Hebamme, Hebammen, Versteckspiel, GKV

Hebammen spielen nur verstecken

von Anja

Lieber Florian Lanz,
hallo Frau Marini (mal wieder),

in Ihrer Meldung vom 29.06.2017 schreiben Sie, dass in den Medien immer wieder Hiobsbotschaften darüber kursieren, dass Frauen keine Hebammen finden. Und dass Sie nun den Grund dafür gefunden haben! Es liegt Ihnen zufolge nicht an einem tatsächlichen Hebammenmangel, sondern daran, dass die vielen freiberuflichen Hebammen sich einfach nur „verstecken“. Zum Beispiel, indem sie nicht möchten, dass die Krankenkassen ihren Versicherten ihre Kontaktdaten weitergeben.

Richtig, Hebammen möchten schließlich nicht arbeiten, sondern lieber weiter in der Hängematte rumliegen. Also ist es gut, wenn man möglichst nicht zu erreichen ist, sonst kommen vielleicht noch Anfragen und man müsste etwas tun. Das hat man ja aber als Freiberufler und schon gar nicht als Hebamme nötig, weil… merken Sie eigentlich spätestens an dieser Stelle, wie unsinnig Ihre Argumentation ist?

Es würde auch ein „bisschen“ Betreuung reichen

Um als Hebamme leben zu können, muss ich auch arbeiten und das nicht zu wenig. Ich kann nämlich meine Preise nicht selbst gestalten, sondern bin an eine Gebührenordnung gebunden. Leider passt die nicht zu den seit Jahren beständig steigenden Berufsnebenkosten. Aber das wissen Sie ja alles, weil Sie mit den Hebammenverbänden unsere Vergütung aushandeln.

Seit Jahren hören mehr und mehr Hebammen mit ihrem Beruf auf – und auch der Nachwuchs fehlt. Gleichzeitig werden immer mehr Kinder geboren. Das passt nicht zusammen und damit stimmt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage schon lange nicht mehr. Ich habe mir in den letzten Jahren immer wieder mal die Mühe gemacht nachzuzählen, wie vielen Frauen ich pro Monat absagen muss. In manchen Monaten waren es weit über 100.

Und das, obwohl ich mittlerweile nicht mehr auf den offiziellen Hebammenlisten stehe, für deren Eintrag man Geld bezahlen muss. Das stecke ich „lieber“ in die beständig teurer werdenden Berufshaftpflichversicherungsprämien. Auch online trage ich mich schon längst nicht mehr auf den diversen Websites ein, auf denen es eine Hebammensuche gibt. Auch meine berufliche Homepage müsste aus SEO-Gründen eigentlich dringend mal überarbeitet werden, damit sie auch mobil besser lesbar und leichter auffindbar wäre. Aber warum das alles? Damit ich noch mehr Frauen absagen kann?

Frauen finden keine Hebammen?

Selbst wenn wegen momentaner Babypause auf meiner Homepage steht, dass ich keine Betreuungen derzeit annehmen kann, melden sich die verzweifelten Frauen, ob ich nicht trotzdem Zeit hätte. Es würde auch ein „bisschen“ Betreuung reichen, schreiben die mir. Und ja, selbst Bargeld wird einem mittlerweile angeboten, um wenigstens in den allerersten Tagen nach der Geburt vorbeizukommen und nach Mutter und Kind zu schauen. Die Verzweiflung der Eltern ist deutlich hör-und lesbar.

Und genauso wie mir geht es den meisten Kolleginnen. Es gibt hier in Berlin in der Regel niemanden, an den ich die anfragenden Frauen weiter verweisen kann. Auch für Vertretungen lässt sich niemand mehr finden, weil alle Kolleginnen bis ins nächste Jahr hinein ausgebucht sind. Ich bin wirklich gut vernetzt und kenne viele Kolleginnen persönlich. Alle haben schon seit Jahren mehr als genug zu tun und verbringen nicht gerade wenig Zeit mit Absagen. Und dazu mit Telefonaten mit verzweifelten Frauen oder dem Schreiben von Mails, die keine Freude machen. Einfach weil man den Frauen nicht weiterhelfen kann.

Wenn die Mitarbeiter der Krankenkassen diesbezüglich von den verzweifelten Eltern kontaktiert werden, wissen sie wahrscheinlich auch nicht, wie sie weiter helfen können. Vielleicht würde es sich im ersten Moment gut anfühlen, wenn man dann eine lange Liste mit den Hebammenkontakten rausgeben könnte, die auf der Vertragspartnerliste stehen. Aber was wäre der Gewinn? Dass die Eltern dann noch weitere fünfzig Hebammen anrufen können, die alle auch keine Kapazitäten mehr haben?

Schuld ist das Gesundheitssystem, nicht die Hebamme

Sie merken, wie absurd Ihre Unterstellung ist, dass die Hebammen selbst dafür sorgen, dass Schwangere sie nicht finden können. Aus Hebammensicht musste ich sogar ein wenig schmunzeln über diesen wirklich abstrusen Gedankengang. Aber Ihre Meldungen werden nicht nur von Hebammen gelesen, die das Ganze wahrscheinlich richtig einschätzen und bewerten können.

In der Außendarstellung lassen Sie die Hebammen mal wieder als die „Bösen“ dastehen, vielleicht nicht ganz zufällig während der laufenden Gebührenverhandlungen, für die in diesen Tagen eine Entscheidung durch die Schiedsstelle erwartet wird. Und ja, die Eltern, die niemanden finden, sind sauer. Nicht selten bekommt man diese berechtigte Wut dann als Hebamme ab, wenn man ihnen auch noch absagt. Aber es ist nicht die „Schuld“ der Hebammen, dass die Situation so gekommen ist, wie wir sie heute vorfinden.

Es ist die Schuld eines Gesundheitssystems, das wirtschaftliche Interessen ganz klar vor Menschlichkeit setzt. Ein System, was den Lebensbeginn wie auch das Lebensende nicht würdigt. Es ist ein System, in dem nur das Ergebnis zählt: das körperlich gesunde Kind. Es ist dabei aber egal, wie die Umstände für eine werdende oder frisch geborene Familie drum herum sind. Zudem ist es ein System, in dem Hebammen, Ärzte und Pflegepersonal verheizt werden. Es wird eine Sicherheit durch Technik vorgaukelt, die es einfach nicht gibt. Es sind nämlich keine Menschen da, die eben jene gewährleisten und Situationen begleiten und einschätzen können.

Anstatt all diesen Problemen offen ins Auge zu blicken und an Lösungen zu arbeiten, denken Sie sich absurde Theorien aus, die wie in diesem Fall erklären sollen, dass es eigentlich gar kein Problem und keine Unterversorgung gibt….

Danke für gar nichts.

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10 Kommentare

Lisa 12. Juli 2017 - 09:46

Danke!
Ich habe die Meldung des GKV gerade gelesen und es hat mich als Mutter so verärgert, dass ich eine E-Mail an die Pressestelle schicken musste. Sonst gar nicht meine Art … Aber vielleicht hilft es ja etwas, wenn es auf so einen Humbug zumindest eine ordentliche Reaktion gibt, viele viele Leute ihrem Ärger Luft machen und die Verantwortlichen spüren könnten, dass das genau der falsche Weg ist.

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Villevallekind 9. Juli 2017 - 08:40

Es ist wirklich frustrierend! Ich selbst habe um ehrlich zu sein mich nicht einmal getraut, nach einer Hebamme zu suchen, da ich über den „Mangel“ bescheid weiß In der Schwangerschaft lag ich wegen GMH-Verkürzung im Krankenhaus und habe mich dort auch mit den Hebammen darüber unterhalten. Viele müssen zusätzlich (!) auch noch im Krankenhaus arbeiten obwohl sie total ausgelastet sind. Einfach, damit etwas mehr Geld reinkommt. Ich finde es traurig, dass so ein wichtiger Beruf immer mehr verschwindet Meine jüngere Schwester wollte Hebamme werden aber sie konnte leider nicht einmal ein Praktikum machen weil die Hebammen so viel zu tun haben und so ehrlich waren und ihr gesagt haben, dass sie leider keinen großen Nutzen von dem Praktikum hätte . Von einer Ausbildung aus Zeitmangel ganz abgesehen Es ist wirklich schade

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Inga 5. Juli 2017 - 14:36

Was der GKV da macht, nennt sich Lobbyarbeit. Es geht darum, die Hebammen nach und nach zu diskreditieren und so das Berufsfeld auf lange Sicht klein zu machen – um Kosten zu sparen. Selbstverständlich ist es ein Horror und grauenvoll für werdende Eltern und Hebammen (ich bin selber eine und verfolge mit wachsender Wut, was hier passiert). Aber man muss sich vielleicht auch Mal fragen, wann der Hebammenverband anfängt, professioneller aufzutreten und ebenso medienwirksam zu kontern. Mit Demos und Versorgungs-Landkarten kommt man dagegen nämlich nicht an!

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Kindderachtziger 5. Juli 2017 - 13:40

Danke für diesen Beitrag ohne den ich über diese abstruse Rechtfertigung nicht gestolpert wäre. Für mich ist unser Gesundheitssystem im Allgemeinen eine absolute Katastrophe. Egal von wem man hört nur Missstände und das obwohl wir nicht wenig Beiträge einzahlen. Ohne private Zusatzversicherung ist man wirklich nur eine Nummer. Mir steht das Thema Schwangerschaft, Hebammensuche und Geburt in naher Zukunft (hoffentlich) noch bevor, dennoch bin ich schon seit längerem bei Petitionen etc zu dem Thema dabei. Es ist ein Unding wie das in der Politik abgetan oder wie hier ins falsche Licht gerückt wird. Klar für die meisten trifft das Thema maximal auf mögliche Enkelkinder zu und Geld spielt ja hier auch keine Rolle. Leider ist der Unmut noch nicht groß genug bzw werdende Eltern haben anderes zu tun als sich dagegen mit aller Macht zu wehren. Wir sind leider kein Volk das aufsteht bei solchen Missständen, zähle noch dazu. Alles in allem Danke und weiterhin viel Spaß am deinem Beruf trotz der Umstände. Viele Grüße, Silke

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Margarete Naefe 5. Juli 2017 - 12:23

Es ist kaum zu glauben: U n s e r Staat läßt unsere Hebammen am ausgestreckten Arm verhungern! Ja, sollen sie denn umsonst arbeiten?

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Sonja 5. Juli 2017 - 06:18

Danke Anja für deine Worte:
An den GKV:
DANKE FÜR NICHTS

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Doro 5. Juli 2017 - 00:50

Wir haben 1,5 Jahre immer wieder nach einem anderen Kinderarzt gesucht. Jetzt haben wir endlich einen.
Meine Schwester ist Erzieherin und hat mir von einer Familie erzählt, die kein Attest für den Kindergarteneintritt vorlegen konnten, weil sie keinen Kindearzt weit und breit auftreiben konnten. Sie waren neu zugezogen.
Die Kinderärzte spielen wahrscheinlich auch verstecken. Aber vielleicht liegt es auch daran: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kindergesundheit-in-stuttgart-viele-kinderarztpraxen-am-limit.4bb6ef8d-67bb-42e2-af37-9199efebca25.html
Armes reiches Deutschland. Da schreien alle nach mehr Kindern und wenn dann mehr geboren werden ist unser System total überfordert damit.

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Julia 4. Juli 2017 - 20:17

Ich bin richtig wütend über diesen Artikel!
Danke für den Beitrag!

Jetzt soll ich mich also noch beim teuren Hebammenruf und auf der Hebammenliste registrieren und das bezahlen? Wozu denn? Ich kann eh nicht mehr Frauen annehmen, als ich eh schon nehme…

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Ines Heinecke 4. Juli 2017 - 18:58

„Danke für nichts“ Liebe GKV, ich weiß endlich warum wir unsere freien Beleghebammen Stellen nicht besetzen können, die spielen alle „Verstecken“ endlich hat es jemand erfasst, wegen Reichtum geschlossen, auf die Bahamas gezogen und dabei vergessen den Rückflug zu buchen…. Wer soll hier eigentlich veräppelt werden? Das ist doch an den Haaren herangezogen, wir beklagen seit Jahren einen Mangel an Hebammen, haben umfangreiche Netzwerke und persönlichen Kontakt zu Kolleginnen im Umkreis, dennoch finden viele Frauen einfach keine Hebamme. Aber die Begründung die hier geliefert wird ist nur ein letzter Versuch das Volk in Sicherheit zu wiegen, dabei ist es inzwischen schon 5 nach 12 !!! Danke Anja!

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Anne 4. Juli 2017 - 16:58

„Danke für Nichts.“

Genau so.
Der Artikel des GKV ist der absolute Hohn, ich frage mich ernsthaft, ob den niemand mit gesundem Menschenverstand gegen gelesen hat. Dann wäre ja aufgefallen, dass der geschilderte Sachverhalt einfach gar nicht stimmen kann, da Hebammen ohne betreute Frauen kein Einkommen haben.

Danke Anja für diesen Artikel!

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