Baby, satt, stillenbunt

Mehr als satt werden für das Baby

von Anja

Dies ist der 39. Beitrag in unserer Reihe „Stillen ist bunt“ (alle weiteren findet ihr gesammelt hier), in dem Steffi ihre persönliche Stillgeschichte teilt. Die 35-Jährige ist verheiratet und wohnt in einer Kleinstadt in Ostwestfalen. Die Grundschullehrerin ist Mutter eines Sohnes, den sie fast zwei Jahre gestillt hat. Hier berichtet sie von ihrer Still- und Abstillzeit und auch davon, wie das Ankommen in der Mutterrolle war. Steffi erzählt auch vom positiven Einfluss der Stillerfahrungen ihrer eigenen Mutter und der für sie eher belastenden Einstellung der Schwiegermutter zum Stillen.

Was hast du vor deiner Schwangerschaft über das Stillen gedacht bzw. welche Erfahrungen mit dem Thema gemacht?
Für mich war es nie eine Frage, ob ich stillen werde – das war selbstverständlich. Ich bin selbst gestillt worden und habe bei meinen jüngeren Geschwistern (mein jüngster Bruder ist 13 Jahre jünger als ich) auch schon recht bewusst miterlebt, was das bedeutet. Ich kann mich erinnern, dass es für mich als Teenager mal ein ganz großes Geschenk war, dass meine Mama mit mir zu einer Schulveranstaltung ging – obwohl das Baby nicht mitdurfte (oder konnte) und Papa zu Hause die Not mit einer zerdrückten Banane zu stillen versuchte 🙂 Heute weiß ich, was das für meine Eltern bedeutet hat.

Wie hast du dich vor der Geburt über das Thema informiert? Gab es Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf die vor euch liegende Stillzeit?
Im Grunde gar nicht. Ich war in einem Geburtsvorbereitungskurs und habe dort natürlich entsprechendes Wissen vermittelt bekommen. Aber gebraucht hätte ich das nicht. Für mich war klar: Das ist die einfachste, sinnvollste, beste und kostengünstigste Art der Ernährung. Und es ist mehr als satt werden für das Baby. Und mein Gefühl sagte mir, dass ich mehr auch nicht wissen muss. War auch so. Ich weiß inzwischen, dass das nicht immer so ist und betrachte es deshalb als ein großes Geschenk, dass es bei uns so geklappt hat.

Wie verlief der Stillstart und wie ging es dir und deinem Baby dabei? Welchen Einfluss hatte die Geburt auf eure ersten Stillmomente?
Von Anfang lief alles, wie man sich das so vorstellt und wünscht. Wir sind am Tag nach der Geburt (die mit einem Blasensprung begann und recht lange gedauert hat, weil ich auf Wehenmittel angewiesen war, die aber zwischendurch immer mal wieder zurückgefahren wurden, aber ansonsten sehr unproblematisch war) nach Hause gegangen. Als der Milcheinschuss kam, gab es kurz einen Moment, der nicht so lustig war – ich habe meinen Sohn geweckt, weil ich dachte, ich platze sonst.

In Muttermilchpfütze aufgewacht

Auch habe ich am Anfang noch geglaubt, dass ich nachts ohne BH (und dann eben auch ohne Stilleinlagen) auskomme – und bin in einer Muttermilchpfütze aufgewacht. Die Brustwarzen mussten sich erst an ihre neue Aufgabe gewöhnen und waren anfangs blutig. Aber ich habe all das nicht richtig wahrgenommen. Es gehörte zu meiner Aufgabe als Mutter. Und mein Baby wusste von Anfang an offenbar ganz genau, was er zu tun hat. Damit war alles ganz einfach. Als ich meine Hebamme beim ersten Besuch noch etwas verunsichert fragte, ob ich das überhaupt richtig mache, sagte sie nur: „Ich höre, dass er saugt und ich höre, dass er schluckt. Also ja!“

Wie lief das Stillen im Wochenbett? Hattest du in dieser Zeit Unterstützung?
Nicht mehr oder weniger als sonst auch. Ich war nach der Geburt schnell wieder fit und konnte mich – zumindest was das Stillen betrifft – völlig problemlos in meine Mama-Rolle einfinden. An vielen anderen Stellen ist mir das viel schwerer gefallen. Als mein Mann nach zwei Monaten Elternzeit wieder arbeiten ging und ich plötzlich den ganzen Tag mit dem Baby alleine zu Hause war, ist mir die Decke auf den Kopf gefallen.

Ich habe fast das ganze erste Lebensjahr gebraucht, um neue Kontakte zu knüpfen. Ich hatte es mir viel einfacher vorgestellt: in eine Krabbelgruppe oder zum Pekip gehen, da trifft man ja andere, fertig. War aber nicht so leicht wie gedacht. Irgendwie hatten sämtliche andere Mütter einen ebenfalls kinderkriegenden Freundeskreis und wollten gar keine neuen Kontakte. Ich blieb am Ende immer übrig oder gehörte nicht richtig dazu.

Nachts gefühlt alle halbe Stunde gestillt

Wer war bei Fragen oder Problemen in der Stillzeit für dich da? Wer oder was hat dir besonders gut bei etwaigen Schwierigkeiten geholfen?
Abgesehen davon, dass ich phasenweise wirklich gerädert war, weil ich nachts gefühlt alle halbe Stunde gestillt habe, gab es keine echten Probleme, was das Stillen betrifft. Meine Hebamme hat den ganzen Prozess mit begleitet und immer die richtigen Worte gefunden. Meine Mama hat mir das Alltagswissen vermittelt, das sich nicht von allein ergibt und die Fragen beantwortet, die man sich vorher einfach nicht stellt.

Unsere Baustellen in dieser Zeit lagen anders: Die Haussanierung, die wir schon vor der Schwangerschaft begonnen hatten, kam kurz nach der Geburt zum Ende, wir sind umgezogen. Mein Mann war nahezu die gesamte Elternzeit mit Rückenproblemen außer Gefecht. Wir haben beide massiv darunter gelitten, nicht mehr durchschlafen zu können. Und ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass mir die Zeit durch die Hände rinnt – erst hatten wir jahrelang auf diese Schwangerschaft gewartet, dann war sie so schnell vorbei und bevor ich gucken konnte, konnte das Baby sitzen…

Das alles in Kombination mit einem großes Hunger meines Sohnes führte dazu, dass ich ziemlich schnell ziemlich viel Gewicht verloren habe. Vielleicht waren es auch einfach nur die „Kinderwunschpfunde“, die ich mir in den frustrierenden Jahren zuvor angefuttert hatte, die einfach wieder verschwanden. In jedem Fall hat es mir extrem gutgetan, dass das so von alleine passierte. Als mein Sohn fünf Monate alt war, wog ich zehn Kilo weniger als vor der Schwangerschaft.

Unglaubliche Mengen Apfelmus gekocht

Wie verlief der Beikostbeginn? Welche Erwartungen gab es? Und wie hat sich das Stillen in dieser Zeit verändert?
Die Erwartungen meiner Umwelt waren klar. „Der guckt doch schon deiner Gabel hinterher, der möchte auch!“ Das stimmte durchaus, aber in den Mund nehmen wollte mein Sohn trotzdem nichts davon. Und erst recht nicht runterschlucken. Letztlich war er schon über sechs Monate alt, als er tatsächlich angefangen hat, andere Dinge zu essen. Und zwar gar nicht so, wie es andere Mütter mit gleichaltrigen Kindern immer schilderten. Als eine Bekannte sagte, sie habe „letzte Woche die Nachmittagsmahlzeit ersetzt“ habe ich ganz schön schräg geguckt.

Nachmittagsmahlzeit??? Mein Kind hat immer zu einer anderen Uhrzeit Hunger?! Je nachdem, wie viel er in der Nacht schon hatte…? Vielleicht war der Beikostbeginn auch deswegen so holprig, weil ich ganz klassisch mit Möhre angefangen habe (eines der wenigen Sachen, die er bis heute nicht besonders gerne isst) und dann mit Kartoffel weitergemacht habe (die einzige Sache, die er nicht verträgt – was aber so ungewöhnlich ist, dass es eine ganze Weile gedauert hat, bis ich dahinter gekommen bin, woran es liegt).

In dieser Zeit, in der nichts so richtig klappte, war ich heilfroh, dass ich ihn einfach stillen konnte, und dann war er satt. Es hat bis zu seinem zehnten Lebensmonat gedauert, bis er täglich Obstmus aß – und zum Frühstück Brot. Das Obstmus habe ich irgendwann mit Hafer- oder Hirseflocken erweitert, aber ansonsten ging nichts. Er hat im letzten Herbst den kompletten Apfelbaum meiner Eltern alleine leergegessen und ich habe unglaubliche Mengen Apfelmus gekocht und eingefroren.

Das Stillen morgens abgeschafft

Wir haben ihm immer wieder anderes Essen angeboten, er wollte nicht. Unsere Hauptmahlzeit ist abends, da hat er von Anfang an mit am Tisch gesessen und irgendwann dann auch Obstmus oder Brot gegessen, sonst nichts. Am Tag nach seinem ersten Geburtstag machte er dann aber plötzlich sehr deutlich, dass er wohl Interesse an dem Chili con carne hätte, das wir auf den Tellern hatten. Das war natürlich alles andere als zurückhaltend gewürzt, wir haben ja mit vielem gerechnet, aber nicht damit… es verschwand eine beachtliche Menge in seinem Mund. Und seitdem isst er. Nahezu alles. Ganz vorne mit dabei: Oliven, Pilze und Camembert.

Wie verlief der Abstillprozess bzw. welche Wünsche oder Vorstellungen hast du in Bezug auf diese Zeit?
Ich würde sagen: Wir sind mittendrin. Ich habe das erste halbe Lebensjahr voll und danach für den Rest des ersten Lebensjahres noch sehr viel gestillt. Kurz nach seinem ersten Geburtstag hat mein Sohn das „Vor-dem-Mittagsschlaf-Stillen“ selber abgeschafft. Und etwas später dann das „Nach-dem-Mittagsschlaf-Stillen“. Bis zu seinem 16. Lebensmonat habe ich noch zum Einschlafen, nachts und nach dem Aufwachen gestillt. Dann schlief er plötzlich durch – und es dauerte fast zwei Wochen, bis ich es auch wieder konnte.

Und kurz danach habe ich das Stillen morgens abgeschafft. Bis heute (21 Monate) stille ich zum Einschlafen, wobei da inzwischen nicht mehr viel Flüssigkeit den Besitzer wechselt. Gelegentlich dockt er auch ab und sagt „alle!?“, es scheint also auch nicht mehr viel da zu sein. Einerseits bedeutet das eine gewisse Einschränkung, denn die einzige, die ihn abends ins Bett bringen kann, bin ich. Andererseits ist es ein großes Geschenk, denn wir haben jeden Abend ein paar Minuten für uns. Seitdem ich nur noch abends stille, bin ich auch nicht mehr allzu kritisch mit den Dingen, die in der Stillzeit eigentlich tabu sind – wenn ich direkt nachdem ich meinen Sohn ins Bett gebracht habe ein Glas Wein trinke, dann wird das 23 Stunden später wohl kaum noch Auswirkungen haben. Und so ist das für uns beide eine gute Lösung.

Es ist meine Entscheidung

Inzwischen binde ich aber nicht mehr jedem auf die Nase, dass ich IMMER NOCH stille – denn die Reaktionen sind wirklich nicht berechenbar. Und ich denke: außer meinem Sohn und mich selbst geht es ja auch eigentlich niemanden etwas an. Höchstens noch meinen Mann. Ich habe keine Lust auf lange Diskussionen und keine Lust, mir von anderen sagen zu lassen, ob sie das für gut oder schlecht halten oder mich rechtfertigen zu müssen. Es ist meine Entscheidung und die meines Sohnes. Irgendwann wird er nicht mehr wollen und dann ist es gut so.

Was war oder ist das Schönste für dich am Stillen?
Das Gefühl, mein Baby ernähren zu können. Das Gefühl, gebraucht und geliebt zu werden. Das möchte ich so schnell noch nicht hergeben, deshalb gibt es für mich gerade auch keinen Grund, das Einschlafstillen abzuschaffen. Zumal wir nicht wissen, ob es ein weiteres Kind geben kann.

Was war am schwersten oder belastendsten für dich in der Stillzeit?
Meine Schwiegermutter. Sie hat es nie ganz direkt gesagt, aber immer wieder deutlich gemacht, dass Stillen ja eigentlich etwas für Leute ist, die die Babynahrung nicht bezahlen können – zumindest fühlte sich das für mich so an. Mein Sohn war sechs Tage alt, als sie mich fragte, wie lange ich ihn denn noch stillen wolle. Und als ich ihr ehrlich antwortete, weil ich damals noch nicht ahnte, was noch kommen würde, ist ihr alles aus dem Gesicht gefallen – und danach mir.

Stillen ohne viele Gedanken angehen

Immer wieder hatte ich den Eindruck, mir würde unterstellt, dass ich nur stille, damit ich das Kind nicht für lange Zeit hergeben kann – was durchaus stimmte, aber nichts mit dem Stillen zu tun hatte. Das hätte ich auch mit einem Flaschenkind im ersten Lebensjahr nicht gemacht. Wenn ich keinerlei Freiheiten hätte aufgeben wollen, hätte ich auch kein Kind bekommen.

Was würdest du in einer weiteren Stillzeit anders machen? Was ist deine wichtigste Erkenntnis in Bezug auf das Stillen, die du anderen Müttern weitergeben würdest?
Es macht mich immer sehr nachdenklich, wenn andere Mütter von ihren Stillerlebnissen erzählen und ich frage mich dann, ob ich einfach unglaublich Glück hatte? Ob es wirklich so eine große Seltenheit ist, dass das Stillen weitestgehend unproblematisch verläuft? Ob das beeinflussbar ist? Ich weiß es nicht. Ich kann nur dazu ermutigen, es ohne viele Gedanken anzugehen. Bei uns hat das gut funktioniert.

Trotzdem schadet es nicht, vor allem für Kontrollfreaks, ein Backup zu haben. Unser Sohn wurde kurz vor Weihnachten geboren. Da wir kein Risiko eingehen wollten, hat mein Mann vor den Feiertagen alles gekauft, was wir gebraucht hätten, wenn das Stillen nicht geklappt hätte. Ihm hat das geholfen. Er hatte das Gefühl, auf alles vorbereitet zu sein. Und allein das war das Geld wert, was er dafür ausgegeben hat.

Nicht von alleine abgestillt

Ergänzung vom 4. Oktober 2019: Von alleine abgestillt hat sich mein Sohn nicht. Irgendwann kurz vor seinem zweiten Geburtstag, als er immer noch jeden Abend das Stillen zum Tagesabschluss brauchte (eingeschlafen ist er dabei nur noch selten, aber er hat diese Minuten der Nähe eingefordert), wurde mir bewusst, dass ich viel von einem knapp Zweijährigen erwarte, wenn ich diese Entscheidung in seine Hände lege. Und auch, wenn es keine dringende Notwendigkeit zum Abstillen gab, sagte mein Bauchgefühl, dass es jetzt langsam mal Zeit würde und dass ich ihm diese Aufgabe abnehmen muss. Auch wenn es mir unglaublich schwer gefallen ist.

Also haben ich ihm „erklärt“, soweit das in dem Alter schon möglich ist, dass es nichts mehr zu trinken gibt und wir stattdessen kuscheln. Er hat das grundsätzlich akzeptiert, aber mehrere Abende hintereinander ganz kläglich nach seinem „trinken!?!“ gefragt. Das war allerdings auch schon alles. Für mich war es schwieriger als für ihn, in gewisser Hinsicht war das das gefühlte Ende seiner Babyzeit – und ich war noch nicht bereit für das neue Zeitalter.

Da ich ohnehin nicht mehr viel Milch hatte, habe ich den Prozess körperlich kaum bemerkt. Als ich fast eine Woche nach dem letzten Stillen unter der Dusche zufällig meine Brust gedrückt habe, kam zu meiner Überraschung immer noch Milch – ich war der festen Überzeugung gewesen, spätestens nach zwei Abenden ohne Stillen sowieso keine Milch mehr zu haben. Es war gut, dass ich das nicht gewusst habe, sonst wäre ich womöglich bei den Bitten meines Sohnes eingeknickt. 

Rückblickend muss ich sagen: Es war genau richtig so. Wir haben die Zeit beide genossen (ich würde, wenn es mir und dem Kind guttut, auch bei jedem weiteren Kind wieder so lange stillen). Und es war dann aber auch sehr gut, dass sie ein Ende hatte – denn die Zeit, die danach angefangen hat, war (und ist) auch eine besondere. Und auch, wenn es höchstens einmal im Monat vorkommt, dass ich ihn nicht ins Bett bringe: Es ist auch schön, dass die Verantwortung (erst für die komplette Ernährung, dann irgendwann nur noch fürs Ins-Bett-bringen) nicht mehr ganz alleine nur bei mir liegt. 

Passend zum Thema

Kommentieren