Stillvorbereitung, Neugeborenes, Stillen

Fragen an die Hebamme: Wie bereite ich mich aufs Stillen vor?

von Anja

In etwas älterer Literatur zum Stillen finden sich gerne noch allerlei Tipps, die der Abhärtung der Brustwarzen dienen sollen, um sie auf das Stillen vorzubereiten. Mal sollen diese mit einem harten Frotteehandtuch abgerieben werden. Mal sogar mit Zitronensaft gebürstet werden. Diese Tipps sind nicht nur unsinnig, sondern können sogar zu Verletzungen des Gewebes führen. Trotzdem ist es durchaus richtig und wichtig, sich auf die Stillzeit vorzubereiten – allerdings mehr im Kopf als an der Brust.

1. Stillen verstehen
Es ist gerade beim ersten Kind sinnvoll, sich früh genug über das Stillen zu informieren. Früh genug heißt dabei nicht erst am Ende der Schwangerschaft, wo meist der Fokus auf der Geburt liegt und nicht selten der Gedanke da ist „Wenn ich das erst mal geschafft habe, läuft alles andere schon von allein“. In Geburtsvorbereitungskursen kann man regelmäßig beobachten, wie das hohe Interesse bei allen Themen bezüglich der Geburt abnimmt, sobald es um Informationen zum Wochenbett und zur Stillzeit geht. Das zweite Drittel der Schwangerschaft ist ein besserer Zeitpunkt, um sich zum Beispiel mit Hilfe eines guten Stillbuchs einen Überblick zu verschaffen.

Dabei geht es nicht darum, die Anatomie und Physiologie des Stillens in allen Details auswendig zu lernen, sondern einfach darum zu verstehen, wie das Prinzip des Stillens funktioniert. Dann weiß man auch, warum sich Babys nach der Geburt entsprechend verhalten und kann im Vorhinein schon typische „Anfängerfehler“ vermeiden. Auch gegen falsche oder unpassende Ratschläge ist man so besser gewappnet. Meine derzeitige Empfehlung unter den Elternratgebern im Bereich Stillen ist Intuitives Stillen von der Hebamme und Still- und Laktationsberaterin IBCLC Regine Gresens. Neben dem gut gebündelten Stillwissen räumt dieses Buch auch mit vielen Stillammenmärchen auf.

2. Von der Theorie zur Praxis
Bücher oder im Netz passenden Seiten wie Stillkinder.de oder bei Still-Lexikon.de zu lesen ist sicherlich eine gute Vorbereitung. Aber oft bleiben noch viele Fragen offen, die die ganz persönliche Situation betreffen. Hier kann ein Gespräch mit der betreuenden Hebamme, einer Stillberaterin oder der Besuch eines Stillvorbereitungskurses sinnvoll sein. In diesem Rahmen kann noch mal individuell auf Fragen oder mögliche Sorgen eingegangen werden. Ideal ist es, wenn bei diesen Terminen auch der werdende Vater mit dabei ist, denn er wird die wichtigste Unterstützung in Sachen Stillen sein. Die Einstellung des Partners ist mitentscheidend für Stillerfolg und Stilldauer. Und damit sich der Partner ein Bild machen oder auch möglich Vorurteile abbauen kann, benötigt er genauso gute Informationen zum Thema.

Um Hebamme fürs Wochenbett kümmern

Auch eine Aufklärung vorab für das engste Umfeld wie zum Beispiel die werdenden Großeltern kann sinnvoll sein. Sehr hilfreich ist auch der Besuch einer Stillgruppe bereits in der Schwangerschaft. Hier bekommt man in entspannter Atmosphäre einen Einblick in die Höhen und Tiefen des Babyalltags. Man erfährt aus erster Hand, was anderen geholfen hat und was eher nicht. Und wenn das Baby dann da ist, hat man gleich einen bereits bekannten Anlaufpunkt zum Austausch sowie bei Fragen oder kleineren Problemen. Wenn es keine Stillgruppe vor Ort gibt, kann man sich auch mit der Freundin, die gerade ein Baby hat, zum Thema austauschen. Manchmal hat auch schon die eine oder andere Mutter aus dem Geburtsvorbereitungskurs oder dem Schwangerenyoga geboren und freut sich über ein gemeinsames Treffen.

3. Stillnetzwerke aufbauen
Nicht nur in Bezug auf das Stillen ist es sinnvoll, sich um eine Hebamme fürs Wochenbett gekümmert zu haben. Diese besucht die Familie anfangs täglich und dann weiter in immer größer werdenden Abständen bis zu zwölf Wochen nach der Geburt. Aber auch darüber hinaus kann sie eine Familie bis zum Ende der Stillzeit begleiten. Die Hebammenbetreuung wird von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Manchmal sind Stillprobleme schwerwiegender und es ist zusätzliche Unterstützung notwendig. Dann kann es hilfreich sein, zusätzlich eine ausgebildete Stillberaterin hinzuzuziehen. Da die Bezeichnung Stillberaterin nicht gesetzlich geschützt ist, ist es wichtig zu schauen, wer da aufgrund welcher Ausbildung Beratung anbietet. Eine kleine Orientierung dazu gibt es hier. Es ist sinnvoll, schon in der Schwangerschaft zu schauen, wer im Fall der Fälle in der eigenen Region Stillberatung anbietet und sich den Kontakt zu notieren.

4. Stillfreundlicher Geburtsort
Da in Deutschland über 95 Prozent aller Kinder im Krankenhaus geboren werden, beginnt für die meisten Frauen dort das Wochenbett und damit auch die Stillzeit. Dass der Personalmangel in Kliniken nicht nur den Kreißsaal, sondern auch die Wochenbettstation betrifft, hat sich längst rumgesprochen. Eine wirklich gute Unterstützung ist aber letztlich von genau diesem Faktor abhängig. Nun gibt es Kliniken, die das Stillen etwas mehr unterstützen als andere.

Zum Stillen braucht es wenig bis gar kein Zubehör

Die als Babyfriendly Hospital ausgezeichneten Kliniken haben alle einen längeren Zertifizierungsprozess durchlaufen und Stillrichtlinien in ihrer Klinik etabliert, die alle Mitarbeiter kennen und dementsprechend beraten. In diesen Kliniken wird aber nicht nur das Stillen sondern die Mutter-Kind-Bindung generell gefördert, so dass sie auch für Frauen ohne Stillabsicht eine gute Adresse sind. Auch nicht zertifizierte Kliniken können aber in Sachen Stillberatung gute Arbeit leisten. Wenn man das Glück hat, in einer Region zu wohnen, in der man noch die Wahl zwischen mehreren möglichen Geburtsorten hat, sollte man bei seinen Überlegungen zur Auswahl nicht nur an die Geburt, sondern auch die ersten Stunden und Tage hinterher denken.

5. Anschaffungen
Der Babymarkt suggeriert etwas anderes, aber im Grunde braucht man zum Stillen wenig bis gar kein Zubehör. Stillkissen sind eine praktische Angelegenheit, aber meist nicht direkt zum Stillen. Diese langen flexiblen Stillkissen sind wunderbar zum halbwegs gemütlichen Liegen in der Schwangerschaft geeignet, aber beim Stillen rutschen sie meist weg oder sind größentechnisch im Weg. Oft funktioniert es ganz ohne Kissen am besten. Wer dennoch eines anschaffen möchte, ist mit einem kleinen und kompakteren Kissen oft besser dran.

Stilleinlagen können sinnvoll sein, wenn Mütter zwischen den Stillmahlzeiten viel Milch verlieren und nicht mit einem nassen BH oder Oberteil dastehen möchten. In den ersten Tagen sollte man auf diese verzichten und versuchen, viel Luft an die Brustwarzen zu lassen. Es gibt Stilleinlagen aus praktischem, aber nicht sehr nachhaltigen Einwegmaterial, aber auch aber auch in der Mehrwegvariante aus waschbaren Materialien wie Baumwolle, Seide oder Wolle.

Keine „Abhärtungsmaßnahmen“ für die Brustwarzen

Mittlerweile gibt es im Bereich der Stillmode ein breites Angebot von Oberteilen oder Kleidern mit einfachem „Brustzugang“, aber letztlich gibt es auch auf dem normalen Bekleidungsmarkt bzw. sogar im eigenen Kleiderschrank genug stillfreundliche Optionen. Auch spezielle Stilltücher sind nicht erforderlich, ein Schal oder eine Mullwindel erfüllen den gleichen Zweck, wenn ich irgendetwas abdecken möchte. Wirklich überflüssig sind indes spezielle Nahrungsergänzungsmittel wie sie gerade in vielfältiger Form als Säfte, Pulver oder Müsli für stillende Frauen angeboten werden.

Eine Milchpumpe kann hilfreich sein, wenn später gewünscht wird, etwas Milch für eine temporäre mütterliche Abwesenheit abzupumpen. Im Wochenbett benötigt man sie in der Regel nicht. Außerdem kann Muttermilch mittels Handentleerung gewonnen werden. Sollte das regelmäßige Abpumpen aufgrund eines Stillproblems erforderlich werden, würde hier in Absprache mit Hebamme oder Stillberaterin eine effektive, elektrische Leihpumpe aus der Apotheke zum Einsatz kommen. Hierfür werden die Kosten mit einer ärztlichen Anordnung von der Krankenkasse übernommen. Vorab muss man sich also auch hier nichts besorgen. Dies gilt auch für sämtliche Stillhilfsmittel wie etwa Brusthütchen (Stillhütchen). Stillhilfsmittel sollten ohnehin nur bei entsprechender Indikation und unter fachlicher Begleitung zum Einsatz kommen.

5. Die Brust vorbereiten
Und was ist nun mit den Brustwarzen? Wie eingangs schon beschrieben kann man hier mit irgendwelchen „Abhärtungsmaßnahmen“ eher mehr Schaden anrichten als dass diese nützen. Generell bereitet sich der Körper von Anbeginn der Schwangerschaft auf das Stillen vor. Korrekterweise beginnt diese Vorbereitung sogar schon in der Pubertät, wo sich das Drüsengewebe der Brust entwickelt. Diese Entwicklung geht in der Schwangerschaft weiter, indem das Drüsengewebe wächst und sich weiter verzweigt. Die meisten Schwangeren spüren, dass die Brust größer, fester und schwerer wird. Die Brustwarzen werden ebenfalls etwas größer und auch dunkler – so findet das Baby nach der Geburt leichter die Milchquelle.

Keine ideale Stillbrust oder Brustwarzenform

Die Brustwarzen benötigen keine besondere Pflege, ganz im Gegenteil sollte hier besser auf Duschgel oder Körperlotion, die nicht pH-hautneutral ist, verzichtet werden. Die kleinen Erhebungen auf dem Warzenhof (Montgomery-Drüsen) sondern ein Sekret ab, dass die Brustwarzen geschmeidig hält. Den meisten Frauen ist ein guter Still-BH bereits in der Schwangerschaft durch die schwerer werdende Brust angenehm, nötig ist er aber nicht und er kann auch nicht endgültig davor bewahren, dass die Haut durch die verstärkte Dehnung auch im Brustbereich reißen kann.

Regelmäßiges Eincremen oder ölen ist meist angenehm. Es kann aber Schwangerschaftsstreifen weder an Bauch noch an Brust verlässlich verhindern. Die endgültige Größe der Brust lässt sich in der Schwangerschaft nicht vorhersagen. Darum sollte der Kauf gerade von etwas teureren Still-BHs auf die Zeit einige Wochen nach der Geburt verschoben werden.

Wenn die Brustwarze eingezogen ist (Schlupf- oder Hohlwarze), kann unter Umständen das Tragen eines Brustwarzenformers in der Schwangerschaft sinnvoll sein. Aber auch dies sollte, wenn überhaupt, nur unter fachlicher Begleitung gemacht werden. Generell hat ein Baby keine Erwartung an die Brustwarzenform oder deren Größe. Es kommt gut mit dem zurecht, was es nach der Geburt vorfindet. Es gibt also keine ideale Stillbrust oder Brustwarzenform. Wichtig ist ein effektives und häufiges Anlegen nach der Geburt, damit das Baby gut trinken kann.

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6 Kommentare

Diana Egli 24. Mai 2018 - 23:11

Ein Tip, den ich mit zu Herzen hätte nehmen sollen: Ruhe, Ruhe, Ruhe im frühen Wochenbett und vor allem in der Zeit des Milcheinschusses. Ich hatte mich körperlich überfordert und mir zu viel Druck gemacht,
dass alles perfekt und wie geplant laufen muss. Das Resultat waren unzählige Milchstaus und Entzündungen, die nach langem Kampf zum Abstillen führten.

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Anna 31. Dezember 2016 - 11:38

„Der Babymarkt suggeriert etwas anderes, aber im Grunde braucht man zum Stillen wenig bis gar kein Zubehör. “

Beim ersten Kind ging ich völlig unvoreingenommen an die Sache, mit dem Wissen, dass meine Mutter und meine Schwester unkomplizierte Stillbeziehungen hatten. Meine Schwester sagte irgendwann vor der Geburt „und lass Dir nicht einreden, dass Du nicht genug Milch hättest…“ und es klappte alles von allein, überall und immer, andocken, trinken, fertig. Dieser Tage steht die Geburt von Kind 2 an und ich hoffe auf einen ähnlichen Selbstläufer. Gute Betreuung diesbezüglich hatte ich nämlich damals weder im Krankenhaus noch von der Hebamme. Aus dem Freundeskreis weiß ich aber, dass oben zitierter Satz durchaus ignoriert wird, man kann doch soviel Schönes kaufen..

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Bianca 23. Dezember 2016 - 23:15

Hätte das gerne früher so detailliert gelesen. Bei uns hat’s im Krankenhaus noch ganz gut geklappt (dachte ich). Zuhause war dann aber in der zweiten Nacht das Baby so hungrig, dass wir völlig verzweifelt sind und zugefüttert haben. Auch unsere Hebamme hat uns anschließend wenig unterstützt – ihr Kommentar war eher: zufüttern ist der Anfang vom Ende. Und auch die erste Milchpumpe war ihr fremd weshalb sie die Benutzung nicht richtig erklären konnte und wir kein Vakuum erzeugt haben. Alles in allem führte es dazu, dass ich nach wenigen Tagen nur noch einiges Milliliter Pumpen konnte und schließlich doch abstillte und nun nur noch Flasche gebe.
Aber auch nach vier Monaten lässt mich das Thema nicht los und ich bereue es zutiefst, nicht mehr Zeit und Geduld in das stillen investiert zu haben.
Beim (hoffentlich) zweiten Kind möchte ich das gerne anders machen…

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Yvi- mamasdaily 23. Dezember 2016 - 18:23

Ein schönes Thema !
Und da sieht man mal wieder…so einfach ist es dann doch nicht, wie es aussieht!
Gute Vorbereitung,
und vorallem Geduld ist alles!
Ich hätte mir gewünscht, dass es so perfekt geklappt hätte..

Liebe Grüße

Yvi

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Anni 23. Dezember 2016 - 15:41

Sehr interessant. Ich bin da total blauäugig und naiv rangegangen indem ich mir gar keine Gedanken zu diesem Thema gemacht habe im Vorfeld. Ich wollte stillen „wenn es klappt“ und hatte im Hinterkopf, dass weder meine Mutter noch meine Oma stillen konnten oder wollten. Die Geburt war geschafft und das Kind hat gestillt. Milch war mehr als genug da und letztlich habe ich beide Kinder plus/minus 1Jahr gestillt. Es ging von alleine. Völlig natürlich. Ohne dass ich mich darauf vorbereitet hatte. Ich war und bin sehr stolz auf mich. Im Wochenbett gab es natürlich Unterstützung von der Hebamme und während des Abstillens hatte ich dann auch nochmal eine Frage. Aber es war bei mir einfach das normalste der Welt!
LG von Anni.

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Teresa 23. Dezember 2016 - 12:45

Wichtiges Thema. Ich hätte mich auch besser vorbereiten sollen, hätte nicht gedacht, dass der Anfang so hart wird. Meine Freundinnen haben auch nichts dazu erzählt, wenn ich gefragt habe und meine Mutter hat nicht gestillt. Aber meine Tochter und ich haben gekämpft und stillen auch nach 13 Monaten immer noch gerne und viel.
Brustwarzenformer haben bei mir gar nichts gebracht, das hat dann meine Tochter in den letzten Monaten übernommen. 😉

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