Eltern sind die Experten

von Anja

Wird man mit steigender Kinderzahl zum Experten in Sachen Kinderhaben? Nun, für mich sind Eltern immer die Experten für ihr Kind. Ganz egal, ob sie eins oder fünf haben. Vielleicht kann ich als Gynäkologe mit dem Ultraschall in den Bauch schauen. Oder als Hebamme das Kind von außen tasten. Aber diese Momentaufnahme macht mich nicht mehr zum Experten als die Mutter, die ihr Kind jeden Tag 24 Stunden im Bauch fühlt und erlebt. Die wahrnimmt, wie es sich anfühlt und die intuitiv oft die richtige Entscheidung trifft.

Natürlich ist es nicht so leicht, sich als Expertin für sein eigenes Baby zu fühlen, wenn sehr häufige Untersuchungen in der Schwangerschaft stattfinden. Dann entsteht schnell das Gefühl, dass nur andere sagen können, wie es meinem Kind gerade geht.

Auch bei der Geburt können Frauen schnell in eine Mühle geraten, in der ihnen andere sagen, wo es lang geht. Dabei spürt eine Frau unter der Geburt nicht nur die Wehen, sondern eben auch, was ihr gerade gut tut. Sie ist die Expertin für ihre Geburt. Statt Müttern zu sagen, was sie machen sollen, ist es viel wichtiger zu fragen: „Wie geht es Dir und was brauchst Du gerade?“. Wenn die Selbstbestimmung bei der Geburt gewahrt bleibt, starten Mütter meist auch mit einem guten Selbstvertrauen in ihre neue Rolle. Denn natürlich bleiben sie auch nach der Geburt die Expertinnen für ihr Kind. Und sie werden es mit jedem Tag ein bisschen mehr. Auf Väter trifft das natürlich ebenso zu, wenn sie sich intensiv um ihr Kind kümmern.

Eltern wissen mehr über ihr Kind als jeder externe Experte

Mütter müssen nicht die gesamte Anatomie der Brust und die Physiologie der Laktation runterbeten können, um ihr Kind gut stillen zu können. Beim eigenen Kind zu sein und dessen Zeichen lesen zu lernen ist viel entscheidender. Die Bindung bauen Mutter und Kind zueinander auf – nicht die Hebamme oder die Stillberaterin. Und dies ist die Grundlage für das Leben mit unseren Kindern. Eltern sind deshalb die Bindungsexperten für ihr Kind. Niemand kennt diesen kleinen Menschen besser. Alle Ratgeber oder externen Experten können sicherlich hier und da Empfehlungen darüber abgeben, was sich oft in der einen oder anderen Situation bewährt. Ob etwas letztlich für diese Familie auch passt, ist nicht vorhersehbar.

Gerade in Bezug auf Kinder gibt es ohnehin keine Patentrezepte. Und zum Glück geht es auch heute meist nicht mehr darum, dass Eltern erzählt wird, was sie dann und dann zu machen haben. In der Beratung zum Beispiel rund um das viele Eltern verunsichernde Thema Beikost geht es viel mehr darum, Eltern dafür zu sensibilisieren, wie sie sich entsprechend der Zeichen ihres Kindes auf sein ganz individuelles Entwicklungstempo einlassen können. Als Eltern leben wir jeden Tag ganz intensiv mit unseren Kindern zusammen und somit wissen wir viel mehr über sie, als der Kinderarzt bei einer Untersuchung oder die Hebamme bei einem Hausbesuch wahrnehmen kann. Ohne diese wichtigen Informationen, die nur die Eltern selbst geben können, wäre in den meisten Fällen weder eine gute Beratung noch bei Bedarf eine Diagnosestellung möglich.

Eltern wissen mehr über ihr Kind als jeder externe Experte. Sie spüren vieles, was ein Außenstehender gar nicht wahrnimmt. Und auch das Baby vertraut voll und ganz darauf, dass seine Eltern die Experten für sein Glück und Wohlbefinden sind, indem es eine enge Bindung zu ihnen aufbaut. Wenn Eltern also sagen „Ich weiß am besten, was gut für mein Kind ist“, dann stimmt das in der Regel auch. Deshalb sollten sämtliche Empfehlungen immer „nur“ als Angebot gemacht werden. Sie sollten nicht mit der Idee verknüpft sein, dass andere besser wissen, was gut für das Kind wäre. Denn egal wie hochqualifiziert ein Experte auf seinem Feld auch sein mag – das Expertentum bleibt letztlich auf einer theoretischen Ebene. In der Praxis sind und bleiben die Eltern die Experten für ihr Kind.

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2 Kommentare

Anne 29. September 2016 - 13:11

toller artikel!
ich erlebe das auch immer wieder in der praxis als sprachtherapeuten, wenn eltern von ihren arztmarathonen erzählen und immer auf „abwarten“ plädiert wurde – und die eltern es aber im gefühl hatten. da hilft das bestärken und validieren der elterlichen sorge im sinne von „sie sind der/die expertIn für ihr kind“.

und als mama hatte ich genau das gleiche phänomen mit den sich nicht auswachsenden sichelfüßen des babysohnes. und die kinderphysiotherapeuten gebrauchte gestern das schöne wort der „kompetenten eltern“, die sich auch zutrauen sollen für ihre kinder einzustehen und zu klären, weil sie ihr kind einfach am besten kennen!

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Yana 28. September 2016 - 12:13

Hallo Anja,
ich finde deinen Artikel sehr gut geschrieben. Seit einiger Zeit bin ich nun selbst Mama und kann nun nachempfinden, was Eltern immer gemeint haben, wenn sie sagten:“Ich bin doch aber die Mutter und ich weiß am besten, was meinem Kind gut tut…“
Nun muss ich dazu sagen, dass ich selbst Sozialarbeiterin bin und einige Jahre auf dem Jufendamt gearbeitet habe. Leider habe ich oft genug erfahren müssen, dass nicht alle Eltern die Experten für ihre Kinder sind bzw sein können. Die Gründe dafür sind so unterschiedlich, wie die Familien selbst. Psychische Erkrankungen, hohe Belastungen, eigene unverarbeitete Erfahrungen, die Scham davor Hilfe zu benötigen, um nur ein paar wenige Gründe aufzuzählen, können dazu führen fundamentale Bedürfnisse der Kinder nicht zu erkennen, zu erfüllen oder sogar gezielt zu missbrauchen.
Daher würde ich deinen Beitrag gerne ergänzen, dass Eltern die Experten für ihre Familie sind, solange die Rechte der Kinder gelebt werden.

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