Eltern unter Bindungsdruck

von Anja

Die Qualität der Eltern-Kind-Bindung ist sehr wichtig für ein Baby – das wissen mittlerweile die meisten Eltern. Nicht selten liegt neben Babyratgebern auch Fachliteratur zum Thema Bindung auf dem Nachttisch, wenn ich als Hebamme zum Hausbesuch komme. Auch Kliniken versuchen, eine bindungsfördernde Umgebung für die Geburt und die ersten Wochenbetttage zu gestalten. Das heißt zum Beispiel, dass Mutter und Kind nach der Geburt möglichst nicht getrennt werden. Sie sollen zu viel Hautkontakt animiert werden und das Stillen wird unterstützt.

Eine positive Entwicklung, wenn man bedenkt, dass vor noch gar nicht allzu langer Zeit ein Neugeborenes im Kinderzimmer auf der Wochenbettstation übernachtete. Es wurde zum Stillen (und dann meist schon unter großem Stress) zu seiner Mutter gebracht. Oder man denke an das obligatorische Babybad im Kreißsaal nach der Geburt. Der Mutter wurde dann ein nach Schaumbad duftendes, komplett angezogenes Bündel in den Arm gedrückt.

Gut also, dass sich unser Bewusstsein für die Bedürfnisse von Eltern und Kindern nach der Geburt verändert hat. Was mir in meinem Arbeitsleben allerdings auch immer häufiger begegnet, sind Mütter, die unter massivem „Bindungsdruck“ stehen. Es sind Mütter, die ihre Bindung und ihre Gefühle zum Kind sehr selbstkritisch hinterfragen. Sie machen das gerade dann, wenn der Start vielleicht nicht ganz optimal war.

Das kann ein unerwarteter Kaiserschnitt in Vollnarkose gewesen sein. Oder vielleicht auch „nur“ die Tatsache, dass sich die Mutter bei der Versorgung der Geburtsverletzung verständlicherweise so unwohl gefühlt hat, dass sie sich gar nicht auf ihr Baby konzentrieren konnte. Auch Schmerzen beim Stillen werden schnell mit diesem Thema verknüpft. Natürlich kann eine Mutter kaum ihrem Kind verzückt beim Stillen in die Augen schauen, wenn sich die Brustwarzen wund und extrem schmerzhaft anfühlen.

Nicht von äußeren Faktoren verrückt machen lassen

Ist deshalb die Bindung zum Kind gleich in großer Gefahr? Natürlich nicht, denn der Bindungsaufbau ist kein Prozess, für den es nur ein ganz bestimmtes Zeitfenster gibt. Und: Die Bindung beginnt schon lange vor der Geburt, auch hier ganz unterschiedlich ausgeprägt. Einige Frauen fühlen sich schon ganz früh eng mit ihrem Kind im Bauch verbunden. Andere brauchen mehr Zeit dafür und vor allem deutliche Zeichen wie Kindsbewegungen oder eben auch den Anstoß, das eigene Baby auf einem Ultraschallbild zu sehen.

Auch nach der Geburt ist es nicht immer sofort „Liebe auf den ersten Blick“. Manchmal braucht es einfach ein bisschen Zeit für Mutter und Kind, sich aneinander zu gewöhnen. Gerade, wenn die Umstände schwierig sind, vielleicht weil ein Kind viel zu früh auf die Welt gekommen ist. Oder deshalb, weil die Mutter noch so sehr von ihrem Geburtserlebnis überwältigt ist. Es gibt viele Gründe, weshalb sich die Mutter-Kind-Bindung – aber auch die zwischen dem Vater und seinem Kind – langsamer oder schneller entwickelt.

Eine Grundlage ist fast immer vorhanden – selbst bei Frauen, die aufgrund einer schweren Wochenbettdepression momentan gerade nicht einmal mit sich selbst gut verbunden sind. Ich vergleiche die Bindung zu unseren Kindern gerne mit einem sehr strapazierfähigen Gummiband. Manchmal sind wir ganz eng und dicht miteinander verbunden und manchmal ist dieses Band lang ausgezogen und belasteter. Aber dieses Band hält, wenn die Grundlagen stimmen. Auch jenseits der Babyzeit fühlen wir uns unseren Kindern immer wieder mal mehr und mal weniger eng verbunden. Aber die generelle Verbindung ist und bleibt da.

Garant für ideale Bindung?

Gerade ganz am Anfang sollten Eltern genug Zeit haben, um ihr Kind kennenzulernen und die Bindung in ihrem eigenen Tempo zu vertiefen. Natürlich gibt es Faktoren, die das begünstigen und die deshalb unbedingt unterstützt werden sollten. Aber auch die Eltern von Frühchen, die ihr Kind vielleicht nur wochenlang mit den Fingerspitzen streicheln durften, können eine genauso gute Bindung zu ihm aufbauen, wie es nach einer ungestörten, selbstbestimmten und komplikationslosen Geburt möglich ist. Die Stillprobleme, das übermäßige Weinen des Kindes oder dessen möglicherweise abgewandte Körperhaltung prognostizieren in der Regel keine Bindungsstörung.

Genauso wenig sind jahrelanges Stillen, das ausgiebig zelebrierte Familienbett und der komplette Verzicht auf den Kinderwagen ein Garant für die „ideale Bindung“. Für eine gute Ausgangsvoraussetzung indes sorgen die eigene Zufriedenheit und Selbstliebe – auch als Eltern. Darum sollten sich Eltern von äußeren Faktoren ebensowenig verrückt machen lassen wie von der Bindungsfachliteratur auf dem Nachttisch. Auf das eigene Gefühl und vor allem auf das Kind in seinen Armen zu hören, ist in vielen Fällen ohnehin der wesentlich bessere Ratgeber für viele Situationen im Familienalltag.

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6 Kommentare

Kathrin 12. November 2020 - 18:42

„Genauso wenig sind jahrelanges Stillen, das ausgiebig zelebrierte Familienbett und der komplette Verzicht auf den Kinderwagen ein Garant für die „ideale Bindung“.“ — Leider wahr, die Erfahrung musste ich auch erst machen. Danke für das Teilen deiner Erfahrung!

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Anonym 18. Juni 2017 - 23:20

Danke!! Der letzte Absatz, das bin ich! – Das ist mir gerade klar geworden und ihr habt mir damit sehr geholfen. Obwohl ich alles „Ordnungsgemäß“ à la „Artgerecht“ & Co mache habe ich das Gefühl nicht so richtig eine Bindung zu meinem Sohn (3 Monate) aufzubauen. Dabei müsste doch alles toll sein, weil ich alles so mache, wie ich es mir vorgenommen habe. Nur fühle ich nicht so wie ich es mir vorgenommen habe und das belastet mich sehr.

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Alina 30. März 2017 - 12:25

Oh, was für eine tolle Seite! Trifft ganz haargenau meinen Geschmack 🙂 einen Tag nach diesem Beitrag ist unsere Tochter geboren. Ich bin Erzieherin und weiß dadurch irgendwie „ein bisschen zu viel“ über Kindererziehung. Beziehungsweise vor allem, dass es etliche verschiedene Wege gibt und nicht sicher ist, welcher denn nun „DER richtige“ ist. Erst gegen Ende der Schwangerschaft konnte ich akzeptieren, dass es nicht den Einen korrekten Weg gibt, um ein glückliches und selbstbewusstes Kind „zu machen“. Ich wollte, wie so viele, alles richtig machen von Anfang an. Und bin fast an schlechtem Gewissen gestorben in den ersten Tagen nach der Geburt, als ich völlig überfordert und übermüdet mein Baby 3 Stunden den Krankenhausschwestern überließ, um zu schlafen. Ich dachte wirklich, nun hätte ich es mit der guten Bindung versemmelt. Nun ist das Wochenbett bald vorbei und dank der wachsenden Erfahrung und Seiten wie diesen hier und einer entspannten Nachsorge-Hebamme kann ich das Mama-Sein mehr genießen und intuitiv handeln. Ohne mich zu fragen, ob es ok ist, dass unser Baby nicht um 7 ins Bett geht. Und wir zwar einen Rhythmus haben, durch Tag und Nacht bedingt, aber wir überhaupt nicht nach der Uhr gehen … Danke für viele tolle Artikel auf der Seite, danke vor allem für die Gedanken für eine entspannte, individuelle Elternschaft und keine starren Regeln.

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Jana 15. Februar 2017 - 10:05

Ich danke euch auch für euren Beitrag! Ich bin Heilpädagogin und seit einem halben Jahr Mutter. Ich merke, dass ich auch immer wieder Gefahr laufe, ziemlich hohe Ansprüche an mich zu haben und alles richtig machen zu wollen. Mir fällt das zum Beispiel auf, wenn ich mich mit einer Freundin treffe und mich mit ihr unterhalte- es fällt mir schwer, dem Gespräch wirklich zu folgen, weil da immer ein kleines schlechtes Gewissen ist, dass ich meinem Kind gegenüber nicht präsent bin… Aber ich arbeite daran! Dieser Artikel hat mir wirklich nochmal einen Schubs in Rihctung Entspannung gegeben, danke!

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Evelyn 15. Februar 2017 - 09:10

Endlich spricht hier jemand Tacheles. Die Bindungstheorie war ein wichtiger Meilenstein in dem langen Prozess der Entdeckung der Kindheit. Leider wird sie in den pädagogischen Ratgebern immer mehr radikalisiert. Ich höre immer wieder von enttäuschten Eltern, die die aktuellen bindungsstärkenden ‚Methoden‘ (Tragen, langes Stillen, Familienbett und Windelfrei) angewendet haben und spätestens in der ‚Trotzphase‘ über den mehr oder minder aggressiven Widerstand der Kinder enttäuscht sind.
Aufbau einer sicheren Bindung ist richtig und für die Entwicklung absolut grundlegend. Aber bitte: Langsam und mit Bedacht. Machen wir die Kinder zu Objekten von Bindungsmethoden, erreichen wir genau das Gegenteil (Gerald Hüther ist an dieser Stelle ebenso wegweisend, wie Jesper Juul).
Dieser Artikel bricht für mich ein Tabuthema. Danke!!!!

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EinenormaleMama 14. Februar 2017 - 14:34

Danke für diesen Beitrag! Ich wünschte, meine Hebamme wäre in dieser Hinsicht verständnisvoller gewesen… Es ist nämlich leider gar nicht so leicht, sich nicht unter Druck zu setzen, und wenn dann (oder deswegen?!?) eine Wochenbettdepression dazu kommt, ist es schlimm. Mir ging es trotz vermeintlich guter Unterstützung lange gar nicht gut damit. Die von dir angesprochene Bindung zu sich selbst und das erst dann mögliche Hören auf das eigene Gefühl waren letztendlich der Schlüssel . Ich trauere immer noch dem Wochenbett nach, in dem ich einfach gerne mehr Kontakt zu meinem Baby gehabt und mehr auf mein Gefühl gehört hätte, statt alles „richtig machen zu wollen“ ein Segen, wenn die Hebamme ein Gespür für die Frau hat. Wir hatten einfach keine Ahnung. Es ist einfach das Schlimmste, wenn man aus Angst, seinem Kind zu schaden, gegen das eigene Gefühl handelt, weil man meint es auf eine bestimmte Art machen zu müssen oder es nie anders gelernt hat. Wir haben lange gebraucht unseren Weg zu finden. Selbst heute zweifele ich noch in schlechten Phasen, ob die Bindung zu meinem Kind „ok“ ist, an guten Tagen kann ich es zum Glück gut spüren. 😉
Ich wünsche allen Müttern und Vätern, dass sie auf ihr Gefühl hören dürfen und einfühlsame Menschen um sich haben, die dem Raum geben…

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