Paarzeit, Liebe, Beziehung

Keine Zeit zu zweit?

von Anja

Es gab mal den Plan, zu unserem zehnten Hochzeitstag eine Woche nach San Francisco oder so zu fliegen. In der Realität war es dann „nur“ ein langes Frühstück am Hochzeitstag in dem Café mit angeschlossenem Blumenladen, in dem wir damals den Hochzeitsstrauß haben anfertigen lassen. Und ja, das war genauso schön. Weil wir zu diesem Zeitpunkt neben den schon größeren Mädchen einen kleinen, zweijährigen Sohn haben, der noch nicht eine Woche Urlaub bei Oma und Opa macht. Vielleicht würde er das sogar machen, aber wir als Eltern würden das noch nicht wollen.

Eine Freundin fragte mich kürzlich, ob es nicht nervig ist, dass man mit drei Kindern so wenig Zeit zu zweit hat. Ich musste erst einmal ein wenig darüber nachdenken, weil wir in meiner Wahrnehmung gar nicht so wenig Zeit zu zweit haben. Wir gehen morgens zusammen laufen. Gut, wir laufen zumindest gemeinsam los, weil Christian lieber schneller und ich lieber länger laufe. Danach trinken wir fast jeden Tag einen gemeinsamen Kaffee. Im Tagesverlauf ist auch ab und an eine gemeinsame Mittagspause vielleicht mit einem weiteren Kaffee im sonnigen Park drin.

Abends schlafen irgendwann zwischen 19.30 und 20.30 Uhr dann auch drei von drei Kindern. Auch danach gibt es Zeit, die wir exklusiv zu zweit verbringen können. Selbst wenn der Abend auch immer noch ein bisschen als Arbeitszeit dient. Ab und an übernehmen auch mal Oma und Opa das Babysitten für alle drei Kinder, generell aber aufgrund der weiten Entfernung eher selten.

Elternsein lässt sich nicht abschütteln

Nein, wir haben keinen regelmäßigen Babysitter oder feste Datenights. Doch auch im Alltag mit unseren Kindern haben wir viele kleine Augenblicke für uns. Sei es, wenn wir auf dem Spielplatz im Sand hockend den Kindern beim Spielen zuschauen. Oder wenn eine Autofahrt mit drei schlafenden Kindern auf dem Rücksitz genug Zeit für lange Gespräche bietet. Früher hatten wir mehr Zeit zu zweit, aber oft hatten wir auch viele andere Dinge zu tun. Und die totale Spontaneität gab es durch meinen Beruf ohnehin noch nie, da man oft recht spontan zu Geburten oder Hausbesuchen muss. Auch komplett freie Wochenenden und Feiertage waren eigentlich noch nie Teil unseres Alltags.

Natürlich ist das alles nicht vergleichbar mit der großen Abhängigkeit und gewissen Unflexibilität, die das Leben mit Kindern mit sich bringt. Aber jede größere Aufgabe im Leben hat auch einen anstrengenden oder mit Verpflichtungen verbundenen Teil. Die Aufgabe, unsere Kinder durchs Leben zu begleiten, ist aber eine, die uns beide sehr tief verbindet. Auch wenn ich mich für Christians andere Interessen mehr oder weniger interessiere, spüre ich bei nichts diese gleiche Freude und manchmal Sorge, wie wenn es um unsere Kinder geht. Niemand anderes versteht meine Gedanken dazu so gut wie er – und das in alle Richtungen.

Das Elternsein hat uns noch mal auf eine ganz neue Weise miteinander verbunden. Ja, auch auf eine sehr verbindliche Art. Denn wenn wir uns früher nach einem Streit auch mal ein paar Tage aus dem Weg gehen konnten, müssen die Dinge jetzt wesentlich schneller geklärt werden. Denn Kindern geht es nicht gut, wenn das familiäre Klima belastet ist. Und sie zeigen dies meist sehr deutlich. Manchmal ist das ziemlich anstrengend. Aber eigentlich sorgen unsere Kinder immer wieder dafür, sich auch den schweren Zeiten im Leben zu stellen und nach Lösungen zu suchen anstatt wegzulaufen. Denn das geht mit Kindern nicht mehr. Selbst wenn Eltern sich trennen, müssen sie es weiter hinbekommen, als gemeinsame Eltern eines Kindes respektvoll miteinander umzugehen. Selbst wenn sich ein Elternteil ganz aus dem Leben mit Kind zurückzieht, wird er ein Leben lang auf die eine oder andere Art präsent sein.

Ein Alltag, von dem man sich nicht erholen muss

Das Elternsein ist somit etwas, das sich nicht abschütteln lässt. Auch nicht dann, wenn der Babysitter zweimal die Woche übernimmt. Im besten Fall beschert er den Eltern mal eine Zeit, in der sie sich nur um sich kümmern können. Aber wenn etwas ist, werden sie trotzdem zuerst angerufen. Und ja, ich verbringe gerne auch mal Zeit mit Christian ganz alleine. Ein gemeinsames Essen in Ruhe oder eine ohne Kinder besuchte schöne Veranstaltung gefällt uns beiden gut. Aber das sorglose Paar ohne Kinder und ohne die damit verbundene große Verantwortung werden wir nie wieder sein – auch nicht für einen Abend.

Darum liegt wohl der Fokus beim Sorgen für unsere Beziehung darauf, einen möglichst guten Alltag miteinander hinzubekommen. Und zwar jeden Tag. Einen Alltag, in dem trotz vieler Aufgaben immer noch Raum bleibt für die Befindlichkeiten eines jeden Einzelnen. Einen Alltag, in dem jeder ehrlich sagen kann, dass er es gerade nicht so gut hinbekommt und um Hilfe bitten kann. Einen Alltag, in dem das gleichberechtigte Miteinander immer wieder neu verhandelt wird, wenn es zu kippen droht oder sich ein Partner unwohl mit etwas fühlt. Einen Alltag, in dem die guten und schwierigen Momente geteilt werden. Einen Alltag, in dem kleine Dinge statt großer Gesten oft mehr zählen. Einen Alltag, der Problemen mit dem oft nötigen Humor begegnet. Kurz gesagt, einen Alltag und ein Miteinander, von dem wir uns nicht in Urlauben oder bei aufwendig geplanten Datenights erholen müssen.

Wenn wir das hinkriegen, werden wir auch noch etwas später genug Zeit haben, die Reisen und Dinge zu machen, die wir jetzt vielleicht nicht geschafft haben.

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14 Kommentare

Kathrin 22. April 2015 - 09:54

Liebe Anja,
das ist wieder einmal ein so wunderbar geschriebener Post von dir, wie eigentlich alle, ich sitze hier ganz regelmäßig und denke mir genau so ist es.
Ich finde es auch wohltuend mal nicht von wöchentlichen Paarzeiten zu lesen, auch wir versuchen den Alltag zu genießen, was mit 3 Kindern, großem Haus und Garten, Selbständigkeit meines Mannes und diversen Ehrenämtern etc. manchmal gar nicht so leicht ist.
Für unseren 10. Hochzeitstag im letzten Sommer schwebte mir auch eine Woche Santorin oder Amalfiküste vor, tatsächlich war ich dann im Wochenbett mit 4 Wochen altem Babysohn, das war so eine schöne Zeit und wir haben am Abend trotzdem etwas zusammen gefeiert, eben mit dem Kleinen neben uns schlafend.
Die beiden Großen sind im Alter von euren, von daher wissen wir, es kommen auch wieder andere Zeiten, in denen mehr Platz für den einzelnen und auch für uns als Paar bleibt.
Viele Grüße,
Kathrin

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Katarina 21. April 2015 - 19:11

Hallo Anja,

War das zufällig im Blumencafe? Da wo auch der Papagei rumfliegt?

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Anja 21. April 2015 - 19:29

Liebe Katharina,

einen Papagei habe ich da noch nicht gesichtet, aber dafür zahlreiche leckere Torten;)
Das hier: http://www.cafe-anna-blume.de/

Liebe Grüße, Anja

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Maike 20. April 2015 - 21:35

Ich finde mich in dem Artikel sehr wieder. Ich habe mit meinem Freund auch keine Datenights, aber wir mögen unseren Alltag und finden uns da auch regelmäßig zu zweit drin wieder. Das wichtigste, was ich in den letzten Jahren mit zwei Kindern gelernt habe, für mich, aber auch für uns als Paar: So wenig wie möglich Stress zulassen.
Das klingt banal, aber Stress ist tatsächlich oft eine innere Entscheidung, die den Unterschied macht, zwischen schöner gemeinsamer Zeit oder dem Gefühl, nach einem Tag mit der Familie, hinter einem Trecker hergeschleift worden zu sein.

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Tanja 18. April 2015 - 18:29

Liebe Anja,
viel Wahres dran an deinem Artikel. Dennoch kann ich es – auf mich bezogen – nicht richtig teilen, weil ich selbst andere Erfahrungen mit Kids (2 Kinder, 3 und 7 Jahre) und mit meinem Mann gemacht habe. Die Erfahrung bei uns war, dass sich unser Paarsein nur selten harmonisch in den Familienalltag integrieren ließ. Das liegt sicher nicht nur an den äußeren Umständen, zwei kleinen Kindern zu haben und auch nicht nur an den ganzen Dingen, die man so plant oder auch im Alltag organisiert wie Arbeit, Betreuung etc. Es liegt vor allem an uns als Paar und Eltern. Wir haben es leider nicht so gut hinbekommen, als Paar den Alltag zu genießen und uns auch gut dabei zu fühlen. Für uns war es irgendwann überlebenswichtig, dass wir uns mehr „Auszeiten“ gegönnt haben – sowohl alleine (der andere übernimmt dann die Kids) als auch zu zweit (regelmäßig ein Paarabend pro Woche durch Babysitterin). Das muss ich sagen hat unsere Beziehung gerettet und uns den sonst so anstrengenden Alltag auch wieder leichter gemacht. Es gibt sicherlich keine pauschalen Ratschläge. Aber bei uns war tatsächlich die abgedroschene „Zeit-zu-Zweit“ – fest jede Woche zu regelmäßigen Zeiten – der Rettungsanker. Wir haben aber auch zu zweit grundsätzlich nicht viel gemeinsame Zeit im Alltag, da wir beide festangestellt sind und in verschiedenen Städten arbeiten. Leider sind so kraftbringende gemeinsame Rituale wie der gemeinsame Kaffee oder so nicht drin.

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Larissa//No Robots Magazine 18. April 2015 - 17:03

Schöner Artikel!
Ich habe nun (noch) keine Kinder und kann deswegen nicht wirklich vergleichen. Aber, ganz ehrlich, nach neun Jahren Beziehung verbringen wir zumindest auch nicht mehr allzu oft wahnsinnig romantische Zeit miteinander. Auch bei uns reduziert sich das im Wesentlichen auf den Versuch, abends zusammen zu Abend zu essen (was auch nicht immer klappt) und sonntags in Ruhe zu frühstücken. Ich habe jetzt keine große Angst, dass sich unser Paar-Leben in dieser Hinsicht mit Kind allzu dramatisch ändert. 🙂

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Anna 17. April 2015 - 19:06

Das ist wirklich ein schöner ARtikel, der mich in einer Phase trifft (erstes Kind fast ein Jahr), in welcher ich schon gelegentlich (wenn ich dazu komme, drüber nachzudenken^^) damit hadere, dass die noch vor zwei Jahren gelebte Unverbindlichkeit zumindest für seeeehr lange ausgeschlossen scheint.. Aber das kommt ja wieder, wahrscheinlich schneller als man denkt, und dann vermisst man die Zeit der völligen Abhängigkeit dieses süßen, kleinen, nervenraubenden Männekiekens..

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Schokominza 17. April 2015 - 11:06

Ich persönlich würde schon gerne Zeit mit meinem Mann verbringen. Es muss ja nicht San Francisco sein. Mal abends essen gehen oder einfach nur zu zweit wandern würde reichen, aber wir tun uns ein bisschen schwer mit dem Finden eines Babysitters, also fremden Menschen unsere Kleinen zu überlassen. Unsere Töchter sind 6 Monate und (fast) zwei Jahre alt. Wir meistern den Alltag sehr gut und das freut mich, aber die Zweisamkeit fehlt.

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Anja 17. April 2015 - 11:16

Liebe Schokominza,

ich kann Dir versichern, dass das auch alles wieder kommt. Mit zwei so kleinen Menschen ist das sicher gerade die arbeitsintensivste Phase, was Euer Elterndasein betrifft. Und da erscheint einem die Zweisamkeit bisweilen unendlich weit weg… Aber schneller als man denkt, ist das auch wieder anders:) Trotzdem viele schöne und gemeinsame Momente für Euch zu zweit und zu viert. Liebe Grüße, Anja

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Nadine 17. April 2015 - 10:35

Liebe Anja,

DANKE :o) Endlich mal jemand, der nicht darauf pocht, dass man als (Jung-)Eltern das Paar-Sein nicht vergessen darf und sich regelmäßig „Auszeiten-zu-zweit“ gönnen soll.

Denn letztendlich geht es doch genau darum:
„Kurz gesagt, einen Alltag und ein Miteinander, von dem wir uns nicht in Urlauben oder bei aufwendig geplanten Datenights erholen müssen.“ – Wenn es im Alltag nicht läuft, dann kann man das doch auch nicht mit ein paar Datenights oder einen Urlaub zu zweit aufholen/kitten.

Klar sind solche kindfreien Zeiten auch bei uns echte Sahnehäubchen (AUSSCHLAFEN :o)), aber genauso schön ist es, sich zwischendurch kurz in den Arm zu nehmen oder zu küssen…

Und schließlich will ich ja auch meinen Kindern vorleben, dass eine Beziehung/Ehe auch im Alltag stattfindet und nicht nur an mühsam geplanten 2h im Monat…

Liebe Grüße,
Nadine

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Schwesternliebeundwir 17. April 2015 - 10:15

Dem kann ich nur zustimmen. Mehr Zeit zu Zweit werden wir nicht haben bzw. wollen so lange die Kinder noch so klein sind und es ist wichtig die kleinen Momente im Alltag zu sehen.

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Vero 17. April 2015 - 09:33

Hallo, ich habe mir gerade Zeit genommen diesen Beitrag zu lesen, zu fühlen, kurz um, Zeit mich darauf einzulassen. Ihn nicht einfach zu überfliegen, sondern zusammen mit einem Pott Milchkaffee zu genießen, während mein Sohn Elias die Schüsselschublade plündert;-)

Zeit zu zweit, Zeit für sich, beides ist rar geworden! Der Alltag mit zwei Kindern ist bunt, laut, chaotisch und voll. Voll mit Terminen, Verbindlichkeiten, Fürsorge, Organisation von morgens bis abends, meistens.

Aber manchmal gibt es diese kleine Fluchten, denen man sehnsüchtig begegnet. Die wie Traubenzucker wirken, neue Energie für das Abenteuer Familie schenken!

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Anja 17. April 2015 - 13:13

Was für schöne Worte von Dir:) Danke und liebe Grüße, Anja

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Sven 17. April 2015 - 08:28

sehr schön. Ich nicke zustimmend.

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