlich nicht trauen können, krank zu werden oder gar krank zu sein.

Doch berufsbedingt habe ich einfach schon sehr oft die Situation erlebt, dass Mütter (und manchmal auch Väter) so krank wurden, dass es einfach nicht mehr möglich war, gleichzeitig noch ein Baby oder Kleinkind zu versorgen. Sei es durch plötzliche Erkrankungen, Unfälle oder auch schwere psychische Krisen. Und wenn scheinbar nichts mehr geht, geht es dann aber plötzlich, andere um Hilfe zu bitten oder kurzfristige Lösungen wie zum Beispiel die Unterstützung durch einen Mütterpflegedienst zu finden. Und genau das ginge auch schon etwas früher.

Als Elternteil fühlt man sich oft unersetzlich und ist es ja irgendwie auch. Aber gerade deshalb muss man auf lange Sicht auch gut auf sich und seinen Körper achten. Und dazu gehört es auch, deutlich wahrzunehmen, wenn es einem gerade selbst schlecht geht und man dringend Zeit braucht, um etwas auszukurieren. Und nein, ich bekomme das selbst natürlich auch nicht immer hin, genauso wenig wie Christian.

Als ich mir vor einigen Jahren – damals noch als Mutter von zwei kleinen Kindern – das Bein brach, meinte ich auch eine ganze Weile, dass wir das alles ohne weitere Unterstützung hinkriegen müssen. Wie dankbar war ich dann letztlich aber für unsere über die Krankenkasse organisierte Haushaltshilfe, die durch ihre Anwesenheit einfach dafür sorgte, dass das Bein wesentlich schneller heilte als es mit einem weiteren „Alleingang“ der Fall gewesen wäre.

Ich frage mich bis heute: Wem wollte ich da eigentlich etwas beweisen? Dass wir als Eltern nicht beim ersten Schnupfen hilflos umfallen, ist klar. Aber wenn es einem gerade so richtig oll geht, heißt es auch und gerade als Eltern: krank ist krank.

Passend zum Thema

7 Kommentare

Dominik 23. März 2017 - 11:57

Sehr schöner Artikel und ein guter Augenöffner. Eigentlich weiß man das ja alles selbst, aber beim Lesen wird dran erinnert, es auch wirklich so machen. Vor allem meiner Frau werd ich ihn zum Lesen empfehlen, denn die ist die „Heldin“, die ohne Rücksicht auf sich selbst fürs Baby da ist. Zum Glück waren wir noch nie gleichzeitig so richtig krank, so dass wir externe Hilfe brauchten. Aber nach gerade mal 9 Monaten Elternsein hat man das Meiste ja eh noch nicht mitgemacht 😉 Jedenfalls würde das ein echtes Problem, da die Schwiegergroßeltern noch berufstätig sind (und zwei Autostunden entfernt wohnen) und meine Eltern zwar im Ruhestand aber 700 km entfernt sind. Alle Freunde sind sleber berufstätig oder selber voll mitg einem Winzling beschäftigt, so dass wir original auf niemanden zurückgreifen könnten. Ich wollte mich eigentlich schon immer mal schlau machen, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen, dass man eine Haushaltshilfe von der Krankenkasse gestellt bekommt. Kennt sich hier jemand mit dem Thema schon aus?

Antworten
Dominik 23. März 2017 - 12:08

PS: Die ganzen Tippfehler und vergessenen Wörter in meinem Kommentar sind natürlich volle Absicht. Es ist ein Plädoyer dafür, das Geschriebene immer nochmal durchzulesen vor dem Abschicken … nämlich. Ähem.

Antworten
Doro 22. März 2017 - 15:34

Liebe Anja, bei mir ist es eher andersrum. Wenn das Kind krank ist, ist es für mich viel schwieriger.
Ich weiß nicht, warum das so ist, aber wenn mein jetzt bald zweijähriges Mädchen krank wird, dann muss ich mich jedes Mal meinem Arbeitgeber gegenüber rechtfertigen. „Warum denn mein Mann nicht zu Hause bleibt?“ „Der ist die nächsten drei Tage leider beruflich unterwegs. Und ja, der hat auch schon nach der Tochter geschaut, als sie krank war. Das habt ihr nur nicht mitbekommen.“ „Warum denn die Oma nicht nach meiner Tochter schaut? Ob ich denn nicht doch einen Tag früher wieder arbeiten kann?“ „NEIN, kann ich nicht.“
Als ich im Winter selbst krank war, hat das keiner in Frage gestellt. Dazu bekam ich noch mein volles Gehalt ohne bürokratische Hürden.
Mein Mann konnte Homeoffice machen und hat unsere Tochter sogar zu einem geschäftlichen Meeting ins Büro mitgenommen. Dabei musste ich nicht mal ein schlechtes Gewissen meinem Mann oder meiner Tochter gegenüber haben.
Mein Mann hat mir auf mein Krankenlager ein zuckersüßes Bild geschickt: Großer kräftiger Werberkollege meines Mannes sitzt mit kleinem Mädchen und einem riesigen Bogen Papier auf dem Boden und zeichnet. Für meine Tochter war das ganze ein Abenteuer. Mein Mann hat das cool gemanagt und ich war sehr schnell wieder fit.

Eine Freundin, die leider zu weit weg wohnt, als dass ich sie mal kurz besuchen und entlasten könnte, hat da ganz andere Probleme. Der Mann kann nicht einfach Homeoffice machen, das kleine Kind ist zu Hause und geht nicht in die Kita und die Oma weigert sich, nach den Kinder zu schauen oder sonstwie zu helfen. Entsprechend schleppt sie sich eben gerade auch von einer heftigen Infektion zur nächsten. Das tut mir immer so unsäglich leid und lässt mich fassungslos zurück.

Antworten
Hanna 22. März 2017 - 13:53

… ich bin dreifache Mutter und habe letztes Jahr eine Lungenentzündung plus Blutvergiftung bekommen. Ich lag zehn Tage im Krankenhaus und war anschließend drei Wochen nicht oder nur sehr reduziert in der Lage, meine Kinder zu betreuen. Und es hat geklappt! Wir als Familie mussten improvisieren, aber es fand sich eine Lösung. Die Oma ist angereist, die Kinder mussten länger in die Kita gehen, mein Mann hat mit seinem Arbeitgeber gesprochen. Es war sicher nicht für alle bequem, aber mein Ausfall konnte kompensiert werden.

Ich bin ebenfalls der Meinung, dass Eltern krank sein dürfen und auch sollen! Wenn sich eine Mutter mit Fieber oder starkem Unwohlsein durch den Kinderalltag schleppt, dann muss das familiäre Netzwerk grundsätzlich gestärkt und ausgebaut werden. Elternsein darf ja nicht Masochismus & Selbstaufopferung bedeuten.

Antworten
Juliane 22. März 2017 - 13:16

Bis jetzt bin ich stiller Mitleser gewesen und möchte mich doch jetzt auch mal für die schön geschriebenen und informativen Artikel bedanken.

Zum Thema: Solche Selbstbilder „Als Mama/Papa hat man immer zu funktionieren, alles perfekt zu sein. Alles ist immer harmonisch usw.“ Werden meiner Meinung nicht unwesentlich durch die Werbung geprägt….ich denke an solche heile Welt Werbung von Kinder Pingui oder Fruchtzwergen.

Zum Krankwerden gabs jetzt erst eine Werbung „Mütter melden sich nicht krank, Mütter nehmen Wick Day Med“ Im Radio lief Werbung für Grippostad C „Meine Freunde und Kollegen verlassen sich doch auf mich“
Man kann versuchen das zu reflektieren und für sich als Verkaufsmasche einzuordnen. Trotzdem ist Krankheit=Schwäche=unprofitabel in unserer Gesellschaft nicht aktzeptiert. Die gesamte Gesellschaft dahingehend zu entschleunigen, dass auch mal ein Ausfall akzeptiert wird, ist im heutigen Zeitalter schwierig.

Liebe Grüße
Juliane

Antworten
Ines 22. März 2017 - 10:45

MERCI! ❤
Das durchhalten müssen, um jeden Preis, das scheint sehr stark verankert zu sein in uns. Manchmal denke ich, dass sind die Nachkriegsüberreste, die unsere Großeltern und Eltern unbewusst weitergegeben haben, aber vielleicht ist es auch noch älter…preußische Tugenden und so…
Und wieviel leichter ist es, mit Hilfe und auch damit „etwas liegen zu lassen, bis es besser passt“.
Und damit am Ende nicht nur die Frauen im Freundes-& Nachbarkreis zu unterstützen, denn EINE muss anfangen und sich trauen nachzufragen, ob jmd mal ein Auge aufs Kind (oder die Kinder) haben könnte oder mir beim einkaufen Milch und Brot oder Windeln mitbringen könnte.
Wenn sich EINE nur mal traut und es dann der Kranken, die sich beim nächsten Mal nicht traut, einfach anbietet, dann hat man ganz schnell ein Netzwerk für das die meisten von uns im Großstadtalltag mehr als dankbar sein dürften.
Wunderbarer Nebeneffekt ist übrigens, dass diese Form des netzwerkens ganz automatisch auf die Kinder übergeht und sie ganz nebenher lernen, dass zu Hause nicht ALLES perfekt sein muss, dass Eltern auch mal krank oder müde oder am Ende ihrer Kräfte/Geduld sind und das im besten Fall trotzdem alle umsorgt sind und das man (FRAU) eben NICHT alles alleine schaffen muss.
Gute Besserung für alle kranken Mamas und Papas ☀️

Antworten
Bettina 22. März 2017 - 08:31

Liebe Anja, vielen lieben Dank für den tollen Artikel! Der kommt genau zur richtigen Zeit! Mein Mann liegt mit Bronchitis flach und ich mit einer richtigen Grippe und da wäre noch unser zu Glück gesunder 1 1/2 jähriger …

Wir kämpfen uns durch und haben zum Glück Oma in der Stadt.
liebe Grüße
Bettina

Antworten

Kommentieren