Phase der Anpassung

Phase der Anpassung

von Anja

„Eigentlich müsste ich doch glücklich sein…“ seufzt die werdende Mutter, als ich mich in der achten Schwangerschaftswoche mit ihr zum Vorgespräch treffe. Durch den Hebammenmangel melden sich die Frauen viel häufiger in den allerersten Schwangerschaftswochen. In jener Phase, in der sie sich selbst gerade noch an den Gedanken gewöhnen, ein kleines Leben in sich zu tragen. Eine Zeit, die von Hoffnung und Vorfreude, aber auch von Angst und Sorgen geprägt ist. Sorgen, die oft dem Umfeld nicht anvertraut werden können, weil dieses vielleicht noch nicht erfahren soll, dass ein Baby unterwegs ist. Auch die werdenden Väter müssen sich erst an diesen Gedanken gewöhnen. Und auch ein bisschen an die Hilflosigkeit, die sie als engster Begleiter dieser Schwangerschaft immer wieder spüren werden.

Nicht ohne Grund heißt das erste Schwangerschaftsdrittel auch die „Phase der Anpassung“. Damit ist nicht nur gemeint, dass sich Zellen rasant teilen. Oder dass Kinder sich in der Gebärmutter einnisten und Hormone vieles im Körper deutlich spürbar verändern. Auch die Psyche muss sich in dieser Zeit anpassen. Deshalb gehören alle Gefühle in den ersten Wochen mit dazu. Große Freude kann in plötzliche Panik oder sogar Ablehnung gegen das Kind kippen. Es ist eine emotionale Berg- und Talfahrt. Denn ab dem Moment, in dem der Schwangerschaftstest ein positives Ergebnis anzeigt, verändert sich das Denken und Fühlen der Schwangeren. Bei manchen Frauen ist das schon Tage vor dem Test der Fall. Bei anderen löst der zweite rosafarbene Streifen ein emotionales Chaos aus.

Kaum eine Frau wird ab diesem Zeitpunkt nicht täglich mehrfach an das kleine Wesen in ihr denken. Für manche Frauen ist es da schon ein winzigkleines Baby. Für andere ist der Gedanke noch etwas abstrakt, wenn sie Bilder aus der ganz frühen Schwangerschaft sehen und sich vorstellen, dass das Kind zu dem Zeitpunkt die Größe eines Mohn- oder Sesamkorns hat.

Mütter unter „Bindungsdruck“

Eine von Anfang an wahrgenommene tiefe Verbindung zum Kind ist genauso okay wie eine gewisse Distanz zu dem Geschehen im eigenen Körper. Alles darf sich anpassen und muss nicht von Anfang an da sein. Da in meiner Wahrnehmung die Mütter heute ein bisschen unter „Bindungsdruck“ stehen, ist es mir persönlich wichtig, Frauen immer wissen zu lassen, dass genug Raum für alle Gefühle da ist. Und dass sich diese verändern und mit der Zeit anpassen an das, was Mutter und Kind später brauchen. Es muss nichts forciert werden und keine Frau muss sich zum dauerhaften Glücklichsein zwingen, egal wie lange sie zuvor vielleicht auf das Wunschkind gewartet hat.

Genauso ist eine schon ganz stark gespürte Verbundenheit zu dem winzig kleinen Kind im Bauch real und in Ordnung. Manche Frauen fühlen zum Bespiel für sich schon ganz früh, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen erwarten. Einige Frauen empfinden sich durch diverse körperliche Veränderungen schon recht früh als sehr schwanger. Andere brauchen das Bild des pochenden Herzchens auf dem Ultraschall, um zu realisieren, dass sie überhaupt schwanger sind. Und keine Mutter ist eine Rabenmutter, wenn sie denkt, dass es ihr irgendwie schwer fällt, auf das Glas Wein zu verzichten, wo sie sich doch noch so unschwanger fühlt. Natürlich sollte trotzdem darauf verzichtet werden.

Auch die Beschwerden in den ersten Schwangerschaftswochen können diese Phase mehr oder weniger angenehm machen. Die bleierne Müdigkeit, die einen im Job und auch sonst im Leben ausbremst, kann als sehr unangenehm empfunden werden. Für Mütter, die bereits Kinder haben, ist es noch mal eine besondere Herausforderung, sich nur so halbwach durch den Tag zu schleppen.

Übelkeit kommt häufiger vor als Lust auf saure Gurken

Übelkeit und Appetitlosigkeit kommen viel häufiger vor als später anekdotisch erzählte Essgelüste in der allerersten Zeit. Das ständig flaue Gefühl im Magen oder das gelegentliche Erbrechen verschwindet zwar meistens jenseits der 12. Schwangerschaftswoche mit dem Absinken des dafür verantwortlichen HCG-Spiegels wieder, aber auch „nur“ ein paar Wochen Übelkeit können wirklich belastend sein. Davon abzugrenzen ist das Krankheitsbild der Hyperemesis Gravidarum. Denn das wirklich große Leid der davon betroffenen Frauen ist tatsächlich nicht mit der recht häufig vorkommenden Schwangerschaftsübelkeit im ersten Trimenon vergleichbar.

Aber auch kleinere Beschwerden können einem die ersten Schwangerschaftswochen schwer machen. Dazu kommt immer wieder die Sorge, ob sich alles gut und regulär entwickelt. Während manchen Frauen vor allem die Vorsorgen beim Arzt oder der Hebamme ein gutes Gefühl geben, verunsichern andere genau diese „Kontrollen“. Auch hier gibt es kein „falsch“ oder „richtig“. Da ist genug Spielraum, in dessen Rahmen jede Frau ihre eigene für sie passende Betreuung finden sollte. Der erste reguläre Ultraschalltermin ist zwar erst zwischen der 9. bis 12. Schwangerschaftswoche vorgesehen, doch brauchen viele Frauen aber auch die Partner früher einen „ersten Blick“ auf das Baby. Zu früh kann natürlich auch bedeuten, dass man erst einmal nicht allzu viel sieht, was zusätzlichen Stress verursachen kann.


Ratschläge, was diesbezüglich am besten konkret zu tun ist in den ersten Schwangerschaftswochen, kann man also nicht geben. Aber man kann zuhören, was die Frühschwangere gerade beschäftigt. Und dann gemeinsam überlegen, was eine Frau braucht, damit es ihr gut geht. Mal kann das eine Freistellung von der Arbeit sein, mal die entlastende Aussage, dass das Baby auch so alles bekommt, was es braucht, wenn gerade die Übelkeit den Speiseplan bestimmt. Auch einfache Dinge wie eine entspannende Massage können in der Frühschwangerschaft das Wohlbefinden der Frau steigern. Es gibt also auch in den allerersten Wochen neben den regulären Vorsorgeuntersuchungen viel zu tun für Hebammen, wenn Schwangere Unterstützungsbedarf haben. Gesprächsbedarf über die vielen Veränderungen haben ohnehin die meisten Schwangeren.

Zwischen Vorfreude und Zukunftsängsten

Denn neben den ganz konkreten körperlichen Beschwerden und Sorgen gibt es auch viele Dinge in der Zukunft zu bedenken. So schön sich die eine Frau vielleicht das Leben mit dem Baby an der Seite konkret vorstellen kann, so sehr kann es bei einer anderen große Ängste auslösen, daran zu denken, wie der Alltag mit Baby sein wird. Wird das Geld reichen? Haben wir genug Platz? Wie wird es dem Geschwisterkind gehen? Wird die vielleicht gerade ohnehin angespannte Beziehung durch das Baby zusätzlich belastet? Wie soll es beruflich weitergehen?

Das alles sind Fragen, die sich werdende Eltern vor allem in den ersten Monaten stellen. Gefühlsschwankungen in alle Richtungen können und dürfen an der Tagesordnung sein. Und nein, es sind nicht nur die Hormone. Es sind die persönlichen Erfahrungen und Voraussetzungen, die dafür sorgen, dass ein gewisses Gefühlschaos entsteht – durch die Gedanken, die sich jede Schwangere ganz individuell macht. Gedanken, die gedacht werden müssen, damit dem kleinen wachsenden Kind nicht nur im Bauch, sondern auch im Leben dieser Eltern Platz gemacht werden kann.

Diese ersten Schwangerschaftswochen sind eine besondere Zeit. Körper und Seele der schwangeren Frau sollen und dürfen sich anpassen. Es darf sich alles entwickeln und wachsen. Es muss sich also nicht alles perfekt und dauerglücklich anfühlen, selbst wenn dieses Kind lange und sehnsüchtig erwartet wurde. Wenn dies so wäre, dann wäre wohl auch gar keine Steigerung mehr möglich, wenn mit dem zweiten Trimenon „Die Phase des Wohlbefindens“ beginnt…

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4 Kommentare

Anja 28. April 2016 - 12:46

Wie gut es tut, das zu lesen! Ich bin schwanger mit meinem zweiten absoluten Wunschkind und hätte nie gedacht, dass es mich auch treffen würde.. Neben der Hyperemesis, die ich auch in der ersten Schwangerschaft bis zur 21. SSW Woche hatte (und das macht einen wirklich fertig) hatte ich diesmal ab der 17. SSW noch ein ganz großes Tief. Angefangen hatte es mit der Bestimmung des Geschlechts.. Ein Junge. Eigentlich war mir ganz egal was es wird. Ich hatte wirklich vorher oft in mich reingehorcht, aber da war keine Präferenz. Doch ich hatte zu Beginn der Schwangerschaft geträumt, es wird ein Mädchen…
Ich war plötzlich unglücklich, weinte sehr viel und kam nicht mehr aus dem Haus. Es hat ein oder zwei Wochen gebraucht, bis ich wusste, dass es daran lag. Es fühlte sich falsch an, dass das Wesen in mir ein Junge sein sollte. Ich kam nicht bei meinem Baby an. Die Verbindung zum ersten Kimd war viel intensiver damals und ich fühlte mich schlecht deswegen und kämpfte stark mit meinem Gewissen. Das Schlimmste in dieser Zeit war das völlige Unverständnis meines Umfeldes. Ich bin schwanger, ich habe glücklich zu sein und alles andere sind nicht ernstzunehmende, hormonbedingte Gefühlsschwankungen. Doch dadurch fühlte ich mich noch schlechter und unverstandener. Ich steckte mitten in einer Depression und wusste, ohne Hilfe schaffe ich es nicht. Ich suchte mir eine neue Hebamme und versuchte, mit ihr meine Gefühle aufzuarbeiten. Sie half mir, Dinge zu tun, die mir gut tun. Dennoch – das dunkle Gefühl und die fehlende intensive Verbindung zu meinem Baby blieben. Bis zur 21. SSW. Da hatte ich den Termin zum Organultraschall. Und der zeigte ganz deutlich – es ist ein Mädchen.
Ich bin mir heute sicher, dass ich es wusste. Dass ich deswegen nicht bei meinem Sohn ankam, dass es sich deswegen falsch anfühlte. Ich hätte sowas vorher selbst abgetan, nicht geglaubt, dass man das spüren kann. Aber diese knapp 5 Wochen Depression lassen mich heute etwas anderes glauben.
Es war eine sehr schlimme Zeit für mich. Das Schlimmste war, dass ich nicht ernst genommen wurde. Daher kann ich auch nur unterstreichen: nein, es sind nicht nur die Hormone. Es ist der Mensch dahinter, der leidet und der Hilfe und Aufmerksamkeit braucht statt Witze über Hormonschwankungen. Kein Außenstehender darf entscheiden, wie ernst Kummer zu nehmen ist. Eine Umarmung, ein nettes Wort, alles was man bei einer nicht-Schwangeren eben auch tun würde, das ist es, was man braucht.
Heute geht es mir übrigens wunderbar und die Verbindung zu meinem Baby kam dann auch ganz schnell
❤️

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Steines 14. August 2015 - 18:32

Besonders schön finde ich den Satz “Gedanken die gedacht werden müssen um im Leben Platz für das Kind zu machen….”
Das kann ich in meiner 3. Schwangerschaft bestätigen.
Und dann wurde alles gut

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Vollblutmama 14. August 2015 - 15:10

Ist bei mir auch noch nicht all zu lange her, dass ich auf der einen Seite total vor Freude im Dreieck gesprungen bin weil ich sehr früh erfahren hatte (5-6 Woche), dass ich schwanger war und das ich viele Ängste hatte aufgrund dessen und auch Momente waren an denen ich bitterlich geweint hatte. Dazu muss ich sagen dass ich eine Fehlgeburt in der Frühschwangschaft (7. Woche) 2010 hatte. Daher auch die Angst.
Irgendwie hatte ich versucht soweit es ging meine Schwangerschaft im Kopf zu verdrängen, zumal mir das mein Körper leicht machte, da ich keine Beschwerden hatte, alles war wie immer. Damit hatte ich auch erfolgreich die Ängste um die 7. Woche überwunden und auch das Gefühl der Freude war nie besonders oft in mir zu der Zeit. Erst als ich in der 15. Woche wegen Zwischenblutungen stationär musste wurde mir richtig gewahr was in meinem Körper wirklich passiert. Diese starke Angst kam in mir hoch mein Kind verlieren zu können. Bettruhe ließ mich alles sehr bewusst werden. Hatte ja viel Zeit zum Nachdenken. Ich musste ein weiteres mal stationär wieder wegen Blutungen. Dann kam das Berufsverbot und ich blieb Zuhause. Trotz der Angst kam langsam immer mehr die Freude in mir hoch bis ich wirklich richtig Glück spürte dass ich schwanger war. Viel Unterstützung hatte ich von meinem Partner der mir immer zur Seite stand und mit immer Hoffnung, und Zuversicht gab, der mir immer ein Lächeln auf die Lippen gezaubert hatte. Eine Hebamme hatte ich leider erst sehr spät in der Schwangerschaft. Die kam leider weil die Hebamme die ich anfangs aufgesucht hatte mich im Stich gelassen hatte. Auf sie konnte ich mich leider nicht verlassen. Die zweite Hebamme hatte ich vier Wochen vor Geburtstermin zum ersten mal gesehen. Hätte ich diese früher gehabt wäre vielleicht meine Angst nie so groß gewesen. Aber es ist alles gut gegangen und wir haben jetzt einen super süßen jetzt drei Monate alten kleinen Racker, der mir mein Herz zum Schmelzen bringt.

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Mama Blume 14. August 2015 - 10:31

Eigentlich ist das doch noch garnicht sooooo lange her…

…dass ich am liebsten bei meiner Frauenärztin eingezogen wäre 😉 Die hatte immerhin ein Ultraschallgerät ^^

Im April 2014 bin ich nach 3 FGs und einer ELSS wieder schwanger geworden und durch die ELSS war eine engmaschige HCG-Kontrolle notwendig. Einerseits waren wir in diesen ersten Wochen unheimlich angespannt, andererseits war die Durchgabe des neuesten Wertes immer auch eine unendliche Erleichterung. Auch das Angebot meiner FÄ, mich jederzeit zwischendurch ncoh mal kurz dranzunehmen, wenn ich verunsichert oder ängstlich bin, hat mir sehr geholfen. Ich bin ein Kontrollfreak, dazu steh ich auch ^^. Schlussendlich hab ich das Angebot von ihr nur einmal angenommen 🙂 Eine Hebamme hatte ich zu der Zeit leider noch nicht. Die bekam ich eher zufällig dann doch noch in der 35. SSW <3 Ich hätte sie viel viel früher gebraucht aber ich hatte wenigstens das Glück, eine einfühlsame FÄ zu haben, die mir schon einige meiner Ängste nehmen konnte 🙂

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