Kreißsaal wegen Überfüllung geschlossen

von Anja

In einem Artikel des Eltern-Magazins las ich folgenden Satz: „Dann kann es in extrem seltenen Fällen passieren, dass die Klinik einen kurzfristigen Aufnahmestopp beschließt und die Frau mit dem Krankenwagen in eine andere Klinik bringen lässt.“ Es ging dabei um die Frage, was denn passiert, wenn der Kreißsaal überfüllt ist.

Noch vor wenigen Jahren ist meine Antwort zu dieser Frage im Geburtsvorbereitungskurs ähnlich ausgefallen. Doch mittlerweile sind diese Verlegungen längst an der Tagesordnung. Es gibt geburtenstarke Kliniken im Großstadtbereich, die pro Jahr mehrere hunderte Frauen abweisen oder in andere Häuser verlegen, weil der Kreißsaal überbelegt und das Personal unterbesetzt ist.

Wenn also in manchen Krankenhäusern jede zehnte Frau unter der Geburt bereits an der Kreißsaaltür abgewiesen oder in eine andere Klinik verlegt wird, kann man nicht mehr von extrem seltenen Fällen sprechen. Dies bestätigen auch viele Kolleginnen aus anderen Regionen in Deutschland. Und einige Hebammen würden sich sogar wünschen, dass das in ihren Häusern so geschehen würde, denn in einem unterbesetzten, übervollen Kreißsaal spielt sich die Geburtshilfe nicht selten im Bereich der Fahrlässigkeit ab. Also ist das großzügige Verlegen eigentlich sogar ein vernünftiges Management in dieser recht schwierigen Situation.

Was das allerdings für jede einzelne Frau bedeutet, lässt sich nur erahnen. Denn meist haben sich Eltern eine bestimmte Geburtsklinik ja nicht ohne Grund ausgesucht. Geburt funktioniert nun mal an jenem Ort am besten, an dem wir uns als Menschen wohl fühlen und entspannen. Dies ist im Klinikalltag ohnehin schon nicht so einfach. Aber wenn jemand vielleicht schon gute Erfahrungen mit einer Klinik oder sich auf dem Informationsabend sehr wohl gefühlt hat, ist zumindest ein gutes Grundgefühl vorhanden. Durch die Verlegung an einen anderen, unbekannten Geburtsort, geht dieses Gefühl schnell verloren. Neue Situationen sorgen für Stress. Und die durch Stress ausgeschütteten Hormone sind nachweislich sehr hinderlich für den Geburtsverlauf.

Teuflischer Kreislauf im Kreißsaal

Wäre es deshalb nicht fairer, den Eltern im Vorfeld zu sagen, dass eine mehr oder weniger große Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie nicht in der Klinik ihrer Wahl ihr Kind zur Welt bringen können – egal wie früh in der Schwangerschaft sie sich dort schon angemeldet hatten? Auch meine Bloggerkollegin Rebecca von Elfenkind Berlin durfte nicht in ihrer Wunschklinik gebären. Rebecca und ihre Hebamme erhielten in dieser Nacht zudem in fünf weiteren Kliniken eine Absage. Trotzdem ging letztlich alles gut aus. In einem anderen Fall, bei dem im vergangenen Jahr eine Schwangere an der Kreißsaaltür wegen Überfüllung abgewiesen wurde, war dies leider nicht der Fall. Das Baby verstarb.

Gebessert hat sich die Situation seither nicht. Es schließen mehr und mehr geburtshilfliche Abteilungen. In vielen Häusern sind zahlreiche Hebammenplanstellen unbesetzt. Kolleginnen, die wegen Krankheit oder Schwangerschaft ausfallen, können nicht ersetzt werden. Durch die permanente Überlastung und das Mitwirken an einer Geburtshilfe, die nicht der eigenen Berufsethik entspricht, reduzieren oder kündigen immer mehr Hebammen ihren Kreißsaaljob. Ein teuflischer Kreislauf, der sich scheinbar nicht unterbrechen lässt.

Was vor einigen Jahren ab und zu vorkam, wird mehr und mehr zur Normalität in Deutschlands Kreißsälen: Mütter müssen trotz bereits begonnener Geburt abgewiesen werden – auch wenn sie mit Wehen zur Klinik kommen. Oder sie dürfen bleiben und erhalten statt einer guten Geburtsbegleitung ein Dauer-CTG, das auf dem externen Monitor mehr oder weniger gut beobachtet wird.

Realität statt guter Hoffnung

Diese Entwicklung ist irgendwie leider logisch, wenn mehr und mehr Kliniken schließen, es immer weniger Hebammen gibt und gleichzeitig die Geburtenzahlen eine leichte Aufwärtstendenz zeigen. An irgendeiner Stelle muss sich das ja bemerkbar machen.

Deshalb müssen wir wohl aufhören, Eltern in Klinikbroschüren, auf Informationsabenden oder in Geburtsvorbereitungskursen die Realität schöner auszuschmücken, als sie tatsächlich ist. Auch mir fällt das schwer, denn schließlich befinden sich Eltern da gerade in einer Zeit der guten Hoffnung. Einer Zeit, in der die Mütter möglichst entspannt und sich sicher fühlend in die Geburt gehen sollten. Doch das ist unter diesen Bedingungen nicht so einfach.

Es ist für mich daher sogar ein bisschen nachvollziehbar, wenn Frauen den scheinbar verlässlich planbareren Kaiserschnitt in Erwägung ziehen. Zumal Begriffe wie „Sanfter Kaiserschnitt“ und „Kaisergeburt“ das ganze Geschehen auch als einfach und harmlos darstellen. Doch selbst dieser Geburtsweg ist nicht verlässlich planbar. So sitzen ab und zu Schwangere schon vorbereitet auf dem OP-Tisch, um dort ihre regionale Betäubung zu erhalten. Wenn dann aber ein Notkaiserschnitt ansteht und die Personalressourcen eng werden, wird der geplante Kaiserschnitt eben einfach verschoben. Eine Freundin musste sogar bis zum nächsten Tag warten, bevor ihr durch medizinische Indikation bedingt geplanter Kaiserschnitt stattfand. Auch sie war bereits mit einem Bein im OP.

Geburten sind nicht planbar. Das war und ist eine schlichte Wahrheit. Bereits vor vielen Jahren habe ich Dienste erlebt, während denen Frauen in Nebenräumen des Kreißsaalbereichs ihre Kinder bekamen und entsprechend auch wenig geburtshilfliche Begleitung dabei hatten. Doch es waren absolute Ausnahmen. Davon kann aktuell längst nicht mehr die Rede sein. Eltern müssen wohl anfangen, andere Fragen zu stellen bei der Entscheidung für einen möglichen Geburtsort. Die Fragen danach, wie viele Hebammenstellen aktuell in einer Klinik tatsächlich besetzt sind. Oder wie oft Frauen in andere Kliniken verlegt werden müssen. Die Antworten auf diese Fragen sind letztlich genauso oder noch entscheidender wie die auf Fragen nach der Anzahl der Geburten in aufrechter Gebärhaltung oder der Dammschnittrate…

Sehr hörenswert zu diesem Thema ist übrigens der Beitrag „Am Anfang des Lebens“ vom SWR.

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7 Kommentare

Andrea 16. Januar 2017 - 09:04

Deshalb möchte und werde ich nicht in München entbinden :/ Wir haben uns für eine sehr gute und fortschrittliche Klinik in einem geburtenschwachen Gebiet Bayerns entschieden, in der schon meine Schwester ihre Kinder entbunden hat. Es ist echt eine Schande… Vermutlich finde ich hier noch nicht einmal eine Hebamme 🙁

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Michi Skott 26. September 2016 - 14:11

Ich möchte euch alle, egal, ob ihr noch weitere Kinder plant oder nicht, dazu ermuntern, dieses System nicht einfach so hinzunehmen. „Von allein“ wird sich nichts ändern. Bitte werdet gemeinsam mit uns laut. Für euch und für eure Kinder! Wir brauchen eure Unterstützung. http://www.mother-hood.de Danke! Michi Skott http://factsandfaces.de/?p=121

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Ina 29. Januar 2016 - 19:28

2013 brachte ich mein 1. Kind in einer kleineren Klinik (2Geburtszimmer, 1 Vorwehenraum, Bad mit Wanne) zur Welt. Es war eine pragmatische Entscheidung (wir waren erst kurz vorher umgezogen) für dieses Haus gegen die Viel größere Uniklinik. Als ich mit Wehen und Mumu bei 3cm ins Haus kam, waren alle normalen Zimmer belegt und so „durfte“ ich in die Wanne. Als ich mich etwas später weigerte, mir „vorsorglich“ eine Braunüle legen zu lassen, musste ich aus der Wanne raus (angeblich zu riskant), unter Wehen und im Kliniknachthemd über den Flur am Fahrstuhl vorbei ins Vorwehenzimmer, etwas später dann den gleichen Weg zurück in ein Geburtszimmer… Die Geburt hat sehr viel länger gedauert, als wahrscheinlich nötig, aber jede Unterbrechung hat mich und das Baby aus dem Rhythmus gebracht. Es war damals schon klar, dass der 2. im Geburtshaus zur Welt kommen wird und erst dann in den Vorgesprächen habe ich verstanden, was damals alles schief gelaufen ist. Und wenn ich dies hier lese, kann ich von Glück sprechen, dass ich nicht doch in der Uniklinik gelandet bin…

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Alexandra 26. Januar 2016 - 20:06

Auch ich habe in einem „Nebenzimmer“ entbunden, weil alle Kreißsäle belegt waren, ich lag bereits seit über 20 Std in den Wehen, hatte seit 2 Std eine PDA und wurde fast 1,5 Std mit Presswehen alleine gelassen…. Im Nachhinein eigentlich ein Skandal. Es ging alles gut aus, aber für eine evtl nächste Geburt stellt sich schon die Frage: was tun? Was wäre denn die Alternative? Hausgeburt: findet man fast keine Hebamme mehr, die das macht. Geburtshaus: müssen immer mehr schließen. Irgendwie bin ich wirklich ratlos.

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Jitka 26. Januar 2016 - 15:42

Ich habe sogar drei Kliniken mitgenommen. Mit Blasensprung in der 34. Woche steuerte ich die nächst gelegene Klinik mit Kinderklinik an. Da ich dort nicht angemeldet war, wurde ich weiter verlegt, obwohl theoretisch Platz im Kreißsaal gewesen wäre. Mein Kind kam in Klinik Nr. 2 zur Welt, doch da die Neonatalstation voll war, wurden wir in Klinik Nr. 3 verlegt, allerdings kam mein Transport erst drei Stunden nach dem für das Baby. Alles in allem keine besonders angenehme Geburtserfahrung…

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Jana 26. Januar 2016 - 12:25

Ich bin eine von den Schwangeren, die schon im OP auf die Spinalanästhesie gewartet hat und wieder rausgefahren wurde, weil eine andere Frau gerade ihr Kind in BEL zur Welt gebracht hat. Ich wurde bei der Planung des Termins für den Kaiserschnitt auch darüber aufgeklärt, dass das vorkommen kann.
Deswegen hatte ich vollstes Verständnis, dass unser geplanter Kaiserschnitt verschoben wurde. Ganz im Gegenteil, ich war froh, dass die Klinik die richtigen Prioritäten setzt: erst natürliche Geburt und dann geplanter Kaiserschnitt.

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Stefanie 26. Januar 2016 - 10:17

Die Freiburger Krankenhäuser können auch ein Lied davon singen.

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