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Hebammen in Europa: Geburtshilfliche Versorgung in Spanien

von Anja

Hierzulande hat jede Schwangere die Option, sich vor, bei und nach der Geburt von einer Hebamme begleiten zu lassen. Schwangerenvorsorge, Beratung und Geburtsvorbereitung durch eine Hebamme sind Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung. Auch für die Hebammenbegleitung bei einer Geburt in der Klinik, im Geburtshaus oder zu Hause werden die Kosten übernommen. In den ersten zwölf Wochen nach der Geburt gehören die Wochenbettbesuche zum Leistungskontingent der Hebammenbetreuung. Darüber hinaus steht jeder Versicherten auch ein Hebammen-geleiterter Rückbildungsgymnastikkurs sowie die Unterstützung bei Ernährungs- und Stillproblemen bis zum neunten Lebensmonat bzw. bis zum Ende der Abstillzeit zu.

Zumindest theoretisch sind die (werdenden) Mütter somit also sehr gut versorgt in Deutschland. Allerdings müssen sie sich selbst um die Hebammenbetreuung kümmern. In manchen Regionen ist das mittlerweile so schwierig, dass jede zweite Frau ohne die von ihr gewünschte Hebammenbetreuung leben muss. Und auch in den Kliniken verschlechtert sich die geburtshilfliche Versorgung stetig, weil es nicht genug Fachpersonal gibt. Viele geburtshilfliche Abteilungen wurden in den letzten Jahren geschlossen, was für manche Schwangere bereits jetzt zu weiten Anfahrtswegen zum jeweiligen Geburtsort führt.

In dem folgenden Gastbeitrag berichtet Anke vom Blog “Barcelonakind” von der Versorgung rund um die Geburt in Spanien. Anke hat selbst ihre Tochter in Barcelona geboren, aber für diesen Beitrag auch mit Hebammen gesprochen, die in Spanien arbeiten.

Geburtshilfe in Spanien

Die Situation der Hebammen in Deutschland wird immer schlechter. Die Zustände in den Krankenhäusern sind katastrophal und immer mehr selbständige Hebammen geben ihren Beruf auf, da nach Zahlung der hohen Versicherungsbeiträge kaum noch ein vernünftiges Gehalt übrig bleibt. Aber wie sieht es in Spanien aus? Sind die Zustände dort besser als in Deutschland?

Im Januar wurde meine Tochter Paula in Barcelona geboren. Die Geburt war toll, ich hatte das Gefühl, dass immer genug Hebammen da waren. Das Team im Krankenhaus war super und alles lief so ab, wie ich es mir gewünscht hatte. Vorher hatte ich mich bereits gut über das Hospital de Sant Pau informiert. Es ist das einzige Krankenhaus in Barcelona, in dem eine natürliche Geburt in Steißlage möglich ist. Dies hatten wir auch schon im Geburtsvorbereitungskurs gehört, dann gab es noch zwei Termine nach der Geburt, aber Hausbesuche in den ersten Tagen sind in Spanien nicht vorgesehen. Die Frage ist, ob meine Erfahrung die Realität im Land widerspiegelt. Spanien hat mit 9,2 Geburten pro 1000 Personen eine ähnlich niedrige Geburtenrate wie Deutschland (8,6; Stand 2017). Gleichzeitig ist die Quote der Hebammen mit 35 pro 100.000 Frauen niedriger als in Deutschland, wo auf die gleiche Anzahl Frauen 44 Hebammen kommen.

Nur 0,1% der Geburten in Spanien sind Hausgeburten, im Jahr 2016 waren es nur etwa 600 in ganz Spanien. Die Geburt in den eigenen vier Wänden wird in Spanien weder von der gesetzlichen noch von der privaten Krankenversicherung übernommen, man kann jedoch für rund 2000 Euro eine Hebamme für eine Hausgeburt privat buchen. Das heißt in diesem Fall, dass man aus eigener Tasche zahlen muss, da eine private Krankenversicherung diese Leistung in Spanien nicht übernimmt. Der Preis schließt die Besuche zur Geburtsvorbereitung, die Geburt und die Nachsorge mit ein, ist also ein Rundumpaket. Es gibt mehrere Vereine, die sich dafür einsetzen, dass auch eine Hausgeburt über die jeweilige Versicherung abgerechnet werden kann, bis jetzt jedoch ohne Erfolg.

Keine regulären Hausbesuche nach der Geburt

Generell beschränken sich die Leistungen bei einer Krankenhausgeburt, egal ob privat oder gesetzlich versichert, auf einen Geburtsvorbereitungskurs und einen Geburtsnachbereitungskurs sowie natürlich auf die Geburt selbst. Es gibt keine Hausbesuche nach der Geburt bzw. nur in Ausnahmefällen. Man trifft bei der Geburt im Krankenhaus auf die Hebamme, die eben grade Dienst hat. Wer seine eigene Hebamme wünscht, kann diese Leistung privat zahlen.

Ein brisantes Thema sind in Spanien zur Zeit die Doulas, Frauen ohne anerkannte Ausbildung, die andere Frauen in der Schwangerschaft und Stillzeit beraten und auf Wunsch auch bei der Geburt anwesend sind. Die privaten Dienste der Doulas sind oft günstiger als professionelle Hebammen, ohne Ausbildungsnachweis ist jedoch fraglich, wie kompetent die Damen im einzelnen sind. Dies kann dann gefährlich werden, wenn eine Doula ärztliche Ratschläge gibt oder sogar eine Hausgeburt begleitet. In Spanien wird ein Kurs als Doula angeboten, an zehn Wochenenden soll man lernen, wie man eine Frau bei der Geburt unterstützen kann. Eine Hebamme indes hat eine sechsjährige Ausbildung absolviert. Wenigstens wird in diesem Kurs darauf hingewiesen, Geburten nur in Krankenhäusern oder in Anwesenheit einer echten Hebamme zu begleiten.

Als Paula zur Welt kam, waren zwei tolle Hebammen an meiner Seite, obwohl an diesem Tag alle Zimmer auf der Geburtenstation belegt waren. In Barcelona gibt es keinen Hebammenmangel, dies bestätigten mir die Hebammen in unserem Krankenhaus und auch die anderen Frauen in der Stillgruppe. Niemand musste lange warten oder wurde gar weggeschickt. Wenn man in einer Großstadt wie Madrid oder Barcelona wohnt, ist man also gut betreut, vielleicht sogar besser als in Deutschland. Auch wenn die Hebammen nach der Geburt keine Hausbesuche machen, gibt es Stillgruppen, die man ohne Termin besuchen kann und Hebammen in den Ärztehäusern, die man auch kurzfristig aufsuchen kann.

Gut betreut in der Klinik

Gerade die gesetzlichen Krankenhäuser haben eine sehr gute Betreuung für die Allerkleinsten, das merkt man auch beim Kinderarzt, wo die maximale Wartezeit bis jetzt zehn Minuten betrug. Leider gibt es viel zu wenige Hebammen in den ländlichen Regionen, wie etwa dieser Artikel aus Andalusien belegt. In der Region gibt es in einigen Kleinstädten gar keine Hebammen zur Vor-und Nachsorge von Geburten. Grund ist die teure Ausbildung der Hebammen, die von den jeweiligen Bundesländern bezahlt werden muss.

In Deutschland werden häufig Kaiserschnitte gemacht, weil diese teurer abgerechnet werden können. In unserem Krankenhaus in Barcelona ist die Geburtenstation laut Hebamme Anna die rentabelste Station des Krankenhauses. Die Geburten werden hoch vergütet, gleichzeitig erhalten die Hebammen im Vergleich zu Ärzten nur ein niedriges Gehalt. Sie ist zufrieden und arbeitet gerne in ihrem Krankenhaus, sagt Anna. Leider greifen die Ärzte zu oft ein, wollen die Geburten beschleunigen und entscheiden sich für die Geburtszange oder ähnliches, erklärt sie.

In Spanien liegt die Kaiserschnittrate in den öffentlichen Krankenhäusern bei rund 22 Prozent, in den privaten Krankenhäusern bei 37 Prozent. In Deutschland schwankt die Quote je nach Bundesland zwischen 30 bis 38 Prozent, kann also mit den öffentlichen Krankenhäusern in Spanien nicht mithalten. Das Gesamtbild der Geburtshilfe ist aus Sicht der Mütter noch schlechter als in Deutschland. Keine oder kaum Hausbesuche von Hebammen, Hausgeburten müssen privat gezahlt werden. Aus Sicht der Hebammen fühlen diese sich in den Krankenhäusern zumeist wohl, da es dort keine Notstände wie in Deutschland gibt. Aber wofür kämpfen die Hebammen in Spanien? Dafür, dass Hausgeburten als Kassenleistung anerkannt werden und für mehr Nachsorge in Form von Hausbesuchen und Stillgruppen.

Noch eine Anmerkung zum Versicherungssystem in Spanien: Jeder Bürger ist automatisch gesetzlich krankenversichert, man kann außerdem noch eine private Krankenversicherung zusätzlich abschließen, hat aber immer beide Versicherungskarten. Krankschreiben kann nur der gesetzliche Arzt, der einem je nach Wohnort zugeteilt wird. Es gibt getrennte Krankenhäuser und Ärztezentren für privat und gesetzlich versicherte Patienten.

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