Fragen an die Hebamme: Wie viel Stilltee muss sein?

von Anja

Immer wieder erlebe ich im Hebammenalltag, wie Wöchnerinnen tapfer etliche Tassen Stilltee trinken, obwohl er ihnen vielleicht überhaupt nicht schmeckt. Aber was tut man nicht alles für die Milchbildung…

Doch leider wird die Wirkung des Stilltees völlig überschätzt. Wenn man auf die Inhaltsstoffe schaut, wird man feststellen, dass die meisten Stilltees eine Mischung aus Fenchel, Kümmel und Anis sind. Manche Tees enthalten zusätzlich Zitronenverbene, Majoran, Melisse und Bockshornklee. Von diesen Kräutern gibt es einzig für den Bockshornklee Berichte, die eine Wirksamkeit in Bezug auf die Milchbildung zeigen.

In vielen Stilltees ist Bockhornklee (Trigonelle founum-graecum) aber gar nicht erst enthalten. Auch wird es in der Stillberatung eher in Form von höher dosierten Bockshornkleesamenkapseln empfohlen als in der Kräuterteevariante. Ein eventuelle Einnahme sollte aber immer mit Hebamme oder Stillberaterin abgestimmt werden.

Steigerung der Milchmenge durch Stillen

Die wichtigste Maßnahme zur Steigerung der Milchmenge bleibt, das Baby zum häufigen, direkten und effektiven Stillen an der Brust zu bewegen. Das sorgt dafür, dass das „Milchbildungshormon“ Prolaktin durch den Saugimpuls vermehrt ausgeschüttet wird. Wenn das Baby dies nicht schafft, muss die Brust entsprechend durch Abpumpen oder Handentleerung stimuliert werden.

Grob lässt sich sagen: Je öfter und länger angelegt wird, desto mehr Muttermilch wird durch die entsprechende Prolaktinausschüttung produziert. Entscheidend für die Milchmenge ist also die häufige und effektvolle Entleerung der Brust. Dies ist das A und O. Jedes Galaktogoga (Substanz oder Medikament, das die mütterliche Milchbildung anregen, steigern oder aufrechterhalten soll) kann dabei immer nur unterstützen, weshalb es auch nicht ohne zeitgleiche vernünftige Stillberatung angewendet werden sollte.

Neben der also nicht eindeutig belegten Wirkung von Stilltees können diese zum Teil auch unerwünschte Stoffe enthalten, wie eine Untersuchung von 15 Still-und Milchbildungstees durch Ökotest ergab. Vieles spricht also dafür, dass Stillende diese Tees gar nicht trinken müssen.

Entspannende Teepause

Allerdings haben solche Tees genauso wie Milchbildungskugeln, Malzbier oder Wochenbettsuppe eine nicht zu unterschätzende Placebo-Wirkung. Auch die Reduktion von Stress im Wochenbett wirkt sich positiv auf die Hormonlage und somit auf die Milchbildung aus. Wenn zwei Tassen Stilltee am Tag zu einer entspannenden Teepause für die Mutter beitragen, kann das auch ohne wissenschaftlich belegte Wirkung sicher hilfreich sein.

Voraussetzung ist dafür aber wahrscheinlich, dass der Mutter der Tee auch schmeckt. Auf keinen Fall sollten sich stillende Mütter aber kannenweise Stilltee und auch nicht andere Getränke weit über das Durstgefühl hinaus zuführen. Eine zu hohe Flüssigkeitsaufnahme führt sogar nicht zu mehr, sondern zu weniger Milch. In der Stillzeit sind zwei bis drei Liter empfohlenen. Zu viel Trinken sorgt für die Ausschüttung von ADH (antidiuretisches Hormon). ADH bewirkt, dass vermehrt Wasser aus dem Körper „ausgeschwemmt“ wird.

Trinken nach Durstgefühl ist in der Regel in der Stillzeit eine gute Richtlinie für die erforderliche Trinkmenge. Der Durst ist bei den meisten Müttern in der Stillzeit ausgeprägter. Wenn nicht, kann ein Glas zu jedem Stillen und jeder mütterlichen Hauptmahlzeit die Stillende an regelmäßiges Trinken erinnern. Ideal sind Wasser und verdünnte Obst- oder Gemüsesäfte, ebenso Früchte- und Kräutertees. Ja, das darf auch der Stilltee sein, wenn er denn mundet. Nur große Stillwunder sollte man sich davon nicht versprechen, egal was auf der Verpackung steht.

Die „Frage an die Hebamme“ bekam ich übrigens diese Woche von einer Schwangeren gestellt, die sich auf die Stillzeit mit ihrem in wenigen Wochen erwarteten Baby vorbereiten wollte. Einen Stilltee-Großeinkauf muss sie also kurz vor der Geburt nicht mehr tätigen. Aber wir haben uns vorher noch zur Stillberatung getroffen. Da habe ich ihr hoffentlich alle wichtigen Informationen mit auf den Weg gegeben, mit denen sie gut informiert und entspannt in die Stillzeit starten kann.

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10 Kommentare

Lorelai 5. August 2014 - 13:59

Ich fand die Stilltees seeehr lecker und hab auch den Weleda getrunken wegen dem Bockshornklee, beim 2. Kind dann aber auch die Kapseln eingenommen, das brachte schon was… Anis, Kümmel etc. sind ja auch der Verdauung sehr förderlich 😉 Nur in den ersten Wochen dünstete ich den Stilltee-Geruch auch ziemlich stark aus 😀

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Christine 5. August 2014 - 04:23

Hallo Anja,

Vielen Dank für deinen Artikel, ich habe schon den ganzen Blog gelesen und find ihn super! Aus aktuellem Anlass hab ich auch eine Frage an dich: mein Sohn ist jetzt 4 Monate alt und bisher sind wir gut ohne Schnuller ausgekommen. Trotzdem haben wir einen zu Hause rumliegen und bei manchem Schreikrampf immer mal ausprobiert – er wollte ihn nie haben. Gestern hat mal meine Schwiegermutter 2 stunden auf ihn aufgepasst und als ich wiederkam, hatte er den Schnuller sichtlich zufrieden im Mund und sie war ganz stolz – er mag den Schnuller nun doch! Er hatte wohl geschrien und sie hatte sich nicht anders zu helfen gewusst. Nun bin ich ganz verunsichert : soll ich ihm den Nuckel doch erlauben, z.b. wenn ich mal nicht da bin, oder wird er dann schnell „süchtig“ danach? Meine Hebamme hat uns damals bei der großen Tochter vom Schnuller abgeraten und wir haben nie einen benutzt. Die intensive Nuckelphase haben wir gut mit kleinem Finger bzw. Brust überstanden. Sie nuckelte eine kurze Zeit am Daumen, hat jedoch allein und ohne Probleme noch vor dem 2. Geburtstag damit aufgehört. Aber die Babies sind ja alle unterschiedlich, und mein Sohn wird öfter mal von anderen betreut, d.h. ich stehe nicht rund um die Uhr zur Verfügung. Ich habe einfach die Horrorvorstellung, dass er mit 3 oder 4 Jahren dann immer noch mit Schnuller herumrennt.. Haben deine Kinder denn einen Schnuller benutzt? Passt Schnuller zu attachment parenting, Familienbett, BLW, windelfrei etc?

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Anja 10. August 2014 - 00:07

Liebe Christine,

danke für Dein Lob:) Das Schnullerthema liegt hier schon zu 75% fertig geschrieben in der Schublade, da ich tatsächlich öfter danach gefragt wurde. Kommt also noch. Vorab trotzdem kurz zu Deiner ganz persönlichen Frage/Situation. Als Erstes: Dein Kind, Deine Regeln. In dem Fall war wahrscheinlich nicht ganz klar abgesprochen, ob die Oma den Schnuller geben darf bzw. wann sie Dich hätte anrufen müssen, wenn sich Deine Baby nicht von ihr beruhigen lässt. Generell gibt es bei dieser Frage kein eindeutiges Falsch und Richtig. Der Schnuller kann schon ein paar Probleme schaffen wie anfängliche Stillschweierigkeiten bzgl. der Saugtechnik oder Milchbildung. Er kann ungünstige Saugewohnheiten etablieren, zu vermehrten Atemwegsinfekten oder auch Zahnfehlstellungen beitragen. ABER all das wird sicher nicht eintreten, wenn er situationsgerecht gegeben und wieder entfernt wird und nicht zum Zustöpseln des Kindes benutzt wird. Ein Baby mit vier Monaten hat natürlich noch ein Saugebdürfnis, dass der Schnuller dann ersetzen kann, wenn Mama nicht vor Ort ist. Das ist völlig in Ordnung. Ein 3-oder 4jähriger braucht zum Herumrennen oder auch zum Fahrradfahren (wie ich neulich gesehen habe) sicher keinen Schnuller. Die Brust (das natürliche Abstillalter liegt zwischen zwei und vier Jahren) hätte er dabei ja auch nicht im Mund;) Wenn der Schnuller für Dein Baby, Dich und Eure Situation passt, passt er auch zu AP, Familienbett und BLW. Du machst Dir jetzt bereits so viele Gedanken, dass Du Dein Kind auch mit Schnuller ganz sicher nicht den ganzen Tag damit in der elektrisch betriebenen Babywippe vor dem Fernseher ablegen wirst;) Liebe Grüße, Anja
P.S:: Unsere drei Kinder waren/sind schnullerfrei, was aber eher den ganz persönlichen Hintergrund hat, dass ICH selbst ungerne Plastik ( Plastikbesteck, Plastikflaschen…) im Mund habe und mir deshalb weder Latex, noch Silikon noch Naturkautschuk im Babymündchen unserer Kinder vorstellen konnte. Das ist aber wirklich nur ein ganz persönliches Argument, aber manchmal sind es ja auch die elterlichen Spleens, die mit endscheiden…

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wolldrache 11. August 2014 - 20:39

Unsere Jungs hatten beide einen Schnuller, den wir aber ab ca. einem Jahr nur noch zum schlafen gegeben habe, (und manchmal zum „runterfahren“).
Der große hat ihn mit 2 1/2 bei Oma im Garten für de Osterhasen an den Busch gehängt. Dann haben wir den Osterhasen angerufen (und die aufnahme auf unserem AB gespeichert), dass er jetzt kommen kann, und als wir wieder nachsahen, war der schnuller weg, und eine Plüschfigur (in diesem Fall Feuerwehrmann Sam) da. Er war so happy, dass er am nächsten Tag noch mal den Osterhasen angerufen hat, um sich zu bedanken.
die ersten 2 Nächte waren etwas unruhig, aber es ging relativ gut.
Wobei es wohl gut war, dass das mit einem Besuch bei Oma verbuden war.
Zurück zuhause war dann alles gut – und der Schnuller ohnehin ein für alle mal weg.

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Isabel 4. August 2014 - 18:11

Ich kann Maike nur bestätigen. Weleda Stilltee hat auch bei mir die Milch megamäßig angeregt. Meine Hebamme sagte mir damals auch: das ist der Einzige der (wenn überhaupt) was bringt. Sonst kannst du dir auch einfach Fenchel-Anis-Tee kaufen. Ich hatte dann auch nie Probleme mit zu wenig Milch. Glaube schon, dass es nicht umsonst war!!

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Anja 30. Juli 2014 - 17:42

Oder einfach eine Hebamme haben, die genau das sagt: du brauchst keinen Stilltee kaufen. Das hat mir gereicht, und früher gabs laut Mama auch keinen Stilltee.

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Maike 30. Juli 2014 - 12:10

Meine Erfahrung: Weleda Stilltee wirkt wie Bombe, die Frage ist nur, ob man das will. Wer genug Milch hat, kann damit wirklich Probleme bekommen. Mir sind tatsächlich fast die Brüste geplatzt (verbunden mit starken Schmerzen), als ich den Tee mal für 3 Tage ausprobiert habe. Da meine Milchmenge auch ohne Tee vollkommen ausreichend war, war das ziemlicher Blödsinn. Meine Hebi meinte dann, dass Stilltees gut sein können, um die Milchmenge zu steigern, aber als Dauergetränk vollkommen ungeeignet sind.

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Carolin 30. Juli 2014 - 09:11

Bei der Überschrift war ich sehr gespannt, was kommt.

Wie immer wurde ich positiv überrascht. Endlich mal wieder jemand, der die Wahrheit ausspricht. In so geringen Dosen hilft das Ganze sowieso nur als Placebo.

Übrigens genauso wie das immer wieder praktizierte „aus Versehen“ Abstillen wegen einer Tasse Pfefferminz- oder wahlweise Salbeitee. Magst du dich dazu auch noch äußern?

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wolldrache 30. Juli 2014 - 21:55

Also, meineeine hat nicht aus Versehen, sondern bewusst mit einer Kanne Salbeitee (1Liter) abgestillt. Und das hat funktioniert; keine Ahnung, inwie weit das Wollen mitgespielt hat.

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VON GUTEN ELTERN 9. August 2014 - 23:50

Liebe Carolin,

Salbei- und Pfefferminztee wird als abstillend beschrieben, aber auch hier „macht die Dosis das Gift“. Von einer Tasse Salbei- oder Pfefferminztee wird sich eine Mutter ebenso wenig abstillen wie nach dem Genuss einer Packung Pfefferminzkaugummi oder After Eight;)
Wenn Salbei frisch aufgebrüht und davon drei, vier Tassen täglich getrunken werden, kann das schon das Abstillen unterstützen. Gleichzeitig wird die Mutter dann ja aber auch seltener anlegen, wenn sie das Stillen beenden möchte. Fazit also: nein, von der aus Versehen in der Klinik getrunkenen Tasse Pfefferminzbeuteltee wird sich niemand aus Versehen abstillen. Liebe Grüße, Anja

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