Essen ohne Stressen

Essen ohne stressen

von Anja

In dieser Woche ist mein neues Buch „Babyernährung“ rausgekommen. Es ist natürlich nicht das erste Buch auf dem Markt, was sich mit Stillen, Fläschchen füttern und Beikost im ersten Lebensjahr beschäftigt. Doch dieses Thema ist und bleibt für Eltern relevant. All die Fragen dazu, aber auch die Sorgen diesbezüglich, ziehen sich seit Jahren durch meinen Hebammenalltag.

Immer wieder wird das Essthema für Eltern zum Stressthema. Vielleicht, weil das Stillen nicht wie erwartet läuft. Oder weil sich der Beikostbeginn schwierig gestaltet. Selbst wenn man vielleicht rückblickend einige Jahre später sagt, dass das alles doch nicht so schlimm war: Oft ist es das doch. All dieser Stress und all diese Sorge, wenn das Kind nicht stillt, trinkt oder isst wie erwartet. Doch gerade hier fängt das Problem bereits vielfach an: mit den Erwartungen.

Es sind Erwartungen an das Kind, die nicht realistisch sind. Aber auch Erwartungen an die Mutter oder die Eltern, die allzu oft so nicht eintreffen. Stillen ist wunderbar auf vielen Ebenen. Und dennoch sitzen wir Mütter nicht alle sanft lächelnd im Oxytocin-Rausch da und schauen verzückt auf das selig trinkende Baby. Oft bedeutet Stillen auch Schweiß, Tränen und Schlaflosigkeit. Oder auch Schmerzen. Nicht umsonst gehört dieser Faktor zu den häufigsten Abstillgründen.

Immer wieder den Druck rausnehmen

Aber auch unabhängig vom Stillen läuft beim Thema Essen vieles nicht nach Plan – oft auch nicht nach dem Breiplan, für den man schon eifrig vorgekocht hat. Und dann kommt der Druck von außen – egal ob nun aus dem persönlichen Umfeld oder von Fachpersonal. „Das Kind müsste jetzt aber mal was essen“ ändert nichts an der tatsächlichen Esssituation, aber an unserem Denken als Eltern.

Sein Baby mit Nahrung gut und ausreichend zu versorgen ist sozusagen ein elterliches Grundbedürfnis. Und die elterliche Urangst ist eben jene, dass das Baby „verhungert“ oder zumindest nicht gut gedeiht. Deshalb nehme ich all diese Sorgen und Ängste auch sehr ernst. Auch dann, wenn da ein kerngesundes, rundes, glückliches Baby vor mir liegt, dass wunderbar auch mit Muttermilch als Hauptnahrungsmittel gedeiht und die Beikost derzeit noch mehr bespielt als isst. Die Eltern sind in dem Moment unter Stress. Stress, den natürlich auch das Baby mitbekommt.

Und deshalb geht es oftmals mehr um Beikostberuhigung anstelle von Beikostberatung.

Auch in schwierigen Stillsituationen ist es neben der Ursachenforschung und allen hilfreichen Maßnahmen so wichtig, immer wieder den Druck rauszunehmen. Und Eltern klar zu machen, was sie da gerade leisten – besonders in diesen oft verfahrenen Still-Pump-Zufütter-Situationen. Es geht beim Thema Babyessen oft viel weniger um Nährwerte, Pläne, Zeiten oder Zubereitungsstrategien. Informationen dazu sind sicherlich auch wertvoll, aber eben nicht alles.

Viel mehr geht es darum, eine aufmerksame aber gelassene Haltung dazu entwickeln. Vertrauen ins Kind, aber auch in die eigenen elterlichen Kompetenzen zu entwickeln, dass man den individuell besten Weg für sein Kind finden wird. Damit Stillen, Fläschchen geben, füttern und gemeinsame Familienmahlzeiten schöne und entspannte Momente im ohnehin schon oft aufregenden Babyelternalltag sind: essen ohne stressen eben. Und das gilt natürlich auch weit über die Babyzeit hinaus.

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5 Kommentare

2xMama 6. September 2019 - 11:23

Das Buch hätte ich vor fast 6 Jahren gut gebrauchen können, als mein Kinderarzt mir bei meiner fast nichts essenden, dafür fast „nur“ stillenden Tocher mit knapp 1,5 Jahren sagte, dass ich unbedingt mehr Kalorien ins Kind bekommen müsste. Ich bin panisch in den nächsten Drogeriemarkt gelaufen, um Brei zu kaufen, den meine Tochter dann natürlich nicht mochte. Ich habe mitten in der Nacht meine damals in Asien lebende Schwester angerufen, um ihr zu erzählen, dass ich gerade mein Kinde verhungern lasse….um dann mit meiner Hebamme zu klären, dass alles Ok ist und hier niemand verhungern wird.
Ein Hoch auf die Hebammen, die doch immer näher am „echten Leben“ sind…die Tochter ist immernoch eher zart, aber nicht verhungert!

Liebe Grüße

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Johanna 5. September 2019 - 13:08

Hallo Anja,

Für mich kommt dein neues Buch leider etwas spät. Bin zwar glücklich am „Langzeitstillen“ aber Jona hat unseren Familientisch absolut für sich entdeckt.
Bist du auf der Hebammenmesse in Berlin? DasWochenbett Buch war mir ein wichtiger Begleiter.

Liebe Grüße

Johanna

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Anja 5. September 2019 - 19:44

Liebe Johanna,

meinst Du den „Geburtshilflichen Dialog“ mit Hebammenmesse 😉 ?
Wenn ja, da komme ich auch 🙂
Liebe Grüße, Anja

Antworten
Johanna 9. September 2019 - 10:09

Hallo Anja,

das ist ein Versuch und ich möche nicht als Stillfeindlich oder einfach falsch rüberkommen.
Mir war immer wichtig zu Stillen und selbst Anfeindungen in der Familie haben nichts daran geändert das Jona und ich mit seinen fast 16 Monaten immer noch stille.
Trotz dieser Einstellung sitze ich jetzt seit 8 Wochen in einem Büro. Bin eigentlich Erzieherin.
Das Produkt das wir herstellen soll Babynahrung auf Biologische Art positiv verändern.
Schluss endlich weiß ich nicht ob ich das als Stillende Mama zu 100 % unterstützen kann aber es ist spannend zu beobachten.
Eure Einstellung hat mich durch die erste Zeit mit Jona gerettet. Eure Meinung bzw Einstellung ist mir immens wichtig.
Wir haben Breifrei betrieben und das Wort Trotz ist mir ein Dorn im Auge.
Es würde mich freuen wenn wir einen Austausch über HMO hinbekommen könnten.
Solltest du das lesen und Ärger empfinden kann ich das auch verstehen.
Aber in diesem Wirrwarr mag ich auf eure Meinung nicht verzichten.

Liebe Grüße

Johanna
ehemals 7mountaingangh

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Anja 9. September 2019 - 17:11

Liebe Johanna,

vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich hoffe, dass meine Beiträge nichts so rüber kommen, dass nicht-stillen oder Brei füttern nicht in Ordnung
wäre 😉 Generell ist es wichtig die Bedürfnisse des Kindes UND der Eltern mit zu berücksichtigen- das gilt natürlich auch fürs Essen.
Ganz persönlich finde ich „breifrei“ als Begriff auch nicht optimal- aber bei dem Buch damals bin ich ja sozusagen zufällig als Autorin dazu gekommen und die Begrifflichkeit bestand schon vom ersten Buch.
In meinem aktuellen Buch geht es um ALLE Varianten der Babyernährung mit und ohne Stillen sowie mit und ohne Brei. Es geht ja viel weniger um Konsistenzen der Nahrung, als viel mehr darum die Kompetenzen eines Babys anzuerkennen und in den Ess- oder Fütterprozess zu integrieren.

Auch ist die Babynahrungsindustrie nicht generell „böse“. Es ist auch unbedingt erforderlich, dass wir möglichst hochwertige und sichere Nahrung haben und diese stetig weiter entwickelt wird. Das Problem ist viel mehr das Marketing, das leider von vielen Herstellern vorbei am WHO-Kodex betrieben wird. Diesen Kodex gibt es ja aus gutem Grund, weil diese Werbung eben bestimmt Auswirkungen z.B. auf das Stillen hat. Und dann gibt es da natürlich noch einen Haufen Produkte, die weder für kleine noch für große Menschen besonders gesund und empfehlenswert sind wie z.B. der gezuckerte Keks-Brei (der nicht als „Süßigkeit“ für Eltern schnell erkennbar deklariert ist).
Dennoch ist es sicherlich kein Grund, ein „schlechtes Gewissen“ zu haben, wenn man an der Entwicklung von wahrscheinlich eher vernünftigen Produkten mitarbeitet, aber ich kann Deinen inneren Zwiespalt verstehen- gerade wenn Du selbst mitten drin in dieser Phase bist, in der Du Entscheidungen für Dein Baby in Sachen Ernährung triffst. Aber vielleicht kannst Du ja auch Deine Meinung und Deine wertvolle persönliche Expertise mit in dieses Projekt einbringen?! Das wäre doch toll 🙂

Alles Gute auf jeden Fall für Deinen beruflichen Wiedereinstieg- das ist ja immer eine ganz schön aufregende Phase.

Liebe Grüße,

Anja

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